Was macht einen Urlaub wirklich erholsam? Nicht für jeden Menschen ist dasselbe entspannend, sagt der Erholungsforscher Oliver Weigelt. Er erklärt, worauf es ankommt und wie wir Körper und Geist nachhaltig wieder ins Gleichgewicht bringen.
Groningen, Hannover (epd). Der Urlaub soll der Erholung dienen. Doch warum benötigen Körper und Geist eigentlich Erholung und wie kann sie gelingen? Der Arbeitspsychologe und Erholungsforscher Oliver Weigelt von der Universität Groningen hat sich mit diesen Fragen intensiv beschäftigt.
epd: Herr Weigelt, was ist eigentlich Erholung und warum müssen wir uns erholen?
Oliver Weigelt: Wenn wir hohen Druck haben, schaltet der Körper in den Stress-Modus. Das Herz schlägt schneller, Stresshormone wie Cortisol steigen. Das ist zunächst funktional und hilft bei der Bewältigung einer Herausforderung. Danach fahren die Systeme wieder herunter. Dieses Herunterfahren beschreibt man als Prozess der Erholung. Wir kehren so zum Ausgangszustand vor dem Stress zurück.
Akkus aufladen
Sind stressige Arbeitstage die Regel, kann die Stressreaktion jedoch anhalten oder chronisch werden. Das erhöht den gesundheitlichen Verschleiß und langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zudem verbraucht Arbeit Ressourcen wie Energie. Erholung hilft, die Akkus wieder aufzuladen und danach wieder frisch ans Werk zu gehen.
epd: Wovon müssen oder sollten wir uns erholen?
Weigelt: Stressige Arbeit bringt uns aus dem Gleichgewicht. Die Erholung soll die Balance wieder herstellen. Im sogenannten „DRAMMA“-Modell werden sechs psychologische Bedürfnisse unterschieden: Abschalten von der Arbeit, Entspannung, Kontrolle, Kompetenz, Sinnerleben und soziale Eingebundenheit. Einige dieser Bedürfnisse werden zugunsten der Arbeit oft zurückgestellt. Im Urlaub ist dagegen die Zeit meist weniger stark durch Sachzwänge bestimmt. So bleibt Zeit für die Selbstfürsorge. Ziel der Erholung ist also, etwas für die eigenen Bedürfnisse zu tun, die im Alltag auf der Strecke bleiben.
Mühelose Momente
epd: Was zeichnet einen erholsamen Zustand aus?
Weigelt: Ein gelungener Urlaub zeichnet sich hauptsächlich dadurch aus, dass einige der persönlich wichtigsten psychologischen Grundbedürfnisse befriedigt werden. Das kann Zeit sein, um sich in ein Hobby mehr als sonst zu vertiefen oder beim Wandern die Schönheit eines Ausblicks. Auch besondere Momente mit den eigenen Kindern können erfüllend sein. Solche Erlebnisse fühlen sich oft mühelos an und vermitteln Sinn. Abstand von der Arbeit und vom Alltag gewinnt man dabei ganz nebenbei.
epd: Erholung, wie geht das? Gibt es dafür ein Rezept?
Weigelt: Als Faustregel gilt, dass ein Kontrast zum Arbeitsalltag empfehlenswert ist. Wer viel am Schreibtisch sitzt, kann sich bewegen. Wer viel körperlich arbeitet, kann den Kopf etwa mit Lesen, Rätseln oder einer neuen Sprache fordern. Zwei Dinge fördern die Erholung unabhängig davon ziemlich universell: Zeit in der Natur und Bewegung oder Sport. Beides lässt sich oft gut verbinden. Natürliche Umgebungen erleichtern das Herunterfahren und helfen dabei, Abstand von den Belastungen des Alltags zu gewinnen.
epd: Was kann ich tun, um mich zu erholen?
Weigelt: Es ist sinnvoll, sich seine psychologischen Bedürfnisse vor Augen zu führen und Aktivitäten zu planen, die dazu passen. Es geht nicht darum, alle „DRAMMA“-Bedürfnisse gleichzeitig zu bedienen. Diese Bedürfnisse sind individuell unterschiedlich wichtig, darum gibt es keine Pauschal-Empfehlungen.
Schlaf, Langeweile und Muße
epd: Welche Rolle spielen Schlaf, Langeweile und Pausen?
Weigelt: Schlaf ist vielleicht einer der mächtigsten Hebel für die Erholung. Wer gut schläft, hat oft eine größere Vitalität. Ausschlafen und ein ausgiebiges Frühstück können für viele Menschen ein großer Gewinn an Lebensqualität sein. Meine Empfehlung wäre, solche Dinge nicht nur im Urlaub oder am Wochenende, sondern regelmäßig im Alltag zu erleben.
Langeweile oder Muße spielen ebenfalls eine Rolle. Eine Pause von der Dauerbeschallung etwa durch Social Media kann den Weg zur Achtsamkeit ebnen. Der Fokus liegt dann auf dem Hier und Jetzt. Achtsamkeit - etwa durch Meditation, Yoga, einen Spaziergang, Singen im Chor oder einen Konzertbesuch - steht in einem positiven Zusammenhang mit vielen Aspekten des Wohlbefindens und dient damit auch der Erholung.
epd lnb jön mir