Resonanz – Transformation – Zuversicht

von Silke Leonhard

 

Religiöse Bildung für die Zukunft. Auftakt zum Symposion anlässlich des Jubiläums 75 Jahre RPI Loccum

Bildung braucht Religion – Religion braucht Bildung. Ohne gesunde Pflanzenzucht hätte religiöse Bildung wenig nahrhafte Lebens-Mittel und Kirche wäre arm. Auf diesem Nährboden verstehen wir, das RPI Loccum, uns als Fort- und Weiterbildungsinstitut der Hannoverschen Landeskirche, als Gewächshaus religiöser Bildung.

Seien Sie herzlich willkommen in Loccum. Herzlich willkommen zu diesem Geburtstag im Namen des RPI Loccum zu diesem Anlass, den wir heute und an diesem Wochenende begehen – als Resonanzraum religiöser Bildung.1

Drei grundlegende Gegebenheiten verdeutlichen dies. 


Religiöse Bildung braucht und gibt Zeit: Erinnerung, Übergang, Unterbrechung und Co. 

Menschliches Leben von Geburt an, der Blick auf Kinder in der Familie und in der Kita, bis zum Alter braucht eine Aufmerksamkeit auf Biografie und darin Pflege des Religiösen. Eingepflanzt in die Menschlichkeit – religiös und auch evangelisch ist, dass sie unfassbar, ungemacht, gewollt und doch unverfügbar ist. 

Wer nie mit Musik in Kontakt kam, hat es schwerer, musikalisch zu werden. Das gilt auch für religiöse Musikalität. Deswegen ist von der Elementarpädagogik über die schulische und gemeindliche Befasstheit mit Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen bis zur Geragogik gefragt, religiöse Bildung praktisch und vernünftig aufzustellen.

Wie die Saat, so die Ernte! Der alte Spruch aus meiner landwirtschaftlichen Schule2 stimmt auch für Bildung: Bildungs-Pflänzchen müssen an den Wurzeln ansetzen, gegossen, gedüngt und gepflegt werden. Echte Gärtnerarbeit. Die Berufe, die sich um diese Entwicklung kümmern, kann ein RPI schulen, ihnen Schürzen, Handschuhe und Gartenwerkzeug geben, den Rücken decken, ausprägen, kurz: fort- und weiterbilden.

Das RPI selbst hat seine Zeit, seine Traditionen und Erinnerungen. Sieben wechselnde Rektoren, eine Rektorin, zig wechselnde Dozierende, unterschiedliche konzeptionelle Impulse – das alles gehört zum Lernprogramm. Behäbig ist so ein RPI: die Nase nach vorne gerichtet, um dem kommenden Wetter entgegen auf der Hut zu sein, aber ebenso auch auf festem norddeutsch-niedersächsischen Kirchenland, das hierarchisch-liberal ist (und nicht parochial-synodal ordnungsgebunden, wie ich es gestern Mittag fassen durfte). Bei allem kirchlichen, religionspädagogischen und schulpolitischen Klimawandel, bei allen neuen wandelnden Themen ist doch vieles geblieben: Fragekultur, Rituale, Formate wie Studienkommission, Dienstbesprechungen am Montag. Teilnehmende, die sagen: „Einmal im Jahr muss ich nach Loccum ins RPI, das brauche ich einfach“. Bildung keimt und wächst mit solchen Resonanzen, die den Alltag unterbrechen.

Es kommt darauf an, dies auszupendeln: Erinnerungen kritisch pflegen, gestalten von Lebens- und Bildungsübergängen, von religiösen Übergängen zwischen Leben und Tod, sich und die eigene Zeit unterbrechen lassen. In der Zukunft Advent und Futur zulassen3: das Planen und das Erwarten.


