Geläut
ANKOMMEN
Gärtnerinnen im Vorfeld im Kirchraum unterwegs – Kerstin Hochartz und Sabine Schroeder-Zobel
Meditative Musik (wachsende Klänge) – Lutz Krajenski
Begrüßung/Eröffnung – Silke Leonhard
»Herzlich willkommen hier und heute in der Klosterkirche, liebe Loccumer, liebe Festgemeinde! Wie schön, dass Sie der Einladung gefolgt sind und mit uns diesen Geburtstag feiern. Im Namen Gottes, des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes.
Vor etlichen Jahren fragte der Landesbischof mich: Wofür steht das RPI? Eine Frage, die mich und uns weiter begleitet. Bilder, helfen, etwas sichtbar zu machen, was vielschichtig ist. Das RPI ist ein Gewächshaus für religiöse Bildung. Es gibt Raum Wärme und Umgebung, versucht bestmögliche Umgebung, um zum Wachsen und Blühen beizutragen. Ohne Religion ist Bildung Diät; ohne Bildung verdorrt Kirche. Leben ist wachsen, gedeihen, vergehen, neu werden. Samenkörner der Bildung brauchen Pflege, Nährboden und Dünger. Bildung sorgt mit dafür, dass Leben in Orientierung geschieht. Auf dass Gott sieht, dass es gut ist.
Wir begehen den RPI-Geburtstag in Dankbarkeit, dass sein Wirken lange getragen von Kirche und Partnern möglich war. Der Geburtstag ist Anlass zum Feiern und Grund, dieses Wachsen und Werden sichtbar zu machen – und auch in unterschiedlichen Instrumenten mit unseren und Ihren Stimmen zum Klingen zu bringen. Darum lasst uns den Garten begehen. Und wir? Das sagt die Tageslosung: Fürchtet euch nicht und stärkt eure Hände! (Sacharja, 8,13).«
Lied: Erinnere uns an den Anfang, freiTöne 92,1-4
Eingangsgebet – Bianca Reineke
»Gott, wir kommen vor Dich an diesem besonderen Ort, an diesen Tagen voller Freude und Hoffnung.
Wir feiern, nicht nur ein Jubiläum. Wir feiern – gemeinsam Gottesdienst vor Dir, mit Dir, für Dich und für uns, für die Menschen, die uns anvertraut sind.
Uns allen liegt eines am Herzen: Dein Wort, Deine Geschichte mit uns, Deine Gegenwart in dieser Welt.
Uns bewegt vieles, wir kommen so vor Dich, wie wir sind, Wir sind hier versammelt mit dem, was uns ganz persönlich auf der Seele liegt. Mit dem, was uns belastet, mit dem, was uns frei und leicht macht.
Uns eint dabei, dass wir danach fragen, wie religiöse Erziehung, Bildung und Lernen wachsen und werden können. Weil uns das wichtig ist, weil das Wachsen und das Werden sein muss, sein darf. Weil diese Saat eine gute ist, eine sinnvolle Saat, die immer weiter aufgehen wird, die seit langer Zeit schon aufgeht.
Gott, du weißt, dass wir mit brennenden Herzen und fragenden Augen auch fassungslos in die Gegenwart sehen, dass wir nicht glauben können, was um uns passiert, im Kleinen, vor der Haustür, in unserem Land, im Weltgeschehen.
Du weißt, dass wir erleben und hilflos zusehen, wie gemeinsames, leuchtendes, buntes, kreatives und Grenzen übergreifendes Wachstum erstickt, zertreten wird im Aufblühen, dass zarte Pflanzen aus Liebe und Hoffnung einfach laut und polternd, schrill und brutal in den Boden gestampft werden.
Wir aber wollen Vielfalt, Freiheit und lebendige Gedanken, Saatkörner, die breit gestreut werden, energisch – wir wollen ganz weit ausholen in der Saat, Körner so verteilen, dass sie blühen, dass sie wachsen und werden. Damit die Welt wieder ein Garten des Miteinanders wird, ein Feld des Friedens – damit sie nicht zu einem Gestrüpp aus Neid, Hass und Abneigung verkommt, wo Kälte und Misstrauen wuchern und einengen.
