„Das Herz pocht und das ist Gott.“ – Theologische Gespräche in der Kindertagesstätte

von Angela Kunze-Beiküfner

 

Theologie von Kindergartenkindern

Lena (6): Der liebe Gott ist wie eine liebe Mutter, die früh ihre Kinder auf den Spielplatz zum Spielen schickt und am Abend ruft sie sie wieder rein.

Tina (4) singt: Ich bin so froh, Gott ist so lieb, meine Mama zieht mich groß. Alle, alle Menschen haben mich lieb. Alle freuen sich, wenn ich komme, weil ich so lieb bin. Meine Mama hat mir den Namen Tina gegeben. Alle freuen sich, wenn ich komme. Der Opa springt in die Luft. Gottes Liebe ist so groß!

Hagia (5): Ich habe alle Menschen lieb, auch die, die ich nicht kenne. Ich habe die Liebe Gottes in mir. Ich bin nämlich wie Gott – ich mache ja mit Gott mit. Gott hat das zu mir gesagt.

Johanna (5): In meinen Gedanken und Gefühlen kann ich Gott und die Engel sehen. (…) Das Gefühl ist richtig hell und gesund und fröhlich. Es ist wunderbar, wenn man es spürt. Die Erwachsenen können das nicht sehen, die sind zu beschäftigt mit andern Dingen, die spüren nicht ihre Gedanken. Die spüren auch nicht, dass Kinder viele Geheimnisse entdeckt haben. Alle Kinder können Gott und die Engel sehen.

Solche beeindruckenden Aussagen von Kindern (hier jeweils im familiären Kontext der christlichen Elternhäuser dokumentiert) sind kindertheologische Perlen1. – aber diese Perlen können ein kindertheologisches Ohr bei Erwachsenen öffnen und diese sensibilisieren für die Theologie von Kindern. Kinder haben ihre eigene Art des Wahrnehmens und Denkens. Diese “eigene Art” ist nicht als etwas anzusehen, was möglichst schnell überwunden oder gar unterdrückt werden soll. Kinder sind kompetente Ko-Konstrukteure ihrer Lebens- und Weltsicht. Gerade im Kindergartenalter eignen sie sich täglich neues Wissen an und verknüpfen dieses mit ihren schon vorhandenen Erfahrungen. Diese Denkleistung wird in der Entwicklungspsychologie auch als Herausbildung einer “intuitiven Theorie” bezeichnet:

“Im Alter zwischen vier und sechs Jahren erwerben Kinder in den unterschiedlichsten Situationen eine ungeheure Menge neuen Wissens. (…) Sicher scheint zu sein, dass die Kinder im Laufe der Kindergarten- und Vorschuljahre in den Bereichen Physik (unbelebte Welt), Psychologie (Innenwelt und Verhalten) und Biologie (lebendige Welt) immer differenziertere bereichsspezifische Annahmen ausbilden. Diese sind in sich weitgehend geschlossen, beziehen sich teilweise auch aufeinander und weisen – bei aller Naivität – durchaus theorieähnliche Charakteristika auf. Denn mit ihrer Hilfe können die Kinder die meisten Abläufe, Ereignisse und Phänomene, die in den genannten drei Dimensionen vorkommen, sich selbst und anderen auf einleuchtende Weise verständlich machen.”
(Kasten 2005, 153)

Auch im Bereich der Religion verfügen Kinder im Kindergartenalter schon über erhebliche Wissensbestände. Lilian Fried betont in ihrer Expertise über die Wissensbestände von Kindergartenkindern das schon bei Kleinkindern vorhandene Wissen, dass Vorhandenes nicht immer sichtbar ist (Objektpermanenz). Darauf aufbauend verfügen Kindergartenkinder nach Fried über folgende Wissensbestände im Bereich Religion:

