Der dritte Weg Jesu: „… halte die andere Wange hin …“Eine Theologie der aktiven Gewaltfreiheit als Herausforderung und Inspiration für die Religionspädagogik

Von Lutz Krügener

 

Mit diesen Worten deutet Jesus einen Weg an, wie mit Unrecht und Gewalt umgegangen werden kann. Nach dem Abschnitt „Vom Vergelten“ in der Bergpredigt (Mt 5,38-42) setzt Jesus im Konflikt weder auf Gewalt noch darauf, die „Opferrolle“ anzunehmen, sondern auf aktives gewaltfreies Handeln für Recht und Freiheit. Das Römische Imperium stellte die überfallenen Menschen vor die Alternative: „Kampf oder Unterwerfung!“. Beide Wege sind für Jesus keine Optionen, sondern es geht um gewaltfreies Handeln für Gerechtigkeit und Frieden. Der wesentliche Bezugspunkt für die theologische Begründung dieser aktiven Gewaltfreiheit ist das Buch von Prof. Dr. Walter Wink: „Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit. 2014“.1  Am Ende des Artikels wird gefragt, inwiefern diese Theologie eine Inspiration und Herausforderung für die Religionspädagogik darstellt.


Der „Mythos der erlösenden Gewalt“

Nach Walter Wink war die Vision Jesu eine verwandelte Welt, in der sich die Menschen und die Mächte der Welt im Einklang mit Gott befinden. 2 Jesus glaubte demnach, dass sich seine Mitmenschen durch Liebe und Vergebung, aber auch durch aktiven Streit für Gerechtigkeit verändern können.

Der Verwirklichung dieser Vision stehen in der Welt starke Kräfte, nach Walter Wink besser „Mächte“ 3 entgegen. Darüber hinaus steht nach meiner Auffassung ebenso das aktuell leitende Denken und Handeln dieser Vision von Jesus entgegen: „Da kann man nichts machen!” – „So ist die Welt!” – „Ich / mein Land  / … zuerst!” – „Krieg hat es schon immer gegeben!” – „Das ist das System!” – „Da hilft nur die harte Hand!” – „Ohne Gewalt geht es nicht!” – Letztlich: „Unterm Strich zähle ich! – …“. Es ist dieser „Ungeist“, der das Denken und Handeln vieler Menschen bestimmt. Walter Wink nennt diese Haltungen und diese Ansichten, einen Glauben an den „Mythos der erlösenden Gewalt“. „Er verankert den Glauben, dass Gewalt rettet, dass Krieg Frieden bringt, dass Macht Recht schafft. Dies ist eine der ältesten und ständig wiederholten Geschichten der Welt.“ 4 Walter Wink führt aus, wie dieser Mythos das Denken und Handeln durch die Geschichte und Kulturen von der babylonischen Schöpfungsgeschichte bis in die moderne Politik und bis hin zu Comicfiguren wie Superman, Spiderman, u.a. prägt. 5 „Kurz gefasst ist der Mythos der erlösenden Gewalt die Geschichte vom Sieg der Ordnung über das Chaos durch Gewalt.“6  Der Mythos erzählt wirkmächtig, dass Gewalt notwendig ist. Er rechtfertigt diese damit, dass letztlich nur so Gutes entstehen kann. Wie aktuell die Gefahr dieses Mythos ist, wird deutlich, wenn man das folgende Zitat zu den aktuellen internationalen Konflikten und den Konflikten innerhalb Deutschlands in Beziehung setzt: „Der Mythos der erlösenden Gewalt ist, kurz gesagt, ein verabsolutierter Nationalismus …Der Gott dieses Mythos ist nicht der unparteiische Herrscher aller Nationen, sondern ein Stammesgott,“ 7 Diesem Mythos stehen die Inhalte der „Bergpredigt“ und speziell die Aussagen von Mt 5,38-42 diametral entgegen.




„Verwandlung“ dieser Welt durch Liebe

Ich teile die Auffassung von Walter Wink, „dass das Evangelium Jesu das mächtigste Gegengift gegen den Mythos der erlösenden Gewalt ist, …“.8  Die Aufgabe der Theologie, der Religionspädagogik und der Kirche insgesamt wäre demnach, das Evangelium in diesem Sinne zur Geltung zu bringen. Wie könnte dies gelingen?