Gott, wir kommen jetzt hier vor Dich, weil wir getragen sind von dem, was aus Dir erwachsen ist: Glaube, Liebe und Hoffnung. Auf diesem Fundament stehen wir fest, auch in dem eisigen Wind, der Gemeinschaften zerrüttet und Frieden zerstören will.
Lass uns nie vergessen, dass wir auf diesem Fundament, gegossen aus dem Glauben an Dich, genau dies in uns tragen, die Saat der Zuversicht in unseren Herzen und Seelen.
Wir geben das weiter; es ist uns in die Hände gelegt, zum Festhalten, zum Kraft Finden, aber auch für das, was wir seit 75 Jahren hier tun: Das Weitergeben… schwungvoll, großzügig, zugewandt, klar und aufgeklärt in Freiheit. Aufrecht und mutig.
Getragen durch Dich. Amen.«
IMPULSPHASE
Gleichnis vom Sämann (Mt 13,3-9) als Textcollage – Bettina Wittmann-Stasch, Kerstin Hochartz und Sabine Schroeder-Zobel
Lesung: Stimme 1 liest Bibeltext – Stimme 2 (Gärtnerin) hört den Text zum ersten Mal – Stimme 3 (Gärtnerin 2) hört intensiv zu.
Stimme 1: Das Gleichnis vom Sämann – Ich lese aus der Basisbibel Lukas 8,4-8: Eine große Menschenmenge versammelte sich um Jesus,
Stimme 2 (unterbricht): Moment: Eine große Menschenmenge … wieviel Menschen sind eine Menschenmenge? …
Stimme 3: Die haben sich versammelt und waren eben viele! Hör einfach zu!
Stimme 1: … und aus allen Orten strömten die Leute zu ihm. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis: „Ein Bauer ging aufs Feld, um seine Saat auszusäen. Während er die Körner auswarf, fiel ein Teil davon auf den Weg.“
Stimme 2: Oh nein!
Stimme 3: Auf den Weg! Was für ein Pech!
Stimme 1: „Die Körner wurden zertreten … und die Vögel pickten sie auf.“
Stimme 2 (entsetzt): „Die Körner wurden zertreten … und die Vögel pickten sie auf“??
Stimme 2+3 (seufzen)
Stimme 1: „… und die Vögel pickten sie auf.“
Stimme 2 (seufzt erneut)
Stimme 1: „Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden. Die Körner gingen auf und vertrockneten schnell wieder, weil sie keine Feuchtigkeit hatten.“
Stimme 2: … na wie auch: Wenn keine Feuchtigkeit da ist, kann nichts wachsen … alles dörrt aus, dehydriert, geht nicht auf …
Stimme 1: „Ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln. Die Disteln gingen mit auf und erstickten die junge Saat.“
Stimme 2: „erstickten die junge Saat“… Da klappt aber auch echt nix …
Stimme 3: Man muss realistisch sein: Der Erfolg der Säenden hängt von der Fruchtbarkeit des Bodens, vom Wetter und von anderen Faktoren ab, auf die Menschen eben gar keinen Einfluss haben.
Stimme 2: „…ein Teil davon fiel auf den Weg (schüttelt den Kopf) … ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden…“
Stimme 3: „… ein weiterer Teil fiel zwischen die Disteln…“
Stimme 1: „Aber ein anderer Teil fiel auf guten Boden. Die Körner gingen auf und brachten hundertfachen Ertrag.“
Stimme 2: Verrückt! Und dann wächst sogar da was, wo niemand gesät hat!
Stimme 1-3: „Wer Ohren zum Hören hat, soll gut zuhören!“
Gärtnerinnen im Kirchenraum unterwegs
Lied: Wir pflügen und wir streuen,
EG 508,1,2+4
Kurzmeditation: Persönliches Wachstum – Gert Liebenehm-Degenhard
Wachsen und Werden. Ein elementarer Blick.
Wachsen ist ein elementarer Lebensimpuls, der uns in die Wiege gelegt wurde – nein, der schon in uns war, bevor wir in eine solche gelegt werden konnten: eine Ur-Kraft, eine Sehnsucht, eine Herausforderung, lebenslang.
