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„Den Sportlern ein Sportler werden“ - Rituale entdecken

von Martina Janssen

Vorüberlegungen zum Thema

In der urbanen Lebenswelt des Paulus war Sport ein geläufiges Kulturphänomen – von der aktiven Ausübung bis hin zur literarischen Aufnahme in der Satire (z.B. Euripides, Autolykos Fragm. 282; Martial, Epigramme 14,49). Was läge also näher, als dies aufzugreifen? Die Briefe des Paulus enthalten Sportmetaphorik. Um den Inhalt des Evangeliums nahezubringen, wird Paulus den „Sportlichen ein Sportler“ (vgl. 1Kor 9,22). Er stilisiert sich als „Läufer“ für das Evangelium (Röm 9,16; 1Kor 9,26f; Gal 2,2; Phil 2,16) und als einer, der kämpft und siegen will (1Kor 9,24-27). Lexeme und Syntagmen aus der Welt des Sports wie „Siegespreis“ (Phil 3,14), „Kranz“ (1Kor 9,25; 1Thess 2,19), „das Ziel vor Augen haben“ (Phil 3,13) oder „Stadion“ (1Kor 9,24) erscheinen bei Paulus ganz selbstverständlich, werden aber durch den eschatologischen Vorbehalt und das Rechtfertigungsgeschehen transformiert und neu akzentuiert (z.B. Röm 9,16). Sportmetaphorik ist in der Antike allgemein verbreitet, um unterschiedliche Lebensbereiche zu illustrieren wie Lebenskunst (Mark Aurel, Selbstbetrachtungen 7,61) oder Dichtungstheorie (Horaz, Ars poetica 412-414). In der jüdisch-christlichen Tradition werden Leben und (Märtyrer-)Tod häufig mit einem Wettkampf verglichen (z.B. 4.Makkabäerbuch; 1Clem 5,1-5; 7,1). Aus dem Sporttraining stammende Begriffe sind zudem in der Spiritualität geläufig (Askese, Exerzitien).1 

Der Gebrauch von Sportmetaphorik durch Paulus liegt nicht nur aufgrund der hohen kulturellen Bedeutung des Sports in der Antike nahe. Vielmehr besteht zwischen Sport und Religion ein innerer Zusammenhang. So haben die Olympischen Spiele beispielsweise einen (halb-)göttlichen Ursprung (Pindar, Olympische Ode 2,1). Auch wenn diese innere Verbindung heute so nicht mehr besteht, ist die Sprache des Sports von religiöser Metaphorik durchzogen2 . Die Vereinshymne von Borussia Dortmund klingt fast wie ein Kirchenlied: „Leuchte auf, mein Stern Borussia, zeig mir den Weg, ganz egal, wohin er auch führt, ich werd‘ immer bei dir sein“.3  Im Sport gibt es zudem „Weltabgrenzungsräume“ wie den „heiligen Rasen“ oder das Stadion als „Fußballtempel“, zu dem man, vergleichbar mit einer Wallfahrt, „pilgert“. Der spezielle „Wettkampfknoten“, mit dem einige Sportler*innen den Schuh vor dem Spiel zubinden, symbolisiert den „Wettkampfmodus“ und damit eine Abgrenzung zum Alltag. Zwei weitere Beispiele für die Verbindung zwischen Sport und Religion seien genannt: Der Diego-Maradona-Schrein in der Bar Nilo in Neapel (inklusive Haarlocke und Flasche mit seinen Tränen) ähnelt einer Heiligenverehrung und das FC-Zürich-Wandgemälde in der Sportbar Calvados in Zürich variiert das Fresko „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci.4  Wie in der Religion finden sich im Sport Symbole (z.B. Schals), Rituale, existenzielle und „religiöse Gefühle“ wie Ergriffenheit oder Erlösung (vgl. „rettender Elfmeter“, „Erlösung in der Nachspielzeit“). Für manche wird Sport so zur „Ersatzreligion“. 


