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Die katholische Glaubensbrille–Was ist (bzw. war bisher) eigentlich das Katholische am katholischen Religionsunterricht?

von Renate Schulz


Das katholische Denken akzentuiert die Sakramentalität von Welt und Mensch, die Wahrnehmung einer unsichtbar-hintergründigen Dimension der Wirklichkeit. Diese „Sichtweise“ spielt bewusst oder unbewusst im katholischen Religionsunterricht eine Rolle. Sie impliziert, dass Gott der Schöpfung nicht nur eine Ordnung geben hat, sondern dass er darin mit der natürlichen Vernunft erkannt werden kann. Auf mittelalterlichen Bildern verweist der goldene Hintergrund auf diesen unsichtbaren göttlichen Horizont von allem. Die in der Reformationszeit aufkommenden nominalistischen Gedanken, die man auch bei Luther findet, durchkreuzen diese Denkweise. In der nominalistischen Auffassung, der „via moderna“, ordnet der Mensch mit seinen Gedanken die Schöpfung und kann so von sich aus mit der natürlichen Vernunft keine Beziehung zu Gott aufbauen. Welt und Gott rücken stärker auseinander, bleiben aber durch das „Wort Gottes“, die Bibel, potenziell verbunden. Gott verbindet sich nicht mit den Dingen, sondern schafft primär durch sein Wort Beziehung. Das gibt der evangelischen Lehre einen anderen Akzent.1

Die katholische Kirche hält bis heute in der Regel an dem älteren Weg, der „via antiqua“, fest, dem inkarnatorischen Prinzip der „Verleiblichung“ Gottes in unserer Welt: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren quillt er uns gleichsam entgegen“, so der Jesuit Alfred Delp.

Die katholische Glaubensbrille ist gleichsam bifokal. Alles lässt sich doppelt betrachten: als Faktum und als Geheimnis. In bzw. hinter der Wirklichkeit, dem Sichtbar-Vordergründigen, ruht die unsichtbar-hintergründige göttliche Dimension. Dies ist sakramentales Denken: Gott ist in der Welt präsent, ohne in ihr aufzugehen.

Mit dieser „katholischen Glaubensbrille“ lassen sich nun auch die kirchlichen Traditionen, Institutionen und Lehrsätze verstehen.


Sakramentales Gespür als Gabe Gottes

Katholische Religionslehrkräfte sind mehr oder weniger – je nach kirchlicher Sozialisation – geprägt von dem „sakramentalen Gespür“, Gott in der Welt „auf die Spur zu kommen“, die Wirklichkeit mit den Augen des Glaubens zu (durch-)schauen, um „Gott in allen Dingen zu finden“ (Ignatius von Loyola). Was sich hier so heroisch anhört, ist im Kern gottgewirkt. Gott hat nämlich immer schon die Spur zu sich in jedem Menschen angelegt. Dieses Gespür ist deshalb eine übernatürliche Anlage, ein mit Karl Rahner gesprochen „übernatürliches Existential“, und die Bedingung der Möglichkeit jedweder Gotteserfahrung. Tief in unserem Inneren ruht eine von Gott gegebene Sehnsucht, eine Offenheit für Sinn, für Heil, für das, „was uns unbedingt angeht“ (Paul Tillich) und was wir im Glauben „Gott“ nennen.

Mit der „katholische Brille“ wird der Mensch nie als pure oder in sich verkrümmte Natur gesehen, sondern primär als einer, der apriorisch so voll der Gnade Gottes ist, dass er immer schon zumindest potenziell auf das Geheimnis Gottes ausgerichtet ist, nicht um es zu ergreifen, sondern um sich davon ergreifen zu lassen.

