Genau hinschauen, wenn es ernst wird – Auszubildende im Maler- und Lackiererhandwerk gestalten einen Hospizraum.

Von Ulrike Behre

Eine Lernsituation zum Thema „Sterben und Tod“ für eine Berufsschulklasse an der Eugen-Reintjes-Schule in Hameln1)

 

Warum das Thema „Sterben und Tod“ im Religionsunterricht wichtig ist

Die heutige Lebenswelt ist auf Optimierung, Effektivität, Stärke und Beherrschung der Natur ausgerichtet. Der Tod stört zuweilen bei dem allgegenwärtigen Wunsch nach Konsum und Spaß, nicht selten werden Sterbende abgeschoben. Eine Auseinandersetzung mit dem Lebensende, welche das Bewusstsein der menschlichen Sterblichkeit fördert, kann die Persönlichkeitsbildung und den Reifeprozess junger Erwachsener, aber auch die Entwicklung des konkreten Glaubens wesentlich beeinflussen und den Umgang mit dem Thema „Sterben und Tod“ erleichtern. Eine Thematisierung im Religionsunterricht konfrontiert die Schüler*innen mit der besonderen Situation von Sterbenden und deren Angehörigen. 

 

Das Thema „Sterben und Tod“ in einer Maler- und Lackiererklasse

Das Konzipieren einer Lernsituation zum Thema „Sterben und Tod“ für den evangelischen Religionsunterricht in einer Maler- und Lackiererklasse nach den curricularen Vorgaben ist eine Herausforderung. Man kann dennoch davon ausgehen, dass die genannte Thematik grundsätzlich das Interesse der Schüler*innen weckt. Die Konstellation der Klasse, mit welcher die Lernsituation durchgeführt wurde, bringt verschiedene, zum Teil typische erschwerende Faktoren mit sich: Die Alterspanne ist sehr groß, die Jüngsten sind erst 16 Jahre, die Ältesten bereits 33 Jahre alt. Dies führt zu einem tendenziell distanzierten Umgang miteinander. 

Auch die Religiosität der Schüler*innen ist sehr unterschiedlich. Während für einige ihr Glaube eine große Rolle spielt, gehören die meisten Schüler*innen dieser Lerngruppe zwar formal einer Religion an, bestätigen eine Gläubigkeit auf Nachfrage aber nicht. Religiöses Grundwissen kann nicht vorausgesetzt werden. 

Hinzu kommen sprachliche Schwierigkeiten. Fünf Schüler dieser Klasse haben einen Migrationshintergrund und sind erst vor wenigen Jahren als Flüchtlinge aus dem Sudan, Syrien, Afghanistan oder dem Irak nach Deutschland gekommen. Sie sprechen nur gebrochen Deutsch, die deutsche Schriftsprache bereitet ihnen noch größere Probleme. 

 

Wie kann man als Lehrkraft diesen Herausforderungen begegnen?

All das gilt es zu berücksichtigen, wenn man sich im Religionsunterricht in einer Maler- und Lackiererklasse mit dem Thema „Sterben und Tod“ beschäftigt; schließlich ist dies ein besonderes und persönliches Thema. Zum Teil haben die Schüler*innen dieser Klasse bereits eigene Erfahrungen durch den Verlust von Angehörigen oder Freunden machen müssen. Das Unterrichtsmaterial sollte eine Distanz zu gegebenenfalls schmerzhaften Erfahrungen ermöglichen und nicht zu emotionaler Offenheit vor den Mitschüler*innen drängen. 

Darüber hinaus ist für den Religionsunterricht im berufsbildenden Bereich, auch hier im Bereich Handwerk, ein beruflicher Bezug von Vorteil, da dieser die Akzeptanz bei den ausbildenden Betrieben wie auch bei den Schüler*innen erhöht und automatisch eine Nähe zur eigenen Erlebenswelt herstellt.

