'Wenn dein Kind dich morgen fragt ...' - Exegetische Aspekte und Perspektiven aus der jüdischen Tradition

von Ursula Rudnick 

 

Die Kirchentagslosung stammt aus dem 5. Buch Moses oder dem Deuteronomium, wie es die christlichen Theologinnen und Theologen nennen, oder aus dem Buch der Reden, wie es in der jüdischen Tradition heißt.
Jede dieser Bezeichnungen zeigt einen anderen Aspekt des Buches. Der Name 5. Moses weist auf die zentrale Rolle Moses hin, dem – gemäß Dtn. 31.9 – die Tora auf dem Sinai offenbart wurde und der sie nach rabbinischer Tradition auch aufschrieb. Die Bezeichnung der Bücher als 1.-5. Moses stammt von Martin Luther.

Das Wort Deuteronomium geht auf die griechische Übersetzung der Hebräischen Bibel zurück, die Septuaginta. Sie interpretiert die Aufforderung in Dtn. 17.18, eine Abschrift des Gesetzes zu erstellen, als eine zweite Gabe des Gesetzes (deutero-nomion).

Der Ausdruck devarim "Reden" oder "Worte" nimmt – wie alle hebräischen Bezeichnungen biblischer Bücher – die ersten Worte des Textes auf: "Dies sind die Worte, die Mose zu ganz Israel redete ..." Sie beinhalten die Weisungen Gottes als "lebendige Anrede und Zukunftsverheißung".1

 

Der literarische und theologische Kontext

Die Israeliten befinden sich östlich des Jordan in der Wüste. Vierzig Jahre Wüstenwanderung liegen hinter ihnen. Vor ihnen liegt das verheißene Land; der Einzug steht kurz bevor.

Moses wird an diesem Ort von den Israeliten Abschied nehmen müssen, er – wie auch fast alle derer, die den Auszug aus Ägypten selber miterlebt hatten – wird das verheißene Land nicht betreten. Es ist sein Todestag: Moses weiß um sein bevorstehendes Ende, er versammelt das Volk und hält eine lange Rede. Aus ihr besteht das Deuteronomium. Moses ruft die Ereignisse der Vergangenheit in Erinnerung: Sklaverei in Ägypten, Befreiung durch Gott, den Bundesschluss von Gott und Israel am Horeb. Darüber hinaus werden viele der Gebote rekapituliert, die schon aus dem Buch Exodus bekannt sind, wie z.B. die Zehn Gebote.

Die besondere Beziehung Israels zu Gott wird nicht von seiner politischen Größe oder Macht her definiert, denn Israel ist "das kleinste unter allen Völkern" –, sondern durch Liebe (Dtn. 7.7-8). Gott sah das Leiden der Israeliten, er "erhörte unser Schreien und sah unser Elend, unsere Angst und Not" (Dtn. 26.7).

Israel wird durch die Tora definiert: "Israel ist das Volk, das die Tora hat, und dadurch unterscheidet es sich von allen Völkern." Der Bund Gottes mit Israel und die Gabe der Tora, ist das, was Israel auszeichnet, was Israel charakterisiert. Durch den Bund und die Tora erfährt Israel die Nähe Gottes. "Welches große Volk gibt es, das Gesetze und Rechtssätze hat, so gerecht wie diese ganze Tora?" (Dtn. 4.8) Das Wort "Tora" wird mit der Übersetzung als "Gesetz" missverstanden, denn es bedeutet mehr und anderes als Gesetz. "Es ist Ausdruck für das Ganze der göttlichen Willensoffenbarung" (von Rad), es umfasst "Gesetz und Evangelium".2

Die Tora sichert die Lebensordnung Israels in Freiheit. Eine zentrale Rolle im Deuteronomium spielen das Halten und die Weitergabe der Weisungen Gottes: "Denn es ist nicht ein leeres Wort an euch, sondern es ist euer Leben, und durch dieses Wort werdet ihr lange leben in dem Lande ..." (Dtn. 32.47)

 

