Religion in der Schule macht Sinn

von Konstantin Lindner

 

Sinnbildung als Erfordernis

Gefragt nach dem Lebenssinn äußerte eine 17-Jährige im Rahmen der SINUS-Jugendstudie 2024 Folgendes: „Ich denke, jeder muss auch in sich finden, was er machen will in seinem Leben, auch auf was er sich konzentrieren will, was ihm Spaß macht, so was. Deswegen finde ich, man sollte […] eine Anleitung geben wie man [den Sinn des Lebens] findet für sich.“1  Heranwachsende wünschen sich angesichts dieser „Aufgabe Sinnbildung“ also Begleitung. 

Bedenkenswert ist, dass immer mehr Kinder und Jugendliche zur Bearbeitung ihrer (Sinn-)Fragen digitale Kontexte konsultieren – u.a. Social Media, indem sie Influencer*innen zu Themen wie Aussehen oder Hobbies, aber auch in Bezug auf gesellschaftliches Engagement folgen. Schon Grundschulkinder sind in nennenswertem Umfang als Follower*innen unterwegs.2  Jugendliche identifizieren überdies KI-Chatbots als Quellen für ihre Sinnbildung.3  Bereits die Frage „Was soll ich morgen tun?“ wird von ihnen z.T. an „Large Language Models“ ausgelagert. Zugleich sind sie angesichts von Fake News und KI-Halluzinationen auf der Suche nach Alternativen der Orientierungsgewinnung.


Religionsbezogene Thematisierung von Sinnfragen 

Sinnbildung markiert also für Heranwachsende ein zentrales Erfordernis. Schule sollte sie dabei begleiten und entsprechende Gelegenheiten offerieren – sowohl im Unterricht als auch im Schulleben. Spätestens hier kommt Religion ins Spiel, denn religiöse Weltdeutungen bieten Antworten auf Sinnfragen wie: „Was ist der Ursprung des Seins?“, „Was soll ich tun?“ oder „Was kommt nach dem Tod?“ Im Dialog mit religiösen Antworten kann ein Gespür für ein „Mehr“ angebahnt werden, das sich Transzendentem verdankt. Dabei können Schüler*innen Orientierung finden und eine eigene Position gewinnen. U.a. die christlich-religiöse Weltdeutung verfügt über eine entsprechend orientierende Kraft, wenn sie z. B. Folgendes fundiert: Gerechtigkeit für alle Menschen unabhängig von Herkunft und Verdienst, Schöpfungsmitverantwortung, Hoffnung auf Erlösung trotz potenzieller Fehlerhaftigkeit, Integration der Ausgegrenzten etc. Derartige Positionen – auch die nicht-christlicher Religionen – sollten der „Generation von morgen“ angesichts ihrer Sinnbildungsaufgabe nicht vorenthalten werden – unabhängig davon, ob sich die Lernenden in einer Zeit voranschreitender Säkularisierung in Bezug auf religiöse Weltdeutungen abgrenzend oder orientierend verhalten. 


Schulische Realisierungskontexte

Es gilt, Religion in der Schule (sinn-)bildend ins Spiel zu bringen: Großes Gewicht kommt dabei dem Religionsunterricht zu, der dafür explizit Räume eröffnet. Entscheidend wird in Zukunft sein, wie dieses Fach angesichts der stetig voranschreitenden religionsbezogenen Pluralisierung organisiert und inhaltlich ausgestaltet wird. Entwicklungen hin zu konfessionell-kooperativen Formen, zum „Christlichen Religionsunterricht“4  oder gar zu „Religionsunterricht für alle 2.0“5  zeigen, dass dieses Unterrichtsfach keinesfalls innovationsresistent ist – im Gegenteil. Dennoch wird zu klären sein, wie die wachsende Zahl der konfessionslosen Schüler*innen besser integriert oder wie religionenübergreifende Organisationspraxen im Einklang mit Art. 7 Abs. 3 GG umgesetzt werden können. Die Sinnbildung jedenfalls könnte ein plausibilisierender Referenzpunkt sein, von dem her sich zeigt, dass religiöse Bildung auch für nicht-religiöse Heranwachsende Potenzial besitzt – insbesondere in einer immer komplexeren Welt und daraus resultierender Herausforderungen. U.a. religionsbezogenen Feindlichkeitsformen wie Antisemitismus oder Islamophobie gilt es schulischerseits im Rekurs auf religionsbezogene Sinnbildung zu begegnen.

Auch weitere Felder zeigen, dass religiöses Sinnpotenzial schulisch ins Spiel gebracht werden kann:6  Z.B. können es schulpastorale und schulseelsorgliche Angebote adressieren: durch meditative Räume des Innehaltens, seelsorglichen Beistand in schwierigen Situationen, im Rahmen von sozialem Engagement in Kooperation mit kirchlichen Hilfswerken. 

Religion in der Schule macht also auch in Zukunft Sinn.

Anmerkungen

  1. Calmbach u.a., Wie ticken Jugendliche?, 210.
  2. mpfs, KIM-Studie, 44.
  3. Wendt u.a., Algorithmen und Künstliche Intelligenz, 71.
  4. Heinig u.a., CRU.
  5. Bauer, Konfessionelle Kooperation.
  6. Lehner-Hartmann u.a., Religion betrifft Schule.

Literatur

  • Bauer, Jochen: Konfessionelle Kooperation und Religionsunterricht für alle 2.0. Eine Verhältnisbestimmung, in: Religionspädagogische Beiträge 45(2022)2, 47–59.
  • Calmbach, Marc u.a.: Wie ticken Jugendliche? SINUS-Jugendstudie 2024. Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland, Bonn 2024
  • Heinig, Michael/Hense, Ansgar/Lindner, Konstantin/Simojoki, Henrik (Hg.): Christlicher Religionsunterricht (CRU). Rechtswissenschaftliche und theologisch-religionspädagogische Perspektiven auf ein Reformmodell in Niedersachsen, Tübingen 2024
  • Lehner-Hartmann, Andrea/Peter, Karin/Stockinger, Helena: Religion betrifft Schule. Religiöse Pluralität gestalten, Stuttgart 2022
  • mpfs [Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest]: KIM 2024. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger, Stuttgart 2025
  • Wendt, Ruth u.a.: Algorithmen und Künstliche Intelligenz im Alltag von Jugendlichen, Baden-Baden 2024