Didaktische Überlegungen

Sport spielt in unserer Lebenswelt eine große Rolle. Das zeigt sich nicht nur im aktiven und passiven Sportverhalten, sondern schlägt sich auch in der Sprache nieder: „Kopf-an-Kopf-Rennen“, „Lebenslauf“, „den Ball flach halten“, „sich durchboxen“, „am Ball bleiben“, „im Abseits stehen“, „gelbe/rote Karte zeigen“, „Fair Play“, „Teamgeist“, „aus der Deckung kommen“. Sport ist in der Lebenswelt der Lernenden präsent – sowohl bei Schulveranstaltungen wie den Bundesjugendspielen, Sportfesten oder Benefizläufen als auch im Freizeitverhalten. Im Jahr 2023 waren 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Sportvereinen aktiv.5  Was läge also näher, als dies aufzugreifen, um das Wesen von Religion begreifbar zu machen und wie Paulus den „Sportlern ein Sportler“ zu werden? Die vielfältige Repräsentation von Sport in unterschiedlichen kirchlichen Handlungsfeldern spricht für sich (z.B. EKD-Beauftragungen für Sport, Konfi-Cup, Public Viewing, Bibelyoga, Workout-Gottesdienste [„Gott golft, Jesus joggt, Paulus pumpt“]6 , Bibelfußball, Fan-Andacht, „Anders-Amen“-Talk über die Fußball-EM7 ). Auch im Unterricht bietet Sport Potenzial, um religiöse Ausdrucksformen und theologische Themen zu erschließen. Die Anknüpfungspunkte sind vielfältig, z.B. die Bedeutung von Regeln, die Spannung zwischen Leistung und Rechtfertigung, Körperkult oder Resilienz. In der vorgestellten Unterrichtsstunde liegt der Fokus auf der Funktion von Ritualen.8  Einerseits betrifft der gegenwärtige Traditionsabbruch nicht nur biblische Geschichten, sondern auch Rituale und Symbole. Andererseits haben Lernende oft praktische Erfahrungen mit Sportritualen. Anhand von (diesseitsreligiösen) Ritualen im Sport kann die Funktion von Ritualen allgemein erkundet werden, um sich von dort aus religiösen Ritualen anzunähern. 

Ähnlich wie in der Religion geht es im Sport um die rituelle Bewältigung von Kontingenz- und Ohnmachtserfahrungen. Unsicherheit wird „geregelt“, Ergebnisoffenheit „abgesichert“: Das Fußballspiel wird zur „organisierten Überraschung“9 . Individuelle Rituale gläubiger Menschen können eine explizit magische Funktion im Sinne einer Kommunikation mit dem Heiligen aufweisen (z.B. Beten vor dem Spiel, Sich-Bekreuzigen). Auch die kurative Funktion von Ritualen, die auf Krisenbewältigung und den Umgang mit Sinnfragen abzielt, ist im Sport zu finden. Ein Beispiel hierfür sind eine Trauer-Choreografie und das Tragen eines Trauerflors nach einem Todesfall oder einem anderen tragischen Ereignis.10  Viele Rituale im Sport haben eine sozial verbindende und identitätsstiftende Funktion. Sie bilden und begrenzen Gemeinschaft, was sowohl für Sportmannschaften als auch für Fangemeinschaften gilt. Deutlich wird dies an Formulierungen wie „Wir sind Bremen“11   oder „Wir sind der 12. Mann“ (Hymne von Dynamo Dresden).12  Symbole wie Schals und T-Shirts stiften kollektive Identität, die auch über den Tod hinaus andauern kann (Schalke-Fanfriedhof13 ). Rituale können persönliche Rituale einzelner Spieler*innen sein. Beispielsweise trägt der Golfer Tiger Woods oft ein rotes (Glücks-)T-Shirt (die Farbe rot steht für Energie). Andere Sportler*innen pflegen das Ritual, den linken Schuh zuerst anzuziehen („Herz-Seite-Schuh“) oder den Platz mit dem rechten Fuß zuerst zu betreten. Zu den kollektiven Ritualen einer Mannschaft oder einer Fan-Community gehören z. B. der „Haka“-Tanz, der Einmarsch der Spieler*innen, das Singen der Vereinshymne oder „La-Ola“-Wellen. Rituale im Sport haben außerdem oft eine stabilisierende Funktion. Sie geben Sicherheit und mentale Stärke, beruhigen und motivieren. Ein Beispiel ist das das Küssen von Glücksbringern oder Talismanen, wobei allein der (Aber-)Glaube zählt („Placeboeffekt“). Da die stabilisierende Funktion zu Selbstsicherheit und Selbstkontrolle und somit zu einer Leistungssteigerung führt, sind Rituale auch ein Thema in der Sportpsychologie.