So bot es sich an, für die Maler- und Lackiererklasse im ersten Ausbildungsjahr im Rahmen einer Lernsituation die Handlungssituation als Kundenauftrag mit Bezug zum Malerhandwerk zu formulieren. Der Kundenauftrag umfasst die Gestaltung eines Patientenzimmers in einem Hospiz. Die besondere Situation des zu berücksichtigenden Kundenprofils – in diesem Fall die Hospizbewohner*innen – führt zu der erwünschten Auseinandersetzung mit der Thematik „Sterben und Tod“, ermöglicht durch die indirekte Perspektive aber auch, eine Distanz zu dem Thema aufrechtzuhalten. Die Lernsituation mit dem Kundenauftrag und den dazugehörigen Aufgabenstellungen ist auf die Lerngruppe abgestimmt und so formuliert, dass wesentliche Aspekte der Thematik unter Erfüllung der curricularen Vorgaben vermittelt werden. 


Von der Handlungssituation zum Handlungsergebnis: Aufbau der Lernsituation

Nach der Thematisierung des Grundgedankens der Hospizarbeit werden die Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross erarbeitet und so eine Ahnung von der Situation der Hospizbewohner*innen und deren Konfrontation mit dem bevorstehenden Tod ermöglicht.2) Im Anschluss beschäftigen sich die Schüler*innen mit der Hoffnung als einem zentralen Thema für Sterbende. Die Lernenden setzen sich mit Hoffnungssymbolen und christlichen Hoffnungstexten auseinander, wobei sie sich auch über Inhalte der christlichen Glaubensbotschaft und die Frage nach der Existenz Gottes Gedanken machen. Die Erkenntnis, dass bei Hospizbewohner*innen unterschiedlichste soziale Stellungen, religiöse Überzeugungen, Nationalitäten und Lebensformen vorliegen können, leitet dazu über, sich mit Hoffnungsgedanken, Jenseitsvorstellungen und weltlichen Vorstellungen vom Tod zu beschäftigen. Aus der darauffolgenden Frage nach der persönlichen Jenseitsvorstellung ergibt sich eine Auseinandersetzung mit der eigenen Religiosität.

Nach der Erarbeitung dieser Inhalte ist als Handlungsergebnis der Lernsituation ein Hospizraum zu gestalten, wobei die besondere Situation der Bewohner*innen zu berücksichtigen ist. Hier können die Schüler*innen den Gedanken der Hoffnung aufgreifen und in Form von Farben, Symbolen und Schriftzügen berufsbezogen zum Ausdruck bringen.

 

Umgang mit Schwierigkeiten – das methodische Konzept

Die erheblichen Sprach-, Lese- und Schreibschwierigkeiten einiger Schüler*innen bei einem gleichzeitigen Leistungsanspruch der Niveaustufe 4 werden über abwechslungsreiche Arbeitsblätter mit kürzeren und visuell unterstützten Lehreinheiten in angemessener Informationstiefe berücksichtigt. Für die gegebene Klassenzusammensetzung ist eine ausgeprägte Strukturierung der Handlungssituation von Vorteil. Zu jedem der Themenbereiche werden als Ergebnissicherung gemeinsam Plakate erstellt und über den Bearbeitungszeitraum der Lernsituation im Klassenraum ausgehängt. Sie sollen immer wieder gemeinsamen Konsens schaffen, als Informations- und Anregungspool dienen und im weiteren Verlauf der Lernsituation die Struktur und den thematischen Aufbau deutlich machen. Die Unterrichtsgespräche und die Plakaterstellung im Plenum sollen das Gemeinschaftsgefühl stärken, wobei jeweils nach der sachlichen Erarbeitung von Inhalten ein Austausch über eigene Ansichten und Erfahrungen möglich ist. 

Das Befassen mit christlichen Hoffnungstexten erfolgt über die Methode Blackout-Poem.3)  Sie ermöglicht das Herausarbeiten persönlich für wertvoll befundener Worte und damit eine Interpretation der Texte auf eine einfache, für alle Schüler*innen der Klasse mögliche Art und Weise. Die Zusammenarbeit in Gruppen und der hier beabsichtigte Meinungsaustausch sollen das bessere gegenseitige Kennenlernen, Verstehen und Respektieren fördern. Das Handlungsergebnis ist ein gestaltetes Modell des Hospizraumes. Es lässt die Darstellung verzerrungsfreier Schriftzüge an den Wänden zu und verlangt einen überschaubaren Arbeits- und Zeitaufwand. Über das Modell wird der räumliche Eindruck der Gestaltung deutlich. 