Ein Gedicht dazu. Genauso elementar. Drei Strophen, jeweils drei Zeilen, je zwei Worte, eine Überschrift:
„Wachsen” von Hans Manz1
„Größer werden.
Stärker werden.
Flinker werden.”
Was so schlicht klingt, hat unser Leben begleitet. In unseren Erinnerungen ist vielleicht verblasst, wie großartig das sein kann: die Freude an Bewegung. An der Erweiterung der Reichweite! Die Welt erkunden können, weil wir größer, stärker flinker geworden sind!
Fast unweigerlich erinnere ich mich an ein anderes Wachstums-Lied. „Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück, wir werden immer größer, das ist ein Glück …“2
Ich habe es oft mit Kindern gesungen. Immer ganz auf ihrer Seite, ein Lied wie ein Weckruf, nach Selbstbehauptung, nach Partizipation. Eine Parteinahme für die „Kleinen“.
Bis sich eines Tages eine Liedzeile nicht mehr so reibungslos mit der eigenen Biografie zu vertragen schien: „Große bleiben gleich groß oder schrumpeln ein …“ Stimmt. Die Zeit dieses Wachsens ist vorbei.
Darum schätze ich das Gedicht von Hans Manz noch mehr. Die zweite Strophe:
„Großzügiger werden.
Weitherziger werden.
Langmütiger werden.”
Ich stutze: Was macht Hans Manz mit diesen wenigen Worten? Er knüpft an messbare, quantitative Wachstumskriterien an und verwandelt sie in qualitatives Wachsen:
groß-zügiger
weit-herziger
lang-mütiger
Was mich fasziniert: Aus den Konkurrenzbegriffen ‚größer, weiter, länger‘ werden Haltungen, die verbinden und nicht trennen! Ein Wachsen, das dem Zusammenleben dient und nicht dem Wettbewerb oder der systemischen Steigerungslogik auf Kosten anderer! Ein Wachsen, ohne Ressourcen anzuhäufen oder unwiederbringlich zu verbrauchen.
Wachsen als Lebensqualität. Lebenslang.
Hans Manz stellt uns noch eine dritte Strophe zur Verfügung und öffnet Resonanz-Räume für weiteres Wachsen:
„Empfindsamer werden.
Hellhöriger werden.
Scharfsichtiger werden.”
Was würde passieren, wenn ich auf diese Weise wachse? Oder wenn Wirtschaft, Politik, Wissenschaften auf diese Weise wachsen? Und was bedeutete es für eine Ermöglichungskultur in Kita, Schule und Kirche?
Wachsen.
Drei Strophen, jeweils drei Zeilen, je zwei Worte. Am Ende noch eine Doppelfrage: Was ist es, dass mich wachsen lässt?3 Was ist es, dass Sie wachsen lässt?«
Lied: Du siehst mich, freiTöne 28
PREDIGT
zu EG 508,2 „… Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott“ – Landesbischof Ralf Meister
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, dem Vater, und unserm Herrn Jesus Christus, Amen.
Liebe Festgemeinde!
1950. Niedersachsen hat 200.000 Einwohner.
Mehr als heute, durch die Aufnahme von Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches. Die Marktkirche in Hannover ist im Wiederaufbau und wird erst zwei Jahre später wieder für den Gottesdienst freigegeben. Überall werden Städte Stein für Stein wieder errichtet und Familien ordneten nach der Befreiung Deutschlands ihre Leben neu. Mehr als eine Million Kinder wurden in Deutschland 1950 geboren. 30 Prozent mehr als heute. In diesem Jahr wird das Religionspädagogische Institut Loccum gegründet – damals als „Katechetisches Amt“. Ein Ort, der religiöse Bildung in die Welt bringen soll, in einer Zeit, in der Orientierung dringend nötig war. Die Mitgliedschaft in den beiden großen Kirchen lag deutlich über 90 Prozent. Mehr evangelische Kirchbauten als in den 1950er- und 60er-Jahren wurden niemals zuvor seit der Reformation errichtet. Im Grundgesetz hatte sich die Bunderepublik ein Jahr zuvor zur Erteilung des Religionsunterrichts in „Übereistimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“ verpflichtet.
