epd-Gespräch: Urs Christian Mundt
Hannover, Berlin (epd). Angesichts der gestiegenen Zahl von Vorschulkindern mit Sprachdefiziten warnt der Kinder- und Jugendmediziner Burkhard Rodeck davor, Kinder zu früh mit Bildschirmmedien zu beschäftigen. „Für den Spracherwerb ist es entscheidend, dass sich Eltern mit ihren Kindern unterhalten“, mahnte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin mit Sitz in Berlin im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er unterstützt die Kampagne „Bildschirmfrei bis 3“ von Kinder- und Jugendärzten, die Eltern für das Thema sensibilisieren soll.
Nach Daten des Landesgesundheitsamtes Niedersachsen ist der Anteil der Kinder, die bei Schuleingangsuntersuchungen Sprachdefizite zeigen, seit 2015 von einem Fünftel auf knapp ein Viertel im Jahr 2023 gestiegen. Auch bundesweit zeige sich dieser Trend, sagte Rodeck. „Jungen sind häufiger betroffen. Wir wissen aber nicht genau, warum.“ Der pensionierte Mediziner war unter anderem als Kinder- und Jugendarzt in Hannover und Osnabrück tätig.
Wesentliche Faktoren für die Entwicklung sieht der Kinderarzt in der zunehmenden sozioökonomischen Ungleichheit, der steigenden Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund und der veränderten Mediennutzung auch der Erwachsenen. „Junge Mütter mit Kinderwagen, die auf ihr Handy schauen, statt mit dem Kind zu sprechen, gehören heute zum alltäglichen Straßenbild.“
Wenn die Sprachentwicklung gestört ist, steige die Gefahr für soziale Probleme im späteren Leben, warnte Rodeck. „Wir wissen, dass die ersten tausend Tage im Leben eines Kindes die wichtigsten sind, die Schwangerschaft inbegriffen. Was man in dieser Zeit an Entwicklungsförderung nicht erfährt, schlägt sich später in der gesamten Lebensbiografie nieder.“
Die zunehmende Fremdbetreuung schon kleiner Kinder sieht Rodeck ambivalent. „Kinder brauchen eine sehr stabile und auch innige Bezugsperson. Im Idealfall ist das die Mutter.“ Aus ökonomischen Gründen sei aber frühe Fremdbetreuung in vielen Familien unvermeidbar. „Dies muss nicht schädlich sein. Es ist aber darauf zu achten, dass der Schlüssel der Betreuungspersonen möglichst nah an den Schlüssel in einer Familie herankommt.“
Aus Rodecks Sicht geht die Politik die Ursachen von Sprachentwicklungsstörungen bislang zu wenig an. Die Möglichkeiten des Staates, Einfluss zu nehmen, seien jedoch begrenzt. „Die Familie gilt als privater Raum, die Kinder darin werden unzureichend als einzelne Individuen gesehen.“
Umso mehr müssten Schulen konsequent über die Gefahren ständigen Medienkonsums aufklären. Der Arzt plädiert zudem für ein bundesweites Smartphone-Verbot an Schulen. „Kinder und Jugendliche, für die ein solches Verbot schon gilt, berichten: Gott sei Dank, endlich sind wir diesen Mediendruck los und können uns wieder miteinander unterhalten.“