Nach Stationen als Wissenschaftler und Gemeindepastor wird Claas Cordemann Regionalbischof im südlichen Niedersachsen. Der 54-Jährige glaubt nicht an Masterpläne, sondern an Begegnungen.
Hildesheim, Göttingen (epd). Die Begegnungen in seiner Zeit als Gemeindepastor haben Claas Cordemann geprägt. „Ich war gerne Pastor auf dem Dorf, weil die Menschen in allen Lebenslagen zu mir kamen“, erinnert sich der 54-Jährige an seine erste Stelle in gleich vier Dörfern in Südniedersachsen. Wenn er am 10. Mai sein Leitungsamt als evangelischer Regionalbischof im kirchlichen Sprengel Hildesheim-Göttingen antritt, sei das für ihn auch eine Art Rückkehr zu seinen Anfängen.
Mit rund 400.000 Kirchenmitgliedern in mehr als 300 Gemeinden zählt der Sprengel zu den sechs Regionen der größten evangelischen Landeskirche in Deutschland. Doch auch angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Finanzmittel der Kirche sehe er die Lösung nicht darin, den einen Masterplan für alle Gemeinden und Regionen zu entwickeln, sagt Cordemann. Wie bereits als Dorfpastor wolle er sich einen Eindruck davon verschaffen, in welchen Regionen welche Stärken vorhanden seien. „Arbeit und Personal müssen so verteilt werden, dass die Kirche lebendig und ausstrahlungsfreudig bleibt.“
Begleitung durch Höhen und Tiefen des Lebens
Auch in seiner bisherigen Laufbahn standen für Cordemann die Inhalte des christlichen Glaubens im Mittelpunkt, die ihn bewegten und begeisterten. Für ein Theologiestudium entschied er sich während des Abiturs, weil ihn die Fragen nach dem Sinn des Lebens nicht losließen. Seine eigene Suche nach Antworten begann bereits im Alter von neun Jahren, erzählt er. Cordemanns Vater starb damals durch eine Krebserkrankung im Alter von nur 39 Jahren.
Das Theologiestudium, zunächst in Göttingen, später in Halle an der Saale, habe ihm Raum gegeben, allen Fragen rund um das Menschsein nachgehen zu können, sagt der Theologe. In Einbeck absolvierte Cordemann nach seiner Promotion sein Vikariat und entdeckte neben der Wissenschaft die Arbeit des Pastors in der Gemeinde für sich. „Ich war begeistert davon, die Menschen durch die Höhen und Tiefen des gesamten Lebens zu begleiten.“
Seelsorger für ganzes Dorf
Später wurde Cordemann angefragt, als Theologischer Referent des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister zu arbeiten. Mit einer halben Stelle wollte er Gemeindepastor bleiben, weil ihm die Arbeit mit den Menschen so am Herzen liegt. Bis heute gehe ihm vor allem ein Erlebnis besonders nahe, erzählt er noch immer sichtlich bewegt. Als ein 21-Jähriger aus seinem Dorf nach einem tödlichen Autounfall von Mitgliedern der Freiwilligen Ortsfeuerwehr geborgen wurde, wurde Cordemann zum Seelsorger und Trauerbegleiter für ein ganzes Dorf. „Da habe ich gelernt, was es heißt, Pastor zu sein.“
Doch Cordemann spürte auch den Wunsch, selbst mehr eigene Texte zu theologischen Gegenwartsfragen zu publizieren. Als Referent für theologische Grundsatzfragen bei der Vereinigten Evangelisch-lutherischen Kirche Deutschland (VELKD) in Hannover konnte er seiner Leidenschaft für die Mischung aus Theologie, Kirchentheorie, Soziologie, Philosophie und Psychologie wieder nachgehen. Die Botschaft, dass es im Christentum nicht ein Ringen um Anerkennung brauche, dass Leute nicht „performen müssten“, um von Gott geliebt und angenommen zu werden, fasziniert ihn.
Abgrenzung gegen Populismus
Cordemann wechselte schließlich nach Loccum, wo er für die Fortbildung von Theologen und Diakonen im ersten Amtsjahr zuständig war. „Die Begegnung mit Menschen macht mir am meisten Spaß“, sagt er. Seine Vision von Kirche sei liberal und aufgeklärt. Er stehe für eine Pluralität von Glaubens- und Gemeindeformen. Die Kirche müsse sich jedoch gegen jede Form des Populismus und entsprechender Parteipolitik klar abgrenzen. Mit Menschen, die populistische Parteien aufgrund von Verlusten oder Ängsten wählten, wolle er aber weiterhin im Gespräch bleiben. „Nur so kann dem Populismus der Nährboden entzogen werden.“
Privat hat Cordemann eine frühere Leidenschaft aufgegeben: Das Basketballspielen. Die Zweikämpfe unterm Korb sind zu verletzungsanfällig: „Besonders Bänderrisse sind beliebt“, sagt er lachend. Morgens gehe sein Blick jedoch häufig zuerst in die App zum Stand der nordamerikanischen Profi-Basketballliga, NBA, fügt er augenzwinkernd hinzu und deutet auf sein Handy. Die Spiele der „BG Göttingen“ hofft der verheiratete Vater eines Sohnes, wieder häufiger vom Spielfeldrand aus beobachten zu können.
epd lnb cmo mir