 Der historische Kontext

Der literarische und der historische Kontext sind durch ca. 600 Jahre voneinander getrennt. Die Entstehungszeit des Buches wird auf die späte Königszeit im 7. Jhdt. v.d.Z. datiert. Überarbeitungen folgten später. Wie zahlreiche andere biblische Bücher hat auch das Deuteronomium eine längere Phase von Bearbeitungen durchlaufen. Seine Autoren vermutet man in der Jerusalemer Führungsschicht. So "zeigt die Prosa des Dtn auch Bezüge zum höfischen Redestil und zur Sprache der Weisheitsliteratur, wie sie vor allem in der höheren Beamtenschaft gepflegt wurde".3

Die Staaten Israel und Juda lagen in der Antike immer wieder in der Einflusssphäre von Großmächten: Ägypten, Assyrien, Babylon und Rom. Die autonome staatliche Existenz war oft gefährdet. Die Assyrer löschten 722 v.d.Z. das Nordreich Israel aus, die Babylonier zerstörten 587 v.d.Z.. den Tempel in Jerusalem und verschleppten die Oberschicht nach Babylon. In der Gegenwart der Bedrohung wird die Situation vor dem Einzug in das verheißene Land vergegenwärtigt. "Es ist unverkennbar, dass die Autoren solcher Texte (wie Dtn. 6.20-25) mit einem tiefen Traditionsabriss und einem folgenreichen Generationenbruch rechneten – und angesichts der exilischen Situation auch zu rechnen hatten. Nach dem Ende von Monarchie und staatlicher Autonomie, nach dem Verlust von Land und Heiligtum wurde nicht nur vieles, sondern mit Blick auf die religiöse Substanz alles fraglich, was bis dahin in Israel als beständig und unangreifbar gegolten hatte ..." 4

Jan Assmann sieht im Deuteronomium ein Paradigma kultureller Mnemotechnik, das in der damaligen Welt eine grundlegende Neuerung bedeutete. Vor dem Hintergrund des drohenden – wie auch bereits des erlittenen – Verlustes von staatlicher Autonomie und religiösen Institutionen, wie z.B. des Tempels in Jersusalem, werden die für die religiöse und die damit untrennbar verbundene kulturelle Identität wichtigen Orte "von außen nach innen verlagert", ins Imaginäre und Geistige transformiert, so dass ein geistiges "Israel" entsteht, das überall dort stattfinden kann, wo eine Gruppe zusammenkommt, um im Studium der heiligen Texte die Erinnerung daran zu beleben ... Hier wird eine Erinnerungskunst entwickelt, die auf der Trennung von Identität und Territorium basiert. Worauf es im Deuteronomium ankommt, ist die Zumutung, sich im Lande an Bindungen zu erinnern, die außerhalb des Landes eingegangen worden sind und ihren Ort in einer extraterritorialen Geschichte haben: Ägypten – Sinai – Wüste – Moab ... Wer es fertigbringt, in Israel an Ägypten, Sinai und die Wüstenwanderung zu denken, der vermag auch in Babylonien an Israel festzuhalten."5"Rück-Bindung, Erinnerung, bewahrendes Gedenken ist der Ur-Akt der Religion." Das Deuteronomium entfaltet dies. Es entsteht ein "portatives Vaterland". 

 

 


 

 

Der Text, seine Übertragungen und Erläuterungen

Da Übersetzungen immer auch Interpretationen sind, ist es gut, mehr als eine wahrzunehmen. Im Folgenden finden Sie die Übertragung von Martin Buber. Sie enthält zwar manchmal altertümliche Ausdrücke, ist eine sehr genaue Übersetzung.

"Wenn dein Sohn dich morgen fragen wird, sprechend:
Was ists um die Vergenwärtigungen, so die Gesetze, so die Rechtsgeheiße, die ER unser Gott
euch gebot?
sprich zu deinem Sohn:
Dienstknechte waren wir dem Pharao in Ägypten,
ER aber führte uns aus Ägypten mit starker Hand.
ER gab Zeichen und Erweise, große und schlimme, wider Ägypten, wider Pharao, und wider
all sein Haus vor unseren Augen,
und er führte uns von dort heraus,
damit er uns herkommen lasse, uns das Land zu geben, das er unsern Vätern zuschwor.
ER gebot uns, all diese Gesetze zu tun, IHN unseren Gott zu fürchten,
uns zu Gute für alle Tage,
uns am Leben zu halten,
wie’s nun am Tag ist.
Und Bewährung wird’s uns sein,
wenn wir’s hüten, all dieses Gebot zu tun,
vor SEINEM unseres Gottes Antlitz,
wie ER uns gebot."

