Der SPD-Politiker Michael Roth zieht nach 27 Jahren Bilanz seines Rückzugs aus der Bundespolitik. Er fordert nach seiner Depressionserkrankung mehr Menschlichkeit im Betrieb.
Hannover (epd). Der SPD-Politiker Michael Roth hat öffentlich gemacht, dass er an einer Depression erkrankt ist und sich deshalb aus der Bundespolitik zurückzieht. Nach 27 Jahren im Bundestag fordert der frühere Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses einen Kulturwandel im politischen Betrieb. Gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) schildert er seinen Leidensweg, den Umgang mit der Krankheit und die Notwendigkeit von mehr Gelassenheit in der Gesellschaft.
epd: Wann haben Sie konkret bemerkt, dass Sie an einer Depression erkrankt sein könnten?
Michael Roth: Wie bei vielen psychisch Erkrankten kam die Erkenntnis sehr spät. Man gesteht sich das nicht leicht ein und führt Überlastungen zunächst auf Stress zurück. Das ist der gefährliche Unterschied zu physischen Erkrankungen: Wenn Sie sich das Bein brechen, wissen Sie sofort, was zu tun ist. Bei einer psychischen Erkrankung ist das ganz anders.
epd: Sie leiteten zuletzt den Auswärtigen Ausschuss des Bundestages. Wie konnten Sie trotz der Krankheit im Amt funktionieren?
Roth: Das Funktionieren im Beruf gibt vielen Halt. Ich war wie ein Zirkuspferd in der Manege: Wenn ich dort stand, habe ich performt. Dass ich die Grenzen meiner Kraft überschritten hatte, merkte vor allem mein privates Umfeld. Mein Mann und meine Mitarbeitenden spürten irgendwann, dass etwas nicht stimmt. Aber mein Motto lautet: Funktionieren ist eben nicht genug.
Abschied aus der Politik
epd: Was wollen Sie mit dieser Aussage vermitteln?
Roth: Auch Menschen, die oberflächlich betrachtet Leistung erbringen, können schwer krank sein. Zu einem erfüllten Leben gehört mehr, als nur ein Programm abzuspulen, sonst droht der Zusammenbruch. Ich möchte Betroffenen Mut machen, dass ein besseres Leben möglich ist, wenn man sich der Krankheit stellt.
Härte im Politikbetrieb
epd: Welche Anzeichen der Erschöpfung zeigten sich in Ihrem Alltag?
Roth: Sobald ich die berufliche Bühne verlassen habe, ging gar nichts mehr. Mir fielen die einfachsten Dinge nicht mehr leicht - ob Kochen, Einkaufen oder Tischreservierungen. Ich habe mich zeitweise wie ein Zombie gefühlt: Ich habe zwar existiert, aber nicht mehr wirklich gelebt. Das war auch für mein Umfeld eine enorme Belastung.
epd: Über welchen Zeitraum erstreckte sich dieser Zustand und wann kam der Durchbruch?
Roth: Das war ein sehr langer Prozess. Der Durchbruch kam am Neujahrstag 2023, als ich mir gegenüber meinem Mann und Freunden erstmals eingestand, dass ich professionelle Hilfe brauche. Ich hatte das Glück, rasch eine Therapie beginnen zu können, denn die Versorgungsinfrastruktur mit Fachärzten ist völlig unzureichend.
Enttabuisierung und Debatte
epd: Wie schwer ist Ihnen der Ausstieg aus der Politik nach 27 Jahren gefallen?
Roth: Ich bin nicht allein wegen der Krankheit ausgestiegen. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als psychisch Erkrankter nicht mehr leistungsfähig zu sein. Aber nach 27 Jahren Berufspolitik war es an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Politik ist kein Neun-bis-fünf-Job, der Abschied war ein tiefer Einschnitt, aber ich habe die Entscheidung nie bereut.
Blick in die Zukunft
epd: Warum haben Sie Ihre persönlichen Erfahrungen in einem Buch verarbeitet?