Die Unterrichtsstunde ist für den Themen- und Kompetenzbereich „Formen von Religion in der Lebenswelt“ (E-Phase) konzipiert. Folgende Kompetenzen sollen entwickelt und gefördert werden:
•    Prozessbezogene Kompetenzen
•    Wahrnehmungs- und Darstellungskompetenz: Religiöse Spuren und Dimensionen in der Lebenswelt aufdecken.
•    Deutungskompetenz: Religiöse Motive und Elemente in Texten, Kunst und Medien identifizieren und ihre Bedeutung und Funktion erklären.
•    Inhaltsbezogene Kompetenzen
•    Beschreiben der Wirkung und Funktion von Symbolen und Ritualen


Zur Praxis des Unterrichts

Die 90-minütige Unterrichtsstunde bildet den Auftakt zur gesamten Unterrichtssequenz „Religion und Rituale“. Der Stundeneinstieg und die damit verbundene Einstimmung auf das Thema erfolgen durch einen stummen Bildimpuls. Im Plenum wird dazu ein exemplarisches Bild präsentiert (oder eine kurze PowerPoint-Präsentation). In Frage kommen Fan-Kultur, das „Haka“-Ritual und/oder die „La Ola“-Welle (M 1). Die Bildimpulse sollen ohne Kommentar auf die Lernenden wirken, Interesse wecken und Raum für Assoziationen schaffen. Die Erarbeitungsphase beginnt mit einem offenen Impuls, der zum Brainstorming einlädt: 

•    Impuls
Nennt Rituale, die ihr aus dem Sport kennt. 

Die Assoziationen der Lernenden werden von der Lehrkraft auf der Tafel / dem Whiteboard festgehalten und geordnet. Diese Phase dient dazu, die Fülle von Ritualen im Sport vor Augen zu führen. Hier kann alles gesammelt werden, was für die Lernenden ein Ritual darstellt. Die Abgrenzung zwischen Ritual, Zeremonie, ritualisierter Handlung und Routine ist auch in der Ritualtheorie unscharf und liegt nicht zuletzt im Auge des Betrachters: Ist das abendliche Zähneputzen eine Hygieneroutine oder eine „meditative Einstimmung“ auf das Schlafengehen?14  

Nach dieser Bestandsaufnahme erarbeiten die Lernenden verschiedene Funktionen von Ritualen im Sport. Als Sozialform bietet sich die  Arbeit in Kleingruppen an:

•    Arbeitsauftrag
Erarbeitet die Funktionen von Ritualen im Sport.

Die Recherche kann entweder als freie Internetrecherche (sofern dies eingeübt ist) oder als Textarbeit anhand ausgewählter Materialien erfolgen. Geeignete Textsorten sind kurze Interviews oder Artikel z.B. aus der Sportpsychologie, die niederschwellig an die Funktion von Ritualen heranführen. Beispiele finden sich unter folgenden Links: „Rituale sind kein Hokuspokus, sondern eine Form der Selbstkontrolle“,15  „Rituale im Sport“16  oder „Rituale und Glücksbringer im Wettkampf optimal einsetzen“.17  

Die Ergebnisse der Kleingruppen werden im gelenkten Unterrichtsgespräch im Plenum gesammelt und nach den von den Lernenden herausgearbeiteten Funktionen an der Tafel / dem Whiteboard angeordnet (Tafelbild 1; M 2). Mehrfachnennungen sind möglich, da ein Ritual mehrere Funktionen haben kann.

In der Vertiefungs-/Transferphase werfen die Lernenden einen ersten Blick auf christliche Rituale. Sie aktivieren ihr Vorwissen zu diesem Thema und übertragen die neu erworbenen Kenntnisse über die Funktion von Ritualen im Sport auf den religiösen Bereich. 

Der Impuls für das gelenkte Unterrichtsgespräch im Plenum zielt konkret auf die Funktion von Ritualen ab, wobei sich die Lehrkraft an den zuvor von den Lernenden erarbeiteten Funktionen von Ritualen im Sport (vgl. Tafelbild 1) orientiert. 