  1. Sie unterscheiden zwischen Materiellem und Immateriellem. Daher haben sie bereits Zugang zum Spirituellen. Sie können reale Objekte von mentalen (spirituellen) Objekten unterscheiden. Sie haben Vorstellungen darüber, dass sich Dinge auf Grund von physikalischen oder metaphysischen Ursachen verändern können.
  2. Die Mehrheit der Vier- und Fünfjährigen glaubt an Magie, während Sechsjährige dies im Zusammenhang von realen Situationen mehrheitlich verneinen. Sechsjährige greifen auf das Magiekonzept nur zurück, wenn sich eine Ursache-Wirkung-Folge nicht anders erklären lässt.
  3. Sie haben vielfältige theologische Vorstellungen, in der Regel haben sie sich theologische Grundkonzepte z.B. zu “Gott”, “Engel” oder “Jenseits” angeeignet. Sie unterscheiden klar zwischen Gott und Mensch (z.B. haben die Eltern konkrete, Gott aber abstrakte Eigenschaften). Sie haben ein Grundwissen über elementare religiöse Schemata (zu Festen und Ritualen).
  4. Sie verfügen über moralische Vorstellungen und erkennen, wenn Normen verletzt werden. Sie unterscheiden auch zwischen verbindlichen und weniger verbindlichen moralischen Standards (Vgl. Fried 2005, 25).

 

Theologie mit Kindergartenkindern

Kinder im Kindergartenalter bilden religiöse Begriffe und Theorien auf der Basis ihres Wissens, ihrer Erfahrungen und Erlebnisse im aktiven Austausch mit Kindern und Erwachsenen. Dieser Aneignungs- und Reflexionsprozess wird durch das Theologisieren im Kindergarten gefördert.

Theologische Gespräche finden natürlich auch im häuslichen Rahmen statt, wenn die Familie offen dafür ist, oder unter Kindern, während sie miteinander spielen. Wir unterscheiden zwischen einem von Erwachsenen initiierten Theologisieren mit Kindergruppen, für die ein Setting vorbereitet wird, und einem spontanen, sich auf Initiative der Kinder entwickelnden theologischen Gespräch.

 

Theologische Gespräche oder Theologisieren?

Petra Freudenberger-Lötz hat den Begriff “Theologisieren” ersetzt durch den Begriff “Theologische Gespräche”, weil diese Bezeichnung deutlich(er) macht, “dass Kinder theologische Deutungen oft im Gespräch mit Mitschüler/innen und der Lehrkraft entwickeln sowie weitertreiben” (Freudenberger-Lötz 2007, 8). Im Elementarbereich hat sich die Bezeichnung “Theologisieren” durchgesetzt. Das hängt auch damit zusammen, dass im Elementarbereich das Philosophieren mit Kindern ein etablierter Begriff ist und in den Bildungsplänen für Kindertagesstätten “die beiden Begriffe synonym verwendet” werden (Rupp 2009, 170). Katharina Kammeyer weist zudem darauf hin, dass der Begriff

Theologisieren “als ein Kunstwort mitunter abwertend konnotiert” ist in dem Sinn, dass Kinder über Theologie und Religion reden, ohne etwas davon zu verstehen (Kammeyer 2011, 94). Im Kontext der Kindertheologie ist der Begriff aber positiv besetzt, und sowohl das “Theologisieren” als auch die Bezeichnung “Theologische Gespräche führen” stellt nach Kammeyer die “Prozessorientierung und Zieloffenheit gut heraus” (vgl. ebd.).

Grundsätzlich gilt, dass es beim Theologisieren nicht um schnelle Antworten auf Kinderfragen geht, sondern darum, dass sich Kinder und Erwachsene gemeinsam auf Antwortsuche begeben. Denn häufig handelt es sich bei den theologischen Themen um sogenannte unentscheidbare Fragen, die sich nicht eindeutig beantworten lassen. Folgendes Beispiel illustriert diesen Grundsatz:

Was ist das Zuhause für Gott?
Kai (3): Mama, was ist das? (zeigt auf einen Gegenstand)
Mutter: Das ist ein Brillenetui.
Kai: Warum?
Mutter: Da kommt die Brille hinein, wenn ich sie nicht trage. Das ist wie ein Zuhause für die Brille.
Kai: Und was ist das Zuhause für das Auto?
Marvin(5): Na, die Garage!
Kai: Und was ist das Zuhause für Gott?
Mutter: Das ist eine schwierige Frage, die kann ich dir so schnell gar nicht beantworten.
Marvin: Ich weiß es. Der Mensch!