Roth: Ursprünglich wollte der Verlag ein Buch über Außenpolitik mit mir machen. Beim Schreiben merkte ich aber, dass es unvollständig bleibt, wenn ich die persönliche Dimension ausspare. Durch meine jahrelange Therapie konnte ich offen darüber sprechen. Das Buch sollte einen wahrhaftigen Blick auf die Politik und das Leben dahinter werfen.
epd: Macht der Politikbetrieb die Menschen krank?
Roth: Politik an sich macht nicht krank, aber die Art, wie wir sie zurzeit betreiben. Natürlich braucht man im politischen Betrieb ein stabiles Nervenkostüm. Das Problem ist aber, wenn nur noch diejenigen überleben, die ein extrem dickes Fell haben. Wir müssen Räume für sensiblere Menschen öffnen und fragen, wie wir gesellschaftlich miteinander umgehen wollen.
epd: Was ist das konkrete Krankmachende im politischen Betrieb?
Roth: Der Betrieb ist schneller, hektischer und erbarmungsloser geworden. Jeder kleine Fehler wird sofort skandalisiert, es fehlt an Nachsicht und Gelassenheit. Zudem hat mich die zeitweise extreme Härte in den Debatten um Krieg und Frieden belastet - auch innerhalb der eigenen Partei.
epd: Haben Sie in diesen Auseinandersetzungen Rückhalt in der SPD verspürt?
Roth: An der Basis ja, aber in den führenden Gremien am Ende kaum noch. Auf dem Höhepunkt der Debatte über Waffenlieferungen für die Ukraine gab es Momente, in denen mich etwa der eigene Fraktionsvorsitzende nicht mehr begrüßt hat. Der Gang in die Fraktion fühlte sich manchmal an, als würde man den Kühlschrank öffnen.
epd: Wie schwer wog dieser spürbare Entzug von Anerkennung für Sie persönlich?
Roth: Es gab traurige Situationen. Wer in so prinzipiellen Debatten wie der Hilfe für ein attackiertes Land klar Position bezieht, gerät schnell in die Rolle eines Außenseiters. Mir wurde teils egozentrische Profilierungssucht unterstellt. Aber ich war mit mir im Reinen, weil ich meine Überzeugungen nicht für den vordergründigen Frieden opfern wollte.
epd: Befürchten Sie, dass sich das politische Klima weiter verschärft?
Roth: Ja, wenn wir den Ernst der Lage nicht erkennen. Das liegt nicht nur an den Extremisten, sondern auch daran, dass etablierte Parteien oft wie vor Jahrzehnten agieren und Nebenschauplätze skandalisieren. Wir brauchen Bürgerinnen und Bürger, die sich beteiligen, statt sich nur noch als frustrierte Zuschauer zurückzuziehen.
epd: Wächst in der Gesellschaft das Verständnis für psychische Erkrankungen?
Roth: Wir gehen heute etwas transparenter damit um als früher, stehen aber erst am Anfang. Früher war es unmöglich, in der Politik über psychische Krankheiten zu sprechen. Es wäre ein Fortschritt, wenn wir solche Diagnosen ähnlich sachlich behandeln könnten wie eine physische Erkrankung - ohne Häme, aber auch ohne das Thema ins Unernste zu ziehen.
epd: Hat Ihnen der christliche Glaube in dieser schwierigen Phase geholfen?
Roth: Mein Glaube hat mir geholfen, gelassener zu werden. Wer für Waffenlieferungen eintritt, weiß, dass damit Menschen getötet werden, macht sich aber auch schuldig, wenn er keine Hilfe leistet. Der Gedanke, dass man nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand, ist tröstlich. Der christliche Glaube fordert keine Perfektion - das macht ihn menschlich.
epd: Könnten Sie sich irgendwann eine Rückkehr in die Politik vorstellen?
Roth: Derzeit nicht. Wir sollten Politik aber ohnehin flexibler betrachten - wie Busfahren, wo man einsteigen und auch wieder aussteigen kann. Ich habe meinen Frieden geschlossen und bin mit mir im Reinen. Es wäre jedoch falsch zu sagen, dass ich es mir unter keinen Umständen jemals wieder vorstellen könnte.
epd lnb mig