Die Geschichte des RPI ist auch eine Geschichte der Menschen, die es geprägt haben. In der Leitung Karl Witt, Hans Bernhard Kaufmann, Christoph Bizer, Gerhard Besier, Jörg Ohlemacher, Bernhard Dressler, Friedhelm Kraft und Silke Leonhard seit 2013. Eigentlich müsste nun auch eine Liste der Referent*innen genannt werden. Doch jede und jeder hat im jeweiligen Kollegium seine Gaben eingesetzt und das Institut in seiner Zeit mitgestaltet. Türen geöffnet für neue Ideen, Impulse gesetzt, Räume geschaffen – Räume, in denen religiöse Bildung wachsen kann. Ein Ort zum Wachsen und Werden.
Aber warum überhaupt religiöse Bildung? Als Gott dem Volk Israel die Zehn Gebote geben wollte, so erzählt eine rabbinische Geschichte, da forderte er Garantien, dass das Volk Israel diese Weisungen auch einhalten würde. Die Alten und Weisen des Volkes überlegten lange, kamen zu Gott und sprachen: „Wir bieten dir unsere Propheten“. Gott aber schüttelte den Kopf: „Nein, für die Propheten gebe ich euch meine Weisungen und Gebote nicht“. Die Ältesten des Volkes zogen sich zurück, berieten lange und unterbreiteten schließlich Gott ihr neues Angebot: „Wir geben dir unsere Erzväter, Abraham, Isaak und Jakob“. Doch wieder lehnte Gott ab. „Nein, für eure Väter, bekommt ihr sie nicht“. Enttäuscht versammelten sie sich erneut und hielten lange, sehr lange Rat. Als sie nach Tagen erneut vor Gott standen, erhob der Älteste seine Stimme: „Wir geben dir unsere Kinder, sie sollen die Garanten sein, dass wir deine Weisungen halten“. Und Gott gab dem Volk Israel seine Gebote.
Gottes Weisungen müssen verbürgt sein. Diese kleine Erzählung beschreibt, dass das Kostbarste, was in jeder Gesellschaft heranreift, für das Wertvollste, was Gott seinem Volk übergibt, gerade gut genug ist. Nicht die Vergangenheit zählt, sondern die Kinder, die Zukunft. Kinder und die Gebote Gottes gehören in einzigartiger Weise zusammen. Es ist kein Deal, von dem dort erzählt wird, sondern einer vertraut dem anderen etwas Kostbares an. Und der Empfänger verbürgt sich, für dieses Geschenk. Gott schenkt uns seine Weisungen, mit denen wir um ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit ringen. Und wir erkennen, dass es unsere Kinder sind, denen wir diese Weisungen schulden. Mit jedem Kind kommt der Anfang eines Anfangs in die Welt, wie es Hannah Arendt schreibt in die Welt. Sie sind das Potenzial für Veränderung und die Garanten für den Fortbestand einer humanen Gesellschaft. Die Gründung von christlichen Schulen und Bildungseinrichtungen wie dem Religionspädagogischen Institut ist so etwas wie die Antwort auf diese kleine rabbinische Erzählung. Wenn wir wollen, dass es ein Gemeinwesen gibt, das sich am Humanitätsideal der jüdisch-christlichen Weisungen orientiert, dann brauchen wir guten Religionsunterricht, gute Religionspädagogik, gute Schulen. Und dafür wiederum benötigen wir sensible, fachkundige Religionspädagoginnen, Katecheten, Pastorinnen.
