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Sehnsuchtsorte: Eine theologische Landkarte

Matthias Hülsmann


Firth of Thames, Neuseeland

Sein Name ist 4BBRW und er legte ohne Zwischenstopp eine Strecke von über 12.000 Kilometern zurück. Weltrekord! Er startete am 18. September 2020 in Alaska und landete ohne Unterbrechung neun Tage spä-ter an seinem Sehnsuchtsort in der Bucht Firth of Thames in Neuseeland südöstlich von Auckland. Dort hatte man ihn im Jahr zuvor mit vier Farben beringt, die ihm seinen Namen gaben: 4-Blau-Blau-Rot-Weiß. Außerdem hatte man ihm einen wenige Gramm schweren Sender umgehängt, der regelmäßig seine Positi-onsdaten an einen Satelliten meldete. So konnten die Forscher*innen seinen Nonstop-Langstreckenflug genau nachverfolgen. Bei dem Weltrekordler handelt es sich übrigens um eine männliche Pfuhlschnepfe.

In Neuseeland sind die Winter milder als in Alaska. Aber was geht in einer Pfuhlschnepfe vor, dass sie Jahr für Jahr diese Strapazen auf sich nimmt? Ist die Sehnsucht nach dem Sehnsuchtsort evolutionär in die DNA des Lebens eingegraben?


Irgendwo zwischen Euphrat und Tigris, Türkei (Gen 2,14)

Sein Name ist Kain und er ist wütend auf seine Eltern. Die sind nämlich schuld, dass er nicht im Garten Eden leben darf, denn seine Eltern Adam und Eva haben von der Frucht des verbotenen Baumes geges-sen. Daraufhin hat Gott sie aus dem paradiesischen Garten hinausgetrieben. Zur Sicherheit ließ er bewaff-nete Engel vor dem Eingang Posten beziehen. Deshalb kann Kain nicht einfach am Zaun rütteln und „Ich will hier rein!“ rufen. Stattdessen verfällt er auf eine andere Idee, um Gott umzustimmen. 

Der Professor für jüdische Literatur- und Religionsgeschichte Alfred Bodenheimer schildert in seinem Kriminalroman Kains Opfer, wie die Hauptfigur des Romans Rabbiner Klein folgende Überlegungen anstellt: „Kain opferte die Sache, mit der sich seine Eltern versündigt hatten. Er wollte also mit diesem Opfer Sühne für das Vergehen der Eltern. Es rückgängig machen. Er wollte ins Paradies zurück. An den Ort, wo es den Baum des Lebens gab, der ihn hätte unsterblich machen können.“1

Kain opfert Gott Früchte, um die Sünde seiner Eltern zu kompensieren und auf diese Weise wieder Einlass in seinen Sehnsuchtsort zu bekommen. Aber dadurch erweist sich Kain als realitätsfremder Träumer. 

Ganz anders als sein Bruder Abel. Der hat sich damit abgefunden, dass der Garten, in dem nie ein Tier geschlachtet wurde und nie Blut geflossen ist, für immer verlorengegangen ist. Abel hat sich mit der Realität arrangiert; deshalb hat er keine Skrupel, geschlachtete Tiere zu opfern. Gott honoriert Abels Realitätssinn und sieht sein Opfer gnädig an. Aber Kains Opfer und seine regressiven Wunschfantasien lehnt Gott ab, indem er ihn zur Wanderschaft verflucht: „Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.“ (Gen 4,12)

Zurück ins Paradies – liegt hier eine mögliche Begründung für die jährlich wiederkehrenden saisonalen Wanderbewegungen des Tourismus zur Urlaubszeit?


Hebron, Israel/Palästina

Sein Name ist Abraham und er weiß nicht wohin. Sein Vater Terach ließ sich mit seiner Familie in Haran in der heutigen Türkei nahe der nördlichen syrischen Grenze nieder. Dort hörte Abraham die Stimme: „Geh aus deinem Vaterland in ein Land, das ich dir zeigen will.“ (Gen 11,31-12,1) Seitdem sind Abraham und seine Familie mit Zelten als Nomaden im Land Kanaan unterwegs, so dass seine Nachkommenschaft viele Jahre später sagen wird: „Mein Vorfahr war ein heimatloser Aramäer.“ (Dtn 26,5) Man könnte meinen, Gott würde diese nomadische Existenzform mehr lieben als das Wohnen in einer Stadt. Abraham wird von Gott aus seiner Sesshaftigkeit herausgerufen auf einen Weg, dessen Ziel er nicht kennt. Die Städte erscheinen in diesen alten biblischen Erzählungen als Orte der Auflehnung gegen Gott. In Babel wollen die Menschen eine Stadt und einen Turm bauen, der bis an den Himmel reicht; Gott bestraft diese kolossale Selbstüber-schätzung und beendet das Unternehmen, indem er die Sprache der Menschen verwirrt und die Menschen in alle Länder zerstreut. 

