Paulus kompakt - Wissen verpackt. Der Pauluskoffer im Religionsunterricht

Von Michaela Veit-Engelmann

 

Hmm … Aspirin? Und Paulus? Was mir zu Aspirin und Paulus einfällt …“, die Teilnehmerin überlegt kurz, die Aspirinpackung hält sie dabei in der Hand. „Na klar, das passt: Immer, wenn ich Paulustexte lese, kriege ich Kopfschmerzen!“ Die Teilnehmer*innen eines Paulusworkshops am Religionspädagogischen Institut Loccum sitzen im Stuhlkreis. In der Mitte liegt, verborgen unter einer weißen Decke, ein großer alter Koffer, der tatsächlich ein wenig so aussieht, als könnte schon Paulus selbst damit gereist sein. Darin befinden sich 24 Gegenstände, die alle irgendetwas mit dem Leben und Wirken des berühmten Heidenapostels zu tun haben.

Reihum fassen die Besucher*innen des Workshops in den Koffer, greifen blind etwas heraus – und lassen sich selbst davon überraschen, was ihnen oder den hilfsbereiten Menschen um sie herum alles einfällt. „Eine Glühbirne? Ach ja, damals vor Damaskus, da ist Paulus der auferstandene Christus erschienen und ihm ging ein Licht auf.“ Auch bei anderen Gegenständen fallen die Assoziationen leicht. Der Stein steht für die Steinigungen, die Paulus erlebt – und überlebt – hat, das Schwert für seine Todesart. Und das Holzkreuz für den zentralen Inhalt seiner Predigten: Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene. Bei anderen Fundstücken, die aus dem Koffer ans Tageslicht kommen, fällt es schwerer, die Verbindung herzustellen: Die spanischen Oliven, sie könnten für den großen Traum des Paulus stehen, einmal nach Spanien zu reisen, oder für sein bekanntes Ölbaumgleichnis aus Römer 11 – aber diese Kinderschuhe? Lebte Paulus nicht ehelos? Vielleicht sind sie ein Symbol dafür, dass das Christentum zu seiner Zeit noch in den Kinderschuhen steckte?

Das gemeinsame Rätseln der Teilnehmer*innen, die mal verblüffend direkten und mal beneidenswert kreativen Gedankenblitze – all das ruft viel Gelächter hervor. Die Aufgabe der Dozentin ist es dabei nur, einzelne Aspekte zu ergänzen, nie jedoch zu korrigieren. Eine Assoziation kann zwar näher dran an oder weiter weg von Paulus sein, falsch ist sie aber in keinem Fall, sondern höchstens um besonders viele Ecken gedacht.

Und am Ende der Beschäftigung mit dem Pauluskoffer steht eine Erkenntnis, die eine Teilnehmerin so in Worte fasst: „Das waren jetzt so viele Gegenstände – und ich weiß trotzdem noch von jedem einzelnen, was er mit Paulus zu tun hat. Das ist eine tolle Methode für den Unterricht.“ Einig ist sich die Gruppe übrigens darin, dass dieser Koffer in fast jeder Altersstufe einsetzbar ist – von der 3./4. Klasse an bis in die Oberstufe. Das Kribbeln der Neugier, welchen Gegenstand man wohl selbst erwischt, das gemeinsame Rätseln, all das macht Lust darauf, sich mit dem oft sperrigen Thema „Paulus“ intensiv zu beschäftigen. Der Apostel Paulus kommt einem auf diese Weise plötzlich näher – der große (heilige) Apostel wird ganz menschlich. Die Beschäftigung mit Leben und Wirken des Paulus hilft dabei, auch seine oft abstrakte Theologie besser zu verstehen. Wenn man weiß, unter welchen Bedingungen Paulus lebte und dachte, kann man leichter verstehen, was er dachte und warum.