 

Philosophieren oder Theologisieren?

Die Begriffe Theologisieren und Philosophieren werden häufig synonym verwendet. In dem Fachbuch für Kindergartenpädagogik “Religion macht Kinder kompetent” wird der Unterschied zwischen beiden folgendermaßen beschrieben:

“Neben den gemeinsamen Sachthemen (Natur, Tod, Freiheit) gibt es sehr wohl Unterschiede, die in der Forschung derzeit erarbeitet werden: Gott, Schöpfung, Erlösung, Zukunft und andere. Im Unterschied zur Philosophie, die kritisch immer wieder nachfragt, und vom Konkreten zum Allgemeinen führt (…) geht es im Glauben, in der Religion ganz wesentlich um Beziehungsfragen. (…) Nicht die allgemeine Frage “Wie stellst du dir Gott vor?” sondern “Wie ist denn dieser Gott zu dir, zu uns?” ist von Bedeutung”. (Peterseil 2008, 65).

In der konkreten Praxis beim Gruppengespräch im Kindergarten ist allerdings häufig eine Verschränkung von der abstrakten Reflexion eines Gottesverständnisses zu einer Reflexion der Gottesbeziehung zu beobachten – auch Kindergartenkinder, die nicht aus religiösen Familien kommen, denken bei der Frage, wer oder was Gott überhaupt ist, auch darüber nach, was dieser Gott mit ihnen zu tun hat und ob sie diesem Gott vertrauen können.

In einem evangelischen Kindergarten habe ich nach einer Kirchenerkundung erlebt, wie die Kinder unter der Moderation ihrer Erzieherin darüber diskutiert haben, ob Gott in der Kirche wohnt. Die Erzieherin hielt sich in diesem Gespräch mit inhaltlichen Impulsen völlig zurück, klärte aber die beiden Missverständnisse auf. Zehn der zwölf Vorschulkinder beteiligten sich am Gespräch, nur ein Kind stammt aus einer christlichen Familie. Zunächst wurden folgende Thesen vertreten: Gott wohnt in der Kirche (ein Kind), Gott wohnt im Himmel (drei Kinder – u.a. mit Begründung auf das im Kindergarten gebetete Vater unser), Gott wohnt in meinem Herzen (ein Kind mit Begründung, dass die Mutter das gesagt hätte), Gott ist der Pfarrer (Missverständnis von einem Kind, das einen Gottesdienst mit Abendmahl erlebt hat), es gibt hundert Götter (Missverständnis zur Erzählung der hundert Namen

Gottes) und ein Junge sagte “Gott sieht aus wie wir alle”. Drei Kinder versuchten dann eine Synthese zwischen dem Gott im Himmel und dem Gott im Herzen: Es gibt zwei Götter (dieses Kind vertrat vorher die These, Gott wohnt in der Kirche), Gott wohnt im Herzen und fliegt dann aus dem Mund in den Himmel (ein Kind), Gott im Himmel – so wird es im Kindergarten gesagt und “selber denke ich auch im Herzen” (ein Kind, dass vorher die These vertrat, es gibt hundert Götter bzw. Gott wohnt im Himmel).

Kinder begegnen dem Begriff Gott – auch im Kontext des Atheismus. Folgendes Beispiel stammt zwar aus der Sowjetunion, aber es könnte durchaus auch von einem Kind stammen, das einen christlichen Kindergarten besucht und aus einer nichtchristlichen Familie kommt:

Ein vierjähriges Mädchen mit einer gläubigen Großmutter und einem atheistischen Papa sagt zum Vater: “Gott gibt es, aber ich glaube natürlich nicht an ihn. (…) Und weiß Gott, dass wir nicht an ihn glauben?” (Tschukowski 1974, 31).

Im Kontext eines (christlichen) Kindergartens müssen die Kinder Rahmenbedingungen vorfinden und Anregungen erhalten, die es ihnen ermöglichen, ihre Fragen zu entwickeln, zum Ausdruck zu bringen und im Gespräch mit anderen Kindern und mit den Erwachsenen tragfähige Antworten zu suchen.