Abrahams Neffe Lot lässt sich mit seiner Sippe in Sodom nieder. Die Städte Sodom und Gomorra sind für ihre himmelschreienden Sünden bekannt. Gott vernichtet sie, indem er Feuer und Schwefel vom Himmel regnen lässt, nachdem er sich von ihrer Sündhaftigkeit selbst überzeugt hat.

Als Abrahams Ehefrau Sara stirbt, kauft er für sie eine Grabstelle. In der gesamten Bibel wird nur dieses eine Mal erzählt, dass Abraham mehr als einen Zeltpflock in die Erde schlägt, den er beim nächsten Aufbruch wieder herauszieht. In detaillierter Ausführlichkeit werden die in orientalischer Tradition geführten Verhandlungen des Kaufpreises und der abschließende Vertragsabschluss geschildert. Vor öffentlichen Zeugen, die den Kaufvertrag bestätigen, erwirbt der Fremdling Abraham einen Acker „in Machpela östlich von Mamre, das ist Hebron, im Land Kanaan“, und begräbt dort seine Frau. (Gen 23,19f.) Die Ausführlichkeit der Darstellung macht deutlich: Diese Erbgrabstätte ist und bleibt der rechtsgültige Besitz Abrahams und seiner Nachkommen. Aber können Friedhöfe zu Sehnsuchtsorten werden?


Nildelta, Ägypten

Sein Name ist Mose und er darf nicht ins Ziel. Er wird in Ägypten in eine hebräische Sklavenfamilie hinein-geboren, wächst als Prinz am Hof des Pharao auf, begeht aus Solidarität mit den hebräischen Sklaven einen Selbstjustiz-Mord an einem ägyptischen Sklavenaufseher und muss fliehen, heiratet die Tochter ei-nes Priesters aus Midian und wird Schafhirte. Er führt auf Befehl Gottes die Hebräer*innen aus Ägypten. Als sie in der Falle stecken – die ägyptischen Streitwagen hinter ihnen, das Schilfmeer vor ihnen – bereuen sie ihre Flucht: „Haben wir´s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben.“ (Ex 14,12) Plötzlich sehnen sie sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens; das Gelände ihrer sklavischen Qualen wird für sie im Rückblick zum Sehnsuchtsort, „darin Milch und Honig fließt“ (Ex 16,13). 

Zur Strafe für ihre durchgängige Undankbarkeit lässt Gott das Volk vierzig Jahre durch die Wüste ziehen. Keine leichte Aufgabe für Mose. Und auch er wird von Gott für seinen Ungehorsam bestraft und wird seinen Sehnsuchtsort, zu dem er vierzig Jahre lang unterwegs ist, niemals betreten. Am Ende befiehlt Gott dem Mose: „Geh auf den Berg Nebo, der da liegt im Lande Moab gegenüber Jericho, und schaue das Land Kanaan. Dann stirb auf dem Berge, auf den du hinaufgestiegen bist. Denn du sollst das Land vor dir sehen, das ich den Israeliten gebe, aber du sollst nicht hineinkommen.“ (Dtn 32,49-52)

Gehört es zum Charakteristikum eines Sehnsuchtsortes, dass er unerreichbar ist?


Jerusalem, Israel/Palästina

Er heißt Salomo und er hat dem Gott Israels in Jerusalem einen Tempel gebaut. Jerusalem mit der Klage-mauer, der Grabeskirche und dem Felsendom ist der Sehnsuchtsort vieler jüdischer, christlicher und mus-limischer Menschen. Laut biblischer Überlieferung fand die Bundeslade mit den Gesetzestafeln vom Sinai hier nach über vierzig Jahren Wüstenwanderschaft ihre erste Ruhestätte.

