Die Ärzte: „Abschied“

Von Kirsten Rabe

 

Mit ihrem neuen Song „Abschied“ haben Die Ärzte ihre Fans verwirrt. Lange und rätselhaft ankündigt, lässt er offen, wessen Abschied hier nun eigentlich besungen wird.
Die ersten 47 Sekunden, so legen es der Text und ein sehr gelungenes Fan-Video1  nahe, stellen die legendäre Berliner Punkrockband ins Zentrum: ihre Konzerte, ihre Erfolge, ihre begeisterten Fans:

Manchmal ist es einfach Zeit zu geh‘n,
doch wenn der Tag gekommen ist, sagt niemand dir Bescheid.
Ich weiß, es fällt dir schwer, das einzuseh‘n,
und traurig fragst du mich: Ist es denn wirklich schon so weit?

Ich sage dir, wir haben hell geleuchtet,
und vieles, was wir taten, hat Bestand,
man wird sich lange noch an uns erinnern,
du musst jetzt stark sein, hier nimm meine Hand.

Es existieren zwei offizielle Videos zum Song – die vegetarische und die vegane Version. Sie zeigen den ganzen Song über eine heiße Bratpfanne, in der drei Spiegeleier in Butter bzw. drei Tomatenscheiben in Öl langsam verbrennen und am Ende schwarz und ungenießbar vom Herd genommen werden. Diese beiden Videos werden im Stil der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht eingeleitet: Ich weiß nicht mehr, ob‘s Kabul war – oder vielleicht in Kandahar. Ein weiser Mann, der sprach zu mir, und was er sprach, verrat ich dir …
Ein ironischer Abschied von Farin Urlaub, Bela B und Rodrigo Gonzáles – hell geleuchtet und für die Musik bis zum Ende auf heißester Flamme verbrannt?
Nein, das wäre zu einfach. Die Musik ändert sich abrupt, der vertraute Punkrock unterbricht die getragene Stimmung:

Los, komm, wir sterben endlich aus,
denn das ist besser für die Welt.
Der letzte Drink, der geht aufs Haus,
unsere Stunden sind gezählt.
Alles ist besser als ein weiterer Tag,
an dem wir den Planeten ruinier’n.
Los komm, wir sterben endlich aus,
was Besseres kann der Erde nicht passier‘n.

Hier geht es um etwas anderes: Für diesen Planeten wird es mit dem Menschen keine Zukunft geben. Damit die Erde überleben kann, muss der Mensch sich verabschieden:

Wir fragten den Computer nach der Lösung
für unser ökologisches Problem.
KI empfahl uns schleunigste Verwesung,
damit wenigstens die Tiere überleben.

Die Errungenschaften des Menschen sind vergänglich und wertlos, die Natur wird sich ihren Raum zurückerobern:

Die Elefanten werden uns danken
und bald wächst über unsre Städte Gras.
Und all das schöne Geld in den Banken,
das nehmen sich die Ratten dann zum Fraß.

Selbst der Punkrock und sein Statement gegen Gleichförmigkeit scheinen ausgedient zu haben, wenn der Planet geplündert ist:

Los komm, wir sterben endlich aus,
denn das ist besser für die Welt.
Der letzte Pogo ist getanzt,
der letzte Baum ist bald gefällt.

Und schließlich eine Vision von Zukunft, die ein ehemals optimistisches Weltbild auf den Kopf stellt:

Das Anthropozän muss zuende geh‘n.
Ich bin mir sicher, Darwin wäre entzückt.
Los komm, wir sterben endlich aus,
vielleicht komm die Dinosaurier dann zurück.

Das eingangs erwähnte Video, das ein Fan auf Youtube zu diesem Song veröffentlicht hat, interpretiert eindrücklich. Statt der ursprünglichen Erzählung vom weisen Mann aus Afghanistan werden (angebliche) Liveaufnahmen der BBC News 24 eingeblendet und man hört den Nachrichtensprecher:
„Dies ist eine Live-Schaltung nach Berlin. Wir erwarten jeden Moment die ersten Anzeichen, dass Bruchstücke des Asteroiden in die Atmosphäre eintreten.”

Berlin wird zerbombt. Die Siegessäule, das Reichstagsgebäude, Straßenbahnen und Wohnhäuser wie im Krieg zerstört. Während der Song der Ärzte läuft, werden in schneller Nachrichtenfolge Bilder von Leid und Not gezeigt:
Hungernde Kinder in den so genannten Drittweltländern • schmelzende Gletschermassen • ein Kometeneinschlag und ein Tsunami • umherfliegende Gebäudeteile • Müllkippen und Müllmassen in Ozeanen und in Dörfern • die Twin Towers, die brennend einstürzen • männliche Küken aus Legebatterien, die zur Tötung vom Fließband geworfen werden • Schweine im Schlachthof • Waldbrände und Sandstürme • die Sonne, die die Freiheitsstatue schmilzt • fliehende Menschen • PKW, die sich durch Hochwasser kämpfen • Überschwemmungen und tobende Meere • … und immer wieder: der Planet Erde aus dem Weltall betrachtet.

Im Anschluss an diese Bilder und den Song erneut ein Nachrichtenbeitrag von BBC News 24:
„Eine noch unbekannte Anzahl Meteoriten hat Berlin getroffen. Das Ausmaß der Katastrophe ist unvorstellbar. Die Anzahl der Opfer steht noch nicht fest. Man rechnet jedoch mit Millionen von Toten. Die gesamte Infrastruktur in Berlin ist zusammengebrochen. Hilfstruppen versuchen nun, in die am schlimmsten betroffenen Gebiete vorzudringen.
Die Frage ist nicht, ob in Zukunft ein großer Meteorit die Erde treffen wird, sondern nur, wann.”

Auch ohne diese Videointerpretation spricht „Abschied“ eine klare Sprache. Und doch wirkt dieser pessimistisch bis nihilistisch anmutende Song nicht wie ein Abgesang an den Menschen. Entgegen seiner Textaussage behält er Aufforderungscharakter. Die Augen und Ohren zu öffnen, den Mund aufzumachen, sich zu bewegen – im Pogo, gegen Mainstream und Bequemlichkeit. So jedenfalls bleibt es nicht nur für Ärzte-Fans zu hoffen.

Anmerkungen

  1. www.youtube.com/watch?v=MtIy7J47xGA.