ZEIT – Die Eile hat der Teufel erfunden

von Marianne Gronemeyer

Wie fange ich es an, einen Grundsatzartikel zum Thema „Zeit“ zu schreiben und zwar mit 15.000 Anschlägen? Denn das war die Anfrage an mich, und ich habe – wenn auch nach gründlichem Zögern – zugesagt. Der einschlägige Artikel im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ umfasst 76 prall gefüllte Spalten, und ich muss mir während der Lektüre eingestehen, dass meine bescheidene philosophische Bildung ihm kaum gewachsen ist, wenn er mir auch „von Insel des Verstehens zu Insel des Verstehens“ (Jean Baudrillard) inspirierende und erhellende Lichtblicke beschert. Ich entschließe mich also, mich der Zeit sehr selektiv und sehr subjektiv auf verschiedenen Wegen zu nähern mit Fragen, die mir als Wanderkarte dienen sollen: Was ist Zeit? Was ist das für eine Zeit …? Was ist an der Zeit? Warum habe ich keine Zeit? Wie spät ist es?


Was ist Zeit?

Auf diese Frage hat der Kirchenvater Augustin in dem berühmten 11. Buch seiner „Bekenntnisse“ die erschöpfende Antwort gegeben: „Was ist also ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich einem Fragenden es erklären, weiß ich es nicht. Aber zuversichtlich behaupte ich zu wissen, daß es vergangene Zeit nicht gäbe, wenn nichts verginge, und nicht künftige Zeit, wenn nichts herankäme, und nicht gegenwärtige Zeit, wenn nichts seiend wäre.“1  Geradezu beschwörend beruft sich der Autor angesichts der nicht erfahrbaren Zeit auf die erfahrbare Wirklichkeit. Er weicht also der Auskunft, was die Zeit sei, aus und verweist die Leser an die drei Daseinsformen der Zeit, deren Vorhandensein niemand in Frage stellen würde, nämlich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber dann kommt er zu einem verblüffenden Schluss: Weder von der Vergangenheit noch von der Gegenwart oder der Zukunft könne man sagen, sie seien. Denn die Vergangenheit sei nicht mehr, die Zukunft sei noch nicht, und die Gegenwart sei ja, genau betrachtet, immer nur der Umschlagpunkt von der Zukunft in die Vergangenheit; sie habe keine Ausdehnung, sei folglich auch nicht. Er schlägt also vor zu sagen: „Zeiten sind drei: … und zwar ist da Gegenwart von Vergangenem, nämlich Erinnerung; Gegenwart von Gegenwärtigem, nämlich Augenschein; Gegenwart von Künftigem, nämlich Erwartung.“ Und er fügt hinzu: „Denn es sind diese Zeiten als eine Art Dreiheit in der Seele, und anderswo sehe ich sie nicht.2  Diese Aussage ist – insbesondere für moderne Leser*innen – ein Paukenschlag mit weit reichendem Nachhall. Zeit ist also nicht etwas, das wir uns nach bewährter Manier als ein zu behandelndes, auszunutzendes und zu beherrschendes, unseren Absichten gefügiges Objekt vorstellen können; die einzige Art, wie sie sich von uns erfahren lässt, besteht darin, dass wir ihr Herberge in unserer Seele geben und gute Gastgeber sind. Was für ein Ansinnen an eine vorwärtsstürmende Gesellschaft, dass sie in ihrem Erinnern der Vergangenheit die Ehre geben soll. Welch eine Zumutung für eine überstürzte Gesellschaft, die die Zukunft für sich reklamiert und das Morgen schon heute verwirklicht sehen will, dass sie deren Kommen erwarten soll; und was für eine Provokation, von einer Generation, die sich am digitalen Abklatsch von Wirklichkeit berauscht, zu verlangen, dass sie die Gegenwart durch Anschauung und Kontemplation würdigen und ihr das Ihre geben soll.
Wir müssen uns nur einen Augenblick daran erinnern, was alles homo faber glaubt, sich der Zeit gegenüber herausnehmen zu können und wie er mit ihr umzuspringen gedenkt. Er will sie gewinnen, sparen, auf Trab bringen, sich nehmen, sie haben, sie nicht verschwenden, sie messen, vertrödeln, sich vertreiben, sie verzögern, sie herausschinden und sie schließlich sogar totschlagen, wenn sie ihm lästig ist. Aber all das ist pure Illusion. Nichts von alledem lässt die Zeit mit sich machen. Wir haben die Zeit nicht wie andere Dinge vor unseren Augen und Ohren. Sie entzieht sich unserem Zugriff. Wir sind in ihr. Das Einzige, was uns zu tun bleibt, ist, uns in ihr zu bewegen, schnell oder langsam, abwartend oder gehetzt, hinkend, stolpernd oder tanzend. Wir wissen nicht einmal, ob sie vergeht; wir wissen nur, dass wir in ihr vergehen, dass diejenigen, die vor uns waren, vergangen sind und das „Zeitliche gesegnet“ haben und dass die, die nach uns kommen, in einer anderen Zeit leben werden, von der wir Heutigen ausgeschlossen sein werden.


