Die Satiresendung "extra 3" feiert 50-jähriges Jubiläum. Moderator Christian Ehring sagt: Wer sich früher an Satire störte, schrieb einen bösen Brief an die Redaktion. Heute hagelt es Shitstorms in sozialen Medien.
Hannover, Hamburg (epd). Mit einer Jubiläumsshow und einer Dokumentation im Ersten feiert der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am Donnerstag das 50-jährige Jubiläum seiner Satire-Sendung „extra 3“. Als er sie 1976 ins Leben rief, gab es kein Internet und damit auch keine Shitstorms. Wer sich an einem Satire-Beitrag störte, habe einen bösen Brief geschrieben, während es die Redaktion heute mit Hasskommentaren in sozialen Medien zu tun bekomme, sagt Christian Ehring, aktueller Moderator von „extra 3“. Wie er und das Team damit umgehen, schildert der 53-Jährige im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
epd: Wie schwer hat es Satire in der heutigen Zeit, verglichen mit den vorangegangenen „extra3“-Jahrzehnten?
Christian Ehring: Ungleich schwerer. Alles, was in irgendeiner Form veröffentlicht, gesendet, gepostet wird, wird heute wahrgenommen und beurteilt. In den ersten extra 3-Jahrzehnten gab es sicherlich auch empörte Zuschauende, die ihrem Unmut in bösen Briefen Luft gemacht haben. Durch soziale Medien hat das heute aber eine ganz andere Dynamik. Ein Shitstorm läuft schneller an als man „Merz“ sagen kann. Manchmal muss man auch gar nichts sagen. Ein Beispiel: Anfang des Jahres hat einer unserer Reporter in Grönland so getan, als wollte er an einem Flaggenmast in Nuuk die amerikanische Flagge hissen. Eine spontane Idee während eines teilweise improvisierten Drehs. Die Szene stand nicht im Konzept und wäre sicherlich niemals in den fertigen Film hineingenommen worden. Diese Aktion wurde aber von Unbeteiligten gefilmt und ohne den entsprechenden Kontext in sozialen Medien verbreitet. Es gab eine breite Empörung, noch bevor überhaupt ein satirisches Produkt entstanden ist.
epd: Wird die „extra 3“-Redaktion heute häufiger juristisch angegriffen? Und falls ja: Aus welchen politischen oder gesellschaftlichen Ecken kommen die Angriffe?
Ehring: Ich habe keine belastbaren Zahlen zur Hand. Mein Gefühl sagt: Ja, deutlich häufiger. Grundsätzlich kommen die Angriffe aus allen möglichen Ecken. Auch Menschen, die sich als links und progressiv definieren, können extrem ungemütlich werden. Spürbar werden diese Attacken aber vor allem, wenn sie orchestriert sind. Da hatte für mein Gefühl in früheren Zeiten die katholische Kirche das beste Netzwerk. Heute sind es die Rechtspopulisten.
epd: Wie geht das „extra 3“-Team mit Hasskommentaren im Netz um?
Ehring: Was justiziabel ist und menschenverachtend, wird gelöscht. Hin und wieder werde ich vom Sender gefragt, ob ich persönliche Beleidigungen anzeigen möchte. Das ist aber nicht mein Stil. Ich finde, wer austeilt, muss auch einstecken können. Wir akzeptieren Hasskommentare als offenbar notwendiges Hintergrundrauschen zu dem, was wir machen, und managen das professionell. In unserer Jubiläumssendung wird es einen Song geben, der ausschließlich aus Hasskommentaren besteht. Man kann also auch kreativ damit umgehen.
epd: Wie schützen Sie sich - beruflich und privat - vor Satire-Gegnern?
Ehring: Ich will mich hier nicht als Märtyrer für die Kunstfreiheit gerieren. Es gibt Menschen, die sich noch weitaus mehr in den Sturm stellen als ich, die auch wesentlich häufiger Drohungen ausgesetzt sind. Ich führe ein sehr normales Leben.
epd: Warum braucht es Satire gerade in der heutigen Zeit?
Ehring: Als ich anfing, dachte ich, Ziel der Satire sei es, Gewissheiten zu zertrümmern, anzugreifen, bloßzustellen, aufzuklären und Salz in Wunden zu streuen. Mit fortgeschrittenem Alter stelle ich fest: Satire hat offenbar auch eine tröstende Funktion. Obwohl das gar nicht unsere Intention ist. Würden wir Sendungen machen, die trösten wollen, wäre sicher niemand getröstet. Aber dass man pointiert zu Dingen Stellung nimmt, die gerade viele in unserer Gesellschaft belasten, scheint einen gewissen therapeutischen Effekt zu haben. Man fühlt sich verbunden mit anderen, die ähnlich denken.
epd: Was macht für Sie gute Satire aus?
Ehring: Sie sollte witzig sein. Sie sollte überraschend sein. Sie sollte auf wahren Prämissen beruhen, also nicht lügen. Sie sollte relevant sein und irgendeine Form von Erkenntnis bieten.
epd: Worüber können Sie lachen?
Ehring: Das Schöne am Lachen ist ja, dass es eine unwillkürliche Reaktion ist. Deswegen müssen keine theoretischen Kriterien erfüllt sein, damit ich lache. Ein guter Witz ist ein guter Witz. Da muss nicht zwangsläufig die SPD drin vorkommen.
epd lnb lnh bjs