Die Kraft des christlichen Glaubens im Schulalltag wird meines Erachtens zu sehr unterschätzt und das Licht des Glaubens allzu gerne unter den Scheffel gestellt. Dabei brauchen Kinder und Jugendliche Vorbilder, die sich zum Glauben bekennen und den christlichen Glauben auch authentisch leben. Es darf auch in Schule wieder mehr geglaubt, geliebt und gehofft werden.
Die Anfrage zu diesem Beitrag erreicht mich zu einem Zeitpunkt, an dem die Schule durch den Suizid einer Oberstufenschülerin gerade aus den Fugen gerät. Da bin ich dankbar für die professionelle Unterstützung unserer Schulpastorin sowie der Pastoralassistentin, die sich Zeit nehmen, in persönlichen oder auch in Gruppengesprächen die Trauer „organisieren“, entsprechende Räume und Rituale gestalten. Gerade in solchen Krisen fängt der christliche Glaube viel auf und weist über das sichtbare Leben hinaus.
In unserer zunehmend säkularisierten Welt kommen Kinder und Jugendlichen kaum noch mit dem Glauben in Berührung. In vielen Familien wird nicht mehr gebetet, Gottesdienstbesuche beschränken sich auf wenige besondere Anlässe und Sonntagsschule oder selbst der Konfirmandenunterricht sind längst nicht mehr selbstverständlich. Da fehlen vielen die Ideale und Idole aus der Bibel: Wer kennt denn noch den Daniel aus der Löwengrube oder den David, der den Goliath besiegt? Persönliche Glaubensvorbilder der Gegenwart, die aus der Kraft des Glaubens auch Lebenskrisen bewältigen, fehlen ebenso.
Da sollte das Neutralitätsgebot der Schule keinesfalls dahingehend missverstanden werden, dass über Glaube und auch Glaubenserfahrungen im Sinne erlebbarer Transzendenz nicht mehr gesprochen werden darf. Ich finde es vielmehr befremdlich, wenn selbst im Religionsunterricht möglichst distanziert über theologische Grundwahrheiten gesprochen wird, die im Glaubensbekenntnis noch selbstverständlich, vielleicht aber auch nur heruntergerattert gesprochen werden. Wie glaubhaft ist der Trost in Trauer, wenn die Auferstehung der Toten bezweifelt wird?
Ich selbst begrüße gerne die neuen Kolleginnen und Kollegen als ersehnte „Gebetserhörung“ oder wünsche zum Geburtstag oder auch zur Entlassung der Absolventinnen und Absolventen ganz bewusst „Gottes Segen“. Warum sollte ich selbst mit meinem Glauben hinter dem Berg halten? Gerade auch im Berufsalltag und in Leitungsfunktion erlebe ich meinen Glauben an Gott als Halt und Rückbesinnung auf das Wesentliche. Das Bewusstsein, einer höheren Instanz verantwortlich zu sein, verschafft auch eine gewisse Gelassenheit und Unabhängigkeit. Der Glaube verändert den Blickwinkel. Die Gewissheit, leistungsunabhängig geliebt zu werden, hilft mir gerade an einer Brennpunktschule, auch anderen in Liebe zu begegnen. Das Wissen um die eigene Unvollkommenheit hilft mir, Schule als gelebte Gemeinschaft zu verstehen und zu gestalten.
Die christlichen Werte schlagen sich auch in unseren Erziehungsidealen nieder. Das niedersächsische Schulgesetz verlangt von uns in §2: „Die Schule soll […] die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegung weiterentwickeln. […]“. Wenn auf unserem Schulhof durch eine Pausenschlägerei wieder einmal die vermeintliche Ehre hergestellt werden sollte, werden Werte wie Versöhnungsbereitschaft und Vergebung wieder wichtig. In Präventionsprogrammen üben wir, wie das in der Praxis gelingen kann.
Wir feiern als Schule auch gemeinsam Gottesdienste – zu Weihnachten für alle Jahrgänge oder zur Einschulung im neuen 5. Jahrgang. Dieses Angebot wird auch gerne von Andersgläubigen angenommen. Das gemeinsame Singen, Lesen und Musizieren wird nicht nur in Gottesdiensten wieder selbstverständlich. Unsere Deutschfachschaft hat gerade das „chorische Lesen“ als förderlich für die Lesekompetenz in der Schule eingeführt (völlig unabhängig von liturgischen Texten) und in Kooperation mit der Lutherkirche in Emden begeistern sich viele für die Blechblasmusik: Unsere „Blechlawine“ mündet ab Klasse 7 im dortigen Posaunenchor, und gemeinsam werden Gottesdienste oder auch Feierlichkeiten in der Schule musikalisch gestaltet.
Der christliche Glaube, die christlichen Werte sowie die einhergehend vermittelten und beförderten Kompetenzen bereichern Schule ungemein. Berührungsängste sind unbegründet. Ich möchte sogar so weit gehen, hierin Gelingensbedingungen für Schule zu sehen.