Mit einem Schreibgespräch, bei welchem die Kommunikation auf das Schriftliche reduziert und somit eine ernsthafte und besonnene Atmosphäre gefördert ist, soll – auch berufsbezogen – das Gelingen der jeweiligen Raumwirkungen der Handlungsergebnisse bewertet werden. Abschließend ist eine Reflexion der gesamten Lernsituation über die Bearbeitung eines Fragebogens vorgesehen.

 

So lief der Unterricht ab

Zu Beginn der Lernsituation wurde den Schüler*innen die Besonderheit der Thematik verdeutlicht. Damit einhergehend bekamen sie die Erlaubnis, den Unterricht zeitweise zu verlassen, sofern sie sich in einer zu starken persönlichen Betroffenheit befinden. 

In der Phase des Analysierens erhielt die Lerngruppe Informationen zu der Handlungssituation bzw. zum Kundenauftrag. Computeranimierte Raumdarstellungen verdeutlichten die Szenerie. Das Hineindenken in die besondere Situation der in den Hospizräumen lebenden Patient*innen fiel den Schüler*innen erwartungsgemäß schwer. Der Aufforderung, Begriffe zum Thema Sterben und Tod assoziativ zu nennen und an einem Plakat zusammenzutragen, kamen sie nur zögerlich nach. Es zeigte sich deutlich eine Distanz, Unsicherheit und Befangenheit im Umgang mit dem Thema „Sterben und Tod“. Negative Assoziationen wie „Leere“, „Selbstmord“, „Tränen“, „Verlust“ überwogen; nur vereinzelt mochten die Schüler*innen ihre Angaben erläutern. 

In einer kurzen Phase der Planung und Entscheidung legten die Schüler*innen gemeinsam das Handlungsergebnis, ein Modell des Hospizraumes im Maßstab 1:10, fest.

In der Durchführungsphase erwarb die Klasse Fachkenntnisse zu den Themen Hospizbewegung und Sterbephasen nach Kübler-Ross, trug die jeweiligen Ergebnisse im Plenum zusammen und sicherte sie auf Plakaten. Alle Schüler*innen zeigten Interesse und arbeiteten nach ihren Möglichkeiten gut mit. Die anschließende Deutung der Hoffnungssymbole ließ die thematisch bedingte Befangenheit, wie beabsichtigt, weiter abnehmen. 

In der Auseinandersetzung mit christlichen Texten der Hoffnung, insbesondere mit Psalmenversen und Bibelzitaten, waren die Schüler*innen aufgefordert, einen Favoriten unter den Texten zu wählen. Mit der Methode des Blackout-Poems arbeiteten sie eigene Hoffnungsgedanken heraus und interpretierten damit Bibelzitate. Dies gelang allen Schüler*innen gut, auch denjenigen mit erkennbaren Schwierigkeiten in der Textlektüre, und es gab eine lebhafte Resonanz bei der Präsentation im Plenum. 

Im Anschluss weitete der Unterricht den Blick auf die Jenseitsvorstellungen und Hoffnungsgedanken in den verschiedenen Weltreligionen. Aus diesem Zusammenhang wurden die Schüler*innen aufgefordert, eigene Jenseitsvorstellungen zu formulieren und sich dabei auch ganz persönlich mit der Frage des Jenseits auseinanderzusetzen. Zum großen Teil beschrieben die Lernenden die Erwartung, dort Freunde und Familie in einem friedlichen Miteinander wiederzutreffen. 

Schließlich folgte die Erarbeitung der Hospizraumgestaltung. Hier galt es, eine Collage mit den Komponenten der Gestaltung für ein Patientenzimmer zu erstellen und die Gestaltungsabsicht zu formulieren. Die Schüler*innen hatten weitestgehend freie Hand: Sie konnten die Schriftzüge in Größe, Schriftart und Inhalt frei auswählen oder selbst formulieren und dann mit dem Schneideplotter der Schule erstellen. Auch die Verwendung von Hoffnungssymbolen als Folienausdruck war möglich. Außerdem spielten Farbtöne eine wichtige Rolle. Die Schüler*innen bestimmten sie mit einem berufsüblichen Farbtonfächer und mischten sie anschließend mit Dispersionsfarbe nach. Abschließend übertrugen alle Gruppen die Gestaltung in „ihren“ Hospizraum in Form eines Raummodells. 