Das hebräische Wort ben kann als "Kind" oder "Sohn" übersetzt werden. In der Literatur gibt es Stimmen, die davon ausgehen, dass auf der historischen Ebene des Textes Mädchen mitgemeint waren, dass sowohl Mädchen, wie auch Jungen in Fragen des Gesetzes unterwiesen wurden.7

Das Kind hat recht genaue Vorstellungen von den Weisungen, denn es fragt nach "Vergegenwärtigungen, Gesetzen und Rechtsgeheißen": Man könnte auch von "Zeugnissen, Satzungen und Rechtsgeheißen" sprechen. Bemerkenswert ist, dass neben juristischen Begriffen der Ausdruck edut Zeugnisse steht, den Buber mit "Vergegenwärtigung" übersetzt hat. Er hat sich damit für einen Ausdruck entschieden, der die Aktualisierung und Aneignung betont. Tora, die Weisung Gottes, ist zu vergegenwärtigen, anzueignen und zu internalisieren.

Den Rabbinen der Antike, die den biblischen Text sehr genau lasen, fiel an dieser Stelle eine Diskrepanz auf: Zum einen spricht das Kind von "unserem" Gott, aber es betrachtet sich als nicht unmittelbar von den Weisungen Gottes angesprochen: die Gott "euch" – und nicht "uns" – geboten hat. In der Pessach-Haggada wurden daraus die Fragen der vier Söhne. (siehe links)

Die Antwort von Vater oder Mutter besteht aus zahlreichen geprägten Begriffen und Bildern, die in der Tora und später dann auch in der jüdischen Liturgie immer wieder vorkommen. Daher wird der Text in der christlichen Exegese auch als ein "heilsgeschichtliches Credo" bezeichnet.

Im ersten Teil der Antwort steht als Begründung für das Halten und Vergegenwärtigen der Gebote die Erinnerung an den Exodus im Mittelpunkt. "Dienstknechte" – Sklaven – waren "wir": Diese Erfahrung ist grundlegend für das Volk Israel. Sie – und die Befreiung durch Gott - wird immer wieder erinnert. Pessach ist das Fest, das diese Grunderfahrung vergegenwärtigt.

Die Eltern haben die Aufgabe, die Geschichte weiterzugeben als eine, die sie selbst gesehen und selbst erfahren haben. "Diese Art und Weise der Erzählung ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass diese religiöse Tradition von der nächsten Generation als glaubwürdig, als bleibend aktuell und als sie unmittelbar angehend wahrgenommen werden kann."8

Die Begründung, die an dieser Stelle für Gottes befreiendes Handeln gegeben wird, lautet nicht, um mit Israel den Bund zu schließen, sondern um sie in das den Vätern verheißene Land zu führen, das Abraham (Gen. 12.1) erstmalig versprochen worden war. An dieser Stelle sind theologisch die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, der Zuspruch des Landes und die Gabe der Gebote miteinander verknüpft. Die Gebote haben einen lebensdienlichen Zweck. Sie dienen dem Erhalt des Lebens in Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Diesen gleichen Zweck erfüllt das Gebot der Furcht JHWHs. Bei dem Wort "Furcht" denken viele Menschen an Angst und sofort an einen strafenden Gott. Der Begriff "Gottesfurcht" ist komplex und kann nicht einfach aus dem umgangssprachlichen Verständnis der Gegenwart übertragen werden. In dem Terminus schwingen auch die Aspekte "Respekt" und "Verehrung" mit. Konkreter Ausdruck der "Gottesfurcht" ist das Tun der Weisungen, ist "pietas in Wort und Tat".9

Der Ausdruck "all diese Gesetze" meint alle geoffenbarten Weisungen der Tora, es geht dabei nicht um "Gesetze" im Sinn eines Strafgesetzbuches, sondern um den geoffenbarten Willen Gottes für Israel. Es genügt nicht, dass die Kinder die Gebote auswendig lernen, sondern die Erwachsenen sollen mit den Kindern über den Sinn und Zweck dieser Gebote reden. Die Frage des Kindes – dies ist im Hebräischen deutlich – zielt auf die Begründung der Observanz der Gebote.