Überall in der Hebräischen Bibel lässt sich dieser Bildungsanspruch ablesen: Sagt es euren Kindern und Kindeskindern. Gebt die Gebote Gottes, gebt seine Weisungen wie eine Hausordnung für diese Welt weiter. Ihr schuldet sie den Kindern. Lehrt sie den Nachkommen. Lest und erzählt sie. Lernt sie auswendig. Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott. Psalm 78,5-7: „Er richtete ein Zeugnis auf in Jakob und gab ein Gesetz in Israel und gebot unsern Vätern, es ihren Kindern zu lehren, damit es die Nachkommen lernten, die Kinder, die noch geboren würden; die sollten aufstehen und es auch ihren Kindern verkündigen, dass sie setzten auf Gott ihre Hoffnung und nicht vergäßen die Taten Gottes, sondern seine Weisungen hielten.“
Eine Form, ja, die Form, in der die göttlichen Gebote dann in den folgenden Jahrhunderten weiter gereicht wurden, ist Luthers Katechismus. Diese kleinen Textbausteine, die entlang der Glaubensartikel entwickelt wurden, blieben für Jahrhunderte ein wichtiger Teil des allgemeinen Bildungskanons. Diese Handvoll Seiten des lutherischen Katechismus – heute für viele nur noch eine historische Anekdote – waren Bildungsgut, Gewissensschärfung, Pflichtenheft, Sündenkodex, Tröstung, Glaubenslehre, Hoffnungsquell.
Beim Katechismus muss ich unwillkürlich an die Buddenbrooks denken mit dem Eingangsdialog zwischen Großvater und der kleinen Antonie:
„Was ist das – Was – ist das…“
„Je, den Düwel ook, c’est la question, ma très chère demoiselle!“
„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat, samt allen Kreaturen“.
Bei Thomas Mann ist der Katechismus längst eine Karikatur geworden. Ein großes Missverständnis. Die orthodoxen Lutheraner haben schnell aus der Idee Luthers eine Lehrtradition gemacht. Hauptsache kennen und weiterreichen. „So ist es, Punkt, aus“. Das allein aber wäre tumbes Gesetz. Die Idee christlicher Bildung ist eine andere. Nicht nur Traditionen weiterführen, Asche weitergeben. Nein. Die brennende Flamme an die nächste Generation übergeben. Es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.
Diese Kompetenz blieb die Kernkompetenz des RPI in den vergangenen 75 Jahren: In sich verändernden geistigen und geistlichen Lebenswelten religionspädagogische Möglichkeiten so weiterzuentwickeln und auszuschöpfen, dass Kinder und Jugendliche religiös mündige Menschen werden.
Zugleich mit dem Katechismus ist der entscheidende reformatorische Bildungsanspruch entstanden: Jeder muss selbst lesen können. Nur mit dem Katechismus allein wäre die Reformation nicht der Motor einer einzigartigen Bildungsoffensive geworden. Die Übersetzung der Bibel ins Deutsche hätte man sich sparen können. Es war ein Glücksfall, dass neben Martin Luther mit Phillip Melanchthon schon in der Anfangszeit der Reformation ein humanistisch geprägter Theologe dabei war, der über die Bildung und die Schulen neu nachdachte und dessen Anliegen die Mündigkeit war. Sein Credo: Lernt Lesen, damit ihr überprüft, was euch erzählt wird. Geht den Dingen auf den Grund. Fragt nicht nur, lest selbst.
Mündigkeit heißt, sich selbst ein Urteil zu bilden und dieses Urteil eigenständig vertreten zu können. Diese Eigenschaft des Menschen wird, davon ist der humanistische Gelehrte überzeugt, dadurch gefördert, dass schon Kinder Bekanntschaft mit Büchern machen. Quer durch alle Wissensgebiete seiner Zeit empfiehlt Melanchthon die Lektüre über die Bibel hinaus. In meinen Worten: Von der Astrophysik bis zu Adalbert Stifter. Dennoch frage ich mich, was bedeutet diese Lesekompetenz für die Zukunft im Angesicht von KI, deren Grenzen zurzeit noch niemand absieht.
75 Jahre sind nicht nur eine Zeit des Dankes, aber auch! Des Dankes für Abertausende von jungen Menschen, die durch gut gebildete Unterrichtende eine Ausstattung fürs Leben erhielten. Für Abertausende von Religionspädagog*innen, die mit einer Vokation in den Dienst gegangen sind. Sie öffnen Räume für eine große Geschichte, die diese Welt verwandelt. Diese Geschichte bildet meine Identität und formt meine Beziehung zu anderen. Sie schafft Verständnis für das Fremde, bildet Orientierungswissen und verbindet mich mit Gott. In einer Zeit, die orientierungslos zu werden scheint, sind sie für ein paar Schul- oder Konfirmandenjahre Begleiterinnen. Es geht durch ihre Hände, kommt aber her von Gott. Vergessen wir an diesem Tage also nicht den Dank für die Begleitung Gottes in diesen 75 Jahren.