Diese Gnadenanlage „begabt“ den Menschen, Ebenbild bzw. Symbol Gottes zu sein. Auf andere Weise drückte dies einmal eine Schülerin der 7. Klasse aus auf die Frage, wer der Heilige Geist sei. „Der Heilige Geist“, so meinte sie, „das ist Gott in unserem Herzen.“


Gotteserfahrung mit allen Sinnen in den Sakramenten

Für denjenigen, der durch die katholischen Brille schaut, erscheint die ganze Welt als Sakrament.2  Diese oben skizzierte inkarnatorische Denkweise wird in der katholischen Theologie auch auf das Verständnis der Sakramente in der Kirche angewendet. Sie sind verkörperte, leibhafte Weisen der liebenden Zuwendung Gottes. Das „Ursakrament“ ist demnach Jesus Christus, von dem her sich alle anderen ableiten. Durch seine gemeinschaftsbildenden Handlungen entstand die Kirche als „Grundsakrament“, in der die sieben Sakramente wurzeln, die alle ihren Grund im Wirken Jesu haben. Sie sind „Kontaktstellen“ zu Gott in wichtigen Lebenssituationen und im Religionsunterricht jeweils altersgemäß in ihrer Bedeutung zu erklären:

•    Mit der Taufe, die seit der Magdeburger Erklärung 2007 bei fast allen christlichen Konfessionen anerkannt ist, wird das JA Gottes zum Menschen sinnfällig mit Salbung, weißem Kleid u.a. zum Ausdruck gebracht.
•    In der Firmung bekräftigt der Firmling sein Ja zu Gott und wird gestärkt durch den Heiligen Geist für ein mündiges Christsein.
•    Die Weihe eines Priesters mit Handauflegung durch den Bischof verleiht dem Priester eine bleibende innerliche Prägung: Im Vollzug der Spendung der Sakramente handelt er „in persona Christi“, d.h. Christus vergegenwärtigt sich durch ihn für die Gemeinde. Die Sakramente sind somit gültig, unabhängig von der Privatperson des Priesters. Bisher ist es Tradition, dass der Priester, da er Christus „darstellt“, auch wie Jesus ein Mann sein muss. Dies ist allerdings seit langem in der katholischen Kirche umstritten. Die Priesterweihe kann nur von einem Bischof vollzogen werden, der in der Nachfolge der Apostel, der sog. „Apostolischen Sukzession“ steht, die von Bischof zu Bischof durch Handauflegung weitergegeben wird. Sie ist ein Ausdruck der Treue zur urchristlichen Tradition.
•    In der Beichte geht es um einen selbstkritischen Blick auf das eigene Leben und die Bitte um Vergebung Gottes, die der Priester stellvertretend zuspricht.
•    Bei der Krankensalbung vermittelt der Priester dem Kranken die tröstende und stärkende Nähe Gottes „leibhaftig“ durch die Handauflegung und Salbung der Stirn mit Öl.
•    Bei der kirchlichen Eheschließung geht es um die Vergegenwärtigung der Liebe und Treue Gottes durch die gegenseitige Liebe. An der Liebe der Eheleute sollen andere ablesen können, wie Gott uns Menschen liebt: unbedingt, unauflösbar, immerwährend. Aus diesem sakramentalen Verständnis heraus ist es nachvollziehbar, dass man in der katholischen Kirche nur einmal heiraten kann.
•    „Eucharistie“ heißt übersetzt „Danksagung“ und meint den Dank für die Hingabe Jesu und seine verborgene Gegenwart in „Brot und Wein“, die Katholiken in jeder Messe empfangen können. Das lateinische Wort für die Wandlung von Brot und Wein in den Leib Christi nennt die katholische Kirche „Transsubstantiation“, übersetzt „Wesensverwandlung“, und meint damit das, was „unter“ dem materiellen Brot steht (lat. „sub-stare“). Das Wesentliche in diesem Bedeutungskontext ist nun die Gegenwart Christi. Um dies zu verstehen, muss man wieder die „katholische Brille“ aufsetzen.

Eucharistie wird auch „Kommunion“ genannt und meint, dass die Eucharistie die Katholiken zu einer Gemeinschaft eint, zum Leib Christi. Deshalb wird für den Empfang der Hostie auch eine äußere Kirchenzugehörigkeit vorausgesetzt. Seit langen wird allerdings über die Möglichkeit einer Interkommunion diskutiert und teilwiese bereits praktiziert.


Ist der Papst unfehlbar?

