Gesehen: Bridgerton. Schein und Sein.

von Kerstin Hochartz

 

Geneigte Leserschaft!“ – mit diesen Worten wendet sich die Klatschkolumnistin Lady Whistledown zunächst anonym, seit der letzten Staffel der Serie „Bridgerton“ aber enttarnt, an die Mitglieder einer fiktionalen Gesellschaft Anfang des 19. Jahrhunderts im England des sogenannten Regency-Zeitalters, um Klatsch und Tratsch in der feinen Gesellschaft zu verbreiten. Oberflächlich betrachtet geht es in der Serie Bridgerton, deren vierte Staffel im Januar 2026 auf einem der weltweit größten Streamingdienste veröffentlicht wurde, wie zu erwarten um die Suche nach der wahren großen Liebe, um familiäre Pflichten und um die Wahrung des gesellschaftlichen Rufs rund um die Familie Bridgerton. Doch hinter dieser Fassade werden ganz andere Werte offengelegt. Dies geschieht nicht nur auf der inhaltlichen Ebene, sondern auch unterschwellig durch die cineastischen Mittel, mit denen die US-amerikanische Drehbuchautorin und Produzentin Shonda Rimes arbeitet, deren Produktionen „Greys Anatomy“, „The residence“ oder „How to get away with murder“ ebenfalls von hoher Qualität sind.

Ins Auge fällt beim ersten Sehen der Serie sofort die luxuriöse, farbenprächtige Ausstattung der Szenen. Hier gilt: Mehr ist mehr. Die Kleidung wirkt historisch, betört aber vor allem durch ihre Farbenpracht und überbordende Phantasie bis hin zu den opulenten Frisuren. Die geneigte Zuschauerin meint, während der großen Bälle, die als Heiratsmarkt fungieren, Musik der Romantik zu vernehmen, stellt beim genaueren Hinhören aber fest, dass hier Interpretationen aktueller Songs von Taylor Swift oder Coldplay gespielt werden. Durch die ethnisch vielfältige Besetzung der Charaktere über alle Gesellschaftsschichten hinweg , das sogenannte „Colorblind Casting“, wird eine Gleichberechtigung gezeigt, die es in der gehobenen Gesellschaft Anfang des 19. Jahrhunderts in England so nicht gegeben hat und weitestgehend auch in unserer Gesellschaft heute noch nicht gibt. Ausstattung und Musik irritieren auf diese Weise den Zuschauenden und zwingen ihn, Seh- und Hörgewohnheiten zu hinterfragen. Im Blick auf die derart inszenierten Inhalte rückt die Serie Bridgerton zeitgemäße Werte in den Vordergrund und spielt sie mit einer großen Leichtigkeit in eine scheinbar historische Szenerie und Gegebenheit ein. Es geht um Liebe zwischen interethnischen Paaren, um Frauen jenseits des gängigen Schönheitsideals, um Homosexualität, um loyale Freundschaften, um Menschen mit körperlichen Einschränkungen, um Neurodivergenz. Es geht um Emanzipation und einen weiblichen Blick auf Sexualität. 

In der Serie Bridgerton wird eine bunte, nicht-rassistische Welt erschaffen, die die festgefahrenen Werte der geneigten Zuschauerschaft zumindest irritiert, wenn nicht gar in Frage stellt. Es lohnt sich, sich darauf einzulassen.