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Bild: Rainer Sturm  / pixelio.de

Rezension

Rezension

Baptiste Paul (Text), Jacqueline Alcántara (Illustrationen), Thomas Bodmer (Übersetzung)
Das Spiel, NordSüd Verlag Zürich 2018, 
ISBN 978-3-314-10434-3, 28 Seiten, ca. 15,00 € 
(leider nur noch antiquarisch zu erhalten)

 

Braucht es im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft mit einer erwartbaren medialen Bilderflut noch ein Bilderbuch, um diesen Sport ins Gespräch zu bringen? Ja, dieses hier. Jedenfalls für alle, die an der Kombination von Fußballleidenschaft, Spielfreude und Fairness interessiert sind.

Auf den ersten Blick 

Die Story scheint schnell erzählt. Kinder verabreden sich zum Fußballspielen, sie organisieren sich ein Spielfeld, eine Kuhweide; sie engagieren einen Schiedsrichter, bilden Teams aus Jungen und Mädchen und tauchen ein in mitreißende Spielszenen.
Sie lassen sich von Widrigkeiten nicht aufhalten; ein Sturzregen führt nur zu einer kurzen Pause, bevor das Match im Matsch fortgesetzt wird. Erst nach Einbruch der Dunkelheit gelingt es den Müttern, die Spieler*innen nach Hause zu beordern. Der Abend kommt, der Schmutz löst sich in der Badewanne auf – und als Leser denke ich: So kann Fußball sein, so kann ein glücklicher Tag aussehen. Mehr braucht es eigentlich nicht.
 

Was das Buch besonders macht: Begeisterung

Die Bilder und die Sprache stecken mit der Spielfreude der Kinder an. Wir sehen, wie sie ganz beim Spiel sind, sehen die Lust an der Bewegung. Die Bilder fangen die Dynamik des Geschehens eindrucksvoll ein: Sprints, Ballkunststücke, eine artistische Monstergrätsche. Als der Regen die Wiese in eine Wasserlandschaft verwandelt, ist es, als ob wir die Feuchtigkeit spüren, der Schlamm auf der Kleidung ist fast greifbar und die Schwere des matschdurchtränkten Balls fühlbar. Die kräftigen Farben fokussieren mal Wesentliches, mal Details im Hintergrund und bilden die Rasanz einiger Szenen genauso ab wie Momente, die an Zeitlupe erinnern. 

Die Sprache besticht durch knappe Sätze; manchmal sind es nur einzelne Wörter, die ein Lebensgefühl spiegeln: „Fensterläden schlagen. Die Sonne versteckt sich. Der Staub brennt in den Augen. Weiterspielen! Schuhe ausziehen. Socken ausziehen. Los.“
Ein Buch, das Lust macht, selbst Bewegungsspiele zu beginnen, Experimente mit Matsch nicht zu scheuen und Lebensfreude ins Gespräch und Spiel zu bringen.
 

Zusammenspiel und Resilienz

Wir sehen wirklich leidenschaftliche Spieler*innen. Sie sind mit vollem Einsatz dabei, aber ohne Verbissenheit. Sie wollen Tore schießen, aber das Spiel verbindet. Sie bleiben Freunde, sie helfen einander nach einem Sturz/Foul. Sie scherzen nach dem Spiel. Wer gewonnen hat, spielt beim Lesen erstaunlicherweise keine Rolle! Spielfreude ist wichtiger als Siegen. Das Buch ist zugleich ein Wink für pädagogische Debatten, in denen es um (zu) wildes Spielen von Kindern geht.

Ganz nebenbei zeigt es, was Spielen darüber hinaus bewirken kann: Resilienz und Selbstwirksamkeit. Es beginnt schon damit, dass sie die Rahmenbedingungen für das Spiel herstellen. Kühe und Ziegen werden vom Platz getrieben. Die Kinder setzen sich für ihre Interessen ein und sehen, dass es gelingt. Als der Regen beginnt, entscheiden sie gemeinsam nach kurzem Überlegen, weiterzuspielen. Unbeeindruckt von den Widerständen des Wetters überwinden sie alle Hindernisse, die ihr Zusammenspiel zu beenden drohen. Der Autor unterstreicht diese Erfahrung in einem Nachwort im Blick auf die Herausforderungen, die das Leben bereithält. Fußballspielen als Resilienzförderung! 

Das Buch erinnert an die Kraft, die wir brauchen, um Schwierigkeiten zu überwinden. Der Psalmvers „Mit meinem Gott springe ich über Mauern“ (Psalm 18,30) erhält durch die lebendige Dynamik des Bilderbuchs eine neue Note und lädt zum Philosophieren ein.
 

Augenöffner

Der Autor streut in das Buch einige kreolische Ausdrücke. Sie erinnern an die Karibik. Dort ist Paul Baptiste aufgewachsen. Im Nachwort finden sich ein Glossar und Tipps zur Aussprache. „Das Spiel“ spiegelt eine ‚Ökumene‘ besonderer Art wider. 

Unterschiede spielen in diesem Buch kaum eine Rolle. Eine Hauptfigur trägt ein weißes Trikot, das an Real Madrid erinnert, die Nummer 3 an Roberto Carlos, einen grandiosen Linksverteidiger. Ob es sich um einen Jungen oder ein Mädchen handelt, bleibt offen! Manche Kinder tragen Fußballschuhe, andere spielen in ihren Gummistiefeln – unerheblich, allem Markenmarketing zum Trotz.

Die Wirkung des Spiels reicht weit über den Tag hinaus. Als die Nacht kommt, sehen wir in die Träume der Beteiligten – und staunen über die Finesse und das ballakrobatische Geschick. Überraschend dabei: Es sind nicht nur die Kinder, die davon träumen, sondern auch die Mütter.
 

Gert Liebenehm-Degenhard