Max (5): Gott ist so eine Art wie Tiere. Meine Mama hat so ein Buch, von ganz vielen Tieren. Krebse und so.
Erzieherin: Du stellst dir vor, Gott ist wie ein Tier? Ihr kennt Menschen, ihr kennt Tiere, ihr kennt Gegenstände.
Lisa (5): Gott ist aber nicht so.
Maike (5): Er ist wie die Sonne.
Leon (5): Ich weiß was die Sonne ist, die ist wie ein Spiegel von Gott.

 

Theologie für Kindergartenkinder

Grundsätzlich richtig ist die kritische Feststellung, das Theologisieren im Sinne eines ausführlichen Gesprächs über Inhalte von Religionen und Glauben sei “(…) kein Ersatz für religiöse Erziehung” (Pemsel-Maier 3/2010, 213). Das will das Theologisieren auch nicht für sich beanspruchen. Aber eine Kindertheologie für Kindergartenkinder muss sich deutlich unterscheiden von einer bloßen Vermittlung von religiösen Praktiken und Inhalten. Es gibt aber noch relativ wenig didaktisches Material für eine Kindertheologie für Kinder im Kindergarten, welches dezidiert sowohl kindertheologischen als auch elementarpädagogischen Ansprüchen entspricht. Das Zusammenleben von Kindern und Erzieherinnen im Alltag des Kindergartens erfordert eine andere religionspädagogische Praxis als der Religionsunterricht in der Schule. Implizite Formen religionspädagogischer Arbeit und die Ermöglichung spiritueller Erfahrungen müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zu einer “eher kognitiv orientierten, expliziten Rede von Gott und dem Transzendenten” stehen (Habringer-Hagleitner 2006, 335). Ausgangspunkt für eine Theologie für Kinder sind die Fragen der Kinder, die z.B. in der Begegnung mit den Themen zu den Festen im Jahreskreis oder im Zusammenhang mit persönlichen Erfahrungen erwachsen.

In einem Gespräch mit Redakteurinnen und Redakteuren des Fachjournals “Unsere Kinder” betont Cornelia Wustmann:

 “Kinder haben Fragen an die Welt, bei denen wir sie begleiten sollten. Wir sollten auch als hochschuldidaktisches Prinzip einführen, diese Fragen im pädagogischen Handeln ernst zu nehmen, statt vorschnelle Antworten zu geben und auf allgemeine Angebote zu setzen. (…) Natürlich ist es verlockend, Angebote für alle Kinder gleich zu setzen. (…) Auf individuelle Fragen einzugehen, ist hingegen anstrengend und herausfordernd.” (Kneidinger 3/2010, 29)

Ein Ansatz, der derzeit nicht nur im Elementarbereich diskutiert wird, ist der Ansatz der “Religionssensiblen Erziehung”: Katrin Bederna (Wohnt Gott in der Kita, 2009) definiert die “Religionssensibilität” als eine “grundlegende und lernbare Empfindungsfähigkeit für Religion” (Bederna, Religionssensible Erziehung – Bedeutung für die Frühpädagogik 2009, 17). Die Autorin setzt sich im Zusammenhang mit der Religionssensiblen Erziehung auch mit dem Theologisieren auseinander und betont, dass für das Zusammenleben in der Kita “eigens gefragt werden muss, was Theologisieren hier bedeuten könnte” (Bederna, Weisheitliches Theologisieren mit Kindern 2009, 68), und zwar für das “Theologisieren mit allen Kindern, die sprechen können” und nicht nur für die Vorschulkinder (ebd. 69).

Bederna plädiert für eine weite Deutung von Kindertheologie: “Eine Einschränkung von Theologie und Kindertheologie auf die Auslegung einer bestimmten Glaubenstradition mag für den konfessionellen Religionsunterricht in der Grundschule passend sein. Für die Kita ist ein offeneres Verständnis nötig” (ebd. 73). Das Theologisieren mit Kindern im Kindergarten “ist nicht nur die vernünftige und erfahrungsbezogene Suche nach Antworten auf große religiöse Fragen im Gespräch zwischen Kindern und Erwachsenen. Weisheitliches Theologisieren mit Kindern ist auch die vernünftige und erfahrungsbezogene Suche nach Antworten auf Kinderfragen aller Arten und deren Öffnung auf Gott” (ebd. 77).

