Reli to go 6: Kann der das ernst meinen? – Die Bergpredigt und das Doppelgebot der Liebe

„Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte auch die linke hin!“ (Mt 5,39) oder „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen!“ (Mt 5,44) Wenn ich solche Sätze im Religionsunterricht an der BBS zitiert habe, dann war für meine Schüler*innen schnell klar: Jesus muss irgendwie ein komischer Typ gewesen sein. Denn so was kann der doch nicht ernst gemeint haben?

Tatsächlich fordern die Aussprüche und Sätze heraus, die der Evangelist Matthäus in der sogenannten Bergpredigt zusammenfasst (Mt 5–7). Denn hier findet nichts weniger als eine Umwertung von Werten und eine Neuformulierung von Verhaltensregeln statt. Und auch wenn sich die Wissenschaftler*innen heute einig sind, dass Jesus diese Rede so nicht gehalten hat, so geht man doch davon aus, dass einige der einzelnen Sätze durchaus von ihm stammen könnten. Die Frage bleibt also: Meint der das ernst?

Darüber hat die Theologie jahrhundertelang gestritten. So glaubten manche, in der Bergpredigt Sonderanweisungen nur für bestimmte christliche Gruppen zu finden („evangelische Räte“), während andere behaupteten, die Bergpredigt habe deshalb an Gültigkeit verloren, weil sie nur für die kurze Zeit habe gelten sollen, bis Jesus das Ende der Welt erwartete („Interimsethik“). Doch zu allen Zeiten gab und gibt es christliche Gruppierungen, die mit der Bergpredigt und ihren radikalen Forderungen Ernst machen.

Jesus selbst wird bei Matthäus mit den Worten zitiert: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.“ (Mt 5,17f) Für mich ist die Erkenntnis wichtig: Es ging Jesus nicht darum, die seit Mose gültigen Gesetze außer Kraft zu setzen, sondern ganz im Gegenteil: Ihm ging es darum, sie in ihrer inneren Bedeutung zur Geltung zu bringen. So setzt er den alten Gesetzen – „ihr habt gehört, dass gesagt ist…“ – ein vollmächtiges „ich aber sage euch…“ entgegen. So wie Gott einst durch Mose gesprochen hat, so spricht er nun durch Jesus. Was für ein Selbstbewusstsein!

Jesus wollte die Gebote und Lebensregeln seines (jüdischen) Glaubens in ihrem inneren Kern zur Geltung bringen. Darin ist Jesus übrigens ganz Kind seiner Zeit und seiner Religion. Denn Jesus als freiheitlich-liberalen Denker hier einer vermeintlichen jüdischen Gesetzesreligion gegenüberzustellen, wäre eine Verzerrung und würde das Judentum völlig missverstehen. So haben sich zur Zeit Jesu auch die Pharisäer sehr darum bemüht, einen praktikablen Umgang mit den Gesetzen ihres Glaubens zu finden. (Nebenbei: Dass wir sie aus dem Neuen Testament nur als etwas phlegmatische stereotype Prinzipienreiter kennen, liegt vielleicht daran, dass sich Jesus und sie ähnlicher waren, als es die späteren Christ*innen wahrhaben wollten!)

Jesus selbst nennt zwei Maßstäbe: Zum einen die sogenannte Goldene Regel („Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“ [Mt 7,12]), aus der im deutschen Volksmund der Reim wurde: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“. Und zum anderen das sogenannte Doppelgebot der Liebe, das ja eigentlich ein Dreifachgebot ist: „»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18).“ (Mt 22,37–39) Als Christin soll ich Gott lieben, meine Mitmenschen als meine Mitgeschöpfe und auch mich selbst als von Gott geliebtes Kind.

Und das kann und soll doch bis heute der Maßstab für mein Handeln als Christin und für meinen Umgang mit der Bergpredigt sein: Nicht ihre Vorschriften und Regeln wortwörtlich befolgen, sondern so handeln, dass ihre Wahrheit und ihr innerer Sinn deutlich werden. Das müsste doch zu schaffen sein!

Michaela Veit-Engelmann

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