Was ist das für eine Zeit, in der wir leben?

Ganz anders, wenn wir fragen: Was ist das für eine Zeit, in der wir leben? Dann geht es nicht mehr darum, das Geheimnis der Zeit selbst zu lüften, sondern darum, sich einen Reim darauf zu machen, was sich in ihr abspielt. Durch was erhält die Epoche, in der wir uns vorfinden, ihr Gepräge? Was sind ihre vorherrschenden Eigenheiten, wodurch zeichnet sie sich anderen Epochen gegenüber aus? Aber wer ist das Wir, in das ich mich eingemeinde, wenn ich so frage? Aus wessen Perspektive wird diese Frage gestellt? Trotz Globalisierungstendenz und Welteinheitskultur wird die Antwort von Kontinent zu Kontinent, von Schicksalsgemeinschaft zu Schicksalsgemeinschaft und von Generation zu Generation – schließlich sogar von Person zu Person – bis zur Unverträglichkeit differieren.

Zwischenbemerkung: Als Menschheitsanliegen ist diese Frage nach dem Wesen einer Epoche erst im 20. Jahrhundert durch die beiden Weltkriege virulent, obwohl sich sogar aus diesem Weltgeschehen noch ganze Weltareale weitgehend heraushalten konnten. Der Kulturphilosoph Günther Anders terminiert die Entstehung einer weltweiten Schicksalsgemeinschaft auf den Tag genau: Es ist der 6. August 1945, der Tag des Abwurfs der ersten Atombombe über Hiroshima. Dies ist, Anders zufolge, ein planetarisches Ereignis, das die Menschheit in dem Schicksal zusammenschweißt, nicht mehr in einer Geschichte der wechselnden Epochen zu leben, sondern in einer verbleibenden Frist des Gerade-Noch-Seins. Und die menschheitliche Aufgabe bestehe darin, die Frist zu verlängern.3 