Theologie für Kinder heißt in diesem Rahmen, Impulse zu entwickeln, die auf die Erfahrungen der Fragen der Kinder bezogen sind, und anregungsreiches Material zur Verfügung zu stellen.

Bederna nennt als ein konkretes Beispiel das “Theologisieren im Atelier” als Ort der Kunst, der kreativen Gestaltung und Werkstatt. Im Atelier lenken nicht die Erwachsenen die Kreativität der Kinder, sondern die Kinder können sich selbst ein Bild machen mit den Materialien, die sie sich aussuchen. Sie sammeln, gestalten, verwerfen und konstruieren neu und denken und reden dabei mit anderen Kindern und mit Erwachsenen über das Gestaltete.

Eine andere Möglichkeit, “Theologie für Kindergartenkinder” einzubringen, ist das Packen von Morgenkreiskoffern, die gefüllt sind mit Materialien zu bestimmten Themen (z.B. Abschied und Trauer, Gott, Jesus, Kirchenjahr …). Diese Materialien müssen anknüpfen an die Alltagswelt der Kinder und den Kindern jederzeit frei zugänglich sein. Für Anregungen zur der Frage “Wer, wo oder wie Gott ist” hat sich z. B. ein “Gotteskoffer” mit 33 Symbolen, die auf Bibelworte beruhen und aus spielzeugartigem Material bestehen, in der Praxis als eine gute Möglichkeit erwiesen, mit Kindern über ihre Gotteskonzepte und Gottesbeziehungen ins Gespräch zu kommen und ihnen Anregungen zum Weiterdenken zu geben (Kunze-Beiküfner, Die Rede von Gott versinnbildlichen 2009/2).

 

Erzieher/innen im theologischen Gespräch

Noch wichtiger als alle äußeren Rahmenbedingungen ist aber die Haltung der Erzieherin oder des Erziehers: Geht sie oder er mit der Einstellung in das Gespräch, selbst schon alle Antworten zu kennen oder bringt sie oder er selbst eine Fragehaltung mit?

Ein Theologisieren mit Kindern ist nicht möglich ohne den Perspektivenwechsel ernst zu nehmen: Die Kinder werden als religiöse Subjekte anerkannt. Ihre Gedanken und Theorien werden, auch wenn sie befremdlich sind, ernst genommen, angehört und ins Gespräch gebracht.

“Sich mit kindlichem Denken und kindlicher Bildung zu beschäftigen, heißt für den Erwachsenen vor allem umdenken und sich wieder auf Vorgänge einlassen, die das Erwachsenwerden zuweilen verbogen und verborgen hat.” (Schäfer 2005, 298)

Auf die religiösen Theorien der Kinder hören und achtsam mit ihnen umgehen bedeutet allerdings nicht, dass sich die Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen die kindlichen Ansichten zu eigen machen sollen. Erzieherinnen und Erzieher müssen in der Lage sein, ihren religiösen Standpunkt ehrlich und authentisch zu vertreten. Im Kontext theologischer Gespräche ist es besonders wichtig, dass die begleitenden Erzieherinnen und Erzieher ihre eigene religiöse Haltung und (biografische) Prägung reflektieren und nicht absolut setzen. Es geht beim Theologisieren nicht um die Suche nach der richtigen Antwort, sondern um die Suche nach eigenen Antworten.

 

Wo wohnt Gott? – Ein Praxisbeispiel 2

Dass Kinder in unserem Kulturkreis auf die Frage “Wo wohnt Gott?” mehrheitlich mit “im Himmel” antworten (auch in einem Kindergarten auf dem Gebiet der ehemaligen DDR), dürfte niemanden verwundern. Eigentlich dürfte es auch nicht überraschen, dass es regelmäßig Kinder gibt, die dann schlussfolgern: “Gott ist tot. – Denn wenn die Toten in den Himmel kommen und Gott im Himmel ist, dann ist er auch tot.” Auch in der folgenden Kindergartengruppe (Evangelischer Kindergarten, 16 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren; Erzieherin absolviert ihre Religionspädagogische Qualifizierung und hat noch keine Erfahrung mit theologischen Gesprächen, nur zwei Kinder sind durch ihre Familien christlich sozialisiert) kam ein Junge gleich zu Beginn des Gesprächs zu der Schlussfolgerung: “Gott ist tot.” Das Gespräch wurde von der Erzieherin initiiert, weil die Kinder zwei Wochen zuvor vor dem Himmelfahrtstag die Erzählung von “Christi Himmelfahrt” aus einer Kinderbibel gehört hatten und danach viele Fragen gestellt haben.

