Kazuo Ishiguro: „Alles, was wir geben mussten“

Von Ariane Dihle und Frauke Thees

Eine fächerübergreifende Annäherung

What if? Wie wäre die Welt, wenn viele Krankheiten heilbar wären? Weil Menschen nicht nur ihren eigenen Körper, sondern einen Klon in Reserve hätten? Stammzellforschung und Therapeutisches Klonen lassen beides nicht als eine ferne Zukunftsvision erscheinen. Der Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro bietet mit seinem Roman „Alles, was wir geben mussten“1 (Never Let Me Go, 2005) eine alternative Gegenwart an, in der Klone aufgezogen werden, um als Kopien das Leben ihrer „Originale” zu sichern. Viele Schüler*innen in Niedersachsen tauch(t)en in diese Welt ein,2 so dass eine fächerübergreifende Arbeit mit dem Englisch- und Biologieunterricht in der Oberstufe3 möglich scheint.4  Diese kann exemplarisch Religion als weiteren, differenten „Modus des Weltzugangs“ zeigen, der sowohl die Perspektive der Klone wie der sie (ge)brauchenden Menschen einbringt.5 

Zum Inhalt

In Never Let Me Go konfrontiert Ishiguro Lesende mit der wohlbehütet anmutenden Gemeinschaft der fiktiven englischen boarding school Hailsham gegen Ende der 1970er-Jahre. Die Ereignisse werden im Rückblick Ende der 90er-Jahre von der Ich-Erzählerin Kathy H., 31, geschildert. Sie berichtet über ihr Leben an der Schule, die als Organreservoir dient, da deren Schüler*innen lebenswichtige Organe spenden werden. Sie werden nach und nach mit den schrecklichen, ihre Leben bestimmenden Wahrheiten konfrontiert, ohne sie wirklich begreifen zu können. Die Figuren rebellieren nicht dagegen; sie verteidigen nach vereinzeltem, nie nachhaltigem Hinterfragen das System6 und fügen sich in ihre „Bestimmung”.7 Genau das kann für den Unterricht interessant werden, da der Autor bewusst nicht die Geschichte von Revolutionären erzählt, die gegen das System rebellieren.8

Kathys Erinnerungen und Kommentierungen sind meist durch äußere, unvorhergesehene Impulse ausgelöst und enthalten viele emotionale Facetten, dies der Analyse wert sind. Der Roman kann als coming-of-age Roman, Dystopie oder Science-Fiction gelesen werden, wobei der unaufgeregte Erzählstil konträr zu den brisanten philosophischen Themen steht. Bei der Arbeit mit der deutschen und englischen Version ist die euphemistische Übersetzung einzelner Begrifflichkeiten besonders zu thematisieren.9

Dass es sich bei den drei Hauptfiguren des Romans um junge Menschen bis 30 Jahre handelt, bietet Identifikationsmöglichkeiten. Andererseits bietet die singuläre Situation der Protagonisten, nur als „Ersatzteillager“ für andere Menschen zu dienen, Anlässe, sich nicht nur im Blick auf die eigene Lebensqualität gegenüber dieser ethisch höchst strittigen Position zu positionieren.

Prämissen für einen Einsatz im Religionsunterricht

Im Religionsunterricht können Vertiefungsmöglichkeiten genutzt werden, sollte der ausgezeichnete Roman im Englischunterricht ganz gelesen sein; sein didaktisches Potenzial – exemplarisch v.a. in den letzten Kapiteln – sollte durch eine konkrete Einbettung in eine für die Lernenden nachvollziehbare Entwicklung erschlossen werden.10

Ishiguros Fokus liegt nicht auf der wissenschaftlich-technischen Seite des Klonens. Im Biologieunterricht wird Klonierung sehr allgemein im Jahrgang 9/10 behandelt. Tritt die Frage auf, ob denn so eine Welt technisch möglich sei, muss dies im Religionsunterricht allgemein bleiben. Um den Grundvorgang des Klonens zu verstehen, ist das Modul „Klonlabor“ von Planet Schule hilfreich.11  Auch eine biotechnisch und -ethisch aufbereitete Publikation zur Klonierung der Bundeszentrale für politische Bildung wird empfohlen.12