Von welchem Standort aus beschreibe ich die Beschaffenheit unserer Zeit? Ich möchte als Zeitzeugin gehört werden, nicht als kühl-distanzierte Analytikerin und nicht als Zuschauerin. Den Zuschauer beschreibt der Schweizer Theologe und Schriftsteller Kurt Marti so: „Weich gepolstert sei der Sitz, wo ich bequem in den Wonnen des Zuschauens, des behaglichen Voyeurismus schwelgen kann! … mich entspannend, mich zerstreuend nach dem Streß des Wie-alle-Tage-Tages … Handlung, Spannung, Ablenkung für uns Gehandelte, Gespannte, Gelenkte!“4
Wenn ich als Zeitzeugin spreche, bin ich interessiert, und das heißt: Ich bin mittendrin im Geschehen, denn das ist die wörtliche Bedeutung von „inter-esse“5 . Das ist ein Nachteil, denn in dieser Position kann ich mir keinen Überblick verschaffen. Was meine Sinne mir zutragen, was ich zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen und zu ertasten bekomme, ist nur ein kleiner Ausschnitt des allgemeinen In-der-Zeit-Gewusels. Meine Urteilsfähigkeit hält sich in Grenzen, ist immer nur Vor-Urteil. Nun habe ich als Zeitzeugin zwei Möglichkeiten: Ich kann diese mir gesetzten Grenzen ignorieren und mich zu der Illusion verführen lassen, ich hätte das Ganze gesehen, wüsste also Bescheid über die Zeit, in der ich mich vorfinde. Das führt schnurstracks in die Rechthaberei. Oder ich kann mir der Begrenztheit meines Standpunktes hell bewusst sein. Dann kann sich der Nachteil meiner Subjektivität in einen großen Vorteil verwandeln, denn sie macht mich angewiesen auf das Gespräch mit anderen Subjekten, die ihrerseits nur eine eingeschränkte Erfahrung vom Ganzen des Geschehens haben. Der Modus solchen Gesprächs wäre die Erzählung, nicht das Argument und nicht die mit Zahlen und Statistiken bewaffneten Behauptungen. Sein Antrieb könnte die Neugier sein und sein erstes Ergebnis das Erstaunen. So entstehen öffentliche Debatten, die sich an so etwas wie einen Gemeinsinn, über das, was unsere gemeinsame Lage ausmacht, herantasten. Dieses Gespräch darf nicht aufhören, es ist nie fertig. Einhelligkeit, Konsens über das, was für unsere Art, in der Zeit zu sein, im guten wie im schlechten Sinn, charakteristisch ist, kann es und darf es nicht geben. Denn jedes Einzelwesen und jedes Kollektiv hat eine unverwechselbare Geschichte darin. Erst der Zusammenklang verschiedener Lesarten und Erfahrungen – inklusive der Dissonanzen – lässt etwas von ihrer Fülle und damit auch von ihren unzähligen Möglichkeiten aufscheinen und schützt uns vor Fanatismus, Starrsinn, Spaltung und Ausweglosigkeit.
Die Zeitspanne, von der ich Zeugnis ablege, umfasst ungefähr 80 Jahre. Sie beginnt mit meinen frühesten sehr vitalen Kindheitserinnerungen, und die reichen zurück bis in die letzten beiden Kriegsjahre des Zweiten Weltkrieges. Und der Ereignisraum, dem mein Weltbild entstammt, ist Mitteleuropa mit Ausblicken auf andere Weltregionen, die ich reisend er-fahren,6  und auf andere Epochen, die ich lesend imaginiert habe.
Jede Epoche und jede Generation hat den Drang, sich irgendwie namhaft zu machen, sich auf den Begriff zu bringen. In meine Lebenszeit fallen Namensgebungen wie „Nachkriegszeit“, „skeptische Generation“, „Wirtschaftswunderzeit“, „68er-Generation“, „Konsum-, Arbeits- und Freizeitgesellschaft“, „Spätkapitalismus“, „Industrie- und Informationsgesellschaft“, „digitales Zeitalter“, „Neoliberalismus“ und manches mehr. Gerade war „Corona-Zeit“: Wir glauben sie glücklich überwunden zu haben und sind damit die lästige Beunruhigung über ihre schwerwiegenden Folgen los. Und nur hinter vorgehaltener Hand wird die Frage aufgeworfen, ob wir uns inzwischen wieder in einer „Vorkriegszeit“ befinden. Ich selbst habe mich in den 1990er-Jahren entschlossen, von einer todverleugnenden Gesellschaft zu sprechen.7  Und das halte ich immer noch für stichhaltig. Jeder dieser Namen ist einerseits der Versuch der Beschreibung einer abgesteckten Zeitspanne und deutet andererseits auf eine Norm, die die einen in der gesellschaftlichen Praxis sträflich vernachlässigt und die anderen sträflich übererfüllt sehen. Auffällig ist, dass die Geltungsdauer dieser Namen immer kürzer wird. Aus Epochen werden Perioden und aus Perioden Episoden. Und wir definierten und verzweckten Zeitgenossen jagen mit hängender Zunge dem schnellen Wechsel hinterher, um unserer Bestimmung nachzukommen. Ivan Illich, der große Kulturkritiker der westlichen Moderne, hat als Historiker deren Entwicklungsgeschichte über Jahrhunderte verfolgt und nennt das, was sie als ihre Kulturleistung hervorgebracht hat, das „technogene Milieu“. Das technogene Milieu entstand aus der – alle anderen Absichten dominierenden – Zwecksetzung, eine zweite, menschengemachte Natur an die Stelle der zu überwindenden Ersten Natur zu setzen. Die Zweite Natur werde – so die Verheißung – der ersten in jeder Hinsicht überlegen sein. In ihr sollte es schließlich nichts mehr geben, was nicht von menschlicher Ingenieurskunst veranlasst ist, nicht einmal Geburt und Tod. Das technogene Milieu hat Implikationen, die weit über die Faszination der Moderne durch alles Maschinelle hinausgehen. Es strebt nicht nur danach, alles Seiende nach den Prinzipien des maschinellen Funktionierens umzurüsten. Illich stellt fest, dass auch unsere Sinneswahrnehmungen längst technogen sind, angepasst an die Erfordernisse der technischen Maschinerie. Dies sei nicht ein bedauernswerter Kollateralschaden, den die Technisierung aller Verhältnisse mit sich bringt, sondern deren planmäßig hergestellte Voraussetzung. Wir sind unserer Sinne nicht mehr mächtig, sie gehören uns nicht mehr. Das technogene Milieu hat sie in seinen Dienst gestellt.
