Laut dem Deutschen Schulbarometer zeigt jedes vierte Kind in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Bei Kindern aus einkommensschwachen Familien liegt der Anteil noch höher. Die Stadt Braunschweig stärkt Schüler mit dem Projekt "Verrückt? Na und!".
Braunschweig (epd). Es sind Alarmsignale für die mentale Gesundheit, wenn Verhalten, Gedanken, Stimmungen und Gefühle extrem werden. Das haben die Achtklässler der Hauptschule Rüningen in Braunschweig schnell erkannt. Jeder ist mal traurig, schläft schlecht oder hat keine Lust, zu duschen. Das sind sich die Jungen und Mädchen einig. Was aber, wenn sich jeder Tag dunkel und leer anfühlt, wenn der Schlaf gar nicht mehr kommen will und jemand seine Körperhygiene völlig vernachlässigt?
Die Schüler im Stuhlkreis schweigen. Dann hebt ein Mädchen in einem hellgrauen Oversized-Hoodie zögernd die Hand. „Dann sollte man sich anvertrauen - einem Freund, den Eltern oder einem Lehrer“, sagt sie leise. Sozialarbeiterin Jessica Wedrich lächelt zustimmend.
„Verrückt? Na und!“ steht auf dem Stundenplan
Wedrich arbeitet beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Stadt Braunschweig. Gemeinsam mit Schulsozialpädagogin Katharina Giblewska und Luisa Mathias vom Verein „Der Weg“ für sozialpsychiatrische Hilfen gestaltet sie den heutigen Unterrichtstag der 8b.
Auf dem Stundenplan steht das Projekt „Verrückt? Na und!“ - ein vor 25 Jahren in Leipzig gegründetes bundesweites Präventionsprogramm für die seelische Gesundheit von Schülern. Das Ziel: Abbau von Vorurteilen gegenüber psychischen Krisen. In Niedersachsen finanziert die AOK „Verrückt? Na und!“, in Braunschweig gibt es das Projekt seit zwei Jahren.
Grundlage für die Einführung war unter anderem eine CTC-Schülerbefragung. CTC steht für „Communities That Care“, eine Umfrage, die von Städten und Landkreisen eingesetzt wird, um die Lebensbedingungen junger Menschen zu analysieren. Ergebnis in Braunschweig: In der Schülerschaft haben unter anderem depressive Symptome innerhalb von fünf Jahren signifikant zugenommen.
Was ist gesund, was krank?
Zentrale Frage am heutigen Projekttag: Was ist gesund, was krank? Die Schüler setzen sich in Kleingruppen und Diskussionsrunden zusammen. Wedrich verteilt Zettel, die die 14-Jährigen zuordnen sollen. „Mit den Eltern streiten“ steht auf einer der Karten, „mich ausruhen, obwohl alle Party machen“ auf einer anderen.
„Ich streite oft mit meiner Oma, das ist normal“, sagt ein Junge in Armeehose, der bei seiner Großmutter lebt, selbstbewusst. Die anderen nicken, Streit zu Hause kennen sie alle. Sie sind sich aber auch einig, dass Konflikte belasten, wenn sie zu oft vorkommen. Zu Hause bleiben, obwohl alle anderen feiern„. “Das ist ok„, sagt ein blonder Junge. Schließlich sei es gut, wenn man mache, wonach einem sei.“ Wedrich stimmt zu - mit Einschränkung. „Schwierig wird es, wenn man gar nicht mehr das Haus verlässt und sich verabredet.“
Depressionen, Angst- und Essstörungen, Mediensucht
Dass es um die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nicht gut bestellt ist, belegen zahlreiche Studien. Depressionen, Angst- und Essstörungen, Mediensucht: Laut dem Deutschen Schulbarometer der Stuttgarter Robert Bosch Stiftung vom März dieses Jahres zeigt jedes vierte Kind in Deutschland psychische Auffälligkeiten. Kinder aus einkommensschwachen Familien berichten der Studie zufolge mit 31 Prozent überdurchschnittlich häufig von mentalen Problemen.
„Man sieht ihnen an, dass es ihnen nicht gut geht“
Anja Kiene ist Konrektorin der Grund- und Hauptschule Rüningen und Klassenlehrerin der 8b. Sie weiß, dass es ihre Schüler nicht leicht haben. Überforderte Eltern, Kinder, die sich selbst überlassen sind. Die unkontrolliert mit dem Handy im Internet surfen, Social Media nutzten und die halbe Nacht zocken. „In der Schule sind sie dann müde, man sieht ihnen an, dass es ihnen nicht gut geht“, sagt Kiene.
Das bestätigt auch Sozialpädagogin Giblewska. Zum übermäßigen Medienkonsum kämen die Krisen der Welt. Viele Kinder hätten zudem weniger soziale Kontakte, als ihnen guttäten. „Es ist schwierig geworden“, sagt sie. Deswegen sei es wichtig, den Schülern deutlich zu machen, dass es in Ordnung ist, mentale Probleme zu haben. „Sie müssen wissen, dass sie darüber sprechen und sich Hilfe holen dürfen, genau wie bei einem gebrochenen Bein.“
Mentale Genesung ist möglich
Dass es möglich ist, nach einer psychischen Erkrankung zu genesen, zeigt die Lebensgeschichte von Sandra Zwinscher. Die 47-Jährige ist sogenannte „persönliche Verrückt-Na-und-Expertin“. Dass die Schüler jemanden kennenlernen, der selbst psychisch krank war, und Fragen stellen dürfen, ist eine Besonderheit des Projekts.
Zwinscher, selbst Mutter, sitzt mitten unter Teenagern und greift zu einem Heft. „Mir fällt es leichter, wenn ich Euch das vorlese“, sagt sie. In den folgenden Minuten hören die Schüler im Tagebuchstil, wie sich eine Depression anfühlt: „Meine Kraft ist verbraucht“, liest sie. „Ich fühle mich wie ein Zombie.“ Oder: „Ich schaffe es nicht zu duschen, Deo muss reichen.“ Im Klassenraum ist es mucksmäuschenstill, die Schüler blicken zu Boden.
Psychiatrie: „Hier kann ich sein, wie ich bin“
Zwischner liest weiter. Sie beschreibt ihren ersten Aufenthalt in der Psychiatrie: „Hier kann ich sein, wie ich bin - ein Wrack.“ Sie liest, dass sie in der Klinik Menschen traf, denen es ging wie ihr. Sie beschreibt, wie gut sich das angefühlt habe. „Ich war kein Alien mehr, musste mich nicht mehr schämen,“ sagt sie. „Hätte ich gewusst, wie es in der Psychiatrie ist, wäre ich früher hingegangen.“
Die Kinder schweigen. „War das echt?“, fragt ein Junge mit einer Gucchi-Cap. Zwinscher stutzt. Es dauert einen Augenblick, bis sie versteht, dass der Junge wissen möchten, ob sie das wirklich erlebt hat. „Ja“, sagt sie und blickt ihm direkt in die Augen.
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