Gegen diesen „Mythos der erlösenden Gewalt“ kann als erstes und letztes angebetet werden! 9 Der Kraft des Gebetes vertrauen und dadurch Orientierung, Halt und Mut zum Handeln finden. Es geht nicht um die Beseitigung der „lebensfeindlichen Mächte“ oder die „Vernichtung der Monster“, wie es der Sprachgebrauch heute z.B. gegenüber den Menschen, die zu Terroristen werden, nahe legt. Es geht um eine „Verwandlung“ letztlich noch dieser Gewalttäter, auch ihnen gilt die Feindesliebe. Doch bis heute wird diese Haltung sowohl in der Kirche, als auch im gesellschaftlichen Dialog meistens als „naiv“ angesehen und wenn überhaupt nur auf das individuelle Verhalten des einzelnen Christen bezogen. „Die Alternative, das Böse in mir anzunehmen und Gott auch im Feind anzuerkennen, ist für viele Menschen einfach eine zu fremdartige Vorstellung.“ 10

Welch ein kaum zu ertragender Anspruch ist es auch, diese propagierte „Feindesliebe“ anzunehmen, geschweige denn zu leben und sogar noch in politische Zusammenhänge hineinzusprechen! Wenn Feindesliebe aber als eine der zentralen ethischen (Über-) Forderungen im Evangelium formuliert wurde, muss sich diesem Anspruch dann nicht sowohl in der Theologie als auch in der Religionspädagogik ausgesetzt werden? Diese Frage ist nicht neu, muss jedoch immer wieder neu gestellt und beantwortet werden. Eine fundierte „Verantwortungsethik“ braucht ihre Gründung in der „Gesinnungsethik“. Beide „Ethikansätze“ sind in meinem Verständnis keine Gegensätze, sondern gehören zusammen und fordern sich immer wieder gegenseitig heraus. Warum kann nicht an die „Verwandlung“ dieser Welt durch diese radikale Liebe zumindest geglaubt werden und daraus Kraft erwachsen, nach Ansätzen praktischer Umsetzung zu suchen? Auch wenn dieses Handeln unvollkommen bleibt, wie meistens und notwendig, wenn Glaubensüberzeugungen in die Praxis umgesetzt werden wollen, lohnt sich die Mühe. Es gibt ermutigende Beispiele, dass ein grundsätzlicher Wandel der Werte und der daraus folgenden Praxis möglich ist: Folter und Sklaverei geschehen weltweit immer noch, sind jedoch geächtet und können vor internationale Gerichte gebracht werden. Bis vor einigen Jahrzehnten war es in Deutschland keine Gewalt, wenn Lehrerinnen und Lehrer als pädagogische Maßnahme geschlagen haben – heute undenkbar. Vergewaltigung in der Ehe war „legitim“ – unfassbar. Auf Homosexualität stand die Todesstrafe … Eine Transformation des Denkens und Handelns ist also möglich. Dies sollte in der unterrichtlichen Praxis stark gemacht werden, ohne ins Utopische abzugleiten. Es geht um Ermutigung und darum, Hoffnungsperspektiven aufzuzeigen. Nicht die negativen Beispiele gilt es zu verstärken, sondern die Positiven. Die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas durch eine Neuausrichtung der Werte und der Erziehung in der Familie und der Gesellschaft hat in Deutschland in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, dass heute Kinder und Jugendliche mit weniger Gewalterfahrungen aufwachsen dürfen und somit auch weniger zu Gewalttätern werden. 11




