Zahl antisemitischer Vorfälle in Niedersachsen erneut gestiegen

Nachricht 02. Juni 2026

Im vergangenen Jahr verzeichnete die Meldestelle Rias wieder einen Anstieg bei antisemitisch motivierten Übergriffen. Offene Angriffe und subtile Verschwörungstheorien deuten laut Rias auf tief in der Gesellschaft verwurzelten Judenhass hin.

Hannover (epd). Die Zahl der Fälle von Antisemitismus in Niedersachsen ist im vergangenen Jahr auf einen neuen Höchststand seit dem Beginn ihrer Erfassung gestiegen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) dokumentierte in ihrem Jahresbericht für 2025 insgesamt 672 Fälle, wie sie am Montag in Hannover mitteilte. Das entspricht einem leichten Anstieg gegenüber 2024, als 655 Fälle verzeichnet wurden. Gemeldet wurden dabei Angriffe, Bedrohungen und Sachbeschädigungen. Es gab einen Fall extremer Gewalt sowie 16 körperliche Angriffe.

Darüber hinaus dokumentierte Rias 22 Bedrohungen. Deutlich angestiegen sei die Zahl gezielter Sachbeschädigungen (2025: 44; 2024: 31). Insgesamt seien 194 Personen direkt betroffen gewesen. Unter den 98 betroffenen Institutionen stellten Gedenkstätten und Gedenkinitiativen mit 57 Fällen die größte Gruppe. Ebenfalls deutlich gestiegen ist laut Bericht auch die Zahl der Vorfälle gegen jüdische Institutionen wie Gemeinden oder Friedhöfe (21 Fälle). Die häufigste Erscheinungsform war israelbezogener Antisemitismus (449 Fälle). Es folgte Post-Schoa-Antisemitismus mit 275 Fällen, der auf die Abwehr von Erinnerung an die Schoa, Verantwortung und Schuld abzielt.

Judenhass als Bedrohung für die demokratische Kultur

„Der erneute Anstieg antisemitischer Vorfälle ist alarmierend. Er zeigt, dass antisemitische Einstellungen in Teilen unserer Gesellschaft weiterhin tief verankert sind und sich zunehmend verfestigen“, sagte die Leiterin der Meldestelle, Katarzyna Miszkiel-Deppe. Besonders besorgniserregend sei die fortschreitende Normalisierung. „Antisemitische Aussagen und Handlungen werden häufiger offen geäußert und bleiben zugleich immer öfter unwidersprochen - im Netz, im Alltag und im öffentlichen Raum.“

Antisemitismus zeige sich zurzeit nicht nur in offener Feindseligkeit, sondern auch in subtilen Formen wie Verschwörungserzählungen, Relativierungen oder stereotypen Zuschreibungen, führte Miszkiel-Deppe aus. „Diese Entwicklung bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden sowie jüdisches Leben in Niedersachsen, sondern unsere demokratische Kultur insgesamt.“

Israelbezogener Antisemitismus als blinder Fleck

Der Niedersächsische Landesbeauftragte gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens, Gerhard Wegner, sagte, in seiner Arbeitsstelle seien 2025 immer wieder Hinweise auf antisemitische Vorfälle eingegangen, die das gesamte Spektrum des Antisemitismus abbildeten. „Besonders erschreckend ist, dass für viele Menschen die Erscheinungsform des israelbezogenen Antisemitismus noch immer ein blinder Fleck ist. Dabei fällt unter diese Erscheinungsform mitunter gar die infame Darstellung der Israelis als die heutigen Nazis.“

Umso wichtiger sei vor diesem Hintergrund die andauernde Arbeit von Rias, diese Vorfälle zu dokumentieren und einzuordnen, betonte Wegner, „denn die Infragestellung des Existenzrechts Israels ist immer auch die Infragestellung des Existenzrechts aller Jüdinnen und Juden und verschärft ihre gefährdete Lage weiter“. Die Meldestelle Rias war 2020 zunächst für die Stadt Hannover eingerichtet worden. Später wurde sie auf ganz Niedersachsen ausgeweitet.

epd lnb bjs mir