"Paulas Fest": Poetischer Blick auf eine große Künstlerin

Nachricht 26. Juli 2026

Theaterprojekt zum 150. Geburtstag der berühmten Worpsweder Malerin

Was hat die Worpsweder Malerin Paula Modersohn-Becker angetrieben? Was war für sie das größte Fest? Das sind die zentralen Fragen, die im Jubiläumsjahr der Künstlerin eine neue Bühnenproduktion beantworten will: mit Tanz, Schauspiel und Musik.

Worpswede (epd). In der Kunst der Malerin Paula Modersohn-Becker dienen Orangen häufig als Attribut für weibliche Fruchtbarkeit und Schöpfungskraft. Sie gelten als Früchte der Unsterblichkeit und werden von den Hesperiden bewacht, Nymphen der griechischen Mythologie. Am Mittwochabend kullern sie in Worpswede bei Bremen Apfelsinen über die Bühne der Bötjerschen Scheune. Dazu versprüht Ladon, der Drache der Hesperiden, über den Köpfen des Publikums ein Elixier, damit es zur Premiere in den kommenden eineinhalb Theaterstunden auf jeden Fall mit der Unsterblichkeit klappt: Willkommen im „Paula-Himmel“!

Es ist der imaginäre Ort, an dem Regisseur und Schauspieler Oliver Peuker mit seiner freien Theatergruppe „Cosmos Factory“ bis zum 2. August ein Kaleidoskop entfaltet, das anlässlich des 150. Geburtstages der wohl berühmtesten deutschen Künstlerin in die Gedankenwelt der Malerin führen soll. Unter dem Titel „Paulas Fest“ will das vierköpfige Ensemble mit Peuker, Judith Mundinger, Anouk Falkenstein und Judith Speckmaier zeigen, was und wer sie inspiriert hat - und zwar dort, wo alles begann: im Künstlerdorf Worpswede. Und nicht nur dort.

Akribische Recherche

Vor 150 Jahren, am 8. Februar 1876, wurde Paula Modersohn-Becker in Dresden geboren. „Paulas Fest“ ist nach „Ich bin's Paula“ im Bremer Packhaustheater die zweite Bühnen-Produktion, die sich zu diesem Anlass mit entscheidenden Facetten im Leben der Frau beschäftigt, die ihrer Zeit weit voraus war. Für sein Theaterprojekt hat Peuker akribisch in Tagebüchern und Briefen der Künstlerin recherchiert, um herauszuarbeiten, was Paula Modersohn-Becker angetrieben hat, was für sie ein Fest war.

Denn was die Künstlerin auf die Leinwand brachte, war so ganz anders als das, was viele ihrer Malerkollegen um die Jahrhundertwende im Sinn hatten: Keine erzählerischen Elemente, dafür flächige, kantige Motive. Gesichter, Körper und Gesten schilderte die Malerin einfach. Ein Stil, mit dem sie viele Zeitgenossen schockierte und der sie zu einer Vorreiterin der frühen Moderne werden ließ, zu einer bedeutenden Vertreterin des Expressionismus in Deutschland.

Vernichtende Kritik

Zu Lebzeiten allerdings blieb ihr die Anerkennung größtenteils verwehrt. 1899 sind zwar erstmals einige ihrer Bilder in der Bremer Kunsthalle zu sehen. Doch Arthur Fitger, lokaler Malerfürst, schrieb damals in der „Weser-Zeitung“ vernichtende Worte, mit denen er auch in der Bötjerschen Scheune zu hören ist: „Für die Arbeiten reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen.“

Doch davon ließ sich Paula Modersohn-Becker nicht von ihrem selbstbestimmten Weg abbringen. Dabei halfen ihr Personen aus ihrem realen Leben genauso wie geistige Impulsgeber, denen sie tatsächlich nie begegnet ist, wie Maler der französischen Avantgarde und der Philosoph Friedrich Nietzsche. Vereint mit ihrer wichtigsten Gefährtin, der Bildhauerin Clara Westhoff, trifft sie im Paula-Himmel zudem ihr Idol Marie Bashkirtseff. Auch deren Mantra „Was bin ich? Nichts! Was will ich sein? Alles!“ gab ihr Kraft, als Künstlerin gegen viele Widerstände bestehen zu können.

Und natürlich hat Paulas Modersohn-Beckers berühmtes „Fest“-Zitat in Peukers Inszenierung mit Tanz, Schauspiel und Musik einen zentralen Platz: „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes intensives Fest.“

Mit Leidenschaft auf der Suche

Am Premierenabend wird deutlich: Vor allem das Malen war für sie ein Fest. Dabei spielte Paris eine zentrale Rolle. In der Kunstmetropole sucht sie mit Verve „die große Einfachheit der Form“, begegnet auf der Bühne Rodin, Cézanne und Gauguin, die sie inspirierten. Das Ergebnis: Bis zu ihrem frühen Tod 1907 schuf Paula Modersohn-Becker nahezu 750 Bilder und etwa 1.400 Zeichnungen, auf denen die Radikalität ihrer Kunst am deutlichsten hervortritt.

Am Ende hat Regisseur Oliver Peuker mit „Paulas Fest“ ein Stück geschaffen, das den großen Kunst-Ausstellungen in Worpswede und Bremen zum Geburtstag der Malerin etwas ganz Eigenes hinzufügt: eine poetische Facette. Das Publikum dankte es dem Ensemble mit lang anhaltendem Beifall.

epd lnb sel dab