Überall auf der Welt erleben wir derzeit einen dramatischen Rückgang der offiziellen Kirchen- und Religionszugehörigkeit. In Deutschland hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren die Zahl der Kirchenmitglieder halbiert, von über 90 Prozent auf heute nur noch 45 Prozent der Bevölkerung. Die Christen bilden inzwischen eine Minderheit in Deutschland, die größte Glaubensgruppe bilden heute die Konfessionslosen!1 Doch nicht nur hierzulande ist der Rückgang dramatisch, auch in anderen Weltgegenden zeigen sich ähnliche Tendenzen. In den USA ist der Anteil der Konfessionslosen inzwischen auf knapp ein Drittel gestiegen, im hochreligiösen Polen sind zwischen 2015 und 2021 die wöchentlichen Gottesdienstbesuche um zehn Prozentpunkte zurückgegangen und auch im streng gläubigen Iran bröckelt der religiöse Eifer: Zwar sind nach den offiziellen Zahlen des Mullah-Regimes mehr als 99 Prozent der Iraner*innen gläubige Muslime. In anonymen Online-Befragungen jedoch bezeichnen sich nur noch etwa 40 Prozent der Iraner*innen als muslimisch.2
Was passiert da? Offenbar fällt es den Religionen immer schwerer, ihre frohe Botschaft zu vermitteln und eine angemessene Sprache zu finden, um Menschen zu erreichen. Die alten Formeln verfangen nicht mehr, stoßen zunehmend auf taube Ohren. Dabei ist das alte menschliche Bedürfnis nach religio, nach Rückbindung, zeitlos aktuell, heute sogar vielleicht aktueller als je zuvor. Doch vermutlich braucht es neue Begriffe und Praktiken, um diese Aktualität klar zu machen und die zeitlosen religiösen Werte in die Gegenwart zu transportieren.
Ein Begriff, der dafür hilfreich sein könnte, ist jener der Resonanz, den der Soziologe Hartmut Rosa stark gemacht hat.3 Ursprünglich kommt der Begriff Resonanz aus der Akustik und beschreibt das Mitschwingen zweier Körper, die auf dieselbe Frequenz reagieren (zum Beispiel Stimmgabeln). Rosa überträgt dieses Phänomen nun auf das soziale Miteinander: Denn was uns als Spezies auszeichne, sei unser sozialer Sinn und unsere Fähigkeit, Kontakt aufzunehmen, uns in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen. „Und am beglückendsten ist es”, sagt Rosa, „wenn wir das Gefühl haben: Da antwortet mir etwas, wir schwingen sozusagen auf derselben Wellenlänge. Dieses Weltverhältnis beschreibe ich mit dem Begriff der Resonanz.”4
Diese soziale Resonanz kann man sich als eine Art Widerhall vorstellen, aber nicht im Sinne eines Echos, sondern einer Antwort. Ähnlich wie bei einer Stimmgabel erzeugt sie das Gefühl: Da antwortet mir etwas, das berührt mich und bewegt mich. Und diese Erfahrung erzeugt in uns Menschen das Gefühl, lebendig und authentisch zu sein – ein Gefühl, das heute viele verzweifelt suchen.
Nun kann man Resonanz auf viele Weisen erleben – beim Singen, im Fußballstadion, in der Liebe. Das sind sozusagen weltliche Resonanzen, die an bestimmten Bedingungen hängen – man braucht einen Chor, ein Fußballstadion oder einen Liebespartner.
Doch darüber hinaus gibt es noch eine religiöse Resonanz, die unabhängig von weltlichen Bedingungen ist – und die mit dem „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit” zu tun hat, die Friedrich Schleiermacher als wesentliches Kennzeichen der Religion beschrieb: Die Erfahrung, untrennbar mit etwas Größerem verbunden zu sein, mit dem Ursprung des Lebens selbst, in anderen Worten: mit Gott. Und vermutlich hat jede Art von religiöser Erfahrung mit dem Erleben einer solchen Resonanz zu tun, mit der Erfahrung, dass es jenseits des eigenen Körpers und der eigenen, endlichen Existenz noch eine transzendente Dimension des Seins gibt, in der wir aufgehoben sind, völlig unabhängig davon, ob wir erfolgreich sind oder nicht, allein oder in Familie leben, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, gesund oder krank sind.
