Gelesen: Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit

Von Kirsten Rabe

Hilal Sezgin (*1970) ist freie Schriftstellerin und Journalistin. Sie studierte Philosophie in Frankfurt a.M. und arbeitete mehrere Jahre in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau. Heute lebt sie in der Lüneburger Heide und betreut einen Gnadenhof mit Schafen und Hühnern. Sie schreibt u.a. für DIE ZEIT, Süddeutsche Zeitung und taz. In ihrem Buch „Artgerecht ist nur die Freiheit“ (2014) entwirft sie eine umfassende und radikal umdenkende Tierethik.

Moralische Verantwortung fängt […] mit dem Wissen an, dass ich jemand bin, der sich so oder anders verhalten kann – gegenüber anderen, die auch ein eigener Jemand sind. Das Recht, moralisch berücksichtigt zu werden, beginnt hingegen bereits da, wo jemand bewusste Empfindungen hat. Warum reite ich so darauf herum? Weil man die Frage, ob jemand berücksichtigt werden muss, nicht mit der anderen verwechseln darf, ob der andere selbst auch ein moralisches Wesen ist. Ein Tier, ein kleines Kind, ein dementer alter Mensch oder ein Mensch in einer extremen Krisensituation mögen nicht in der Lage sein, moralisch zu denken und verantwortlich oder zurechnungsfähig zu handeln. Trotzdem verlieren sie dadurch nicht ihren Anspruch darauf, selbst moralisch berücksichtigt zu werden. […]

Ein empfindungsfähiges Wesen ist Subjekt eines eigenen Lebens, und es will leben. Ob dieses Subjekt nun hochintelligent oder eher ein Einfaltspinsel ist, ob es die Welt im Flug betrachtet oder sich nur auf dem Erdboden fortbewegen kann, ob es viele Freunde oder Nachkommen hat oder wenige, ob es jeden Tag tolle Abenteuer erlebt oder nur vor dem Fernseher sitzt, ob es überall gute Laune verbreitet oder eine Plage für seine ganze Umgebung ist – all das sind völlig irrelevante Kriterien um zu beurteilen, ob jemand ein Recht auf Leben hat. Es gibt schlicht keine Kriterien für das Recht auf Leben, außer dass ein Individuum bewusste Empfindungen hat, dass den biologischen körperlichen Vorgängen also subjektive Wahrnehmungen korrespondieren, somit jemand „da“ ist, der sein Leben lebt.

Ich habe übrigens die obige Aufzählung von Intelligenz, Fliegen-Können, Familie, Abenteuer etc. ganz ohne Hintergedanken angefangen und erst im Verlauf gemerkt: All diese Merkmale können genauso gut auf ein Tier Anwendung finden wie auf einen Menschen. Selbst wenn wir völlig irrig versuchen würden, erfülltere Leben gegen weniger erfüllte abzuwägen, fiele die Bilanz keineswegs immer zugunsten des Homo sapiens aus. Wer sieht denn zum Beispiel mehr, wer verarbeitet mehr optische Informationen: ein Fliegenauge mit seinem zeitlichen Auflösungsvermögen von 250 Reizen pro Sekunde oder ein Menschenauge mit seinen 30? Wer hat denn das aufregendere Leben: die Inhaberin einer Edelboutique oder ein Wildschwein im Wald? Wer hat im Laufe dieses Tages mehr und intensiveres Glück empfunden und mehr geleistet: die Schwalbe, die ihren zahlreichen hungrigen Kindern zig Mal Nahrung in den Schnabel gestopft hat, oder ich, die ich es gerade mal geschafft habe, meine Post zu öffnen, einen Artikel zu korrigieren und mir ein halbwegs passables Mittagessen zu kochen? Wer macht denn optisch eine bessere Figur, ist also eine größere ästhetische Bereicherung für diese Welt: irgendein x-Beliebiger von uns sieben Milliarden Menschen oder einer von 500.000 Afrikanischen Elefanten?

Doch auch so herum – zugunsten des Tieres – ist die Diskussion vollkommen müßig. Es gibt keine Checkliste für den Wert des Lebens. Es gibt auch keinen Punkt im Universum, von dem aus man sagen könnte, ein seltener Elefant sei mehr (oder weniger) wert als ein Vertreter der sich üppig vermehrenden Gattung Mensch. In unserer Ethik, die ihren Ausgangspunkt darin sieht, dass jedes empfindungsfähige Wesen Subjekt seines eigenen Lebens und damit Dreh- und Angelpunkt der Berücksichtigung seiner spezifischen, gegen andere nicht aufrechenbaren Interessen ist, ist das Individuum eben auch Schlusspunkt solcher Begründungen. Der letzte Grund. Es kommt nicht darauf an, wie erstrebenswert oder bewundernswert oder wertvoll ein Leben für andere aussieht. Wie der kanadische Philosoph Will Kymlicka einmal gesagt hat: „Das Recht auf Leben beruht in keiner Weise auf dem Wert, den dieses Leben für andere hat … Tiere haben das Recht zu leben, weil ihr Leben wertvoll ist für sie.“

 

Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen, München 2. Aufl. 2014, 31.104ff. © Verlag C.H.Beck