Delegationen entwickeln Modelle für Zwei-Staaten-Lösung in Nahost

Nachricht 07. Februar 2026

Friedensaktivisten aus Israel und Palästina wollen die an den Rand gedrängte Idee einer Zwei-Staaten-Lösung im Nahen Osten wiederbeleben. Dafür kamen sie zu einer ersten Konsultation im niedersächsischen Loccum zusammen.

Loccum, Kr. Nienburg (epd). Es ist der vielleicht komplizierteste politische Konflikt der Gegenwart: Zwei nationale Gruppen konkurrieren um ein Land - um das Gebiet zwischen Jordan und Mittelmeer im Nahen Osten, das auch als „Heiliges Land“ der Bibel bekannt ist. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat durch Krieg und Terror im Laufe der Jahrzehnte Hunderttausende von Todesopfern auf beiden Seiten gefordert. Vier Monate nach der weitgehenden Waffenruhe im Gaza-Streifen sind Friedensaktivisten aus beiden Gemeinschaften nun an der Evangelischen Akademie Loccum in Niedersachsen zusammengekommen, um die derzeit an den Rand gedrängte Zwei-Staaten-Lösung wiederzubeleben und einen Diskussionsprozess für einen künftigen Frieden neu zu starten.

Unter dem Titel „Two States - Different Alternatives“ („Zwei Staaten - Verschiedene Alternativen“) wollen sie mehrere Modelle entwickeln, wie beide Gemeinschaften künftig friedlich zusammenleben können, und diese Ideen dann in ihre jeweiligen Gesellschaften tragen. Das Haupthindernis für einen gerechten Frieden sehen die beiden Delegationsleiter von der israelisch-palästinensischen Organisation „Minds of Peace“ („Gedanken des Friedens“) dabei erst in zweiter Linie in politischen Sachfragen.

Psychologische Barriere

Die wichtigste Barriere sei psychologischer Natur, betont der Palästinenser Samer Sinjilawi: „Unsere Herzen sind voller Misstrauen.“ Das findet auch der Israeli Sapir Handelman. Viele Menschen auf beiden Seiten sähen sich vor allem als Opfer. Sie glaubten, man könne nicht mit den anderen reden, weil es sich um eine Art von Terroristen handele: „Was immer die Israelis über die Palästinenser sagen, sagen die Palästinenser auch über die Israelis“, sagt Handelman. Diese Barriere müsse überwunden werden.

Dabei sehne sich die Mehrheit der Menschen nach Frieden, betont Sinjilawi. Sie seien nur durch Krieg und Terror verwirrt und von den Mächtigen manipuliert. Deshalb hat „Minds of Peace“ einen neuen Ansatz gewählt. Die Initiative für eine weltpolitisch viel geforderte Zwei-Staaten-Lösung müsse nicht nur von oben, sondern vor allem von unten kommen, sagt Handelman: „Was bisher fehlt, ist die Beteiligung der Menschen.“

Drei Modelle

Um die Grundlagen dafür zu legen, sind in Loccum zwei Delegationen mit jeweils etwa zwölf Beteiligten aus Wissenschaft, Medien oder der Wirtschaft zusammengekommen. In Israel oder den Palästinensergebieten sei ein solches Treffen derzeit nicht möglich, erläutert der Tagungsleiter der Evangelischen Akademie, Thomas Müller-Färber: „Wenn man dann international schaut, fällt der Blick ziemlich schnell auf Deutschland.“

Bei ihrem Workshop haben die Teilnehmenden drei denkbare Modelle entwickelt, die von eher getrennten Staaten bis hin zu Formen von Kooperation und Partnerschaft reichen. Für die konkreten politischen Streitfragen sehen sie pragmatische Lösungen. So könnten etwa die bis zu 500.000 jüdischen Siedler im besetzten Westjordanland israelische Staatsbürger bleiben und als Gäste in einem palästinensischen Staat leben, sofern sie sich an dessen Gesetze hielten, sagt Sinjilawi.

Über Kompensationen reden

Jerusalem mit seinem jüdischen Teil im Westen und dem arabisch geprägten Teil im Osten sieht er als Hauptstadt beider Staaten. Und wenn es um das Rückkehrrecht der Palästinenser gehe, die im Krieg von 1948/49 aus ihrer Heimat vertrieben wurden, so müsse man heute vor allem über Kompensationen für die damals erlittenen Verluste reden, sagt er.

Um im Friedensprozess voranzukommen, müssten sich auf beiden Seiten die Regierungen verändern, betont der Palästinenser. Auf die Frage, ob mit der in Europa als Terrororganisation eingestuften islamistischen Hamas ein Frieden möglich sei, antwortet er: „Wir leben bereits in einer Post-Hamas-Ära.“ Der Israeli Sapir Handelman erinnert an die Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk, die in Südafrika eine tiefgreifende politische Veränderung auf den Weg gebracht hätten. Solche Politiker bräuchten auch Israel und Palästina - und zwar zur selben Zeit.

Sorge vor noch mehr Gewalt

Handelman ist überzeugt: „Wenn es nicht zu einem Frieden kommt, werden sich beide Gemeinschaften gegenseitig zerstören. Wir haben keine Wahl.“ Und Sinjilawi sagt: „Wir gehen dann auf ein Erdbeben zu. Und das wird heftiger ausfallen als das vorherige.“

Nach der Loccumer Tagung wollen alle Teilnehmenden in Diskussionen und sozialen Medien in ihrer Heimat für ihr Projekt werben, das durch Spenden aus der israelischen Wirtschaft sowie vom Hilfswerk „Brot für die Welt“ und von den evangelischen Landeskirchen Hannover und Westfalen unterstützt wird. Und zwei weitere Tagungen sollen noch folgen. Handelman betont: „Wir wollen wachsen, wachsen, wachsen.“

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