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Bild: Rainer Sturm  / pixelio.de

Matthias Schleiff: Schöpfung, Zufall oder viele Universen, Mohr Siebeck: Tübingen 2019, ISBN 978-3-16-156418-5, 319 Seiten, 69,00 EUR


Klar, Gottesbeweise gibt es nicht. Oder, um genau zu sein: Es gibt sie, man lese nur Thomas von Aquin, David Hume und andere. Deren Gottesbeweise sind in ihrer Wirkungsgeschichte interessant, aber aus wissenschaftlicher Sicht insofern überholt, als sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Gott eben nicht zu beweisen ist. 

Was aber, wenn man die sogenannten Beweise im Sinne eines Arguments versteht? Diesen Weg beschreitet Matthias Schleiff in seiner 2019 erschienen Dissertationsschrift. Die Argumente von Thomas von Aquin und David Hume werden zum methodischen Ausgangspunkt für die Entwicklung eines neuen Arguments für die Existenz eines Schöpfers, der allerdings nicht zwingend mit dem Gott einer bestimmten Religion gleichgesetzt werden kann. 

Schleiff geht von der sogenannten Feinabstimmung im Universum aus. Damit ist gemeint, dass die naturwissenschaftlich beschreibbaren Konstanten im Universum so aufeinander abgestimmt sind, dass Leben entstehen kann. Oder, anders gesagt, wenn auch nur eine Konstante, z.B. die Gravitation, nur einen geringfügig anderen Wert hätte, dann wäre Leben, zumindest so wie wir es kennen, nicht möglich.

Schleiff führt nun das Argument des „Schlusses auf die beste Erklärung“ ein, das er von Hume und von Aquin ausgehend plausibel machen kann. Welches ist also die beste Erklärung für die Feinabstimmung im Universum? Dazu werden drei gängige Erklärungen vorgetragen: 

In den Naturwissenschaften wird aktuell die Multiversumstheorie diskutiert, also die Vorstellung, dass es viele parallele Universen gibt. Wenn die Feinabstimmung auch sehr unwahrscheinlich ist, so wird es doch bei zunehmender Anzahl von Universen immer wahrscheinlicher, dass sie in einem Universum so auftritt, dass Leben möglich wird. In diesem Universum befinden wir uns. Das ist dann kein Zufall mehr, denn wir können uns eben nur in dem Universum befinden, in dem Leben möglich ist. 

Eine zweite Erklärung für die Feinabstimmung, die Leben ermöglicht, ist die des Zufalls. Es ist zwar extrem unwahrscheinlich, dass das Universum so feinabgestimmt ist, dass Leben entsteht. Aber offensichtlich ist dieser unwahrscheinliche Fall zufällig eingetreten, denn es gibt ja Leben. 

Die dritte Erklärung nimmt an, dass eine Schöpferkraft das Universum bewusst und mit einem Ziel so geschaffen hat, dass die Naturkonstanten feinabgestimmt sind, so dass Leben entstehen kann. 

Alle drei Erklärungen haben gemeinsam, dass sie möglicherweise falsifiziert werden, aber nach aktuellem Wissensstand nicht verifiziert werden können. 

In einem unbestechlich präzisen Durchgang wägt Schleiff diese drei Erklärungen gegeneinander ab. Er argumentiert mit dem Für und Wider aller Erklärungen. Jeder Schritt der Argumentation wird klar beschrieben. Die Diskussion bleibt einer strengen Logik unterworfen. 

Am Ende argumentiert Schleiff dafür, die Erklärung, dass ein Schöpfer bzw. ein Gott für die Feinabstimmung verantwortlich sei, als die beste anzusehen. In der Tat hat er bis dahin so viele einzelne Argumente für und gegen alle drei Erklärungen vorgetragen, dass er schlüssig zeigen kann, warum er die Schöpfungshypothese für die beste Erklärung hält. Noch einmal betont er, dass dies eben kein Gottesbeweis, wohl aber ein Argument für Gott ist. 

Aus meiner Sicht ist der letzte logische Schluss am Ende der schwächste. Ich kann das Argument zwar verstehen, glaube ja auch an Gott, würde aber nach der Lektüre auf der logischen Ebene das Zufallsargument für die beste Erklärung der Feinabstimmung halten. Das ist aber gerade deshalb möglich, weil Schleiff eben keinen Beweis anbietet, sondern ein Argument. Wenn die Leser*innen also einem anderen Argument folgen, ist Schleiff gerade nicht gescheitert, sondern er hat vielmehr einen Bildungsprozess angeregt, nach dem sich die Leser*innen eine eigene Meinung fundiert bilden können. 
Es wird bei der Lektüre deutlich, dass auch die Naturwissenschaften an dieser Stelle keine Beweise haben, sondern ebenfalls auf Argumente angewiesen sind. So ist das Buch ein anregender Beitrag für die Diskussion zwischen Theologie und Naturwissenschaft. 

Für Leser*innen mit Interesse an Theologie und Naturwissenschaften ist die Lektüre eine durchaus unterhaltsame Denksportaufgabe, die die unendlichen Weiten des Universums ins Denken und Nachdenken holt. Diese Weite des Denkens in Raum und Zeit macht nicht nur in einer Zeit der Isolation Spaß. Spannend wäre es, darüber nachzudenken, ob das Auftreten von Covid-19 das Argument von Matthias Schleiff stärkt oder schwächt; jedenfalls zeigt es gerade sehr plastisch, was passiert, wenn an einer unbedeutenden Stelle im Universum ein Virus mutiert und die virale Feinabstimmung ins Wanken gerät. 

Schleiff ist übrigens seit 2017 Studienrat für die Fächer Evangelische Religion, Latein und Philosophie. Vielleicht diskutiert er diese Fragen jetzt mit seinen Schüler*innen. Denen ist zu wünschen, dass sie sich auf die Freude des logischen Denkens und Argumentierens einlassen. 

Andreas Behr