Während des Gesprächs wechselt die Gesprächsleiterin immer wieder ihre Rolle:

Zu Beginn ist sie die Impulsgeberin. Sie greift die Antworten der Kinder auf, fragt nach Begründungen und wiederholt die Aussagen der Kinder, damit sie für alle zu verstehen sind3 .

L: Jetzt kommt die Frage! Jetzt will ich euch mal fragen, was ihr denkt, wo wohnt Gott? 4
– Im Himmel (viele Kinder laut und spontan)
L: Im Himmel! Noch eine andere Idee?
L: Die, die tot sind.
Lena: Und Jesus.
Felix: Engel.
L: Jesus wohnt auch im Himmel, und alle Engel.
Kevin: Und wie kommt er wieder runter?
Max: Wie kommt Jesus wieder raus?
L: Wie kommt Jesus wieder runter?
Justin: Keine Ahnung.
Julian: Mit ´ner langen Leiter.

An dieser Stelle versucht die Gesprächsleiterin nun, den Kindern verschiedene Kategorien für den Begriff “Himmel” anzubieten, indem sie zunächst die Kinder sammeln lässt, was es an Sichtbarem und Unsichtbarem im Himmel gibt.

L: Jetzt müssen wir unterscheiden, was im Himmel sein kann. Es gibt Sachen, die können wir sehen im Himmel:
Justin: Wolken.
Marie: Wolken.
Max: Sonne.
Sören: Sterne.
Felix: Weißkopfadler.
Kevin: Mond.
Lena: Flugzeuge.
L: Die können wir sehen. Und was können wir nicht sehen im Himmel?
Simon: Gott.
Julian: Und Jesus.
Felix: Engel.
Simon: Und die Gestorbenen.
L: Vielleicht gibt es ja zwei Himmel? Einen Himmel, wo man alles sieht und einen Himmel wo das ist, was man nicht sieht?
Jan: Wenn Wolken sind, kann man nicht die Sonne sehen.
L: Nachts kann man die Sonne auch nicht sehen. Ich will euch einmal ein kleines Lied vorsingen, das ist ein Rätsellied (singt):
Weißt du, wo der Himmel ist, außen oder innen? Eine Handbreit rechts und links, du bist mitten drinnen … Weißt du, wo der Himmel ist, nicht so hoch da oben. Sag doch ja zu dir und mir, du bist aufgehoben … 5

Die Schlussfolgerung der Gesprächsleiterin konnten die Kinder nicht nachvollziehen. Sie wurden zunehmend unruhig. Das Gespräch hatte bis dahin schon 20 Minuten gedauert, daher ist nun erst einmal ein Methodenwechsel angesagt. Wieder muss die Gesprächsleiterin die Rolle wechseln und klar die Leitung übernehmen: Spontan entscheidet sie, dass sie 15 Minuten im Kreis singen und spielen. Nacheinander kommen drei Kinder in die Kreismitte und machen die Augen zu, während die anderen um sie herum mit einem blauen Tuch ein Dach bilden und das Lied singen. Dann erfolgt ein neuer Impuls durch die Gesprächsleiterin.