Daher lebt jede Religion wesentlich von der Vermittlung dieser Art von „religiöser Resonanz”. Wenn diese Vermittlung nicht mehr funktioniert, wenn im Gottesdienst oder im Religionsunterricht von dieser speziellen „heiligen Frequenz” nichts zu spüren ist, bleibt das Ganze leblos, seelenlos, wie tot.
Denn Erlebnisse ohne Resonanz, so drückte das Hartmut Rosa einmal aus, sind Situationen, „die einen kaltlassen, die einem nichts sagen, bei denen man sich fehl am Platze fühlt.” Man habe das schale Gefühl: „Eigentlich spielt es keine Rolle, ob ich da bin oder nicht” und habe auch nicht den Eindruck, als Mensch gefragt zu sein, wichtig zu sein, selbst etwas bewirken zu können.
Offensichtlich hängt die Krise der Religionen mit diesem Gefühl zusammen, mit der fehlenden Erfahrung von religiöser Resonanz, die in unserer hyperindividualisierten Gesellschaft mehr und mehr verloren geht. Denn das moderne Individuum begreift sich nicht mehr als Resonanzwesen, sondern als isoliertes Einzelwesen, das höchstselbst für seinen Erfolg verantwortlich wäre. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied”, „Unterm Strich zähl ich”, „Optimier Dich selbst” – so lauten die Mantras dieser Hyperindividualisierung, die den Wert des eigenen Ich völlig übersteigert. Doch wer seine eigene Person als Nabel der Welt betrachtet, ist permanent damit beschäftigt, die Interessen, Wünsche und Begierden dieser Person zu befriedigen, was den wenigsten auf Dauer gelingt. Und selbst wenn es gelingt, muss man der verstörenden Tatsache ins Auge sehen, dass all dies am Ende nichts wert ist und im Tod komplett ausgelöscht wird. Das in die Welt geworfene Objekt verfolgt eine Zeit lang seine egoistischen Interessen und zerfällt irgendwann zu Staub – fürwahr eine trostlose Perspektive.
Daher propagieren die Religionen einen radikalen Perspektivwechsel: Sie versuchen den Menschen aus der eigenen Selbstbeschränkung herauszuführen und dem „in sich gekrümmten Menschen” – dem „homo incurvatus in se ipsum“, wie Luther ihn nannte – einen anderen Horizont zu eröffnen – eben nicht als abgetrenntes, isoliertes Ich, sondern als ein Resonanzwesen, das überhaupt nur in Beziehung existieren kann: in Beziehung zu anderen Menschen, zur Natur und letztlich dem ganzen Kosmos und dem Urgrund der Schöpfung. Denn wenn sich der Blick auf diese Weise weitet, stellt sich ein anderes Lebensgefühl ein: Man kann sich als Teil eines großen Ganzen begreifen, das den Tod des eigenen Ich überdauert.
Hilfreich dafür sind auch religiöse Rituale und Praktiken, die man gemeinsam mit anderen ausüben kann, zum Beispiel: Pilgern, Singen, Beten. Manche, wie das Pilgern auf dem Jakobsweg, erfreuen sich übrigens erstaunlicher Beliebtheit. Das zeigt, bei allem Rückgang der „offiziellen“ Religionszugehörigkeit, wie groß die Sehnsucht nach solchen Erfahrungen ist. Der Hauptpastor des Hamburger Michel sagte kürzlich: „Wenn die alten Formen nicht mehr attraktiv sind, müssen wir neue Formen anbieten und dabei vielleicht auch sehr alte Rituale mutig wiederentdecken“. Er bietet im Hamburger Michel neuerdings in der Passionszeit Salbungen mit wohlriechendem Öl an – „und plötzlich haben wir doppelt so viele Besucher wie sonst“.
