Schweigen und Stille: Oft Wohltat, manchmal verletzend

Nachricht 27. März 2026

Die Tage vor Ostern gelten als stille Feiertage. Am Karfreitag, an dem an das Sterben Jesu erinnert wird, sind öffentliche Tanz-Veranstaltungen eingeschränkt. Doch geht das überhaupt, eine kollektive Stille? Beobachtungen über Stille und Schweigen.

Hannover, Göttingen (epd). Nicht miteinander zu reden, kann schmerzhaft sein. Gemeinsam zu schweigen, wohltuend. Und mancher empfindet es als heilsam, still zu werden. Sogar Momente gemeinsamer innerer Einkehr seien möglich, sagen Experten.

Der Paarberater: Wann Schweigen helfen kann

Der Paarberater Stefan Pydde empfiehlt seinen Klientinnen und Klienten folgende Aufgabe: Einmal in der Woche müssen sie einander Raum lassen. Dann hat erst ein Partner eine Viertelstunde Redezeit ganz für sich, später der andere. Der oder die andere ist währenddessen zum Schweigen aufgerufen, Kommentare und Zwischenfragen sind nicht erlaubt. „Das ist für viele Paare eine große Herausforderung“, sagt der Berater von der Diakonie in Hannover. „Doch in diesen Fällen kann Schweigen wohltuend sein.“ Denn allzu schnell fielen Menschen einander ins Wort und dann in alte Muster zurück. „Sie drehen sich im Kreis und kommen nicht mehr heraus, und dann wird die Kommunikation sehr destruktiv.“

Still zuhören zu können ist aus Pyddes Erfahrung hingegen ein hohes Gut. In der Beziehung oder auch in Freundschaften sei es wichtig, zuerst einmal in Ruhe Probleme aussprechen zu können und nicht allzu schnell mit oberflächlichen vermeintlichen Lösungen abgespeist zu werden.

Aber: „Schweigen kann auch verletzend sein“, sagt der Paarberater. Zum Beispiel, wenn auf die Frage „Liebst du mich noch?“ keine Antwort komme. In Partnerschaften werde Schweigen zuweilen gar zum Druckmittel: „Ich antworte jetzt ganz bewusst nicht, um dich abzustrafen, weil du mich so verletzt hast.“

Der Geistliche Leiter im Kloster: Innere Einkehr und heilsame Stille

Bei Schweige-Exerzitien im Geistlichen Zentrum Kloster Bursfelde bei Göttingen suchen Menschen eine Woche lang ganz bewusst die Stille. „Nur so konnten Leib und Geist wach werden, und das innere Geschehen wurde nicht wieder zugedeckt durch Reden“, zitiert der Geistliche Leiter, Pastor Klaus-Gerhard Reichenheim, was ein Teilnehmer dabei empfunden hat. Von heilsamer Stille spricht jemand anderes am Ende der Woche: „Die Gedanken werden nicht mehr von der To-do-Liste, 200 Nachrichten per Mail oder Handy sowie den Schlagzeilen auf 'Spiegel online' abgelenkt.“

Das Schweigen zur Selbstbesinnung und um Gott nahe zu sein, habe eine lange Tradition, sagt Reichenheim. Die Bibel berichte, dass schon Jesus selbst sich immer wieder in die Einsamkeit zurückgezogen habe, um Einkehr zu halten. Auch die Benediktinerregel enthalte ein Kapitel über die Schweigsamkeit. „Schweigen und Stille sind ein Grundbedürfnis von uns Menschen.“

Bei den Einkehrzeiten in Bursfelde kommen Menschen als Gruppe zusammen. Jeder Tag wird strukturiert von vier Gebetszeiten, einem geistlichen Begleitgespräch, Körperübungen am Vormittag und am Nachmittag. Die Mahlzeiten werden gemeinsam im Schweigen eingenommen. Damit dies alles gelinge, gebe es zu Beginn eine Einführung, sagt Reichenheim. Die Begleiterinnen und Begleiter vermittelten dabei den Teilnehmenden, dass für alles gesorgt sei. „Ihr müsst euch um nichts kümmern und könnt uns ansprechen, wenn euch etwas fehlt“, erläutert er. „Die Notwendigkeit, reagieren und funktionieren zu müssen, all das darf in dieser Woche ausfallen.“

Der Soziologe: Kollektives Schweigen entfaltet symbolische Kraft

Doch auch außerhalb eines solchen geschützten Rahmens sei ein gemeinsames Schweigen möglich, zumindest, wenn der Anlass alle aufrüttle, sagte der Göttinger Soziologe Berthold Vogel. Es gebe Phasen der gesellschaftlichen Stille, in denen sich eine kollektive Sprachlosigkeit spiegele. Dazu zählten Schweigeminuten wie nach dem Zugunglück in Spanien oder nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana. „Insofern gibt es kollektive Schweigezeiten, die breite Resonanz finden und akzeptiert werden“, sagt Vogel. Das seien in der Regel kurze Momente, die eine große symbolische und atmosphärische Kraft hätten.

Eine angeordnete Stille wird aus Vogels Sicht aber nur in bestimmten Fällen von allen akzeptiert und übernommen: „Diese Stille benötigt einen emotionalen Bezugspunkt, der an unser Menschsein, unser Mitleid, unsere Empathiefähigkeit, unsere Solidarität appelliert.“

epd lnb mir dab