Das RPI hat (mit Foucault gesprochen) andere Räume und ist ein anderer Raum

Die Anfänge waren in Hermannsburg, das RPI zog nach Loccum in die Marktstraße und landete schließlich im Uhlhornweg. Mit dem RPI wie mit anderen Religionspädagogischen Instituten und Arbeitsstätten bekommen Fort- und Weiterbildung übrigens in Sachen evangelische Religion, KoKoRU, christlicher Religionsunterricht, Gemeindepädagogik ein Dach über dem Kopf. Ein Haus des Lernens wird 75 – das Haus, das ein nicht mehr temporäres, aber doch bewegliches Gewächshaus sein wollte, wurde und geblieben ist. Gewächshäuser haben an sich, dass es innen warm und arbeitsam zugleich ist, dass man hineinschielen und beim Wachsen helfen und zusehen kann, aber die Früchte draußen genutzt werden. Regelmäßige Pflege und Gärtnern, Beackern, Düngen, Umpflanzen etc. ist gefragt. Das RPI ist darin ein sog. Dritter, zuweilen auch Vierter Ort.

Je länger, desto mehr – je milder die Religiosität gesellschaftlich ausfällt, desto deutlicher das Bekenntnis zu elementaren Räumen und Formen, desto wetterfester muss das Haus religiöser Bildung sein und gleichzeitig bei allen Grenzen und Zäunen doch seine Öffnungen instandhalten. Da öffnet sich ein Raum, sagte Christoph Bizer, Rektor in den 1970er-Jahren. In weiteren Zeiträumen mit anderen Rektoren: Raum für das religiöse Bearbeiten gesellschaftlicher Probleme, für religiöse und symbolische Kommunikation, für Theologie von, für und mit Kindern und Erwachsenen. Raum für die Frage: Was ändert sich, wenn Gott ins Spiel kommt? Raum für das Nachdenken, wie es aussieht und was es heißt, als Christ*in in unserer Zeit zu leben, zu glauben und zu hoffen.4

Es ist kein Zufall, dass das RPI ein Klosternachbar ist. 862 Jahre Zisterzienserkloster nebenan, das öffnet so manches. Leere, Stille, Kirchenraum und den Wald übrigens auch. „Porta patet, cor magis“. Die Tür steht offen, das Herz umso mehr. Das gilt auch für Bildung.

Bildungsorte und Aufenthalte in Gewächshäusern verändern uns. So wie das Leben eine Baustelle ist, sind wir es auch. Man kommt und bleibt nicht so, wie man war. Wachsen und Gedeihen des einen lässt anderes schrumpfen. Türen öffnen, mehr als Nachbarschaft pflegen, ein Dorf sein, eine plurale Gartenlandschaft in Kirche hinein, mit anderen Partnern, mit anderen RPIs: Die großen Räume religiöser Bildung verändern sich – und wir wollen Türöffner sein und Düngergeber, Heimathöhle5 für Glauben und Zweifeln, um Angeknackstes zu bergen und zu stützen, aber auch eine offene, feste Burg für Glauben und Demokratie zu bauen.


Leiblichkeit und die Sache mit der Form sind mit dem RPI verwoben

Das RPI hat in seinem Programm auch digitale Bildung, befasst sich auch mit KI, ist kulturangepasst. Aber in manchen Dingen ist und bleibt es elementar, materialverbunden. Old school. Körper ist ein Lernort für Religion. Wir machen vieles zum Anfassen, wissend, dass Berührung riskanter ist denn je. Zum Berühren – Lernwerkstatt, RPI-Museum, Loccumer Pelikan zum Lesen mit den Händen, Singen. Ohne Kontakt geht es nicht. Auch nicht ohne leibliche, greifbare Gestalten, um auch begreifen zu können. Was verändert sich unter Feinden, wenn man zusammen singt? Wir brauchen diese alten, aber auch neue Kulturen der Früherziehung zu religiöser Musikalität – hier und in Systemen wie in Familie, Schule und den Formen von Gemeinde, die sind und die anders entstehen. Lasst uns Labor sein, probieren und experimentieren, betrachten und schauen, was für gut befunden werden kann, so denken und praktizieren wir.


