Pionierin der Avantgarde: Die Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker ist für die Kunst zu Beginn der Moderne von zentraler Bedeutung. Am 8. Februar vor 150 Jahren wurde sie in Dresden geboren. Nun wird sie groß gefeiert.
Bremen, Worpswede (epd). Zur damaligen Zeit war das Bild eine Revolution. Dass sich eine Frau selbst als Akt präsentierte, war schier undenkbar. Paula Modersohn-Becker (1876-1907) durchbrach 1906 diese Regel und malte sich selbstbewusst als Künstlerin und werdende Mutter. Es ist eines der Hauptwerke der Worpsweder Künstlerin und in der Kunstgeschichte das erste Selbstbildnis einer Malerin als Akt. Jetzt empfängt es die Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung „Becoming Paula“, die ab 8. Februar im Bremer Paula Modersohn-Becker Museum zu sehen ist.
Zu Lebzeiten kaum beachtet, heute weltweit anerkannt: Mit großen Ausstellungen würdigen Museen in Bremen und unweit davon in Worpswede die Künstlerin, die vor 150 Jahren in Dresden geboren wurde. „Sie zählt zu den bedeutendsten Malerinnen des 20. Jahrhunderts“, sagte am Mittwoch der Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen, Frank Schmidt. Mit ihren Bildern habe sie das Menschenbild der Avantgarde geformt. „Das macht sie so bedeutsam.“
Eigene Bildsprache
Bis zum 13. September zeigt das Bremer Museum, wie sie ihre ganz eigene Bildsprache mit einfachen Formen und einer zunehmenden Entfernung von der naturalistischen Wiedergabe entwickelt hat - und wie sie zu der heute viel beachteten Künstlerin wurde. Neben ihrem weitgehend unbekannten Frühwerk und den berühmten Bildern ihrer letzten Lebensjahre nimmt die Ausstellung mit rund 80 Gemälden und Papierarbeiten in acht Sälen erstmals auch die Rezeption der Malerin im 20. und 21. Jahrhundert in den Blick.
Künstlerisch sozialisiert wurde Paula Modersohn-Becker in Berlin, London, Worpswede und Paris. Der Kunsthistoriker Schmidt machte aber auch klar, wie wichtig Norddeutschland mit entscheidenden Stationen ihrer Lebensreise war: „In der Welt ist sie bekannt, in Bremen und Worpswede ist sie zu Hause.“
In den USA gefeiert
Welchen Stellenwert die Malerin hat, zeigte sich so richtig erst nach ihrem Tod. So wurde 1927 in der Bremer Böttcherstraße das heutige Paula Modersohn-Becker Museum eröffnet. Es ist das erste einer Malerin gewidmete Museum weltweit. Mittlerweile hängt ein Bild von ihr - das Selbstbildnis mit zwei Blumen in der erhobenen linken Hand - auch im New Yorker Museum of Modern Art. 2024 wurde sie in New York und Chicago mit Einzelausstellungen gefeiert. Die „New York Times“ beschrieb sie als "trailblazing artist”, als bahnbrechende Künstlerin.
Die großen Worpsweder Museen - Barkenhoff, Große Kunstschau, Kunsthalle und Haus im Schluh - wenden sich Paula Modersohn-Becker in einer Gemeinschaftsausstellung zu. Unter dem Titel „Impuls Paula“ ist sie vom 7. Februar bis 1. November zu sehen und verdeutlicht, wie die Malerin mit ihrem Vermächtnis Generationen von Künstlerinnen und Künstlern beeinflusst hat.
Vier Museen, vier Spuren
Jedes der vier Worpsweder Museen folgt dabei einer anderen Spur. Im Zentrum steht jeweils eines der Werke von Paula Modersohn-Becker. Sie geben die Impulse, die sich wie rote Fäden durch die Ausstellungen ziehen. Mal ist es der Blick auf sich selbst, mal der Blick auf andere. Mal ist es die Haltung zum Gegenüber, die sich im Gemälde zeigt, mal ein Ausflug in ganz andere Sparten der Kunst.
Weitere Ausstellungen gibt es ab 8. Februar in Dresden und Fischerhude bei Bremen. Das Dresdner Albertinum stellt unter der Überschrift „Die großen Fragen des Lebens“ in einer Doppelausstellung Werke von Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch (1863-1944) vor. Im Fischerhuder Otto-Modersohn-Museum sind Landschaftsmalereien der Künstlerin zu sehen.
Zum Geburtstag am Sonntag zeigt Arte eine Dokumentation zu Paula Modersohn-Becker, über die vergangenes Jahr auch ein Spielfilm gedreht wurde. Er soll im Sommer auf die Kinoleinwand kommen.
epd lnb sel dab