Die Vorbereitungen für einen möglichen neuen Zivildienst befeuern auch die Debatte über eine bessere Finanzierung der Freiwilligendienste. Denn: Viele junge Leute können sich ein Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr schlicht nicht leisten.
Bremen, Hannover (epd). Die Arbeit mit Kindern, das wollte Lavinia Dunker nach der Schule unbedingt ausprobieren. Deshalb war für die Bremerin schnell klar, dass sie nach dem Abitur im vergangenen Jahr in ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) einsteigt, am liebsten in einer Kita. „Schaffe ich das, gefällt mir das? Das wollte ich checken“, sagt die heute 20-Jährige. Mit Unterstützung des Diakonischen Werkes in Bremen fand sie bald eine passende Einrichtung. „Ich bin sehr gut reingekommen, der Kontakt zum Team und zu den Kindern lief super“, blickt sie zurück. Doch die Finanzen wurden schnell zum Problem für sie.
Lavinia Dunker wohnt noch zu Hause und hat für ihren Freiwilligendienst monatlich 400 Euro Taschengeld bekommen, mit dem sie sich an der Miete beteiligte. Das reichte irgendwann nicht mehr, sie musste mit dem FSJ Ende Februar aus finanziellen Gründen aufhören. „Meine Einsatzstelle hat mir dann einen Teilzeitvertrag angeboten, erst über 20 Stunden wöchentlich, dann mit 30 Stunden, das war ein großes Glück“, berichtet die junge Frau, die ab Herbst Psychologie studieren will.
Forderung: Freiwilligengeld auf BAföG-Niveau
Jedes Jahr absolvieren laut Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr etwa 50.000 junge Menschen ein FSJ. Es könnten noch mehr sein, wenn der finanzielle Rahmen besser wäre. Die Vorbereitungen für eine mögliche Wiedereinführung des Zivildienstes - im Falle einer Rückkehr zur Wehrpflicht - haben nun auch die Debatte über die Rolle und Rahmenbedingungen der Freiwilligendienste neu angefacht.
„Bei einem Taschengeld von ungefähr 400 Euro können sich wahrlich nicht alle jungen Menschen einen solchen Dienst an unserem Gemeinwesen leisten“, kritisiert beispielsweise Hermann Gröhe, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, einem der großen FSJ-Träger. Nicht nur er fordert deshalb eine Summe entsprechend dem BAföG-Höchstsatz von rund 990 Euro monatlich, ein „Freifög“ wie es Träger der Freiwilligendienste nennen.
Ähnlich sieht es die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) in Hannover, Zentralstelle für die evangelischen Freiwilligendienste in Deutschland. „Das derzeitige Taschengeld ermöglicht vielen jungen Menschen nicht, ihren Lebensunterhalt eigenständig und elternunabhängig zu bestreiten“, erklärt Generalsekretärin Annika Schreiter. Und fügt hinzu: „Ein staatlich finanziertes Freiwilligengeld auf BAföG-Niveau ist dringend notwendig, um echte Wahlfreiheit zwischen Freiwilligendienst, Wehrdienst und Ausbildung zu schaffen und auch sozial benachteiligten jungen Menschen den Zugang zu ermöglichen.“
„Bin erwachsener geworden“
Wie wichtig die Zeit im Freiwilligenjahr ist, wird bei Fenja Dreher deutlich, die gerade in Trägerschaft des Soziales Friedensdienstes ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im Zentrum des Landesverbandes der Gartenfreunde in Bremen absolviert. Kugelschreiber, Collegeblock und Tablet hat sie nach dem Abitur im vergangenen Jahr gegen Grabegabel, Harke und Schubkarre getauscht. Pflanzen wässern, Sträucher zurückschneiden, Unkraut jäten, oft mit beiden Händen in der Erde: Das füllt gerade ihre oft heißen Arbeitstage.
Dazu kommen Projekte im Bereich der Umweltbildung, etwa, wenn sie Schulklassen begleitet. „Ich will draußen sein, das gefällt mir hier“, sagt die 19-Jährige, die auch noch zu Hause wohnt. Sie könne anpacken, bekomme Einblicke ins Arbeitsleben und habe es geschafft, Verantwortung zu übernehmen. „Ich habe das Gefühl“, zieht Fenja Dreher eine erste Bilanz ihres FÖJ-Jahres, „dass ich deutlich erwachsener geworden bin“. Das wird ihr auch im Studium helfen, das Geologie, Biologie und Physik verbindet und das sie im Oktober beginnen will, davon ist sie überzeugt.
Damit noch mehr junge Menschen diese Erfahrungen machen können, müssten nach Auffassung der Träger Bund und Länder mehr Geld geben. „Das geht nicht über eine Mehrbelastung der Einsatzstellen“, verdeutlicht Nadine Portillo, Geschäftsführerin des Sozialen Friedensdienstes in Bremen. „Ohne zusätzliche öffentliche Förderung wären viele soziale Einrichtungen kaum in der Lage, höhere Taschengelder zu finanzieren.“
Träger fordern Rechtsanspruch
Dazu kommen weitere Forderungen, um den Dienst attraktiver zu gestalten, ergänzt aej-Generalsekretärin Schreiter: „Ein Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst, der allen Interessierten die Teilhabe ermöglicht, individuelle Beratung für alle Schulabgängerinnen und Schulabgänger und auskömmliche finanzielle Rahmenbedingungen, um die pädagogische Begleitung und die sozialversicherungsrechtliche Absicherung dauerhaft zu gewährleisten.“ Wer ein FSJ mache, solle außerdem von den Rundfunkbeiträgen befreit werden und ein Deutschlandticket bekommen.
Ein besserer finanzieller Rahmen würde sich zweifach lohnen, bekräftigen Lavinia Dunker und Fenja Dreher. Einerseits natürlich für die Freiwilligen, dann aber auch für die Gesellschaft, die vom Engagement der jungen Leute profitiere, sagen sie übereinstimmend. Und Fenja Dreher betont: „Mir hat das Jahr viel gebracht, ich kann es nur weiterempfehlen.“
epd lnb sel dab