Wird Israel die Gebote halten, so wird es "unsere Bewährung" sein. Israel wird als zedaka, anerkannt. Dieser Begriff wird an dieser Stelle auf recht unterschiedlicher Weise übertragen. Eduard Nielsen übersetzt das Wort als "Schuldigkeit", Moses Mendelsohn als "Glückseligkeit" und Martin Luther als "Gerechtigkeit". Die Gefahr des Begriffs "Gerechtigkeit" besteht darin, diese Stelle mit einer lutherischen Brille zu lesen und Israel eine Gerechtigkeit zu unterstellen, die aus dem Halten der Gebote kommen soll. Der Begriff "Bewährung" weist in eine andere Richtung. Es geht nicht darum, etwas neu zu erringen – die Liebe Gottes, die sich in der Befreiung aus Ägypten ausdrückt, ist vorausgegangen. Nun gilt es zu antworten und Treue in dieser Beziehung zu zeigen. Es geht um eine "Ethik der Dankbarkeit", die den "Zusammenhang von Dogmatik und Ethik als Zusammenhang von Empfangen und Tun des Guten unlösbar" macht.10

Die Form des Textes als Frage und Antwort erinnert an einen Katechismus. Luther bezeichnet ihn in einer Predigt als "Prosopopeia", eine "auf Vater und Sohn personifizierte Lehrfrage".11 "Der fragende Sohn, der antwortende Vater: dieses Zusammenspiel von Interesse und Zeugnis bildet also die idealtypische, vielleicht aber auch die wirksamste Grundlage für den Generationenverband in Israel."12 Ob es sich hier um eine literarische Form handelt oder die Kinderbelehrung tatsächlich in die Familie verlegt wurde, ist nicht eindeutig.

Perlitt weist darauf hin, dass dieser Text nicht die Kinder, sondern die Eltern anspricht. Er schließt daraus, dass es keinen Mangel an Fragen, wohl aber an Antworten gegeben haben müsse. Er rechne nicht mit "schlechten Schülern, sondern mit schlechten Lehrern".13 Es gilt die "morgen" – also in der Zukunft gefragten "Eltern" – im konkreten oder übertragenen Verständnis zu befähigen, Antworten zu geben. Die Sorge um Traditionsabbruch führt hier nicht zum Lamentieren über die Jugend und ihre Unwissenheit, sondern verpflichtet die Elterngeneration und behaftet sie bei ihrer Verantwortung gegenüber der nachwachsenden Generation. Die "Eltern" werden jedoch nicht allein gelassen, sondern es werden ihnen inhaltliche und pädagogische Ratschläge gegeben.

 

 


 

 

Die Weitergabe von Tradition

Das Deuteronomium bildet eine ausgeprägte Mnemotechnik. Es liegt ein elaboriertes religionspädagogisches Programm vor, das gewährleistet, dass "fundierende Geschichte, Jhwhfurcht und Gesetz" angeeignet werden. Dieser Abschnitt, wie auch das ganze Buch Deuteronomium, enthält zahlreiche Techniken zur Bewahrung von Erinnerung und Weitergabe von Tradition. Georg Braulik spricht von einer "Theologie des Lehrens und Lernens", Norbert Lohfink von einem text- und situationsorientierten und situationsreflektierten Lernen des Glaubens.15

  

Pessach

Eine Weiterführung dieser elaborierten Mnemotechnik findet sich in der Feier des Pessach-Festes, das den Auszug aus Ägypten erinnert, deutet und alljährlich vergegenwärtigt. Die Haggada, die am Seder-Abend gelesen wird, erinnert und vergegenwärtigt die Unterdrückung der Israeliten in Ägypten und die Befreiung aus der Sklaverei durch Gott.16 Sie enthält biblische Texte, rabbinische Midraschim, allegorische Erzählungen, Lieder und Gebete. Die Haggada (hebr. von hagid, erzählen) ist ein Drehbuch mit Texten und einer Regieanweisung zur Feier des Seder-Abends, der meist in einem größeren Familienkreis verbracht wird. Sie verdankt sich nicht einem einzigen Autor, sondern wurde bis ins 11. Jdt. verändert. Auch in der Gegenwart gibt es verschiedene Aktualisierungen der klassischen Haggada, so z.B. eine Haggada, in deren Mittelpunkt die Erfahrungen von Frauen stehen. Zahlreiche Rituale, bei denen verschiedene Sinne angesprochen werden, dienen der Vergegenwärtigung der Erinnerung. Ihre Zahl ist zu groß, um sie hier im Einzelnen darzustellen, einige sollen jedoch exemplarisch benannt werden. Der Pesach-Teller enthält symbolische Speisen, die gesehen, gerochen, gefühlt und geschmeckt werden. Die Plagen werden erinnernd hervorgehoben, indem ein Weintropfen bei der Erwähnung jeder Plage fallen gelassen wird. Es gibt besondere Speisen, die nur an Pessach gegessen werden, und es gibt Lebensmittel (alles Gesäuerte), die nicht zu Pessach verzehrt werden. 