Interaktionalität – das RPI schafft fruchtbares und vernetztes Miteinander.

Bildung – ein religiöser Gedanke. Auch in Postwachstumszeiten. Dass Menschen wachsen und gedeihen, dass sie lernen und verlernen, ist in historischer Hinsicht evangelisch. Und ist immer in Kooperationen geschehen. Dass wir diese ausgebaut haben, dass diese zwischen Kirchen und Land fruchtbar sind und zugleich viel Pflege benötigen, zeigen der CRU und diese Tagung: Hier sind Lehrkräfte, Ausbildner*innen, Schulleitungen, Dezernent*innen, Universitätsdozierende und Lehrstuhlinhaber*innen, Pastor*innen, Erzieher*innen, andere Berufe, in Kirche Tätige, im Bildungsausschuss Tätige, im Dienst der Diakonie, nicht mehr im Dienst Stehende, Menschen vom Campus Loccum, Menschen aus der Oldenburgischen und Braunschweiger Kirche, aus Schaumburg, aus der Reformierten Kirche, Menschen aus Partnerinstituten der ALPIKA, Menschen aus der EKD.

Wir werden gut aufgestellte Netzwerke brauchen, Zäune abbauen und in gemeinsamen Betrieben gesunde Bepflanzungsrhythmen erproben.


Resonanz auf Zukunft und Zuversicht heißt: Laut werden!

Fulbert Steffensky hat hier vor 25 Jahren gesagt: „Lehren heißt, zeigen, was man liebt.“Transformiert ist deutlich: Religion lehren heißt, deutlich zeigen, was man liebt. Das Zeigen ist anders, grundsätzlicher nötig geworden.

Jetzt kommt es darauf an, dass Menschen Religion mit Glauben auf christliche Weise und in kirchlichen Gewächshäusern Töpfe bepflanzen und damit Wachstumsgestalten für die Welt erproben. Es geht hier darum, die Logik christlicher Religion situationskompetent zu lernen und zu lehren. So, dass in der kleinen und großen Welt hörbar wird, warum Religion nicht ohne Bildung und Bildung nicht ohne Religion Sinn macht.7
Zeigen wir, was liebenswert ist, woran uns liegt. Machen wir sichtbar, worin die Kraft der besonderen Orte liegt. Lasst uns bei aller Schwerhörigkeit mit der Stimme religiöser Bildung laut werden.

Lasst uns in diesen drei Tagen miteinander feiern, was errungen und geschafft ist. Lasst uns mit Kraft nachdenken, im Futur sicht- und hörbar planen und im Advent erwarten und hoffen, worauf es sich zu hoffen lohnt: Herzlich willkommen!
 

Anmerkungen

  1. Vgl. Bizer, Begehung als religionspädagogische Kategorie. 
  2. Michelsenschule Hildesheim.
  3. Vgl. Moltmann, Theologie der Hoffnung.
  4. Vgl. Weert Flemmig, Bernd  Schröder u.a.
  5. Vgl. Steffensky, Heimathöhle Religion.
  6. Vgl. Steffensky: Damit die Träume nicht verloren gehen, 175.
  7. Religiöse Bildung ist allgemeinbildend im niedersächsischen Schulgesetzt verankert: § 2 NSchG zum Bildungsauftrag der Schule.
     

Literatur

  • Bizer, Christoph: Begehung als religionspädagogische Kategorie, in: ders., Kirchräume, Göttingen 1995, 167-184
  • Moltmann, Jürgen: Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen einer christlichen Eschatologie. 14. Auflage, Gütersloh 2005
  • Reineking, Michael (Hg.): Jan Wilhelm Prendel – Freund und Förderer, Loccum 2020
  • Steffensky, Fulbert: Damit die Träume nicht verloren gehen, in: Loccumer Pelikan, Heft 4/2000, 171-176
  • Steffensky, Fulbert: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken, Stuttgart 2015