Von der Angst, raus in die Welt zu gehen

Nachricht 22. Februar 2026

Mehr junge Menschen leiden unter Ängsten und Einsamkeit

Einsamkeit nimmt zu und macht krank. Zunehmend sind auch junge Leute betroffen. So wie Melissa. Die 20-Jährige spricht offen über ihre Gefühle und die emotionale Leere, darüber, dass sie gerne mehr Freunde hätte. Das Projekt Juniver bietet Hilfe an.

Hannover (epd). Wenn Melissa von etwas so richtig die Nase voll hat, dann sind es schlaue Ratschläge von Millennials. Das Wort Millennials, das die 20-Jährige benutzt, bezeichnet die Generation der heute etwa 30- bis 45-Jährigen - das Alter von Melissas Lehrern, ihrer Mutter. „Geh doch einfach mal raus“, „Triff Dich mit Leuten“, „Greif zum Telefon und verabrede Dich“ - wenn Melissa solche Tipps hört, verdreht sie die Augen. „Das ist gut gemeint, aber es hilft nicht.“

Melissa ist einsam. Schon lange. Bereits in der Grundschule fiel es ihr schwer, Anschluss zu finden, wie sie erzählt. Sie wurde geärgert, entwickelte Ängste. „Besonders schlimm war der Sportunterricht“, sagt die Hannoveranerin. „Das hätte Spaß machen können, aber nur, wenn man sich in seiner Klasse wohlfühlt - ich aber hatte Angst vor den anderen.“ Die Ängste wurden schlimmer. Sogar das Bahnfahren wurde zum Problem. „Manchmal musste ich mich übergeben.“

Bereits jedes fünfte Grundschulkind fühlt sich einsam

Einsamkeit geht laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) häufig einher mit psychischen Problemen. Einsame Menschen erkrankten doppelt so oft an Depressionen, entwickelten vermehrt Ängste sowie Suizidgedanken. Weltweit stehe Einsamkeit in Zusammenhang mit schätzungsweise 871.000 Todesfällen jährlich, schreibt die WHO 2025 in ihrem Bericht über die Bedeutung sozialer Beziehungen.

Das Fehlen sozialer Kontakte und das Gefühl emotionaler Leere trifft zunehmend auch die junge Generation. Einer repräsentativen Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2024 zufolge geben 46 Prozent der befragten 16- bis 30-Jährigen an, moderat oder stark unter Einsamkeit zu leiden. Laut dem Deutschen Jugendinstitut in München fühlt sich bereits jedes fünfte Grundschulkind einsam.

„Man fühlt sich wertlos“

Wie fühlt sich Einsamkeit an? Melissa senkt den Blick und denkt nach. „Ein Gefühl der Leere“, erklärt sie. „Man fühlt sich wertlos und denkt, dass andere viel mehr schaffen im Leben und man selbst auf der Strecke bleibt“, sagt sie. „Ich habe dann null Motivation mehr und ziehe mich zurück.“

Das Handy, das ewige Scrollen, die weichgezeichnete Angeberwelt der sozialen Medien spielen bei diesen Selbstzweifeln eine wichtige Rolle. Melissa weiß, dass Instagram und Co. eine Scheinwelt zeigen. „Trotzdem fühle ich mich schlecht, wenn ich das sehe - und das Handy wegzulegen, kostet mich viel Kraft.“

Die junge Frau mit den schwarzen Haaren und dem Nasenring will ihre Einsamkeit ergründen. Sie trägt Puzzleteile zusammen. Schon als Kind sei sie schüchtern gewesen, wenig selbstbewusst. Die Eltern trennten sich früh. „Ich war oft allein.“ Ihre Mutter habe es zwar stets gut gemeint, sei aber aufgrund eigener Ängste übervorsichtig im Umgang mit ihr gewesen. „Das war vielleicht auch nicht so gut.“

Warten auf ein „Ich denk' an dich“

Für Freundschaften müsse man sich Zeit nehmen, sagt Melissa. „Selbst wenn man beschäftigt ist, kann man doch mal eine WhatsApp senden, um zu zeigen: Ich denk' an Dich.“ Die Enttäuschung ist der jungen Frau anzuhören. Wahrscheinlich gab es bereits viele Momente, in denen sie auf eine solche Nachricht gewartet hat.

Isolation, Ängstlichkeit, Schwermut nahmen nach Melissas Realschulabschluss noch einmal zu, als sie mit 16 Jahren die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin begann. „Plötzlich wurde ich gesiezt, wie eine Erwachsene“, sagt sie. „Das war alles viel zu früh, ich hätte in dem Alter noch einen Schonraum gebraucht.“

Ein Jahr hielt Melissa durch, dann brach sie ab und ging das erste Mal für drei Monate in stationäre Therapie. Die Erwartungen, Stress, Überforderung, „meine Emotionen kochten richtig hoch, ich konnte nicht mehr.“

Diakonie-Projekt: Hilfe beim Rausgehen in die Welt

Einen Schonraum hat Melissa inzwischen gefunden. Seit dem Sommer besucht sie die Jugendberufshilfe „Juniver“, ein Projekt der Diakonie Hannover, unterstützt von der Stadt Hannover und dem Job-Center. Junge Menschen, die es schwer im Leben haben, können hier ihre Fähigkeiten entdecken, Tagesstrukturen und Perspektiven entwickeln. Ohne Wettbewerb, ohne Druck, jeder in seiner Geschwindigkeit. Seit langer Zeit gehe es ihr wieder besser, sagt Melissa. „Ich fühle mich wohl.“

Sozialpädagoge Lukas Schütt macht Ausflüge mit den Jugendlichen. Mobilitätstraining nennt er das. Denn viele bei Juniver kennen die Hürde, raus in die Welt zu gehen, die Angst, fremde Menschen zu treffen, möglicherweise mit ihnen sprechen zu müssen. Das gilt auch fürs Telefonieren. „Das mache ich nicht“, sagt Melissa entschieden - und damit ist sie nicht die Einzige in ihrer Generation.

Angst, sich falsch zu verhalten

Die Scheu vor Menschen, die Angst, sich falsch zu verhalten, habe auch mit Corona zu tun, sagt Melissa. „Erst gingen die Türen zu, dann gingen sie wieder auf, und man sollte einfach weitermachen, aber so einfach ist das nicht.“

Da ist sie wieder, die Skepsis Erwachsenen gegenüber. Zumindest gegenüber jenen, die es sich leicht machen, Tipps wie „Du musst auf Leute zugehen“ parat haben. „Ich finde das halt sehr schwer - und das geht ganz vielen in meiner Generation so“, sagt Melissa. Einer müsse schließlich den ersten Schritt machen. „Was aber, wenn sich niemand traut und jeder auf den anderen wartet?“

Melissa beginnt langsam, Pläne zu machen. Selbstständig leben, eigenes Geld verdienen, ein Job in der Modebranche, vielleicht als Verkäuferin. „Das wäre toll“, sagt sie und winkt mit einem zaghaften Lächeln zum Abschied.

epd lnb jul bjs