Zwei Jahre ForuM-Studie zu sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie, die am 25. Januar 2024 erschien. Heinz Schmidt war 17, als er in der Jugendarbeit von einem Pastor sexuell belästigt wurde. Mehr als 40 Jahre lang behielt er das Erlebte für sich und verdrängte es. Bis er sich endlich dazu durchrang, seine Geschichte zu erzählen,
Hannover, Tübingen (epd). Wochenlang lag der Zettel mit der Telefonnummer auf seinem Schreibtisch. Doch er konnte sich nicht dazu durchringen, sie zu wählen. Als ihm seine Ehefrau zuriet, wählte er sie schließlich doch. „Noch als ich den Hörer in der Hand hielt, fragte ich mich: Soll ich da wirklich anrufen?“, erzählt Heinz Schmidt. Sein Name ist für diesen Bericht geändert, er möchte nicht öffentlich erkennbar sein. Denn der 63-Jährige, der heute im Raum Tübingen lebt, hat in seiner Jugend in Niedersachsen sexualisierte Gewalt in der Kirche erlebt.
Mehr als 40 Jahre hat Heinz Schmidt seine Geschichte im Stillen mit sich herumgetragen, hat gegrübelt und an sich selbst gezweifelt. Nun wollte er sich endlich einer Anlaufstelle offenbaren - und zugleich die Kirche mit dem erlittenen Unrecht konfrontieren. „Ich wollte es gerne einfach einmal erzählen.“ Das war vor gut zwei Jahren. Doch was würde ihn am anderen Ende der Leitung erwarten? Würde man ihm glauben? Ihn auf später vertrösten oder bürokratisch abkanzeln? „Als jemand abnahm, wurde mir schwarz vor Augen.“
Es sprudelte nur so heraus
Heinz Schmidt landete schließlich bei der Fachstelle für sexualisierte Gewalt der evangelischen Landeskirche Hannovers, der größten protestantischen Kirche in Deutschland. Es war ein Freitagnachmittag, 16 Uhr, draußen fast dunkel. Die Stimme am Telefon sagte ihm gleich, dass er ganz klar ein Betroffener von sexualisierter Gewalt sei und als solcher auch Rechte habe. Und dann begann er zu erzählen. „Es sprudelte nur so aus mir heraus. Die ganze Ambivalenz, mit der ich bisher gelebt hatte. Es war eine riesige Erleichterung.“
Ein übergriffiger Pastor
Was ihn nicht zur Ruhe kommen ließ, begann Ende der 1970er Jahre. Heinz Schmidt war damals 17 und engagierte sich in einem Ort im Kirchenkreis Ronnenberg bei Hannover in der evangelischen Jugendarbeit. Eine Teestube, Musik, stundenlange Diskussionen über Gott und die Welt. Irgendwann kam ein neuer Pastor in die Gemeinde und bat ihn zu einem Gespräch.
Was dann geschah, möchte Schmidt nicht erzählen. Nur soviel: „Es war ganz eindeutig ein sexualisierter Machtübergriff.“ Keine Vergewaltigung, aber äußerst unangenehm für ihn. „Ich wusste sofort, dass das nicht in Ordnung ist.“ Trotzdem schwieg er über das Erlebte, verdrängte es, schluckte es innerlich hinunter. Und Selbstzweifel nagten: Wozu reden? Hätte er sich nicht zur Wehr setzen müssen? War er mit 17 Jahren nicht eigentlich schon erwachsen? „Ich habe gelernt, es an die Seite zu drücken und abzuspalten.“
Immer wieder aufgeploppt
Zu dem Pastor ging er auf Distanz, irgendwann zur ganzen Jugendarbeit. Mit Anfang 20 zog er fort aus seinem Heimatort. Den Pastor hat er nie zur Rede gestellt. Doch das Erlebte ließ ihn nie ganz los. „Ein- bis zweimal im Jahr ist es wieder aufgeploppt.“
Heinz Schmidt ist in der evangelischen Kirche und ihrer Diakonie kein Einzelfall. Mindestens 2.225 Kinder und Jugendliche haben dort seit 1946 bundesweit sexualisierte Gewalt durch Pfarrer oder andere Kirchenmitarbeiter erlebt, so hat es vor zwei Jahren die sogenannte ForuM-Studie ermittelt. Und die Dunkelziffer liegt noch erheblich höher. Anders als Schmidt wurden viele mehrfach oder regelmäßig missbraucht. Allein in den Gemeinden der hannoverschen Landeskirche gibt es mindestens 190 Betroffene.
Für Heinz Schmidt hat sich die Situation deutlich geändert, seitdem er sich offenbart hat. Von der Kirche hat er finanzielle Anerkennungsleistungen für das erlittene Leid erhalten. Und die Kirche zahlte ihm auch eine Reha, in der lernte, besser mit dem Erlebten umzugehen. So lernte er herauszufinden, was ihn besonders triggert, an welchen Punkten er empfindlich ist und wie er mit Autoritätspersonen umgehen kann. „Ich habe das Gefühl gehabt, dass ich meine Festplatte neu formatieren muss.“
Ein ungewöhnliches Konzept
Nun will er auch andere Betroffene ermutigen, das Erlebte klar zu benennen. Dafür hat er inzwischen mit weiteren Akteuren ein Konzept entwickelt, das es zumindest in Niedersachsen bisher kein zweites Mal gibt: Seit Juni öffnet im Kirchenkreis Ronnenberg jeden ersten Donnerstag im Monat in einem nichtkirchlichen Begegnungszentrum ein „Betroffenen-Treff“. Eine Traumatherapeutin steht dort am späten Nachmittag für zwei Stunden zu Gesprächen bereit.
„Ich glaube, dass man Orte schaffen muss, wo Betroffene ganz frei hingehen können“, sagt Schmidt. „Das hilft, um aus dem Schatten zu treten.“ Noch hat sich keine weitere betroffene Person dort gemeldet. Doch entscheidend sei, einen langen Atem zu bewahren: „Wenn die Kirche zweimal bitte sagt, kann man nicht erwarten, dass die Leute gleich kommen.“
Mehr zuhören
Er selbst ist schon vor längerer Zeit aus der Kirche ausgetreten. „Trotzdem wünsche ich ihr, dass sie durch diese Krise hindurchkommt“, sagt er. Doch dafür müsse sie sich an vielen Punkten ändern. Anlaufstellen wie den Betroffenen-Treff müsse es noch viel häufiger geben.
Denn allzu oft hätten Betroffene das Gefühl, dass sie ein Heiligtum besudelten, wenn sie ihre Geschichte erzählten, sagt Schmidt. Und viele Menschen, die sich in der Kirche für Betroffene einsetzten, hätten allzu oft Angst vor Repression. Schmidt ist überzeugt: „Die Kirche muss lernen, mehr zuzuhören.“
epd lnb mig bjs