Was sind aber die Triebkräfte dieses vermessenen Versuchs, die vorgefundene Welt durch eine besser gemachte abzulösen? Der Urmakel, gegen den „homo industrialis“ rebelliert, ist die kurze Verweildauer, die uns Menschen hienieden beschieden ist. Er will das ungeheure Missverhältnis zwischen seiner kläglichen bisschen Lebenszeit und dem Überangebot an Weltmöglichkeiten, an dem er als befristetes Lebewesen nur häppchenweise teilhat, nicht anerkennen. Er will seine Vertreibung aus dem Paradies in die Misere der Plackerei und des chronischen Zeitmangels („im Schweiße Deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist“) rückgängig machen und sich – gleichsam durch die Hintertür – wieder Zutritt zu dem paradiesischen Ort der Zeitfülle verschaffen. So wird „Zeitgewinn“ zu seiner Passion, „zum Antrieb des technischen Willens“ schlechthin. Überall späht er aus nach Möglichkeiten, Zeit zu sparen. Er setzt seinen Ingenieursverstand auf immer raffiniertere zeitsparende Apparaturen an, die er zwischen sich und die Welt schanzt, um mit Maschinenhilfe zu erlangen, was er aus eigener Kraft nicht zustande bringen kann: Zeit. Durch „Techniken und Kunstgriffe“ der Selbst- und Weltbeschleunigung sucht er „Zeit zu gewinnen, um mehr von der Welt zu haben“.8  Und wenn auch einstweilen eine technisch hergestellte Unsterblichkeit ein unerfüllbarer Traum ist, so hofft er doch, durch weitere Beschleunigung seinen Lebenshunger zu stillen, die quälende Angst, das Meiste, das Wichtigste und das Beste zu versäumen im Zaume halten zu können und eines Tages alt und weltsatt auszuscheiden aus dem Lebenstumult. Aber die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht. „Es wurde alles rascher, damit mehr Zeit ist. Es ist immer weniger Zeit“, stellt Elias Canetti lakonisch fest.9  Und Blumenberg pflichtet ihm bei: „Jede Einlassung auf Mittelbarkeit zur Welt ist ein Kompromiß, der den Verzicht auf die volle Intensität der Erfahrung verbindet mit dem (vermeintlichen) Gewinn an Zeit …“.10  Dabei scheint das Kalkül so plausibel: Das Leben wird in gute und schlechte Zeit zweigeteilt mit der Maßgabe, die gute Zeit zu vermehren und die schlechte den Maschinen aufzubürden. In immer mehr unliebsamen Tätigkeiten lassen wir modernen Menschen uns vom Maschinenpark vertreten in der Hoffnung, eines Tages werde das ganze Leben ein langer Sonntag sein. Aber was Max Horkheimer im Umgang der Menschen untereinander als Kriterium der Macht ansah, dass nämlich die einen sich durch die anderen bei lästigen, zeitraubenden und mühsamen Tätigkeiten vertreten lassen können, verkehrt sich heute im Umgang von Mensch und Maschine in sein Gegenteil. Wir glauben, uns vom Apparat bedienen zu lassen, aber er saugt uns in sich ein und macht uns als menschliche Funktionspartikel zu einem Teil seiner selbst mit dem geheimen Ziel, den trödelnden Störfaktor Mensch erst als austauschbares Ersatzteil fungieren zu lassen und ihn schließlich gänzlich entbehrlich zu machen. Das technogene Milieu ist um seines reibungslosen Funktionierens willen unduldsam gegen alles, was nicht aus seinem Geist ist. Es duldet keine anderen Götter neben sich. Jede Verlangsamung ist intolerabel.
Alles, was dauert. Weg damit! Alles Erinnern und Bedenken, alles Anschauen und Betrachten, und alles Zuwarten und Erwarten – reine Zeitverschwendung! Aber: Wenn ich mich nicht erinnere, wenn ich Vergangenes nicht mehr in meiner Seele aufbewahre, sondern unendlich scheinenden Speicherkapazitäten überlasse, aus denen ich sie auf Knopfdruck abrufen kann, dann beraube ich mich der Fähigkeit, dankbar zu sein, für das, was mir zufiel, zu trauern, um das, was ich verlor, und zu bereuen, was ich versäumt habe, denn Dankbarkeit, Trauer und Reue sind nun einmal Seelenregungen.
Wenn ich mich nicht mehr in die Anschauung dessen, was mir begegnet, versenke mit wachen Sinnen, klopfendem Herzen und scharfem Verstand, dann verliere ich die Fähigkeit, Sein und Schein, Realität und Virtualität, zu unterscheiden und mich staunend verunsichern zu lassen. Dann wird der Verstand träge, das Herz fühllos und die Sinne werden zu Konsumenten, die sich beliefern, will sagen: täuschen, lassen.
Wenn ich auf nichts mehr warte, das unbekannt, aber doch erahnt, auf mich zukommt, dann verliere ich meine Fähigkeit, mich zu gedulden, mich überraschen zu lassen, etwas zu erhoffen und mich zu fürchten.
Was bleibt von der Zeit, wenn wir sie den Zeitgewinnlern überlassen? Eine monströse Beschleunigungsmaschinerie, die mit immer kleineren Zeiteinheiten operiert. Leistungssportler können mit einem Vorsprung von Hundertstel Sekunden ihre Konkurrenten niederringen, während die Zuschauer nicht auf das Ereignis, sondern auf die Anzeigentafeln starren. Atomphysiker erfassen (sic!) die kleinste jemals gemessene Zeitspanne als ein Millionstel einer Milliardstel Sekunde. Und uns Medienkonsumenten wird vorgegaukelt, dass wir in Echtzeit und gleichzeitig, nach Belieben überall auf der Welt dabei sein können. Wer Zeit gewinnen will, kann nicht in der Zeit sein. Er oder sie oder wir alle stehen in der Gefahr, aus der Zeit zu fallen. Die Eile hat der Teufel erfunden, sagt ein türkisches Sprichwort. Und es ist Mephisto, der dem tölpelhaften Schüler rät: „Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen, doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.“ Und wir modernen Menschen plappern ihm nach: „doch Technik lehrt euch…“