Neben dem Dank steht die Dringlichkeit: Mehr denn je brauchen wir einen gemeinsamen Nenner für das Orientierungswissen in unserer Zeit. Wenn die „regelbasierte“ Welt sich auflöst, und das nicht erst seit Donald Trump, braucht es einen Minimalkonsens des Miteinanders. Der kann sich nicht allein in Recht und Gesetz widerspiegeln, sondern muss als Vereinbarung unserer Gesellschaft gelebt werden. Je weniger Sitte und Gewohnheit, Konvention, Manieren, Umgangsformen und natürliches Rechtsempfinden konsensual ist, umso mehr bedürfen wir Regelungen und Grenzziehungen. Momentan explodieren Emotionen und suchen sich Wege in undemokratischen Bahnen und den a-sozialen Medien.
Wie gestaltet sich eine Kultur des Miteinanders in Freiheit? Wie erkennen wir in der Fülle kultureller Lebensentwürfe einen Kompromiss des Zusammenhalts? Wie halten wir fest an einem Menschheitsethos, dass allen Menschen universelle Rechte garantiert? Die Zehn Gebote, die Weisungen Gottes, das Leben Jesu sind Teile für dieses Menschheitsethos. Und die schulden wir unseren Kindern.
Wer einen Forst pflegt, weiß, dass unsere Hoffnungen weiter reichen müssen als 75 Jahre. Meine Lebenszeit und -möglichkeit sind begrenzt. Und manche Hoffnungen auf unseren Wegen sind unzulänglich, manchmal sogar irrig. Doch es gilt so zu handeln, als ob das Leben einen guten Ausgang nähme, als ob die Hoffnung stark und unverändert bestünde. Der Geist des RPI überdauert Lehrpläne. Er reicht weit über religionspädagogische Konzepte und didaktische Modelle. Im Blick auf manche katechetischen Entwürfe der Vergangenheit schüttelt man heute den Kopf. Doch die Welt, die vor uns liegt, wird sich im Wandel weiter beschleunigen. Formen und Konzepte werden folgen müssen. Aber auch die gehen durch unsere Hände und kommen her von Gott.
Wir, die wir nie aufhören, des Vergangenen zu gedenken. Die wir unsere Erzväter und Propheten hervorholen und immer wieder die gleichen alten Geschichten auslegen, sollten mit Blick auf 75 Jahre RPI demütig und dankbar bleiben. Wir wissen, dass die Zukunft von unseren Kindern und Kindeskindern gestaltet werden wird. Ihnen zu geben, durch kluge und angemessene pädagogische Hilfen, was sie brauchen, um dieses Leben zu bestehen, im Zutrauen zu sich selbst und im Vertrauen auf Gott, bleibt unsere Pflicht. Das RPI hat es getan und wird es weiterhin tun.
Und der Rest bleibt Gottes Sache.
Amen.
ABSCHLUSS
Abkündigungen – Silke Leonhard
Fürbitten – Bianca Reineke
»Guter Gott, wir haben gehört, erlebt und erspürt, dass Wachsen und Werden in Deiner Gegenwart dafür sorgen, dass wir aufblühen.
Dass wir die gesäte Saat in die Erde geben und das Wachsen und Werden begleiten dürfen und sollen. Dafür danken wir Dir.
Wir bitten Dich: Lass uns nie vergessen, dass der Rhythmus von Saat, Aufwuchs, Blüte, Ernte und Vergehen ewig ist, dass unsere Aufgaben in dieser Metapher nie aufhören.
Lass uns erleben, dass es eine Gnade ist und ein Geschenk, dass wir teilhaben dürfen an religiöser Bildung, dass wir gemeinsam lernen können, Lehren, gemeinsam aufrütteln, dazu ermutigen, dass sich Unrecht nicht ausbreitet wie Unkraut.
Lass uns auch den Wildwuchs, das Wachstum außerhalb der Norm, lieben lernen, lass uns Freiheit und Vielfalt, klare Aussagen und heiße Diskussionen wertschätzen, weil es uns ausmacht, in aller Vielfalt zu sein vor Dir.