Denn solche Rituale haben etwas Beruhigendes. Sie lassen die Menschen in einer immer hektischeren Welt innerlich zur Ruhe kommen und führen sie zu essenziellen Erfahrungen zurück. in dem Predigthandbuch Fasciculus Morum aus dem 14. Jahrhundert ist von „heiligen Aktivitäten” die Rede, occupatio sancta. Also körperliche und geistige Aktivitäten, die einen mit dem Essenziellen des Lebens verbinden: Das können Gebete oder die Meditation sein, aber auch Gartenarbeit, Brotbacken oder Hilfe für andere anzubieten. Dabei geht es in den „heiligen Aktivitäten” nicht um hektische Betriebsamkeit oder Leistungsdenken, sondern um ein Ankommen in der Gegenwart, um ein Gefühl der Resonanz mit dem gegenwärtigen Moment, mit dem Leben an sich.
Übrigens leben auch die sozialen Medien von dem Versprechen nach Resonanz: Man möchte „Likes”, man möchte viele Follower, vieles, was man da tut, hat mit dem Wunsch nach Resonanz zu tun. Und man hat das Gefühl, mit etwas Größerem verbunden zu sein – mit dem Internet, mit der Chat-Gruppe, mit all seinen Followern. Außerdem stellt der Griff zum Handy ein Ritual dar, das immer dann, wenn es unangenehm oder langweilig wird, eine Form von Sicherheit vermittelt. Deshalb haben die Sozialen Medien so eine hohe Attraktivität unter Jugendlichen und es würde sich sicher lohnen, einmal eine Unterrichtseinheit „Das religiöse Potenzial sozialer Medien“ auszuarbeiten.
Aber zugleich ist das eben nur eine technische Resonanz, hinter der die Interessen von großen Konzernen wie Meta, Apple oder Google stehen. Und spätestens, wenn man echten Lebensproblemen gegenübersteht, merkt man schnell, dass ein, zwei echte „analoge“ Freunde viel wertvoller sind als eintausend unverbindliche Follower.
Denn bei der echten Resonanz geht es nicht nur darum, etwas zu bekommen, sondern auch etwas zu geben. Nicht nur um sich selbst zu kreisen, sondern im Austausch zu stehen und sich für andere zu öffnen. Eben: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst” statt: Ich bin mir selbst der Nächste.
Auf diese Dimension deutet auch das schöne Wort „Seele“ hin, das heute oft als veraltet bezeichnet wird. Die moderne Wissenschaft weiß nichts von der Seele und spricht lieber von der Psyche – das klingt neutraler und erlaubt die wissenschaftliche Erforschung. Doch beim Übergang von der Seele zur Psyche geht etwas Entscheidendes verloren: Die „Psyche” bezieht sich auf eine Eigenschaft des einzelnen Menschen als Individuum; im Begriff „Seele” schwingt die Verbindung zu etwas Überpersönlichem mit, die Dimension der Transzendenz. Und diese Verbindung ist es, die Menschen lebendig werden lässt.
Das zeigt schon die Etymologie: Im biblischen Hebräisch wird für die Seele das Wort nefesch (נפש) (auch neschama) verwendet – Begriffe, die ursprünglich den Atem bezeichnen. „Neschama“ ist der Lebensatem, den Gott seinem aus Erde geformten Geschöpf Adam in die Nase einblies, womit er ihn zu einem lebendigen Wesen (nefesch) machte. Die „Seele” steht also für eine den Körper belebende Kraft und hat ganz wesentlich mit der Dimension des Austausches, der Resonanz zu tun.