Die Haggada wird gelesen (alle Teilnehmenden haben den Text vor sich) und gehört, Abbildungen illustrieren sie. Die Aufgabe von der Befreiung aus Ägypten zu erzählen, ist eine Mizwa, ein Gebot. Selbst wenn alle Versammelten "weise Alte" wären, die alles wüssten, so bestünde dennoch diese Verpflichtung, von der Befreiung aus Ägypten zu erzählen. Je mehr gefragt und erzählt wird, desto besser ist es, so die Haggada. (Haggada, 18)

"In jeder Generation soll der Mensch sich betrachten, als sei er selber aus Ägypten gezogen." So heißt es (2. Mos 13,8): "An jenem Tage erzähle deinem Sohn: Dafür hat Gott es für mich getan, als ich aus Ägypten gezogen bin." (Haggada, 36) Das Erzählen in Gemeinschaft bewirkt Verschiedenes: Es ist Lob Gottes, es dient der individuellen Aneignung der Tradition und dabei verbindet es die Anwesenden mit der Vergangenheit und untereinander. Das gemeinsame festliche Mahl, das Teil des Seders ist, stärkt diese Verbindung, es stärkt das Gemeinschaftsgefühl in der Gegenwart – überall auf der Welt wird zur gleichen Zeit der gleiche Text, im Idealfall in derselben Sprache gelesen – und eröffnet einen Blick in die Zukunft, die durch die Verheißung "nächstes Jahr in Jerusalem" charakterisiert ist.

Die Handlungsaufforderungen sind Teil der Haggada. Die Kinder haben eine besondere Rolle. Es ist die Aufgabe des oder auch der Jüngsten, am Tisch das Ma nischtana ("Warum ist diese Nacht anders als alle übrigen Nächte?") zu singen.

Zwischen dem Text der Haggada und Dtn. 6.20-25 bestehen auch literarische Bezüge. So wird die Frage des Sohns aufgenommen und basierend auf einer Aufforderung aus der Mischna, das Kind entsprechend seinen Fähigkeiten zu belehren, werden vier verschiedene Typen von Söhnen vorgestellt, die jeweils eine unterschiedliche Antwort erhalten: ein Vernünftiger, ein Böser, ein Naiver und einer, der nicht zu fragen versteht (Haggada, 20-21).

Jüdische Tradition hat das Wort "Ben" als "Sohn" übersetzt. Jüdische Frauen der Gegenwart nehmen darauf Bezug und schreiben diese Geschichte auf kreative Weise fort. "Unsere Töchter fragen: Sind Frauen verpflichtet, die Geschichte des Auszugs zu erzählen? Wenn ja, warum steht dann: Wenn dein Sohn dich fragt (Dtn. 6.20)? Was ist wenn wir fragen?"17

Haggada ist ein Kunstwerk, nicht allein aus literarischer Perspektive, sondern vor allem aus religionspädagogischer. Die Gestaltung des Rituals mit seinen zahlreichen, vielfältigen Aspekten ist ein Lehrstück der Vermittlung und Aneignung religiöser Tradition.

 

 


 

 

Was lerne ich als Christin des 21. Jahrhunderts?

Der Text fasst auf knappstem Raum zentrale biblische Aussagen zusammen: Am Anfang der Geschichte Gottes mit Israel steht die Befreiung aus dem Sklavenhaus. Die Beachtung der Weisungen Gottes geschieht in Freiheit und sie dienen der Bewahrung dieser Freiheit. Das Erfüllen der Gebote ist Israels Antwort auf Gottes befreiendes Handeln – seine Bewährung, wie Buber übersetzt. 

