Tradwives - Einfach nur traditionelle oder doch gefährliche Werte?

von Sabine Schroeder-Zobel

 

„Tradwife (Plural: Tradwives; Kurzform für ‚traditional wife‘, zu Deutsch ‚traditionelle Ehefrau‘) ist ein Neologismus, der Ende der 2010er-Jahre in den sozialen Medien aufkam. Mit ihm beschreiben sich Frauen selbst, die sich ausdrücklich für ein Leben in einer besonders konservativen Geschlechterrolle entscheiden und diesen Lebensstil auf Social Media-Plattformen wie TikTok oder Instagram als Influencerinnen präsentieren. Tradwives verzichten auf eine berufliche Karriere im klassischen Sinne und propagieren ein Dasein als Mutter und Hausfrau. Sie sehen diesen Lebensstil in aller Regel als Akt der Selbstverwirklichung.“1 So lautet die Definition bei Wikipedia. Beiträge über Tradwives sind in den sozialen Medien sehr präsent und die dort angepriesenen Werte erscheinen manchen jungen Frauen erstrebens- und nachahmenswert, anderen eher befremdlich. 

Auf TikTok und Instagram gibt es eine Fülle von Videos, die in sehr ästhetischer, ansprechender und vermutlich auch verlockender Form dieses Lebensmodell beschreiben und regelrecht anpreisen. Die Beiträge in den sozialen Medien präsentieren meist strahlende, traditionell gekleidete Frauen, die in hellen, perfekt eingerichteten Küchen backen und kochen, stolze Ehemänner und fröhliche Kinder. Wenn diese Frauen dann über ihr Leben Auskunft geben, beschreiben sie, wie sie ganz freiwillig diese Art zu leben gewählt haben, wie gern sie sich dem Mann unterordnen, weil es doch so viel einfacher und harmonischer ist, wenn die Rollen geklärt sind, wie gern sie für ihn sorgen und sich für ihn „hübsch“ machen, wie sicher und geborgen sie sich fühlen und wie weiblich. Sie betonen, wie wichtig die Haus- und Care-Arbeit ist und wie stolz sie darauf sind. 

So weit, so gut? Ein Teil der Frauen in dieser Szene hat vielleicht selbstbestimmt und gut informiert dieses Leben gewählt. Sie berühren mit ihren Argumenten tatsächlich vorhandene Probleme auf dem Arbeitsmarkt, die mitunter schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Überlastung insbesondere von Frauen. Aber schwierig und gefährlich wird es, wenn die Beiträge in den sozialen Medien gespickt sind mit frauenfeindlichen, anti-diversen und antidemokratischen Ideen und das Tradwife-Modell als moralisch überlegen dargestellt wird. Häufig wird diese Lebensart noch als christlich bzw. „von Gott gewollt“ legitimiert. Insbesondere die Tradwife-Influencerinnen in den USA mischen gern Haushalts- und Schönheitstipps mit – vorsichtig formuliert – selektiv interpretierten Bibelzitaten und beschreiben die Familie und ihre Rolle darin als „göttliche Berufung“.

Die 1950er-Jahre, geprägt von klaren Rollenzuweisungen, werden häufig romantisiert und als Vorbild für eine heile Welt betrachtet. Influencerinnen spielen mit diesen Bildern, historische Genauigkeit tritt in den Hintergrund. 

Dabei wird ausgeblendet, dass Frauen damals in oft völliger Abhängigkeit vom Mann lebten und eben nicht die Möglichkeit hatten, dieses oder ein ganz anderes, unabhängigeres Leben zu wählen und führen. Dennoch scheint diese Kehrtwendung für manche Frauen attraktiv zu sein. Wenn es als verunsichernd und anstrengend empfunden wird, dass klare Rollenzuweisungen wegfallen und Beziehungen ständig neu ausgehandelt werden müssen, bietet die Rolle als „Tradwife“ in romantisierter Form „klare Verhältnisse“. 