•    Impuls
Nennt Rituale aus dem Christentum, die für Gemeinschaft, Sicherheit, Trost oder Identitätsstiftung stehen. 

Die Ergebnisse werden festgehalten (Tafelbild 2; M 3) und in der kommenden Stunde als Einstieg erneut präsentiert, um darauf aufbauend Funktionen christlicher Rituale zu vertiefen und zu ergänzen, etwa im Hinblick auf Schwellenrituale wie Konfirmation, Firmung oder auch Jugendweihe.

Als didaktische Reserve bietet sich der rituelle „Haka“-Tanz der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft „All Blacks“ an, weil er durch seinen außergewöhnlichen Charakter Neugier weckt und zudem einen religiösen Ursprung in der Kultur der Māori hat. 

Als Stundenabschluss kann ein kurzes Video/Reel aus dem Themenbereich „Kirche und Sport“ gezeigt werden. Dafür legen sich Inhalte nahe, die vor allem Jugendliche ansprechen (z.B. Konfi-Cup).18  Dies veranschaulicht die Nähe zwischen beiden Bereichen und kann als „Appetizer“ Lust auf mehr machen. 

Anmerkungen

  1. Vgl. zur Sportmetaphorik auch Kol 1,29-2,1; 2,18; Eph 6,12; 1Tim 1,18; 6,12; 2Tim 2,5; 4,7f; 1Petr 5,4; Jud 3; Hebr 12,1; Offb 2,10. Agonistische Metaphorik begegnet auch in jüdisch-hellenistischer Literatur, z.B. bei Philo. Vgl. insgesamt Brändl, Agon; Poplutz, Wettkampf.
  2. Vgl. z.B. die Olympischen Spiele als „religio athletae“ (Pierre de Coubertin, 1863-1937); „Teufelskerl und Fußballgott“ (Herbert Zimmermann über Toni Turek), „Wunder von Bern“ (1954), „Hand Gottes“ (Diego Maradona).
  3. https://kurzlinks.de/96av (25.01.2026).
  4. https://kurzlinks.de/59ss  (25.01.2026).
  5. https://kurzlinks.de/x4xg (25.01.2026).
  6. https://kurzlinks.de/qgm2  (25.01.2026).
  7. https://kurzlinks.de/yms4 (25.01.2026).
  8. Vgl. Faulstich /Schrode: Ritual; Husmann: Ritual.
  9. Veith, Rituale.
  10. Ein aktuelles Beispiel ist der Auftritt des 1. FC Magdeburg am Jahrestag des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg: https://kurzlinks.de/v6v5 (25.01.2026).
  11. https://kurzlinks.de/cgwd  (25.01.2026).
  12. https://kurzlinks.de/o61u  (25.01.2026).
  13. https://kurzlinks.de/pbsy  (25.01.2026).
  14. Vgl. zum Problem Faulstich/Schrode: Ritual.
  15. https://kurzlinks.de/c6hr (25.01.2026).
  16. https://kurzlinks.de/wznp (25.01.2026).
  17. https://kurzlinks.de/9ood (25.01.2026).
  18. https://kurzlinks.de/wgnu (25.01.2026).

Literatur

  • Brändl, Martin: Der Agon bei Paulus: Herkunft und Profil paulinischer Agonmetaphorik (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament (WUNT II), Band 222), Tübingen 2006
  • Faulstich, Sophie / Schrode, Paula: Ritual – ein schillernder Begriff und wissenschaftliche Perspektiven, in: Brühlmann, Jürg / Conversano, Deborah (Hg.): Rituale an Schulen – wirksam und unterschätzt, Zürich 2018, 30-51
  • Husmann, Bärbel: Rituale, in: WiBiLex 2017, https://kurzlinks.de/s7ru (25.01.2026)
  • Poplutz, Uta: Wettkampf, in: WiBiLex 2010, https://kurzlinks.de/471h (25.01.2026)
  • Veith, Werner: Rituale im Fußball. Sinnstiftung und Kontingenzbewältigung in modernen Gesellschaften, in: Münchener Theologische Zeitschrift (58), 2007, 344-352