Regimesturz im Iran könnte zu Radikalisierung der Schiiten führen

Nachricht 03. März 2026

Die USA und Israel haben in einer Militäroffensive den fast 40 Jahre herrschenden religiösen Führer des Iran, Ali Chamenei, getötet. Wenn das gesamte Regime gestürzt würde, könnte das zu Terror auch in Europa führen, warnt der Islamforscher Ceylan.

Osnabrück (epd). Ein Sturz des Regimes im Iran könnte nach Ansicht des Osnabrücker Islamforschers Rauf Ceylan zu einer Radikalisierung von Schiiten weltweit führen. Innerhalb wie außerhalb des Iran gebe es starke Sympathisanten des Regimes von Ajatollah Ali Chamenei, sagte der Professor für Gegenwartsbezogene Islamforschung an der Universität Osnabrück. Diese könnten versuchen, ihre Ziele mit Terror durchzusetzen, wenn ihre einzige Schutzmacht durch den aktuellen militärischen Einsatz der USA und Israels komplett gestürzt würde.

Größere schiitische Gruppen existierten vor allem im Irak, im Libanon, Afghanistan und Pakistan. Auch in Deutschland lebten neben den etwa 200.000 überwiegend anti-islamisch eingestellten Exil-Iranern auch pro-iranische Schiiten, sagte Ceylan. Deren Zentrale sei bis zum Verbot durch das Bundesinnenministerium im Juli 2024 das Islamische Zentrum Hamburg gewesen. Seitdem organisiere sich die Szene dezentral, erläuterte der stellvertretende Direktor des Instituts für Islamische Theologie.

Schiismus an sich ist eher unpolitisch

Ceylan betonte, nicht der Schiismus an sich sei gewaltbereit und machtpolitisch ausgerichtet. Die Wurzeln gingen auf einen Streit um die Nachfolge des Propheten Mohammed zurück. Eine Richtung, später als sunnitisch bezeichnet, befürwortete die am besten qualifizierte Person als obersten Imam. Die andere, die schiitische, glaubte, der religiöse Führer dürfe ausschließlich aus der Familie Mohammeds stammen.

Prägend für den Schiismus ist laut Ceylan zudem die Lehre von den zwölf Imamen. Der zwölfte Imam in der legitimen Mohammed-Nachfolge, auch Mahdi genannt, soll im Kindesalter verschwunden sein und gilt seitdem als verborgen. Bis zu dessen Rückkehr warten die Schiiten demnach auf einen legitimen religiösen Führer und präsentieren sich ohne politische Ambitionen.

Herrschaftsanspruch durch Islamische Revolution

Ajatollah Chomeini habe dann allerdings 1979 die Islamische Revolution ausgerufen und sich selbst zum Stellvertreter Mahdis bis zu dessen Rückkehr ernannt, erläuterte der Religionssoziologe. Mit der Revolution sei eine starke Politisierung und Hierarchisierung im Inneren sowie ein missionarischer globaler Herrschaftsanspruch einhergegangen. Die sunnitisch geprägten arabischen Staaten hätten sich seit jeher dagegen gewehrt.

Die iranische Gesellschaft ist Ceylan zufolge gespalten in Anhänger und die zunehmend stärker werdenden Gegner des religiösen Herrschaftssystems. Eine 2020 gestartete und fortlaufende Studie der Universität Utrecht belege einen massiven Säkularisierungsschub im Iran und die Forderung nach einer Trennung von Staat und Religion. Die „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste von 2022 seien Ausdruck einer tiefgreifenden Abkehr von der Theokratie. Der durch die Proteste ausgelöste Bruch zwischen privater und öffentlicher Moral habe das Fundament des Regimes nachhaltig erschüttert.

epd lnb mas bjs