L: Ich glaub, dass der Himmel nicht nur oben ist, sondern auch hier unten. Das ist ein anderer Himmel, der ist um uns, wo wir gerade sind. Für den Himmel gibt es auch etwas (zeigt ein großes rotes Filzherz) – Ein Herz! (mehrere)
L: Was will ich denn jemandem sagen, wenn ich so ein Herz schenke?
Sören: Dass man sich liebt.
L: Ich leg es in die Mitte, dann ist es für alle da. Wenn man von Gott redet, kann man sich immer so ein Herz vorstellen. Gott ist immer da, wo so ein Herz ist. Was meine ich damit? Wo ist denn dann Gott?
Felix: Hier.
Simon: Im Herz.
Marie: Hier.
Sören: Gott ist hier, neben uns, wenn ich das spüre.
L: Wie spürt sich das an?
Sören: Schulterzucken.
L: Kann man schlecht beschreiben?
Sören: Ja.
Felix (antwortet noch auf die Frage der Gesprächsleiterin “Was meine ich damit?): Dass Gott immer in unserem Herzen ist und uns zuguckt. Man weiß auch, dass er da ist, weil … wenn man da drauf fühlt (fasst sich auf das Herz)…
L: Gott ist im Himmel und in unserem Herzen, ganz weit oben und in uns drin.

Die Gesprächsleiterin ist etwas zu schnell für die Kinder. Einige Kinder antworten trotz der zusammenfassenden Feststellung noch auf die Frage zum Herzen “Was meine ich damit?”

Kevin: Dass Gott uns Liebe schenkt.
Lena: Dass Gott uns sehr, sehr mag.
Julian: Dass er uns beschützt.
Felix: Darf ich jetzt was sagen?
L: Jetzt ist Felix dran.
Felix: Das Herz pocht und das ist Gott.

Felix hat die Hand über seinem Herzen liegen und einige Kinder machen es ihm nach. Die Gesprächsleiterin nimmt diesen Impuls von Felix auf und ermutigt alle Kinder, ihre Hand auf die Herzgegend zu legen und das Herz spüren. Es tritt völlige Stille ein. Eine bewegende Stimmung entsteht, ein Gefühl großer Verbundenheit.

L (ganz leise): Das ist Gott, sagt Felix. In unserem Herzen.
Kevin: Gott hat uns lieb und ist bei uns, weil er uns lieb hat und uns mag.
L: Das ist ein ganz schönes Schlusswort für unsere Runde. Will noch ein Kind was sagen?
Ich (mehrere).
L: Drei Kinder dürfen noch was sagen.
Lena: Mein Hamster ist gestorben. Der ist jetzt im Himmel.
Alma: Omi und Opi sind zu Hause und Mama arbeitet.
L: Du kannst die nicht sehen, aber du weißt, die sind da.
Felix: Dass Gott uns lieb hat.
L: Gott hat uns lieb. Das ist doch ein schönes Schlusswort.

 

Das Gespräch zu einem (vorläufigen) Ende bringen

Theologische Gespräche im Kindergarten dürfen die Kinder nicht über-, aber auch nicht unterfordern. Die Konzentrationsfähigkeit der Kinder ist unterschiedlich, aber häufig halten sie wesentlich länger durch, als ihnen zugetraut wird. Die Faustregel von “zwanzig Minuten – länger schaffen sie es nicht” entspricht nicht meinen Praxiserfahrungen; Gesprächsrunden im Kindergarten können durchaus auch 60 Minuten dauern. Häufig stagniert das Theologisieren zwischendurch einmal oder die Kinder werden unruhig, aber eine ganzheitlich-sinnes-orientierte Gestaltung der theologischen Gespräche (gestaltete Mitte, integrierte Bewegungsmöglichkeiten, miteinander singen, individuelle Gestaltungsoptionen, der Einsatz von Materialkoffern etc.) hilft den Kindern, sich auch nach einer ersten Erschöpfung noch einmal zu konzentrieren. Gerade nach der Überwindung eines solchen Tiefpunkts überdenken viele Kinder noch einmal ihre Hypothese und kommen zu beeindruckenden Ergebnissen. Für die begleitenden Erzieherinnen bedeutet das, auch Denkpausen der Kinder gut aushalten zu können und methodisch sensibel auf die Bedürfnisse der Kinder zu reagieren. Das Ende eines Gesprächs zu unbeantwortbaren Fragen kann auch immer nur mit einem vorläufigen Ergebnis zusammengefasst werden. Im Kindergarten habe ich mit der Ermutigung zu einem Schlusswort an die Kinder gute Erfahrungen gemacht, manchmal bricht das Gespräch aber auch einfach ab und wir beenden die Runde mit einem vertrauten Abschlusslied – und der Aussicht, auf eine nächste Gesprächsrunde zum gegebenen Zeitpunkt und Anlass.

