Fernsehjournalist Henze: US-Evangelikale sichern Trump die Macht

Nachricht 10. März 2026

Es sind vor allem weiße Evangelikale, die hinter US-Präsident Donald Trump stehen, analysiert der Fernsehjournalist Arnd Henze in seinem neuen Buch "Mit Gott gegen die Demokratie". Dabei verbindet beide nicht viel - außer ein Bedürfnis nach Rache.

Hannover (epd). Der Einfluss der religiösen Rechten auf die Politik und den Erfolg von US-Präsident Donald Trumps ist gewaltig. Sie haben ihm entscheidend bei den Wahlen geholfen. Wie und warum analysiert der Theologe und Journalist Arnd Henze, der sein neues Buch „Mit Gott gegen die Demokratie“ am 12. März in der hannoverschen Marktkirche vorstellt.

epd: Unter dem Titel „Mit Gott gegen die Demokratie“ haben Sie ein Buch geschrieben, das sich mit dem Einfluss der religiösen Rechten in den USA auf die Wahlen und die Regierung Trump beschäftigt. Wie hoch ist dieser Einfluss?

Arnd Henze: Sehr hoch. Schon bei der ersten Wahl 2016 hat keine Gruppe so geschlossen für Donald Trump gestimmt und vor allem so erfolgreich mobilisiert wie die weißen, sich selbst evangelikal nennenden Protestanten in den USA. Und sie sind ihm über drei Wahlen treu geblieben. Zudem haben sie mit Trump, der 2016 noch ein relativ unbeschriebenes Blatt war, einen extremen Radikalisierungsprozess durchgemacht, dessen Folgen wir heute erleben. Herausgekommen ist eine Politik, die der Demokratie und dem Rechtsstaat den offenen Kampf angesagt hat.

epd: Was ist der Treibstoff der „Make America Great Again“-Bewegung, kurz MAGA, und der sie befeuernden religiösen Rechten?

Henze: Es ist erkennbar kein gemeinsames Wertefundament, denn der einzige Wert, für den sich Donald Trump interessiert, ist er selbst - und sein Bankkonto. Das Verbindende ist der gemeinsame Wunsch nach Rache. Wobei die Ursachen unterschiedlich sind: Bei Trump ist es Rache für die angeblich gestohlene Wahl 2020 und die Gerichtsverfahren, denen er sich ausgesetzt sah. Bei den religiösen Rechten ist es Rache für ein Jahrhundert stetiger Niederlagen in einem Kulturkampf, den sie immer wieder selbst befeuert haben: gegen die Öffnung und Liberalisierung der Gesellschaft, die auch mit Säkularisierung verbunden ist. Das reicht vom Kampf gegen die Evolutionslehre über die Trennung von Staat und Religion in den Schulen bis zur gleichgeschlechtlichen Ehe.

Was wichtig ist: Sie haben ihre vielen Kämpfe nicht nur gegen die Demokraten verloren, sondern auch unter republikanischen Präsidenten, von denen sie sich deshalb immer wieder verraten fühlten. Und dann trat 2016 der Außenseiter Trump als Retterfigur auf den Plan und hat ihnen als Erstes drei erzreaktionäre Richter am Supreme Court geschenkt. Daraus ist diese Symbiose von brutaler Macht und Religion entstanden.

„Gestohlene Wahl“ als Glaubensartikel der MAGA-Bewegung

epd: Sie schreiben, dass die „gestohlene Wahl“ zu einer Art Glaubensartikel der MAGA-Bewegung geworden ist.

Henze: Genau. Neben der Radikalisierung der religiösen Rechten erleben wir eine Vermischung mit Verschwörungserzählungen, mit Personenkult und einer Verklärung der Nation. Wer dazugehören will, muss diesen ganzen synkretistischen Mix mit „glauben”. Und dazu gehört ganz besonders Trumps Obsession mit der “gestohlenen Wahl”.

epd: Kann man die derzeitige Situation in den USA vergleichen mit der in Deutschland in den 1930er Jahren um die Machtergreifung der Nationalsozialisten?

Henze: In den USA sind Vergleiche und Bezüge zur NS-Zeit inzwischen allgegenwärtig. Wir sind da in Anbetracht unserer Erinnerungskultur zurückhaltender - und zwar aus guten Gründen, weil wir jede Relativierung dessen, was damals geschehen ist, vermeiden müssen. Aber es gibt deutliche Gemeinsamkeiten, etwa zwischen der Ideologie und dem Personenkult der MAGA-Bewegung mit den Deutschen Christen, also dem NS-Ableger in den Kirchen.

Mit Blick auf die Angriffe auf Medien, Kultur, Universitäten und Museen wird auch das deutsche Wort „Gleichschaltung“ immer wieder benutzt. Und natürlich wecken die maskierten Greiftrupps der Einwanderungsbehörde ICE und die brutale Deportationspolitik schlimmste Erinnerungen, zumal sie sich mit der pauschalen Dämonisierung, Kriminalisierung und letztlich Entmenschlichung ganzer Bevölkerungsgruppen verbinden: ob Somalis in Minnesota oder Haitianer in Ohio.

Man muss aber auch den entscheidenden Unterschied benennen: In den USA gibt es inzwischen eine mutige Zivilgesellschaft, die aus der Schockstarre erwacht ist und sich wehrt. Das war in Deutschland anders.

Wachsende Gefahr von Kampagnen ohne Faktenbasis

epd: Sie schreiben, dass die kurze, zum Teil erbitterte Debatte in Deutschland um die geplante Nominierung der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf für das Bundesverfassungsgericht eine Vorahnung von künftigen Kulturkämpfen auch bei uns liefern könnte - im Zusammenspiel einer neuen Rechten und den neuen Medien.

Henze: Ja, wie in den USA müssen wir uns auch hier auf strategisch organisierte Kampagnen einstellen, die keinerlei Faktenbasis mehr haben und allein darauf abzielen, Menschen und Institutionen zu zerstören. Meine größte Sorge ist, dass der positive Begriff der Meinungs- und Religionsfreiheit so gekapert wurde, dass er als Freibrief zur Lüge, Hetze und Denunziation missbraucht werden kann. Dieses Narrativ findet sich sogar in der nationalen Sicherheitsstrategie der USA. Gleichzeitig werden alle Versuche diskreditiert, Diskussionen auf eine faktenbasierte Grundlage zu stellen und gegen Hass und Lügen vorzugehen. Davon lebt aber eine Demokratie.

epd lnb mbb dab