Der dritte Weg Jesu

Der konkrete Weg zu dieser Neuorientierung und der Verwandlung der lebensfeindlichen Mächte ist nach Walter Wink der sog. „Dritte Weg Jesu“. 12 Es ist der Weg, der weder gewaltsamen Kampf noch Unterwerfung praktiziert oder rechtfertigt, sondern Unrecht und Unterdrückung aktiv begegnet und versucht, diese gewaltfrei zu verändern. Die beiden ersten, so natürlich erscheinenden Wege, Kampf oder Unterwerfung/Flucht, wählten schon die Jünger bei der Gefangennahme von Jesus: „Einer zog das Schwert … andere flohen.“13  Die Jünger sind Abbilder für die Alternative, vor die die Mächtigen die unterworfenen Menschen stellten und wie diese üblicherweise reagierten.
Der „Dritte Weg Jesu“ wird deutlich in einem Verstehen von Mt 5,38-41: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen gewaltsamen [ergänzt nach der Erklärung Walter Wink, 91] Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Untergewandt wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.“ 14

Die „andere Wange hinhalten“ (Mt 5,39b)

Wie können diese Sätze verstanden werden? Wenn diese Aussagen Jesu ohne den historischen Hintergrund ausgelegt werden, kann dies letztlich nur in die Irre führen. Somit bietet die Bearbeitung dieses Abschnitts der Bergpredigt nicht nur einen veränderten Blick auf den Umgang mit Gewalt, sondern macht zusätzlich deutlich wie wichtig, ja unabdingbar es ist, die Aussagen der Bibel in ihrem historischen Zusammenhang zu verstehen und erst auf dieser Grundlage zu überlegen, ob und wie sie in die heutige Zeit zu übertragen sind.

Die „andere Wange hinhalten“ wurde häufig als passive, unterwürfige Haltung verstanden. Christinnen und Christen sollten sich nicht wehren, sondern Gewalt ertragen. Durch diese Auslegung wurde die Aussage missbraucht, um Christinnen und Christen vom aktiven, gar widerständigen Handeln fernzuhalten. „Die Lehre Jesu ist, so betrachtet, lebensfern, masochistisch, ja sogar selbstmörderisch, eine Einladung an Schlägertypen und gewalttätige Ehepartner, auf ihre darniederliegenden christlichen Opfer auch noch zu treten. Eine solche Passivität hat Jesus nie an den Tag gelegt.“ 15

Wie sind die Sätze aus Mt 5,39f. zu verstehen, wenn sie die Grundlage für den beschriebenen „Dritten Weg Jesu“ bilden sollen? 16 Zunächst war damals allen klar, dass in Mt 5,39 von der rechten Hand die Rede ist, da die linke Hand als unrein galt. Der Schlag auf die „rechte Wange“ mit der rechten Hand konnte so nur der entehrende mit dem Handrücken sein. Es ist der Schlag des Herren gegen die Magd oder den Knecht. Heute muss das erklärt werden. Zur Zeit Jesu verstanden die Zuhörerinnen und Zuhörer dies unmittelbar, denn oft waren sie die Geschlagenen. Wenn nun ein Geschlagener die andere Wange darbietet, wird dem Schläger deutlich gemacht: „Du kannst mich nicht entehren!“ Er oder sie bleibt in einer aktiven Rolle: „Das erste Prinzip gewaltfreien Handelns besteht darin, jegliche Kooperation mit der Erniedrigung zu verweigern“, so Gandhi. 17 Jesus zeigt einen Weg auf, die Opferrolle nicht anzunehmen. Ich lege die Stelle darüber hinaus so aus, dass Jesus nicht nur einen Weg gegen die direkte Gewalt aufzeigt, sondern er ermutigt, die „strukturelle und kulturelle Gewalt“ zu bekämpfen. Es ist ein grundsätzliches, strukturelles und kulturelles Unrecht, wenn ein „Herr“ vermeintlich das Recht hat, einen „Knecht“ oder eine „Magd“ zu schlagen.18 Die Struktur von „Herr und Knecht“ wird als Gewalt entlarvt und grundsätzlich in Frage gestellt. Ebenso wird eine „Kultur“, die diese Gewalt rechtfertigt oder noch nicht einmal als Gewalt ansieht, delegitimiert.