 

Anmerkungen

  1. Die Perlen-Metapher hat Mirjam Zimmermann in ihrem Vortrag in Loccum zur Tagung "Netzwerk Kindertheologie" am 11.9. 2012 kritisch in die Diskussion eingebracht.
  2. Vgl.: Angela Kunze-Beiküfner: Wo ist das Zuhause für Gott? In: Das Wort, hrsg. v. E. Schwarz u.a., Jg 64 Nr. 4/2010, S. 10-15.
  3. Das Gespräch wurde von einem Gast mit einer Kamera gefilmt und im Anschluss transkribiert.
  4. Günstiger wäre an dieser Stelle, „Wo ist Gott?“ zu fragen, um die Frage offener zu halten.
  5. T.: W. Willms, M.: L.Edelkštter, In.: Das Kindergesangbuch, München 7. Aufl. 2004, S. 122

 

Literatur

  • Bederna, K.: Religionssensible Erziehung – Bedeutung für die Frühpädagogik. In: König, H. /Bederna, K. (Hg.): Wohnt Gott in der Kita? Religionssensible Erziehung in Kindertagesstätten, Düsseldorf 2009, 13-28.
  • dies.: Weisheitliches Theologisieren mit Kindern. In: König, H. /Bederna, K. (Hg.): Wohnt Gott in der Kita? Religionssensible Erziehung in Kindertagesstätten, Düsseldorf 2009, 68-81.
  • Freudenberger-Lötz, P.: Theologische Gespräche mit Kindern. Stuttgart, 2007.
  • Fried, L.: Wissen als wesentliche Konstituente der Lerndisposition junger Kinder. Auf: http://www.dj.de/bibs/320_5488_Fried.pdf, abgerufen am 15.1.2010, Expertise im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts, 2005.
  • Habringer-Hagleitner, S.: Zusammenleben im Kindergarten. Modelle religionspädagogischer Praxis. Stuttgart 2006.
  • Kammeyer, K.: Theologisieren mit Kindern – neues Reden von Gott und den alten Überlieferungen. In: O. Hidalgo et. al (Hg.): Gedanken teilen. Philosophieren in Schulen und Kindertagesstätten, von Berlin 2011, 94-113.
  • Kasten, H.: 4-6 Jahre, Entwicklungspsychologische Grundlagen. Weinheim/Basel, 2005
  • Kneidinger, L./ Kranzl-Greinecker, M.: Forschung über Kinder umfasst auch Forschung mit Kindern. Unsere Kinder, 3/2010, 28-31.
  • Kunze-Beiküfner, A.: Was ist Kindertheologie? In: Religionspädagogische Praxis. Kindertheologie im Elementarbereich, 2009/2, 3-7.
  • dies.: Die Rede von Gott versinnbildlichen. In: Religionspädagogische Praxis, 2009/2, 35-53.
  • Pemsel-Maier, S.: Theologie für Kinder? In: Katechetische Blätter, 3/2010, 213-219.
  • Peterseil, J./ Stadlbauer, U./ Habringer-Hagleitner, S.: Religion macht Kinder kompetent. Linz 2008.
  • Rupp, H.: Auf der Suche nach dem Unterschied – Theologisieren und Philosophieren im Vergleich. In: A.A. Bucher et.al. (Hg.): “In den Himmel kommen nur, die sich auch verstehen”. Wie Kinder über religiöse Differenz denken und sprechen. Jahrbuch für Kindertheologie, Stuttgart 2009, 170-181.
  • Schäfer, G.E.: Bildungsprozesse im Kindesalter. Selbstbildung, Erfahrung und Lernen in der frühen Kindheit. Weinheim/ München 2005.
  • Tschukowski, K.: Kinder von 2 bis 5. Leipzig 1974.

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2012

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Angela Kunze-Beiküfner ist Pfarrerin und Dozentin des Pädagogisch-Theologisches Institut der Ev. Kirche in Mitteldeutschland und der Ev. Landeskirche Anhalts mit dem Arbeitsschwerpunkt Gemeindepädagogik im Elementarbereich.