Themen für den Religionsunterricht: Bedeutung und Legitimität des Klonens

Der Roman wirft die Lesenden in eine Welt, in der Klone selbstverständlich sind und die ethische Frage nach deren Legitimität verdrängt ist, weil ihr Nutzen für die Welt nicht hinterfragbar scheint. Alle Klone leben in einer abgeschotteten Parallelwelt, deren Standard sich zunehmend verschlechtert. Der erste Text (Kap. 22; vgl. M 1) zeigt aus der Perspektive der früheren Leiterinnen die historische, anscheinend alternativlose, Entwicklung des „Organspendenprogramms“ auf. Der Siegeszug der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse verdrängt alle ethischen Fragen; Therapien für bislang unheilbare Erkrankungen sind willkommen und verdrängen die Frage nach dem Woher. Spärliche Zweifel werden schnell erstickt durch den sichtbaren Nutzen, Klone werden als „anders“ qualifiziert und damit entwertet. Das mögliche schlechte Gewissen wird durch wenige Alibi-Anstalten beruhigt, bis das Potential der Klone (das) deren Schöpfer in Frage stellt.13

Für den Religionsunterricht bedeutsam ist die Frage: „Darf menschliches Leben erzeugt werden, um anderes menschliches Leben zu retten?“ Neben der „Ethik“ werden hier die Kompetenzbereiche „Gott“ und „Mensch“ angesprochen. Darf der Mensch als Geschöpf alles, was er kann? Der Mensch schafft ständig Neues. Wo sind die Grenzen im Verhältnis zu Gott und zum Mitgeschöpf zu setzen? Wer handelt sie aus in einer globalisierten Welt? Welche menschlichen Potenziale sollten zur Lebensverbesserung der Menschheit eingesetzt werden, welche führen zu einer Selbstermächtigung, die die systemische Risikofolgenabschätzung und eine Orientierung an gemeinsamen Werten zunehmend verlässt?14

Mit Blick auf den Menschenwürdebegriff nach Kant wie die juristische Objektformel ist die Menschenwürde der Klone im Roman nicht gewahrt. Die Würde des Menschen ist verletzt, wenn der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel würde und keinen unersetzbaren Eigenwert besitzt. In vielen christlichen Dogmatiken kann die Menschenwürde, die sich über die Gottebenbildlichkeit des Menschen definiert, nicht verloren gehen.15

Stellt man die Situation der Klone ins Zentrum, böten sich z. B. diese Fragen an: Entstehen beim Klonen überhaupt Menschen, denen Menschenwürde zueignet? Wenn ja, können sich diese Klone als Geschöpfe Gottes verstehen? Wenn Klone einverstanden sind mit ihrem so früh endenden Leben, dieses als „gute Leistung“ wahrnehmen, ist dieses Vorgehen ihrer Schöpfer ethisch legitim? Stellt man die Situation der Menschen ins Zentrum, stellen sich z. B. Fragen nach dem Stand der derzeitigen naturwissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Entwicklungen – auch im Human Enhancement – und deren ethischer Diskussion. Die Marginalisierung bestimmter Menschengruppen oder Themen betrifft hier die Klone, ist aber als Phänomen weithin übertragbar.

Lebenssinn … und Tod und Sterben

„Was ist der Zweck, zu dem wir geschaffen worden sind, und sollten wir versuchen, ihn zu vollenden?“16 Dieser Frage widmet Ishiguro sich im Blick auf die Klone und deren Lebenssinn im Spenden. Ihre Situation ist vollkommen konträr zu der der meisten Jugendlichen – ihr Weg ist nicht vorgezeichnet; bald fällen sie wichtige Entscheidungen für ihren Lebensweg. Immer besteht die Möglichkeit des Scheiterns. Sie versuchen in einer individualistischen Gesellschaft zwischen Freiheit und Verantwortung, Selbstbestimmung und gesellschaftlichen wie familiären Anforderungen oder Notwendigkeiten ihren Platz zu finden. Wäre das Leben einfacher, wenn der gesellschaftliche Platz, der Lebenssinn vorgegeben wären? Die Klone haben ihre (Fremd-)Bestimmung angenommen. Wie groß ist der Konformitätsdruck, der in der modernen, optionalen Gesellschaft eine eigene Entwicklung behindert und den Druck zur Selbstbestimmung und -optimierung erhöht?17 Ein Vergleich lässt über die existenziellen Fragen, über den Sinn des Lebens bzw. die freie oder (auf Gott?) bezogene Bestimmung des Menschen ins Theologisieren kommen.

