Kinderyoga, Rat und Bücher - Bibliotheken als Orte des Miteinanders

Nachricht 19. August 2026

Von Annette Baimler-Dietz (epd)

Orte, an denen Menschen sich begegnen können, ohne etwas kaufen zu müssen, sind nach Ansicht der Soziologin Natalie Grimm wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Stadtteilbibliothek Vegesack in Bremen ist so ein "dritter Ort".

Bremen, Göttingen (epd). Ein Mann sagt leise, dass er die 40 Euro, die für ein verlorenes Buch fällig werden, nicht sofort bezahlen kann. Andrea Schröder weiß Rat. Sie sitzt an der Infotheke der Stadtteilbibliothek Vegesack und kennt solche Probleme. Dem Mann gewährt die Bibliotheksmitarbeiterin Zahlungsaufschub bis zum Monatswechsel und erklärt ihm, dass er die Summe auch in Raten zahlen kann.

Szenen wie diese sind es, die der Göttinger Soziologin Natalie Grimm zufolge verdeutlichen, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht: Menschen, die in schwierigen Momenten Unterstützung erfahren, seien später oft selbst solidarischer, sagt sie.

Begegnungen zwischen Menschen

Grimm ist am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen tätig und befragt seit 2020 immer wieder dieselben 90 Menschen aus unterschiedlichen Milieus. Ihr zentraler Befund: Zusammenhalt entsteht nicht durch moralische Appelle, sondern durch konkret erlebte soziale Sicherheit und Begegnungen zwischen Menschen, die sich sonst im Alltag kaum begegnen würden.

Wo aber finden solche Begegnungen in einer Gesellschaft statt? „Dafür braucht es Orte, an denen sich Menschen aufhalten können, ohne etwas kaufen zu müssen, etwa Bibliotheken, Jugendfreizeitheime oder Stadtteilzentren“, sagt Grimm. Als sogenannte „dritte Orte“ könnten sie neben dem eigenen Zuhause und der Arbeit eine wichtige Rolle für das Gemeinschaftsgefühl im Alltag spielen.

Bücher gibt es natürlich auch

Die Stadtteilbibliothek Vegesack ist so ein dritter Ort. Alle Menschen sind willkommen, unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht, sozialem Status oder ihrer Herkunft. Es gibt Digitallotsen, Kinderyoga, Bilderbuchkino, Gitarrenworkshops, die Möglichkeit, Dinge zum Handwerken und für Hobbys auszuleihen - und natürlich Bücher, Zeitschriften, Computer.

An diesem Dienstagnachmittag findet ein Sprachcafé statt: An einem Tisch sitzt eine kleine Gruppe und übt Lesen, jeder in seinem Tempo. An einem anderen Tisch bereitet sich eine 19-Jährige aus Afghanistan mit einer Ehrenamtlichen auf ein Vorstellungsgespräch in einer Bäckerei vor. „Ich habe Angst, Deutsch zu sprechen, aber ich komme trotzdem regelmäßig her, um zu üben“, sagt die junge Frau.

Draußen im Garten stecken neun Kinder bis zu den Ellbogen im Schlamm. Umweltbildung steht auf dem Programm. Die Kinder bauen ein Wasserlabyrinth und verhandeln miteinander, wer wie viel Wasser hinzufügen darf.

Hohe Aufenthaltsqualität

Lucia Werder, Direktorin der Stadtbibliothek Bremen, freut sich, dass die selbstverständliche Nutzung der Bibliothek als zweites Zuhause funktioniert. Das aber sei kein Selbstläufer. „Wir haben in die Aufenthaltsqualität investiert“, sagt Werder. Und manchmal gebe es auch Probleme zu lösen. Etwa wenn sich jemand beschwert, weil ein Besucher streng riecht. „Wir weisen dann sensibel auf Hilfsangebote hin.“

Wenn es nach den Besuchenden und Mitarbeitenden geht, könnte die Bibliothek größer sein und mehr Raum zum Lernen und für Veranstaltungen bieten. Doch dafür fehle das Geld, sagt Werder. „Finanziell ist Bremen nicht auf Rosen gebettet.“ Für die vielfältigen Angebote kooperiere die Bibliothek deshalb mit zahlreichen Organisationen, wie der AWO oder dem BUND.

Ins Gespräch kommen, Kontakte knüpfen - auch das sind Gründe, in die Bibliothek zu kommen. Eine Frau trinkt Kaffee und wartet auf ihre Versicherungsberaterin: „Ich kenne Menschen, die herkommen, um nicht alleine zu sein und Zeitungen zu lesen, die sie sich sonst nicht mehr leisten können“, sagt Werder. „Man kann hier wunderbar unter Menschen sein, ohne sich zu irgendetwas zu verpflichten.“

Weiter geht es nach Feierabend

Unter Menschen sein kann man in der Stadtteilbibliothek Vegesack sogar noch, wenn die Mitarbeitenden längst Feierabend gemacht und nach Hause gegangen sind. Wer volljährig ist, darf dann bis 20 Uhr bleiben. Das Angebot heißt „Open Library“. An diesem Dienstagabend sitzen kurz nach 18 Uhr Jugendliche auf dem Sofa und tippen auf ihren Handys, zwei spielen Schach, ein junger Mann lernt für seine Abi-Nachprüfung.

Befürchtungen, dass es zu Schäden kommen könnte, haben sich nicht bestätigt, sagt Werder. Die Besuchenden wüssten, dass es ihr Raum ist und fühlten sich verantwortlich. „Unser Vertrauensvorschuss hat sich ausgezahlt“.

epd lnb abd mir