Das Gebet, das Salomo laut 1. Könige 8 bei der Einweihung des Tempels spricht, macht die grundlegende Ambivalenz dieses Sehnsuchtsortes deutlich: „Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Selbst die unendliche Weite des Himmels kann Gott nicht fassen! Wie könnte das der Tempel, den ich gebaut habe? Du hast es doch versprochen: ‚Es soll der Ort sein, an dem mein Name gegenwärtig ist.‘ Erhöre die Bitten, die hier an diesem Ort vorgebracht werden! Höre auf sie in deiner Wohnung oben im Himmel“. 

Einerseits sagt Gott den Gläubigen zu, für sie erfahrbar zu sein; andererseits bleibt er für die Menschen absolut unverfügbar. Die Frage, wo genau Gott eigentlich wohnt, bleibt offen.


Der Berg der Verklärung, Israel/Palästina

Sein Name ist Petrus und er wollte gerne Hütten bauen. Dabei hätte sich Petrus denken können, dass das nicht geht. Angefangen hatte ja alles mit der Aufforderung Jesu: „Komm und folge mir nach“. Seitdem lief er hinter Jesus her. 

Petrus war dabei, als ein Schriftgelehrter freiwillig Jesus nachfolgen wollte, aber Jesus hatte ihn abgewiesen mit den Worten: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Die Botschaft der Evangelien ist an diesem Punkt ganz eindeutig: Wer Jesus nachfolgt, muss vorher alles verlassen; er hat keinen festen Wohnsitz mehr (Lk 18,28). Dafür erlebt er außergewöhnliche Dinge. 

Einmal nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mit auf einen Berg. Dort veränderte sich plötzlich das Aussehen Jesu; seine Kleider wurden leuchtend weiß, Mose und Elia erschienen und redeten mit ihm, und aus einer Wolke erklang eine Stimme: „Das ist mein geliebter Sohn.“ Das Einzige, was Petrus in diesem Moment sagen konnte, war: „Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.“ (Lk 9,33.35)

Petrus möchte diesem außergewöhnlichen Moment Kontinuität verleihen und ihn auf Dauer stellen, nach dem Motto: „Augenblick, verweile doch, du bist so schön!“ Das Erlebnis macht diesen Berg zu einem Sehnsuchtsort, dem man ein Denkmal setzen sollte, um sich daran zu erinnern. Petrus wäre gerne noch länger geblieben. Aber Jesus wehrt ab. Das Gipfelglück religiöser Erfahrungen lässt sich nicht konservieren und auf Wunsch wiederholen. Es bleibt einmalig und unverfügbar. Jesus nachfolgen heißt, auch den Ort religiöser Erlebnisse zurückzulassen. 

Einmal blitzt bei Petrus diese Erkenntnis kurz auf. Das Johannesevangelium erzählt, dass sich viele seiner Jünger von Jesus abwandten und nicht mehr mit ihm umherzogen. Als Jesus daraufhin seine zwölf Jünger fragte: „Wollt ihr auch weggehen?“, antwortete ihm Petrus: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ (Joh 6,67f.) 

Nach christlichem Verständnis ist der Sehnsuchtsort also gar kein Ort im geografischen Sinn, sondern eine Person. Paulus definiert diesen „Ort“ präzise mit zwei Worten: „in Christus“ (Röm 6,3 u. ö.).


Montecassino, Italien

Sein Name ist Benedikt von Nursia und er gründete um 529 ein Kloster in Montecassino. Seine Klosterregel lässt sich in zwei Begriffen zusammenfassen: ora et labora, also: Bete und arbeite. 

Das Gebet steht für die Abkehr von der profanen Welt mit ihren Maßstäben und für eine möglichst umfassende und ungestörte Hinwendung zu Gott. Die Abwendung zeigt sich in freiwilliger Armut, also dem Verzicht auf privaten Besitz und finanzielle Unabhängigkeit. Hinzu kommt ein Leben in Keuschheit, also die Bereitschaft, dem evolutionären Reproduktionstrieb zu widerstehen und ein genetischen Weiterleben in den eigenen Kindern zu unterlassen /vermeiden. Und schließlich zeigt sich die Abwendung von weltlichen Maßstäben im Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten in der Klostergemeinschaft, also im freiwilligen Verzicht auf Selbstverwirklichung und Autonomie.

Diese dreifache Abkehr soll eine größtmögliche Hinwendung zu Gott ermöglichen, die zum Beispiel in bis zu sieben gemeinschaftlichen Tageszeitengebeten bestehen kann.

