Blindes Vertrauen beim Walking im Park

Nachricht 24. September 2026

Von Matthias Pabst (epd)

Sport im Freien verlangt von blinden Menschen viel Vorbereitung. In Hannover bilden Hubert Lüken und Arne Knoop ein eingespieltes Lauf-Tandem. Ein bundesweites Netzwerk vermittelt solche Partnerschaften für Training und Wettkampf.

Hannover (epd). Nebeneinander setzen Hubert Lüken und Arne Knoop behutsam ihre Schritte auf den Kiesweg. Während Lüken mit dem Blindenstock den Untergrund vor sich abtastet, behält sein sehender Begleiter den weiteren Streckenverlauf im Blick. Schritt für Schritt bewegen sich die beiden Männer beim Walking im Georgengarten vorwärts, einem weitläufigen Park im Herzen Hannovers. Für den blinden Sportler ist diese verlässliche Führung im Gelände unverzichtbar.

Gemeinsam Sport zu treiben, erfordert für Menschen mit einer Sehbehinderung oft einen hohen organisatorischen Aufwand. Lüken unternahm im Jahr 2020 erste Versuche bei einem Lauf am hannoverschen Maschsee, musste das Training dann jedoch wieder abbrechen, wie er bei einer Pause unter Bäumen erzählt. Im Jahr 2023 stieg er erneut ein und traf Knoop im September desselben Jahres bei einer gemeinsamen Schulung. Seitdem trainieren die beiden regelmäßig zusammen.

Hindernisse frühzeitig erkennen

Als Guide übernimmt Knoop während der Läufe die visuelle Orientierung auf dem Weg. „Man muss vorausschauend sein, damit man Hindernisse früh genug erkennt, und muss die wichtigsten Dinge dann auch ansagen“, erzählt der Begleitläufer, bevor beide wenig später mit zügigen Schritten um eine Kurve sausen. Bodenwellen, Kanten und plötzliche Richtungswechsel müssen rechtzeitig kommuniziert werden. Nur so kann der blinde Läufer sein Tempo halten, ohne ins Straucheln zu geraten.

Ebenso wichtig ist die kontinuierliche Beschreibung des Umfelds. Wenn Äste oder Blätter von oben herunterhängen oder Passanten im Weg sind, gibt Knoop vorher präzise Hinweise, damit sich sein Partner nicht erschreckt. Auf der Strecke sind die beiden Sportler über ein kurzes Führ- oder Halteband miteinander verbunden - in diesem Fall ein gelber Plastikring, in den beide mit den Händen schlüpfen. Über das Band überträgt sich die Richtung, während Knoop kurze Kommandos wie „rechts“ oder „links“ zuruft.

Fitter sein als der Partner

Das Verbindungsband verlangt von beiden Walkern einen weitgehend synchronen Gleichschritt. Im Straßen- und Bahnrennsport sind solche Bänder genormt. Sie messen in den Bahndisziplinen 30 Zentimeter, bei Straßenläufen bis zu 50 Zentimeter. Der Guide darf die sehbehinderte Person dabei keinesfalls sichtbar mit dem Band ziehen, um einen unerlaubten Vorteil zu verhindern.

Um diese anspruchsvolle Führungsaufgabe verlässlich zu bewältigen, müssen Guides sportlich deutlich fitter sein als die von ihnen begleiteten Sportler. Auf kurzen Sprintdistanzen von 100 Metern sollten sie mindestens eine halbe Sekunde schneller laufen können als ihr Partner. Ab Strecken von 5.000 Metern kann im Wettkampf sogar ein zweiter Guide eingesetzt werden.

Neben der reinen Ausdauer verlangt die Rolle viel Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz. Die Athleten müssen harmonieren und klare Absprachen treffen, wer etwa die Trainingsinhalte bestimmt oder das Tempo vorgibt. Beim Überqueren der Ziellinie muss der Guide dem sehbehinderten Läufer zudem stets den Vortritt lassen - im Wettkampf droht sonst die Disqualifikation.

Bundesweites Netzwerk

Die Vermittlung passender Begleitpersonen übernimmt das Guide-Netzwerk Deutschland. Die bundesweite Initiative bringt sehende Läufer und Menschen mit Seheinschränkung für gemeinsame sportliche Aktivitäten über eine eigene Internetseite zusammen. In Schulungen lernen die Teilnehmenden dann den praktischen Umgang mit dem Führband. Und es bilden sich feste Partnerschaften für das regelmäßige Training.

In Hannover walken Lüken und Knoop jeden Sonnabend beim inklusiven „Park-Run“ über eine Distanz von fünf Kilometern. Das wöchentliche Training im Park bildet für das Tandem die Basis für größere sportliche Ziele. Mittlerweile treten die beiden regelmäßig bei offiziellen Wettkämpfen an. Auf der Strecke zählt für sie vor allem das über Jahre gewachsene Zusammenspiel. Mit jedem Kilometer festigt sich die Routine aus Zurufen, Bandführung und gegenseitigem Vertrauen - Schritt für Schritt.

epd lnb mp dab/mig