Aus meiner Perspektive ging es Jesus darum, den Kampf gegen die ungerecht herrschenden Mächte und gegen Gewalt in dem beschriebenen umfassenden Sinne aufzunehmen, ohne sich selbst, durch die falschen Mittel der Gewalt, in das zu verwandeln, was er verändern will. Dieses Verhalten ist niemanden vorzuschreiben und Jesus hat es auch nicht getan, aber er hat den Weg exemplarisch gelebt und denen, die ihm nachfolgen wollen, die „heißen Kohlen“ zum Nachdenken „aufs Haupt gelegt“. 19  Und noch etwas will Jesus mit diesem Weg der aktiven Gewaltfreiheit aufzeigen: Den Gewalttätern wird ein Ansatz geboten, wie sie in den Weg der Verwandlung hineingenommen werden können. Sie können, was auch heute so wichtig ist, „ihr Gesicht wahren“, da sie nicht Opfer von Gewalt werden. Sie können Handelnde bleiben und müssen nicht zu weiterer Gewalt greifen. „Jesus setzt sich nicht für Gewaltfreiheit als bloße Technik zum Überlisten des Feindes ein, sondern sieht sie als gerechtes Mittel, sich dem Feind auf eine Weise zu widersetzen, die auch ihm die Möglichkeit offenhält, gerecht zu werden.“ 20

„…den Mantel lassen … die zweite Meile mitgehen …“ (Mt 5,40f.) – eine „paradoxe Intervention“

Diese Auslegung von Mt 5,39b wird bestätigt durch die beiden weiteren Beispiele in den folgenden Sätzen. „Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Untergewandt wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel.“ (Mt 5,40) Dies kannten die Zuhörerinnen und Zuhörer wieder nur zu gut. Viele lebten in Schuldknechtschaft und wurden gepfändet. Aber es war altes jüdisches Recht, dass ihnen der Mantel gelassen werden muss. 21 Wenn dieser nun vor Gericht abgegeben und die eigene Blöße dargeboten wird, macht Jesus wieder deutlich: „Es gibt noch Handlungsmöglichkeiten, auch in der größten Erniedrigung!“ Wieder werden die Struktur und die Kultur der Gewalt angefragt. Das vermeintlich gerechte Rechtssystem wird demaskiert und durch die Nacktheit des Opfers beschämt. Dem Gläubiger und dem Richter eröffnet dieses provokante Handeln „…, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, die Folgen seiner Handlung zu erkennen und zu bereuen.“ 22

Wichtig ist: Es ist ein Beispiel, kein „Patentrezept“! Offen bleibt, ob Jesus diese Provokation tatsächlich empfiehlt. Aber gewiss will er das Denken und Handeln der Zuhörenden radikal herausfordern. Modern gesprochen will Jesus Wege aufzeigen, dass eine gewaltfreie „paradoxe Intervention“ möglich ist und neue Wege eröffnet, um aus der „Opferrolle“ herauszukommen. „Paradoxe Intervention“ meint in diesem Zusammenhang eine überraschende, unerwartete gewaltfreie Handlung, die dazu führt, dass eine neue Situation entsteht und sich ggf. die Machtverhältnisse verschieben. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten, da verschiedene Akteure in dieser Situation „beschämt“ sind und alle angefragt, sich zu verändern. Vor allem aber wird „dem Opfer“ eine Perspektive aufgezeigt, Handelnder oder Handelnde zu bleiben.

„Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm.“ (Mt 5,41) Auch hier verstanden die Zuhörenden wieder, worauf Jesus anspielte: Jede und jeder Israeli konnte von der Besatzungsmacht genötigt werden, das Gepäck oder Material der Besatzer zu tragen, wie es Simon von Kyrene mit dem Kreuz machen musste. Aber es länger als eine Meile tragen zu lassen, war ein Verstoß gegen den Militärkodex und der Soldat musste mit Strafe rechnen. 23 Wieder eröffnet Jesus mit diesem Beispiel eine Handlungsmöglichkeit durch eine kreative Form von „gewaltlosem Widerstand“ oder durch eine „paradoxe Intervention“. Die Verhältnisse werden umgekehrt. Nun muss der Soldat sein Opfer „bitten“, die Last zurückzugeben. Wir können das heute kaum noch verstehen, aber die Zuhörerinnen und Zuhörer haben sich gefreut „über die Aussicht, ihre Unterdrücker auf diese Weise aus der Fassung zu bringen.“ 24 Wieder setzt Jesus darauf, dass sich beim Täter etwas verändert und er beim nächsten Mal anders handelt. Wieder wird die unterdrückerische Struktur angefragt und das „Opfer“ erhält seine Handlungsfähigkeit zurück.