Übrigens: Auch bei der Frage, wie sich ein solcher Pauluskoffer im Unterricht einsetzen lässt, sind der Fantasie wenig Grenzen gesetzt: Wenn man weiß oder ahnt, dass in einer Klasse aufgrund des Spiralcurriculums schon Grundwissen über den Apostel Paulus vorhanden ist, dann bietet es sich an, mit diesem Koffer in eine erneute Beschäftigung mit Paulus einzusteigen. Möglich wäre aber auch, eine ganze Einheit zu Paulus mit dieser Stunde zu beschließen – und so auf spielerische Weise zu testen, was eigentlich in der Klasse so hängen geblieben ist. Denkbar ist auch die Variante, den Pauluskoffer nach und nach zu füllen, indem entweder zu Beginn jeder Stunde ein Symbol vorgestellt, im Laufe der Stunde bearbeitet und dann in den Koffer gelegt wird, oder aber indem die Schüler*innen in Kleingruppen zu einzelnen Gegenständen arbeiten und dann der Klasse ihre eigenen Ergebnisse vorstellen. Schließlich wäre es auch möglich, einen leeren Koffer zu präsentieren und zu fragen, was wohl Paulus auf seinen Reisen benötigt haben könnte und was also nun eingepackt werden müsse.

Ob die Schüler*innen dabei auch an Aspirin gedacht hätten? Möglich ist das. Tatsächlich litt Paulus nämlich unter einer Krankheit, die er selbst als „Pfahl im Fleisch“ und „des Satans Engel“ schildert (2Kor 12,7). Leider ist diese Beschreibung medizinisch etwas unspezifisch, so dass eine genauere Diagnose heute nicht mehr möglich ist – aber schenkt man tatsächlich der Werbung Glauben, so hilft Aspirin ja gegen so ziemlich alles.

Zwei Beispiele

Gegenstand: Paulusmosaik
Bibelstelle: 2. Korintherbrief 10,1.10

Liest man antike Personenbeschreibungen, dann fühlt man sich manchmal wie in einem Karl-May-Roman: Schon am Aussehen kann man erkennen, ob jemand zu den Guten oder den Bösen gehört. Bei Paulus selbst ist das erstaunlicherweise anders. In der Bibel finden wir keine Personenbeschreibung von ihm – sieht man von seinem eigenen Zugeständnis ab, kein großer Prediger und im persönlichen Auftreten eher schwach zu sein (2Kor 10,1.10) –, doch die Paulusakten, eine christliche Legende aus dem 2. Jahrhundert, schließen diese Wissenslücke auf überraschende Weise: Paulus war ein „Mann klein von Gestalt, mit kahlem Kopf und krummen Beinen, in edler Haltung mit zusammengewachsenen Augenbrauen und ein klein wenig hervortretender Nase.“ (Acta Pauli 3,3).

Gegenstand: Kompass
Bibelstelle: Apostelgeschichte 16,9f; 1. Korintherbrief 6,12

Paulus war im Auftrag seines Herrn unermüdlich unterwegs. Zu Fuß, mit dem Schiff, bei jedem Wetter. Doch wie fand er eigentlich den Weg? Woher wusste er, wo er hinsollte? Einmal berichtet die Apostelgeschichte, dass er durch eine Traumvision nach Europa gerufen worden sei (Apg 16,9f). Paulus wusste sich also vom Geist Gottes wie von einem Kompass gelenkt.
Gleichzeitig war Paulus durch sein Wirken für das junge Christentum selbst so etwas wie ein Kompass. Mit seinen theologischen Äußerungen gab er die Richtung an, in die sich die neue Religion weiterentwickeln sollte: Sie öffnete sich für alle Menschen, Juden und Heiden, sie stellte allein den Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen ins Zentrum – und sie entwickelte aufgrund der Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes eine eigene Ethik: Zwar ist alles erlaubt, aber es dient nicht alles zum Guten (vgl. 1Kor 6,12). Deshalb ist jeder Christ für sein Handeln selbst in die Verantwortung gerufen: Ziel ist es immer, dem schwachen Mitbruder keinen Anlass zu Zweifeln zu geben.