Der österreichische Theologe und Psychotherapeut Hubert Findl drückt das so aus: „Im Innersten seines Selbst findet der Mensch das Angebot einer Berührung durch ein umfassendes transzendentes Selbst … Inmitten unseres Lebens, auch inmitten allen Unheils, ist da das Angebot von etwas Unverbrüchlichem im Tiefsten unseres Selbst. Christen nennen dieses Etwas Gott, und sie verwenden das Wort Seele, um auszudrücken, dass es da im Innersten jedes Menschen eine Kontaktstelle zu Gott, zum Göttlichen, zu diesem transzendenten und sinnstiftenden Sein in uns gibt.”5
Eine Kontaktstelle zu Gott – eine schöne Formulierung, die klarmacht, dass es sich dabei nicht um ein „Ding” handelt, sondern um eine Potenzialität, eine Fähigkeit, die im Menschen angelegt ist, aber gewissermaßen erst der Aktivierung bedarf.
Und sollte jemand partout nicht verstehen, wie man sich das vorstellen solle mit dieser Kontaktstelle, mit dem Lebensatem, der Resonanz und dem Leben im Austausch, dann braucht man ihn nur zu bitten: „Halten Sie mal fünf Minuten die Luft an.” Dann merkt jedermann nämlich sehr schnell, wie sehr er oder sie vom ständigen Austausch mit der Luft und dem Atem des Lebens abhängig ist. Dasselbe gilt für den materiellen Austausch: Denn auch über das Essen und Trinken nehmen wir ständig Materie auf und verstoffwechseln sie. Das heißt: Neue Atome und Moleküle werden in unseren Körper eingebaut, andere ausgeschieden. Auf diese Weise werden 98 Prozent der Atome unseres Körpers jedes Jahr ersetzt. 98 Prozent! Wassermoleküle bleiben etwa zwei Wochen in unserem Körper, die Atome in unseren Knochen halten es ein paar Monate dort aus. Aber fast kein einziges Atom harrt in Ihrem Körper von der Geburt bis zum Tod aus. Stets nehmen wir neue Materie auf, die dann zu einem Teil von uns wird. Unser Körper ist also keine stabile, unwandelbare Entität, sondern gleicht eher einem Fluss, durch den immer wieder neues Wasser fließt. Der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman drückte das einmal pointiert so aus: „Die Kartoffeln von letzter Woche können sich jetzt daran erinnern, was in Ihrem Kopf vor einem Jahr vor sich ging.”6
Vielleicht ermöglichen solche Erkenntnisse ja auch eingefleischten Materialisten ein Verständnis dafür, dass wir Menschen stets nur im Austausch und in Resonanz existieren. Und vielleicht lässt sich von dort aus eine Brücke schlagen zum Verständnis der religiösen Resonanz, die heute offenbar so wenigen Menschen zugänglich ist – und die unser Leben doch erst mit Sinn und Freude erfüllt.
Anmerkungen
- Siehe die Daten der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid).
- Zitiert nach: Pollack / Rosta, Religion in der Moderne.
- Hartmut Rosa: Resonanz.
- Vgl. H. Rosa im Gespräch mit U. Schnabel: „Hier kann ich ganz sein, wie ich bin”.
- Findl, Über die Grenze.
- Zitiert nach Tor Nørretranders: Der Fluss des Lebens, in: Der Tagesspiegel, 16.01.2008.
Literatur
- Feynman, Richard, zitiert nach: Nørretranders, Tor: Der Fluss des Lebens, in: Der Tagesspiegel, 16.01.2008
- Findl, Hubert: Über die Grenze. Von der Seele reden – im christlichen Glauben und in der Psychotherapie, in: zeitzeichen 12 (2006)
- fowid – Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland: https://kurzlinks.de/a9f3 (24.10.2025)
- Pollack, Detlef / Rosta, Gergely: Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich („Religion und Moderne”, Band 1), 3. akt. und erw. Auflage, Frankfurt am Main/New York 2025
- Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 2018
- Rosa, Hartmut im Gespräch mit Ulrich Schnabel: „Hier kann ich ganz sein, wie ich bin”, ZEIT Nr. 34/2014, https://kurzlinks.de/6leg (24.10.2025)