Influencerin Carolina, 28 Jahre alt, beschreibt in der ZDF-Dokumentation „37 Grad leben – Tradwives“2 ihren Alltag. „Ich mache mich hübsch für meinen Mann, ich koche für meinen Mann und mache das sehr, sehr gerne“, sagt Carolina in der Doku häufig. Sie lebt auf Mallorca und postet ihren Alltag in den sozialen Medien. Die Bilder zeigen deutlich, dass es sich um einen Haushalt mit einem hohen Einkommen handelt, der ein Leben mit dieser Rollenverteilung überhaupt erst möglich macht. Zwar erscheint das Tradwife-Modell mitunter als Lösung für reale Probleme, aber nur ein kleiner Teil von Familien kann sich dieses Leben überhaupt leisten. Die meisten Familien in Deutschland sind auf ein zweites Einkommen angewiesen. Alisha, die zweite Frau in der Dokumentation, postet Reals auf Social Media, die ihr Leben als Hausfrau und Mutter eines Kleinkindes zeigen. Alisha betont, dass auch Care-Arbeit Arbeit ist und nicht genügend Anerkennung bekommt. Ihre Beiträge sollen eine andere Sichtweise zeigen. Sie weist auch auf die Gefahren der finanziellen Abhängigkeit hin, hat aber dennoch zunächst keine Ausbildung absolviert. Alisha bezeichnet sich selbst als Tradwife. 

Finanziell betrachtet ist die Entscheidung, ein Leben als Tradwife zu führen, für die betroffenen Frauen hoch riskant. Sie haben kein eigenes Einkommen und somit keine eigene Altersvorsorge. Wenn sie später doch noch arbeiten wollen, wird es eventuell schwierig, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Falls die Frauen keine Ausbildung gemacht haben, bleiben vermutlich nur Jobs im Niedriglohn-Sektor. Bei Trennung, Krankheit oder Tod des Ehepartners sind die Frauen auf sich allein gestellt. Die große Abhängigkeit kann auch dazu führen, dass Frauen länger in einer Beziehung verbleiben, die ihnen schadet. 

Viele Influencerinnen wie z. B. Alicia Delaroso in der ZDF-Dokumentation „Tradwives – Sittsam, hübsch, perfekt“3 leben allerdings selbst nicht vom Einkommen ihres Mannes, sondern von ihren Social Media-Einkommen. Über Alicia wird in der Dokumentation berichtet, dass sie ca. 18.000 Dollar monatlich verdient. Solche Influencerinnen vermarkten ihre Lebensweise, führen sie aber letztendlich nicht. Viele Followerinnen stört dies wohl nicht.

Frauen wie Carolina oder Alisha mögen einer eher unpolitischen Community zugerechnet werden, ihre Beiträge in den sozialen Medien spielen aber dennoch Rechtspopulisten und rechten Parteien in die Hände. Sie wirken eher unpolitisch, decken sich aber mit konservativ-reaktionären Werten. Rechte Parteien können sich diese Beiträge z. B. durch Verlinkungen zunutze machen und niedrigschwellige Einstiege in ihre Ideologie schaffen. Finden sich in den Social Media- Beiträgen Aussagen wie „Frauen sind von Natur aus fürsorglich“ oder „Männer sind geborene Anführer“, entsprechen sie Argumenten rechter Parteien, die von einer natürlichen oder biologischen Überlegenheit des Mannes ausgehen. 

Jugendlichen begegnen Inhalte über Tradwives in den Sozialen Medien, wie schon erwähnt, häufig in ästhetischer, attraktiver Form. Schule sollte helfen zu verstehen, was dahintersteckt und wie diese Inhalte entstehen und einzuordnen sind. Insbesondere junge Frauen sollten die Möglichkeit erhalten, sich bewusst zu positionieren und über die Risiken, die der Tradwife-Lifestyle mit sich bringt, informiert zu sein. Wenn der Unterricht Geschlechterbilder und Vorstellungen von Freiheit thematisiert, entstehen Diskussionen, die Selbstbestimmung und Gleichberechtigung fördern können.

Schülerinn*en können im Religionsunterricht dazu befähigt werden, reflektiert und selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Beispielweise können sie religiöse Sprache in den entsprechenden Social-Media-Beiträgen analysieren und hinterfragen. So werden theologische Auslegungen möglicherweise z. B. durch den Blick auf historische Kontexte korrigiert. Der Religionsunterricht kann christliche Werte wie Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Achtung vor Vielfalt und Gleichberechtigung den religiösen Argumentationen in den Tradwife-Contents entgegenstellen. 
 

Anmerkungen

  1. https://kurzlinks.de/766q (19.04.2026).
  2. https://kurzlinks.de/7f2f (19.04.2026).
  3. https://kurzlinks.de/thu8 (19.04.2026)