Eine ganz andere Möglichkeit eröffnet eine mir auf den verschlungenen Wegen der mündlichen Tradition zu Ohren gekommene Episode zwischen einem reisenden Europäer und einem Tanzanier:
Der Europäer teilt seinem tanzanischen Freund seine Irritation über dessen Landsleute mit, die, wo immer er sie angetroffen habe, ihre Tage mit Dösen, Warten und Plappern, Schweigen und Gähnen, kurzum: untätig zubrächten; damit sei aber Fortschritt nun einmal nicht zu erreichen. Und dann entspinnt sich folgendes Gespräch:
»„Du hast den Eindruck, unsere Leute sind faul, nicht wahr?“, fragte er kurz dagegen.
Ich verhehlte nicht, dass meine Gedanken zumindest in diese Richtung gingen.
„Was ich jetzt sage“ fuhr er fort, „wirst Du kaum verstehen: Die Leute sitzen da und machen Zeit. Das alte Afrika kennt auch in seinen Sprachen keine Form der Zukunft Wir haben keine Zeit, also können wir auch nicht über sie verfügen, können nicht planen und uns nicht festlegen. Alle Zeit ist ein Geschenk. Sie muss erst entstehen, wir können sie nur erwarten.“
„Und wodurch entsteht Zeit?“, fragte ich.
„Durch Regen“, sagte er, „oder durch die Geburt eines Kindes, durch Krankheit – durch Hochzeit – durch eine Begegnung, durch Tanz, durch ein Gespräch oder ein Fest. Dann ist die Zeit geboren und wir können in ihr leben. Dann rechnen wir auch nicht wie Europäer die Zeit nach Tagen und Jahren, sondern nach Erlebnissen und Ereignissen, mehr noch: Wir rechnen nicht, sondern erfahren. Dadurch bekommt unser Leben seinen Sinn und seine Hoffnung.“
„Ich will darüber nachdenken“, warf ich ein.
„Das ist schon der erste Fehler, meinte mein Freund. Du musst dich öffnen für das, was auf dich zukommt.“
Mir fiel damals auf, dass alle keine Armbanduhren hatten …«11


