Neue Meldestelle für queerfeindliche Übergriffe

Nachricht 15. April 2026

Die Zahl queerfeindlicher Angriffe steigt. Ein Alarmzeichen, findet Niedersachsens Sozialminister Philippi. Gemeinsam mit dem queeren Netzwerk hat er eine Meldestelle eingerichtet. Sie soll Vorfälle vom Hass-Posting bis zur Gewalttat dokumentieren.

Osnabrück (epd). Das Land Niedersachsen hat eine Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit (MIQ) eingerichtet. Ab sofort können Betroffene sich dort Hilfe holen und queerfeindliche Vorfälle dokumentieren lassen, wie das Queere Netzwerk Niedersachsen und das Sozialministerium als Initiatoren am Dienstag in Hannover mitteilten. Dadurch sollten das Ausmaß, die Formen und die Folgen von Queerfeindlichkeit sichtbar gemacht werden. „Wenn Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität angegriffen werden, betrifft das unser aller Werteverständnis und unser demokratisches Miteinander“, sagte Sozialminister Andreas Philippi (SPD).

Die steigende Zahl queerfeindlicher Angriffe sei ein Alarmzeichen, betonte er. Die neue Meldestelle ermögliche es, das Ausmaß und die Folgen dieser Gewalt zu verstehen und gezielt darauf zu reagieren: „Wir müssen als Gesellschaft zusammenstehen und diese Angriffe mit aller Entschlossenheit bekämpfen.“ Im Jahr 2024 wurden in Niedersachsen nach Angaben des Innenministeriums 236 Fälle queerfeindlicher Straftaten im Rahmen der politisch motivierten Kriminalität registriert, geringfügig mehr als im Jahr zuvor, als 233 Fälle bekannt wurden.

Meldestelle soll Datengrundlage für Gegenmaßnahmen schaffen

Eine Sprecherin des Sozialministeriums betonte, Berichte aus der Community zeigten eine wachsende Verunsicherung aufgrund eines wahrgenommenen Anstiegs von Vorfällen. Gleichzeitig werde Queerfeindlichkeit in Teilen der Gesellschaft zunehmend verharmlost oder abgestritten. Die MIQ verdeutliche das Thema hingegen und schaffe „Klarheit durch Zahlen“. Durch die gemeldeten Fälle könne eine Datengrundlage entstehen, die zeige, an welchen Orten und in welchen Zusammenhängen queerfeindliche Gewalt auftrete und zu welchen Vorfällen es dabei komme. Auf dieser Grundlage würden gezieltere Gegenmaßnahmen ermöglicht.

Derzeit würden viele Vorfälle nicht angezeigt, betonte Lisa Kühn, Vorständin beim Queeren Netzwerk Niedersachsen. Die neue Meldestelle solle das ändern. Sie gewährleiste Anonymität und einen niedrigschwelligen Zugang. Online oder per Telefon könnten Fälle vom diskriminierenden Posting in sozialen Netzwerken bis zur Gewalttat gemeldet werden. Die MIQ ersetze keine Beratungsstelle. Sie weise Betroffene auf bestehende Unterstützungsangebote hin.

Angst in queerer Community wächst

Mika Onning, Mitarbeitende in der Meldestelle MIQ, betonte, dass eine Verbesserung der Datenlage dringend notwendig sei. Studien und Äußerungen von queeren Personen deuteten auf eine hohe Prozentzahl polizeilich nicht erfasster Vorfälle hin. Auch seien die bisherigen Statistiken unvollständig. Viele Menschen trauten sich mittlerweile nicht mehr, sich öffentlich als queer zu bezeichnen, sagte Onning dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Der Paritätische Niedersachsen begrüßte die Einrichtung der neuen Meldestelle und bezeichnete den Schritt als „längst überfällig“. Er sei „ein klares Signal für mehr Respekt, Schutz und gesellschaftlichen Zusammenhalt“, sagte die Vorsitzende Kerstin Tack.

Auch die Landtagsfraktionen der Regierungsparteien SPD und Grüne begrüßten die Meldestelle. „Nur wenn wir menschenverachtendes Verhalten ans Licht bringen, können wir Ausmaß und Folgen von Ausgrenzung richtig einschätzen“, sagte die sozialpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Claudia Schüßler. Swantje Schendel von den Grünen mahnte an, dieses und weitere queere Projekte müssten dauerhaft finanziell abgesichert werden.

epd lnb mas/dab