Gemeinschaftsgärten in Städten liefern gesunde Lebensmittel, fördern die Artenvielfalt, dienen als Lernorte. Und sie sind Begegnungsräume für Menschen: In Osnabrück ist zwischen Salat und Kräuterbeeten ein entspannter Treffpunkt entstanden.
Osnabrück, München (epd). In Verena Kipps Hochbeet haben die Zwiebeln bereits starke Halme ausgebildet. Die hellgrün-gezackten Blätter des Endiviensalats nehmen sich in der strahlenden Sonne prächtig aus. Kipp zupft ein Blatt vom Liebstöckelstrauch gleich daneben, zerreibt es zwischen Daumen und Zeigefinger: „Duftet wie Maggi“, sagt sie und nimmt einen tiefen Atemzug durch die Nase. „Gebe ich ganz oft an Salate oder Suppen.“
Die 28-jährige Sozialarbeiterin nutzt den Gemeinschaftsgarten der Kirchengemeinde St. Katharinen in Osnabrück aber nicht nur wegen der Ernte. „Mich reizt vor allem, dass ich hier selbst werkeln und dabei unkompliziert mit Menschen zusammenkommen kann.“ Ihre Freundin Friederike Kalkmann nickt: „Ich habe keinen Balkon, keinen Garten. Mit dem Fahrrad bin ich fix hier und treffe fast immer jemanden.“
Seit einigen Jahrzehnten gewinnt das gemeinsame Gärtnern unter Menschen, die in der Stadt leben, mehr und mehr Anhänger. Initiativen, Vereine, Nachbarschaften in ganz Deutschland suchen sich in oft dicht bebauten Vierteln Frei- und Brachflächen, um sie zu begrünen, Blumen, Obst oder Gemüse anzubauen. Essbares wächst oft in Hochbeeten - um sicherzugehen, dass die Pflanzerde nicht durch Schadstoffe belastet ist.
Netzwerk von 1.000 Gemeinschaftsgärten
Mehr als 1.000 gemeinnützige Gemeinschaftsgärten listet das „Netzwerk Urbane Gemeinschaftsgärten“ unter dem Dach der „anstiftung“ auf. Manche vergeben wie in Osnabrück für ein geringes Entgelt Beete an Einzelpersonen, Einrichtungen oder Gruppen. Bei anderen wird alles ganz ohne Kostenbeteiligung gemeinschaftlich beackert und geerntet.
Das Projekt „Ab geht die Lucie“ in der Bremer Neustadt etwa ist aus einer Initiative von Anwohnerinnen des Lucie-Flechtmann-Platzes entstanden. Die Aktivistinnen begannen 2012, die betonierte Fläche von der Größe eines Fußballfeldes in einen Garten der Begegnung mit Stauden, Blumen und Gemüsebeeten zu verwandeln. Eine Klimawerkstadt gehört heute ebenfalls dazu: „Von der Stadt geförderte Freizeit- und Umweltbildungsangebote ziehen Kinder, Schulklassen, aber auch Erwachsenengruppen an“, erzählt Projektleiterin Katharina Müller.
Garten auf einem ehemaligen Friedhof
Im Prinzessinnengarten in Berlin wird auf dem geschlossenen Teil eines Friedhofs gemeinsam gegärtnert. „Wir beraten und unterstützen außerdem in ganz Berlin Menschen, die Gemeinschafts- oder Nachbarschaftsgärten aufbauen wollen“, sagt Hanna Burckhardt vom Prinzessinnengarten-Kollektiv.
Im Osnabrücker Katharinengarten ist unterdessen Verena Kipps Vater Andreas mit dem Rasenmäher unterwegs. „Ich habe Spaß an der Gartenarbeit und komme immer, wenn die Brennnesseln zu hoch wachsen“, sagt der 64-Jährige lachend und schiebt sich seinen Strohhut zurecht.
Der Katharinengarten auf einer schmalen Brachfläche zwischen einem Kindergarten und Wohnhäusern existiert seit 2020, erzählt Kirchenvorsteher Justus Rolfes. Der Gartenboom während der Corona-Pandemie habe die Umsetzung beschleunigt. Mittlerweile beteiligten sich Menschen unterschiedlicher Hautfarben und Religionen, Studierende, Rentner, Familien, betont Rolfes: „Bei uns ist jeder willkommen.“
Garten als Begegnungs- und Bildungsraum
„Urbane Gemeinschaftsgärten haben einen hohen Wert nicht nur zur Versorgung mit frischem Gemüse, sondern auch als soziale Begegnungs- und Bildungsräume für Menschen jeglichen Alters, verschiedener Herkünfte und sozialer Schichten“, bestätigt Monika Egerer, Stadtökologin an der Technischen Universität in München. Die Gärten seien zudem eine Heimat für viele seltene Tier- und Pflanzenarten, kühlten überhitzte Innenstädte und förderten Gesundheit und Wohlbefinden. „Und sie zeigen, was jeder Mensch im Kleinen für den Naturschutz leisten kann.“
Ausgangspunkt für das Netzwerk urbaner Gärten waren die „Internationalen Gärten“ in Göttingen. Vor 30 Jahren gründeten Geflüchtete mit Unterstützung von Einheimischen dort den ersten Gemeinschaftsgarten - vor allem, um Gemüse anzubauen. Heute betreibt der 1998 gegründete Verein drei Gärten. Etwa 400 der 1.000 Initiativen im „Netzwerk Urbane Gemeinschaftsgärten“ haben einen interkulturellen Schwerpunkt.
Kommunale Gartenbeauftragte
Allerdings ist der Druck auf verfügbare Flächen erheblich - vor allem durch fehlenden Wohnraum, sagt Christa Müller vom Vorstand der „anstiftung“. Zugleich haben einige Kommunen Gartenbeauftragte benannt und unterstützen Bildungs- oder Umweltprojekte: „Die Gemeinschaftsgarten-Bewegung wächst seit mehr als 20 Jahren kontinuierlich. Und ein Ende des Trends ist noch nicht absehbar“, prophezeit die Soziologin, die mehrere Bücher zum Thema verfasst und herausgegeben hat.
Im Osnabrücker Garten haben sich Verena Kipp und Friederike Kalkmann mittlerweile für eine Trinkpause auf eine schattige Bank zurückgezogen. Das gute Wetter lässt sie auf weitere Mitstreiter hoffen. „Spontane Treffen, per Handy verabredet, funktionieren super. Nach der Gartenarbeit setzen wir uns zusammen und grillen gemeinsam“, schwärmt Kipp. „Eine Oase mitten in der Innenstadt.“
epd lnb mas mig