Gott, wir bitten Dich für die Welt, in der weder Bildung noch freie Religionsausübung, weder Frieden noch Redefreiheit, weder Gerechtigkeit noch Würde für alle Menschen selbstverständlich sind, in der Angst und Sorge, Schweigen und Terror öfter an der Tagesordnung sind als die Frage nach Bildung und Weltanschauungen.
Genau daran entzündet sich der Hass, Gott, an Unwissenheit, an blindem Fanatismus, an Unverständnis und Intoleranz. Dieses giftige Saatgut schleicht sich in die Herzen und macht blind und taub für das Gegenüber.
Wir bitten Dich: Schenke uns offene Augen, Herzen und Ohren für eine Veränderung, lass uns unermüdlich sein im Finger-in-die-Wunden-Legen. Protestantisch, laut und auffällig, in der Nachfolge Christi im besten Sinne.
Gib uns Mut aufzustehen, aufzuzeigen, was wir klagend erkennen. Schon früh, schon dort, wo die Saat erst bereitet wird, wo die Keime, die Samen gelegt werden in Manipulation und in ach so einfachen Erklärungen, die doch nur Feindbilder kreieren und Aggression schüren.
Gott, auch Bildung und Freiheit der Gedanken, der Worte, der Religion und der Weltanschauung sind in unserer Gesellschaft und weltweit keine Selbstverständlichkeit mehr.
Wir bitten Dich für die Menschen, die nicht wie wir heute unbehelligt ein solches Jubiläum feiern können, das uns auch durch die Gesetzgebung und die Werte unserer Gesellschaft ermöglicht wird.
Für die Menschen, die in ihren Gedanken und Gefühlen, in ihren Anschauungen und religiösen Überzeugungen verfolgt und drangsaliert werden, die sich verstecken müssen, verfolgt werden und um ihr Leben fürchten.
Gib uns die Weitsicht und den Willen zu handeln, aus unserer sicheren Position heraus unsere Ohnmacht in gute Wut zu verwandeln, in aktive ruhige Wut, die uns überlegt und klar aufstehen lässt und Veränderung einfordert.
Wir bitten für uns und für die, die uns anvertraut sind, in Aus-Fort und Weiterbildung, in Seelsorge, in Findungsprozessen, in Prüfungen, in Dankbarkeit und in Sorgen:
Lass uns Liebe erfahren, Weite und Gnade.
Lass uns erleben, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen, für jede und jeden von uns, ohne Hierarchien, ohne Angst, ohne Gefälle, vereint in Sicherheit und Schutz, gemeinsam unterwegs, diese Welt auch durch religiöse Bildung und interreligiöses Miteinander besser zu machen.
Gott, wir legen Dir all das ans Herz, wir legen Dich uns ans Herz.
Wir bitten Dich, erhöre uns, mache uns leicht und frei und lebendig.
Lass die Saat Deiner Güte und Liebe aufgehen und lass uns weiter die sein, die für Wachsen und Werden sorgen.
Alles, was uns bewegt, alles, was uns auf dem Herzen liegt und auf der Seele brennt, all das Federleichte und all das Harte, Schwere legen wir in das Gebet, das Dein Sohn Jesus Christus uns gelehrt hat.
Wir beten das Vater unser.
Vater unser
Lied: Wenn das Brot, das wir teilen,
freiTöne 170,1-3
Segen – Landesbischof Ralf Meister
Musikalischer Ausklang: Improvisation zu Bill Withers, Lean on me – Lutz Krajenski
Anmerkungen
- Hans Manz: Die Welt der Wörter. Sprachbuch für Kinder und Neugierige, Weinheim 1996.
- Das Lied aus dem Jahr 1973 stammt von Birger Heymann (Melodie) und Volker Ludwig (Text). https://grips.online/wp-content/uploads/2020/05/Wir-werden-immer-gro%CC%88%C3%9Fer-Text-.pdf (25.09.2025).
- Im Anschluss folgt das Lied „Du siehst mich“ (freiTöne 28) als Antwortimpuls zu dieser Frage.