Den Lernenden wurde in der Bearbeitung der Lernsituation deutlich, dass ein Hospizraum nicht „einfach so“ gestaltet werden kann, sondern eine Auseinandersetzung mit der Situation der Bewohner*innen erforderlich ist. Die Ergebnisse entsprechen dem Leistungsstand im ersten Lehrjahr. Manche Raumgestaltungen waren optisch nicht ausgewogen und auch die Farbwahl war zum Teil nicht auf die Altersstruktur der Hospizbewohner abgestimmt. Dennoch fand ein deutlich erkennbarer Kompetenzzuwachs statt: Alle Schüler*innen stellten sich dem nicht einfachen und damit auch tendenziell unangenehmen Themengebiet und waren letztendlich in der Lage, eine solche Gestaltung durchzuführen. Es ist festzustellen, dass alle Handlungsergebnisse den positiven Hoffnungsgedanken in der Gestaltung zum Ausdruck bringen. So wählten einige Schüler*innen beispielsweise zum Hoffnungssymbol „Baum“ selbst formulierte Hoffnungssprüche, andere einen Regenbogen oder eine Friedenstaube mit der Botschaft „Hoffnung“ zur Gestaltung des Raumes. In einem Vergleich mit den anfangs genannten eher negativen Assoziationen zum Thema Sterben und Tod zeigt das deutlich: Hier hat eine intensive Auseinandersetzung mit dem christlichen Hoffnungsgedanken, einem hoffnungsspendenden Jenseits und der Existenz Gottes stattgefunden. 

Die Wirkung der Handlungsergebnisse wurde in der Phase des Kontrollierens und Bewertens per Schreibgespräch von den Schüler*innen in wohlwollendem, respektvollem Umgang und in wertschätzender Atmosphäre wahrgenommen und richtig beschrieben. 
Die Wahrnehmung des Lernfortschrittes durch die Lernsituation in der Phase des Reflektierens fällt überwiegend positiv aus. 

Die Möglichkeit, den Unterricht aufgrund persönlicher Betroffenheit zu verlassen, wurde über den gesamten Zeitraum von keinem*keiner Schüler*in wahrgenommen. Abschließend ist festzustellen, dass die Schüler*innen trotz des sehr ernsthaften Themas laut eigener Aussage Spaß an der Bearbeitung der Lernsituation hatten und sie mit hoher Motivation durchführten. 

Wie könnte man diese Unterrichtseinheit noch weiterdenken?

Eine Möglichkeit, die Lernsituation in Hinsicht auf die Qualität der Handlungsergebnisse zu verbessern, könnte darin bestehen, den Schüler*innen die Besonderheit der Zielgruppe noch stärker zu verdeutlichen. Dazu wäre ein realer Kontakt zu einem Hospiz durch den Besuch eines*einer Sterbebegleiter*in in der Schule oder dem gemeinsamen Besuch eines Hospizes vorstellbar. Nach der Bearbeitung der Lernsituation könnten die Ergebnisse der Lernenden in dem Hospiz ausgestellt werden. Für die Bewohner des Hospizes wäre es vermutlich ein positiver Effekt wahrzunehmen, dass sich junge Menschen mit ihrer Situation befassen. Die Schüler*innen würden wiederum neben der sehr viel anschaulicheren Konturierung der Zielgruppe von der mit einer Ausstellung einhergehenden Wertschätzung profitieren. 

  1. Es handelt sich hier um eine Lernsituation im Rahmen der Abschlussarbeit für die Weiterbildungsmaßnahme Evangeli-sche Religion.
  2. Vgl. Kübler-Ross, Elisabeth: Interviews mit Sterbenden (1972). Neuauflage mit einem Essay von Christoph Student, Frei-burg im Breisgau 2018.
  3. Vgl. Augst, Kristina u.a.: reli plus Evangelische Religion Ausgabe Berufliche Schulen. Schülerbuch, Gütersloh 2017, 176.