Der „Dritte Weg Jesu“ als Provokation und Inspiration

„Diese Weisungen wollen die Welt nicht auf einen Schlag verbessern, sondern durch eine handhabbare Strategie den Unterdrückten Macht vermitteln.“ 25 Dieser „Dritte Weg Jesu“ zeigt konkrete gewaltfreie Handlungsmöglichkeiten auf. Die Aufgabe der christlichen Friedensethik und Pädagogik wäre es, sie in intelligente, humane und moderne Handlungsstrategien für die heutige Zeit umzusetzen. Diese müssen für Konfliktsituationen eingeübt werden, da sie zunächst von dem starken Impuls nach Gegengewalt oder Flucht überschattet werden. Hier liegt aus meiner Sicht eine wichtige Aufgabe der Pädagogik und der Religionspädagogik im Besonderen. Es geht nicht darum, die Anstöße von Jesus „eins zu eins“ umzusetzen. Der „Dritte Weg Jesu“ ist gewiss nicht als eine unmittelbare Handlungsanweisung gemeint, aber als ein realistischer und gerade nicht „weltfremder“ Lösungsansatz. In der Komplexität der heutigen individuellen und besonders der globalen Konflikte muss anerkannt werden, dass oft Ratlosigkeit herrscht und gut gemeinte Hilfsversuche hilflos bleiben. „Die eine Lösung“ kann und wird es im Umgang mit Konflikten und besonders mit Gewalt nicht geben. Aber die Suche nach diesem „dritten Weg“ könnte als Inspiration genutzt werden, um aus festgefahrenen Mustern herauszufinden. Mit vielfältigen und guten Programmen werden seit vielen Jahren Kinder und Jugendliche in Deutschland vom Kindergarten bis zur Oberstufe angeleitet, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Individuell wird so an vielen Stellen mit guten pädagogischen Methoden gelehrt und gelernt, dass Unterdrückung, Unrecht und Gewalt keine Konflikte lösen, sondern diese verstärken. Es ist aber anzufragen, was diese Erziehung zur „Gewaltfreiheit“ leistet, wenn sie nach der Schulzeit, im „wirklichen Leben“ und gar in politischen Auseinandersetzungen, nicht mehr gelten soll? Wenn Gewaltfreiheit dann als „naiv“ angesehen wird, muss man sich fragen, was zuvor gelehrt wurde. Es ist auch zu fragen, ob nicht die „strukturelle und die kulturelle Gewalt“ stärker in den Blick genommen werden muss und religionspädagogisch bearbeitet werden sollte. Kann der „Dritte Weg Jesu“ in diesem Sinne eine Inspiration sein für die Religionspädagogik, auch in diesen Handlungsfeldern nach gewaltfreien Ansätzen zu suchen? Kann der „Dritte Weg Jesu“ neue Wege weisen bis in die großen politischen Fragen dieser Zeit hinein? Aus meiner Sicht haben nahezu alle aktuellen Kriege, spätestens nach der Ausrufung des so genannten „Kriegs gegen den Terror“ nach dem 11. September 2001, gezeigt, dass man Gewalt nicht mit Gewalt beseitigen kann, sondern diese nur neue hervorbringt. Der Irak, Syrien, Afghanistan, Libyen und der gesamte sogenannte „Krieg gegen den Terror“ sind gerade auf erschreckende Weise der Beleg dafür. Ist es nicht geradezu fahrlässig, weiterhin auf den Weg der Gewalt zu setzen, wenn er sich in der Praxis als unwirksam zeigt? Und dies trotz des ungeheuren Einsatzes von Leben, Intelligenz, Geld und Ressourcen. Ist dieser „Mythos der erlösenden Gewalt“ nicht doch zu überwinden? Können die Erkenntnisse und die guten Methoden der Konfliktbearbeitung im individuellen Bereich Wege aufzeigen, die Fragen der strukturellen und kulturellen Gewalt zu verstehen und zu bearbeiten? Es wäre eine lohnende Herausforderung, die Inspiration des „Dritten Weg Jesu“ in pädagogische Fragestellungen umzusetzen, die dem Umgang mit Gewalt im individuellen, wie im gesamtgesellschaftlichen und politischen Raum nachgehen. Es wäre ein wesentlicher und notwendiger Beitrag zu den Auseinandersetzungen in unserer Gesellschaft und der Welt. Es wäre ein konkreter Beitrag für die Kirche „Auf dem Weg des gerechten Frieden“.