Die Arbeit im Kloster ist dem Leben in dieser Welt geschuldet, denn die Ordensleute leben zwar in Abwendung von der Welt, aber sie leben immer noch in der Welt mit ihren profanen biologischen und gesellschaftlichen Notwendigkeiten.
Gegenwärtig ist eine widersprüchliche Tendenz zu beobachten. Viele jahrhundertealte Klöster müssen schließen, weil sich zu wenige Menschen zu einer lebenslangen Existenz in einer Ordensgemeinschaft berufen fühlen. Auf der anderen Seite ist der Trend ungebrochen, das reizarme Kloster mit seinen vor weltlichen Überforderungen schützenden Mauern als Sehnsuchtsort zum seelischen Auftanken zu nutzen. Dies kann zu der paradoxen Situation führen, dass für immer mehr Kurzaufenthalt-Interessierte immer weniger Ordensleute zur Verfügung stehen, die zunehmend selbst Burnout-gefährdet sind.


Santiago de Compostela, Spanien

Sein Name ist Hape Kerkeling und er hat einen Bestseller geschrieben. In seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ schildert er seine Pilgerreise auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela im Jahr 2001. Es stand über einhundert Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher und wurde über vier Millionen Mal verkauft. Nach dem Erscheinen des Buches stiegen die Pilgerzahlen in Deutschland signifi-kant an. Diese Zahlen zeigen, dass Kerkeling mit seinem Buch einen Nerv unserer Zeit getroffen hat.

Dabei hat das Pilgern eine lange Tradition. Dazu gehören missionierende Wandermönche ebenso wie die Wallfahrten zu heiligen Stätten bis hin zu den Kreuzzügen.

Pilgern hält die Erinnerung wach, dass unser Leben wie bei Abraham und Mose ein Weg ist, auf dem wir uns Gottes Führung anvertrauen können. Und Pilgern hält die körperliche Erfahrung bereit, dass in den Evangelien christlicher Glaube darin besteht, Jesus nachzufolgen. Das kann zwar auch in der Sesshaftigkeit geschehen. Es liegt aber sehr nahe, einen Abschnitt des eigenen Lebensweges in der Nachfolge Christi im ursprünglichen Sinne des Wortes zu gehen. Beten mit den Füßen – in diesem Sinne kann das Unterwegssein zur spirituellen Erfahrung werden, in der ich mir und Gott möglicherweise näherkomme.


„Die Welt ist nicht genug“

Mit diesem einschlägigen Filmtitel lässt sich eine christliche Theologie der Sehnsuchtsorte pointiert zu-sammenfassen. Das Neue Testament enthält eine Fülle von Hinweisen, dass diese diesseitige Welt nicht die einzige und nicht die eigentliche ist. Es verweist immer wieder auf das wandernde Gottesvolk, das unterwegs ist zur Ewigkeit. Hebräer 13,14 formuliert es folgendermaßen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Die Kirchengeschichte lehrt uns, dass es immer wieder Zeiten gegeben hat, in denen Christenmenschen diese Welt als Jammertal erlebt und erlitten haben; ihr Sehnen richtete sich auf die Hoffnung besserer Zeiten in der jenseitigen Welt. Die Geschichte der Kirche hat uns aber auch gelehrt, dass Nachfolge Jesu in der konkreten Hilfe für Notleidende durch Verbesserung ihrer Lebensumstände besteht und nicht in der untätigen Vertröstung auf ein Jenseits.

Deshalb ist christliche Hoffnung auf eine jenseitige Welt keineswegs mit Weltflucht gleichzusetzen. Sie kann im Gegenteil Antrieb sein, jenen zu helfen, deren einzige Hoffnung es ist, an ihrem Sehnsuchtsort etwas Besseres zu finden als Krieg, Hunger und Verfolgung. Die christliche Hoffnung auf eine jenseitige Welt kann zur Kraftquelle für die Hilfe in dieser diesseitigen Welt werden.

Auf der anderen Seite kann der christliche Glaube die Schönheit der Schöpfung und ein gelingendes irdisches Leben als Vorgeschmack auf die Ewigkeit deuten. Denn die Welt ist nicht genug.

Anmerkungen

  1. Bodenheimer, Alfred: Kains Opfer, München 2016, 100.