Theologisch ist die Rede vom Lebenssinn des Menschen immer im Kontext der Gottebenbildlichkeit und der Rechtfertigungslehre zu betrachten: Die Annahme durch Gott steht vor allem selbst (nicht) gewählten und selbst (nicht) erfüllten Sinn. Der Mensch ist in Jesus Christus allein aus Gnade und allein durch den Glauben gerechtfertigt, selbst wenn er seiner Bestimmung zwischen der Nachfolge Jesu und der Macht der Sünde nicht entspricht.18

Die Spender wissen, dass ihr Leben früh endet. Leben sie dadurch bewusster? Ein Tod nach der vierten Spende ist das Ziel, wird aber emotional unterschiedlich von ihnen verarbeitet. Die über weite Strecken sehr nüchterne Sprache sowie die fraglose Akzeptanz des Todes könnten abschreckend auf die Schüler*innen wirken, bieten aber Anknüpfungspunkte: im Kontext der Jugendtheologie19, z. B. Gedankenexperimente aus zwei Blickwinkeln: Möchte ich wissen, wann ich sterbe? Was würde sich durch dadurch verändern? Wie verändert sich die Wahrnehmung von Tod und Sterben, wenn der Tod mit einer Funktion verknüpft wird? Ist es bedeutsam, dass diese Funktion meinesgleichen nicht zukommt? Andererseits: Würde ich solch einen Klon wollen? Würde sich mein Leben durch die Gewissheit eines Ersatzteillagers ändern?

Ishiguros Rede zur Verleihung des Nobelpreises

Die Bankettrede Ishiguros20 in M 2 bietet sich als Einstieg nach der Lektüre oder Abschluss der Einheit – mit dem Video – an. Mit leichter Hilfe ist der Text im Original für Oberstufenschüler*innen erfassbar. Themen aus dem Roman klingen an: z. B. die Bedeutung der Erinnerung, das Zusammentreffen verschiedener Kulturen, das Verhältnis zwischen Mutter und Kind, der vielschichtige Stolz, vor allem aber die gefährdete Gegenwart und der Sinn im gemeinsamen Ringen um ein menschliches Zusammenleben. Ganze Gesellschaften sowie jedes Individuum werden ermutigt, die eigenen Grenzen zum eigenen wie fremden Wohl aktiv  zu überschreiten.

Anmerkungen:

  1. Ishiguro: Alles, was wir geben mussten; alle Seitenzahlen gemäß der Ausgabe im Literaturverzeichnis.
  2. Der Roman ist in den Hinweisen für das Zentralabitur Englisch für die Jahrgänge 2020 und 2021 vorgegeben. Verbindliche Unterrichtsaspekte sind: dystopian literature, visions of the future, ethics of science; sie berühren die Themenfelder „Individual and Society”, „Science and Technology” und „Beliefs, Values and Norms in Society: Tradition and Change” (vgl. KC Gymnasium – Gymnasiale Oberstufe. Englisch), 24.
  3. Ggf. ausschnittsweise im (bilingualen) Religionsunterricht ab Jahrgang 10.
  4. Der Roman wurde 2010 gelungen verfilmt.
  5. Für Religion bieten sich alle Kompetenzbereiche an, für 2021/22 spezifisch die Kompetenzbereiche „Mensch”, „Gott”, „Ethik”, „Kirche”; vgl. Dressler: Hat der Religionsunterricht Zukunft?, 103f.
  6. Vgl. Ishiguro: Alles, was wir geben mussten, 274. 318. 349.
  7. Ebd., 251.274.
  8. Weiterführend: www.spiegel.de/international/spie gel-interview-with-kazuo-ishiguro-i-remain-fascinated-by-memory-a-378173.html.
  9. Z. B.: Wenn die Klone, die „Kollegiaten“ (students), sterben, so „schließen sie ab“ (to complete); Organe für „Mögliche“ (possible) werden als „Spende“ (donation) bezeichnet.
  10. Es existiert bisher noch kein Material für den Religionsunterricht, sodass wir auf geeignetes Unterrichtsmaterial für Englisch hinweisen: Rita Reinheimer-Wolf: EinFach Englisch Unterrichtsmodell: Kazuo Ishiguro Never Let Me Go, Westermann, 2019; Martin Genetsch: Kazuo Ishiguro Never Let Me Go: Teacher`s Manual, Cornelsen, 2013; Florian Otte, Susanne Pongratz, David Roberts: Green Line Oberstufe, Abiturthemen für das grundlegende Anforderungsniveau, Never Let Me Go, Ernst Klett Verlag, 2019. Krista Carson: Snap Revision Never Let Me Go, Collins, 2017.
  11. www.planet-schule.de/sf/multimedia-simulationen-detail.php?projekt=klonlabor.
  12. /www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/bioethik/33773/klonen. Unser Dank geht an Anika de Vries und Kerstin Neubert, Studienseminar Leer.
  13. Ishiguro: Alles, was wir geben mussten, 169f, 202f, 220ff.
  14. Ebenso ist zu fragen, ob mit Kritik am „Speziesmus“ der „klassischen“ Schöpfungstheologie und trotz der Betonung von Mitgeschöpflichkeit und der notwendigen tiertheologischen und ökologischen Erweiterung die Grenzen in Bezug auf den Menschen noch einmal anders zu reflektieren sind als bspw. Herzklappen von Schweinen und Rindern. Vgl. auch EKD: Zur Achtung vor dem Leben.
  15. Diese ist als relationaler und nicht substantieller Begriff definiert z. B. bei Härle: Ethik, 150.
  16. www.theguardian.com/books/2006/mar/25/features reviews.guardianreview36.
  17. Vgl. Schieder: Rechtfertigungsimperative, 14ff.
  18. Vgl. KC Gymnasium – Gymnasiale Oberstufe, Evangelische Religion, 6f.
  19. Vgl. Reiß: Jugendtheologie.
  20. www.youtube.com/watch?v=NRWMiHlhcew; zur Vorlesung in deutscher Sprache: www.nobelprize.org/prizes/literature/2017/ishiguro/25142-kazuo-ishiguro-nobelvorlesung: „Und vor der Tür stehen – oder sind sie schon da? – die Herausforderungen durch bahnbrechende Neuerungen in den Naturwissenschaften, der Technologie, der Medizin. Neue Gentechniken wie die Genom-Editierung durch die CRISPR/Cas-Methode und die Fortschritte bei der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und der Robotertechnik werden revolutionäre, potenziell lebensrettende Veränderungen bewirken; zugleich aber können sie zu brutaler Elitenbildung führen, praktisch einer neuen Apartheid, und massive Arbeitslosigkeit nach sich ziehen, von der auch die aktuellen beruflichen Eliten nicht verschont bleiben werden.“
  21.  „This extraordinary and, in the end, rather frighteningly clever novel isn´t about cloning, or being a clone, at all. It´s about why we don´t explode, why we don´t just wake up one day and go sobbing and crying down the street, kicking everything to pieces out of the raw, infuriating, completely personal sense of our lives never having been what they could have been.” https://www.theguardian.com/books/2005/feb/26/bookerprize2005.bookerprize

Literatur

•    Dressler, Bernhard: Hat der Religionsunterricht Zukunft?, in: Loccumer Pelikan 3/2013, 103-108
•    Freudenberger-Lötz, Petra: Theologische Gespräche mit Jugendlichen, München 2012
•    Härle, Wilfried: Ethik. Berlin/ New York 2011
•    Ishiguro, Kazuo: Alles, was wir geben mussten, München 2016.
•    Niedersächsisches Kultusministerium (Hg.): Kerncurriculum Gymnasium – gymnasiale Oberstufe. Englisch, Hannover 2017
•    Niedersächsisches Kultusministerium (Hg.): Kerncurriculum Gymnasium – gymnasiale Oberstufe. Evangelische Religion, Hannover 2017
•    Reiß, Annike: Jugendtheologie, in: WiReLex 2015: https://doi.org/10.23768/wirelex.Jugendtheologie.100022 (abgerufen am 29.5.2020)
•    Schieder, Rolf: Rechtfertigungsimperative, Projektzwänge und Rechtfertigungsglaube. Über theologische und soziologische Rechtfertigungsdiskurse, in: Theo-Web, 16 (2017) 1, 9-21: https://doi.org/10.23770/TW003A
•    Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.): Zur Achtung vor dem Leben – Maßstäbe für Gentechnik und Fortpflanzungsmedizin. Berlin 1987: www.ekd.de/22786.htm.