Anmerkungen

  1. Augustinus, Bekenntnisse, 629.
  2. A.a.O., 641 und 643 (Hervorhebung M.G.).
  3. Vgl. Lohmann, Günther Anders.
  4. Marti, Zärtlichkeit und Schmerz, 25.
  5. Kleines Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch, hg. v. Dr. Georges, Leipzig 1869, Sp. 1253, Stichwort ‚intersum‘: dazwischen seyn, sich dazwischen befinden.
  6. „Erfahren“ bedeutete ursprünglich „reisen, durchfahren, durchziehen, erreichen“, wurde aber schon früh im heutigen Sinn gebraucht als „erforschen, kennenlernen durchmachen“ (Duden, Etymologie, 160).
  7. Gronemeyer, Das Leben als letzte Gelegenheit.
  8. Blumenberg, Lebenszeit und Weltzeit, 147 und 72.
  9. Canetti, Die Provinz des Menschen, 81.
  10. Blumenberg, Lebenszeit und Weltzeit, 73.
  11. Diese Geschichte verdanke ich Jonas Metzger. Bevor sie zu ihm gelang, war sie schon von einem zum anderen gegangen, und darum ist der Autor unbekannt.
     

Literatur

  • Augustinus: Bekenntnisse, Frankfurt a. M. 1987
  • Blumenberg, Hans: Lebenszeit und Weltzeit, Frankfurt a. M. 1986
  • Canetti, Elias: Die Provinz des Menschen. 5. Aufl., Frankfurt a. M. 1981
  • Duden, Band 7, Etymologie, Mannheim / Wien / Zürich 1989
  • Georges (Hg.): Kleines Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch, Leipzig 1869
  • Gronemeyer, Marianne: Das Leben als letzte Gelegenheit. 5. Aufl. Darmstadt 2014
  • Lohmann, Hans-Martin: Günther Anders, in: Metzler Philosophen-Lexikon, Reinbek 1992, www.spektrum.de/lexikon/philosophen/anders-guenther/13
  • Marti, Kurt: Zärtlichkeit und Schmerz. 3. Aufl., Darmstadt/Neuwied 1983