„Der dritte Weg Jesu“ deutet an und ermutigt, dass ausgehend von einer „Grundhaltung der Gewaltfreiheit“ der direkte Dialog, die direkte Auseinandersetzung, ggf. verbunden mit einer kreativen gewaltfreien „paradoxen Intervention“, das probate Mittel der Konfliktbearbeitung sein kann. Dies gilt zunächst für die individuelle Ebene, aber auch für die großen Spannungen innerhalb der Gesellschaft in Deutschland und letztlich sogar für die internationalen Konflikte. Unrecht und Gewalt werden nicht hingenommen, sondern aktiv und gewaltfrei angegangen. Das „Opfer“ muss immer geschützt werden, aber vor allem befähigt werden, aus der „Opferrolle“ herauszufinden. Der „Täter“ oder die „Täterin“ muss konfrontiert werden, aber in einer Art, die ihn und sie als Mensch nicht abwertet, sondern Veränderung ermöglicht. Dies war die Kunst von Jesus und wäre die hohe Kunst der modernen Konfliktbearbeitung.

 

Anmerkungen

  1. Walter Wink: Verwandlung der Mächte. 2014
  2. Vgl. ebd., 77.
  3. Vgl. ebd., 27ff.
  4. Vgl. ebd., 48.
  5. Vgl. ebd., 49ff.
  6. Vgl. ebd., 53.
  7. Vgl. ebd., 62.
  8. Vgl. ebd., 63.
  9. Vgl. ebd., 151ff.
  10. Vgl. ebd., 61.
  11. Vgl. Pfeiffer u.a., 31ff und Zusammenfassung, 54.
  12. Vgl. Wink, 90ff.
  13. Mt 26,51ff.
  14. Vgl. Übersetzung Wink, 90.
  15. Vgl. Wink, 90.
  16. Vgl. ebd., 92ff.
  17. Zitiert nach Wink, 93.
  18. Vgl. zu den Gewaltbegriffen nach Johan Galtung die gute Zusammenfassung bei Günther Gugel, 51f. „Bei personaler Gewalt sind Opfer und Täter eindeutig identifizierbar und zuzuordnen. Strukturelle Gewalt produziert ebenfalls Opfer. Aber nicht Personen, sondern spezifische organisatorische und gesellschaftliche Strukturen und Lebensbedingungen sind hierfür verantwortlich. Mit kultureller Gewalt werden Ideologien, Überzeugungen, Überlieferungen, Legitimationssysteme beschrieben, mit deren Hilfe direkte oder strukturelle Gewalt ermöglicht und gerechtfertigt, d.h. legitimiert werden.“
  19. Vgl. Rö 12,20.
  20. Vgl. Wink, 99.
  21. Vgl. 2. Mose 22,24-26 und 5. Mose 24,10 -13.
  22. Vgl. Wink, 95.
  23. Vgl. ebd., 96.
  24. Vgl. ebd., 97.
  25. Vgl. ebd., 95.
     

Literatur

  • Wink, Walter: Verwandlung der Mächte. Eine Theologie der Gewaltfreiheit. Thomas Nauerth / Georg Steins (Hg.), Regensburg 2014
  • Pfeiffer, Christian / Baier, Dirk / Kliem, Sören: Gewalt in Deutschland. Schwerpunkte: Jugendliche und Flüchtlinge als Täter und Opfer, Zürich 2018
  • Gugel, Günther: Gewalt und Gewaltprävention. Grundfragen, Grundlagen, Ansätze und Handlungsfelder von Gewaltprävention und ihre Bedeutung für Entwicklungszusammenarbeit, Tübingen 2006