Diese Grundaussagen sind – nach biblischem Verständnis – immer wieder neu zu vergegenwärtigen, zu erarbeiten, anzueignen, mit Leben zu füllen und zu tun.

Dies gilt nicht nur für Jüdinnen und Juden, sondern auch für Christinnen und Christen. Der Gott, den Christinnen und Christen in und durch Jesus Christus erfahren, hat sich Israel, dem jüdischen Volk, zugewendet – und tut dies auch heute noch.

Ein wichtiger Aspekt besteht darin, dass Tradition innerhalb der Familie vermittelt wird. Das Kind beobachtet die Lebens- und Glaubenspraxis der Erwachsenen und ausgehend von ihr stellt es eine Frage, über die auch Christinnen und Christen nachdenken sollten: "Was sind das für Gebote, die JHWH, unser Gott, euch geboten hat?" Welche Gebote müssen wir halten, um unsere Freiheit zu bewahren? Die Frage nach dem Gelten der Gebote, die die lutherische Tradition stets in Verbindung mit dem Heil gesehen hat, ist neu zu stellen: Was sind es für Gebote, die Gott uns geboten hat? Diese Frage ist im Gespräch mit den Generationen, der nachwachsenden – aber auch der vorangehenden – und der Bibel zu klären. Die Lektüre – und mit ihr das Gespräch – muss weitergehen, über den Vers, das Kapitel und das Buch Deuteronomium hinaus.

 

Anmerkungen

  1. Braulik, Georg, Das Deuteronomium und die Gedächtniskultur Israels. Redaktionsgeschichtliche Beobachtungen zur Verwendung von lmd. In: ders. Studien zum Buch Deuteronomium. Stuttgart: Katholisches Bibelwerk, 1997. 119-146, S. 132.
  2. Rendtorff, Rolf, Theologie des Alten Testaments. Ein kanonischer Entwurf. Neukirchen. Neukirchener Verlag, 199, S. 69.
  3. Braulik, S. 80.
  4. Perlitt, Lothar, Deuteronomium 6, 20-25: eine Ermutigung zu Bekenntnis und Lehre. In: ders. Deuteronomium-Studien. Tübingen, 144-156, S. 132.
  5. Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in den frühen Hochkulturen. München: Beck, 19972, S. 213.
  6. Cancik, H./ Mohr, H., Erinnerung/ Gedächtnis. in: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe Bd. 2, Stuttgart o.J., S. 299-323.
  7. Finsterbusch, Karin, Die kollektive Identität und die Kinder. Bemerkungen zu einem Programm im Deuteronomium. in: Ebner, Martin u.a. (Hg.), Jahrbuch für Biblische Theologie – Gottes Kinder. Bd. 17, Neukirchener Verlag, Neukirchen 2002, 99-120, S. 108f.
  8. ebd. S. 111
  9. Perlitt, S. 152
  10. ebd. S. 152
  11. ebd. S. 147
  12. ebd. S. 148
  13. ebd. S. 154f.
  14. Finsterbusch, S. 120
  15. Bromlik, S. 142, Lohfink, S. 156. Jan Assmann identifiziert acht unterschiedliche Methoden der Weitergabe und Vergegenwärtigung der Tradition. Die meisten von ihnen lassen sich am Höre Israel – Schema Israel – festmachen: 1. Bewusstmachen, Einschreiben ins eigene Herz (Dtn. 6,6); 2. Weitergabe an die folgende Generation durch mündliche Kommunikation (Dtn. 6,7); 3. Sichtbarmachen (Teffillin) (Dtn. 6,8); 4. Limetische Symbolik (das Anbringen des Textes am Türpfosten, die Mesusa) (Dtn. 6,9); 5. Speicherung und Veröffentlichung als Inschrift auf Steinen (Dtn. 27, 2-8); 6. Feste der kollektiven Erinnerung: Pessach, Schawot; Sukkot (Dtn. 16, 3-12); 7. Mündliche Überlieferung (Dtn. 31, 19-21); 8. Kanonisierung des Vertragstextes (Dtn. 31, 9-13). (Assmann, 219ff).
  16. Pessach, Hagada. Basel/ Morascha, 1991.

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2004

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