Ist der Papst unfehlbar?, lautet eine klassische Frage im katholischen Religionsunterricht. Papst Franziskus sagte einmal deutlich: „Ich bin – ich will nicht sagen: ‚ein armer Teufel‘, aber ich bin ein ganz normaler Mensch, der tut, was er kann.“ Er sei ein „fehlbarer Sünder“.3

Nur wenn der Papst als Amtsperson in höchster Lehrgewalt (= ex cathedra) spricht, dass eine Lehre über Glauben oder Sitten von der ganzen Kirche festzuhalten sei, so besitzt er Unfehlbarkeit (Vatikanisches Konzil 1870) – und zwar nicht aus sich, sondern aufgrund göttlichen Beistandes.

Die „leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel“ war das erste und zugleich bislang letzte Mal seit 1870, dass ein Papst von diesem Unfehlbarkeitsdogma Gebrauch machte (Papst Pius XII., 1950). Es geht bei Ex-Kathedra-Entscheidungen nicht um Verkündigung neuer Lehren, sondern um den Erhalt wesentlicher Glaubensüberzeugungen der Kirche wie hier den Glauben an die Auferstehung am Beispiel von Maria.


Heilige sind „heil“ bei Gott angekommen

Heilige wie Elisabeth von Thüringen, Franz von Assisi oder Nikolaus sind Themen im Religionsunterricht. Eine Schülerin sagte einmal: „Heilige sind Menschen, durch die die Sonne scheint.“ Und zumindest solche Menschen, hofft die Kirche, seien nach ihrem Tod wie Maria in den Himmel aufgenommen worden.

In der Heiligsprechung wird so das Heilsvertrauen der Kirche sichtbar, dass Menschen nach ihrem Tod heil bei Gott ankommen werden. Sie ist ein Ausdruck ihres Glaubens an die Auferstehung.

In jedem Gottesdienst verbinden wir uns mit all den Heiligen: „Wir stimmen ein in den Lobgesang aller Engel und Heiligen“ heißt es in der Liturgie.

Die Heiligen im Himmel und die Gläubigen auf Erden bilden gleichsam eine Heils-Solidaritätsgemeinschaft. Das ist der Hintergrund der katholischen Tradition, Heilige als Fürsprecher anzurufen (nicht: anzubeten) oder Namenstage zu feiern. Der katholische Christ ist nie nur er selbst, sondern weiß sich in einer kirchlich-weltumspannenden und zugleich himmlischen Gemeinschaft durch die Solidarität aller Heiligen.

Als Mutter Jesu wird besonders Maria verehrt. Um sie herum sind viele Volksfrömmigkeiten entstanden, die man als Katholik allerdings nicht alle teilen muss. Die beiden Mariendogmen der Kirche sagen von Maria das aus, was jeder Christ erhofft: 1. Wo Christus im Menschen „wohnt“, hat die Sünde keinen Platz mehr (r unbefleckte Empfängnis), und 2. Christen hoffen auf die Auferstehung (r Maria Himmelfahrt).


Schluss

„Katholisch“ ist ursprünglich keine Konfessionsbezeichnung, sondern bedeutet, auf das Ganze hin geweitet zu sein. Es sollte also immer um eine weltoffene, ökumenische Katholizität gehen. Dies sollte auch im Religionsunterricht deutlich werden.

Christen bekennen den einen Glauben an Jesus Christus dadurch gemeinsam, dass sie dies in unterschiedlichen theologischen Denkformen tun. Sie geben dem Inhalt des einen Glaubens unterschiedliche Akzente und sich so ein konfessorisches Profil. Der wertschätzende Dialog untereinander bereichert alle, denn nur gemeinsam und in „epistemologischer Demut“ können wir der Wahrheit näherkommen. Glaube heißt immer auch, „die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten“ (Karl Rahner).

Anmerkungen

  1. Vgl. Platzbecker Paul, Bin ich eigentlich katholisch?
  2. Vgl. Boff, Kleine Sakramentenlehre.
  3. Zitiert nach: www.spiegel.de/panorama/leute/papst-franziskus-ich-bin-ein-fehlbarer-suender-a-1137927.html.

Literatur

  • Boff, Leonardo: Kleine Sakramentenlehre, 18. Aufl., Ostfildern 2010.
  • Platzbecker, Paul: Bin ich eigentlich katholisch? – Welchen Beitrag kann Lehrerfortbildung zu einer konfessionellen Positionierung leisten?, in: Verburg, Winfried (Hg.): Welche Positionierung braucht religiöse Bildung?, München 2017, 114-131