Mitgefühl als Schlüssel zur Wertebildung im Religionsunterricht heute

von Elisabeth Naurath

 

Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte“ – dieses Motto der Fastenaktion 2026 der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) will dazu anregen, über den eigenen Umgang mit Gefühlen nachzudenken. Wie gehe ich durch den Tag? Ist da eine Härte gegen mich selbst und andere? Begegne ich mir selbst mit Gefühl? Welchen Wert hat es, mitfühlend zu sein – zu Mitmenschen, zur Mitwelt, zur Schöpfung? Das Fastenmotto zielt nicht auf eine konkrete Leistung, sondern vielmehr auf Besinnung und Reflexion meiner Wert-Orientierungen.1 Es geht darum, Gewohnheiten einmal in Frage zu stellen, um Wesentliches (wieder) zu entdecken. Und genau hierin liegt die spannende Schnittstelle für die Frage: Welche Werte sind heute eigentlich wichtig? Diese Frage begegnet nicht nur in politischen Debatten, sondern auch im Schulalltag. Schüler*innen diskutieren über Klimaschutz, über Gerechtigkeit oder über den Umgang mit Vielfalt. In einer pluralen und von Krisen geprägten Gesellschaft wächst der Bedarf an Orientierung. Schule wird deshalb zunehmend als Ort wahrgenommen, an dem junge Menschen nicht nur Wissen erwerben, sondern auch ihre Wertvorstellungen entwickeln. Gerade der Religionsunterricht bietet dafür besondere Möglichkeiten. Er eröffnet Räume, in denen Schüler*innen über Fragen von Sinn, Verantwortung und Menschenwürde nachdenken und unterschiedliche Perspektiven kennenlernen können.

Werte in einer pluralen Gesellschaft

Wie bilden sich eigentlich Werte?2 Knapp könnte man antworten: Was mir etwas bedeutet und für mich wertvoll ist, das wird zu einem subjektiven Wert. Doch selbstverständlich spielt auch der soziale Kontext in die Werte-Bildung hinein. Aus pädagogischer Perspektive ergibt sich eine zentrale Einsicht: Wertschätzung ist eine grundlegende Voraussetzung von Wertebildung. Wo sich junge Menschen ernst genommen fühlen und Anerkennung erfahren, entwickeln sie eher die Bereitschaft, auch mitfühlend und wertschätzend mit anderen umzugehen.

Während die Allgemeingültigkeit von Werten wie Frieden und Gerechtigkeit recht schnell einleuchten, sind Werte wie Pünktlichkeit, Fleiß oder Ordnung schon umstrittener. Wir orientieren uns in unseren Entscheidungen und Handlungen oft an Werten, die wir durch unser gesellschaftliches Umfeld, unsere Lebenskontexte und lebensgeschichtliche Prägungen internalisiert haben. Werte unterscheiden sich von Normen dadurch, dass sie weniger äußerlich verbindliche Regeln darstellen als vielmehr innere Vorstellungen dessen, was Menschen für wünschenswert und sinnstiftend halten. Insofern verbinden sich in unseren Werteinstellungen sowohl kognitive Überzeugungen wie auch emotional bestimmte Einstellungen. Unterschiedliche Lebenssituationen, kulturelle Hintergründe und politische Entwicklungen prägen, was Menschen als wichtig und im wahrsten Sinne des Wortes wert-voll ansehen.

Gerade in pluralen Gesellschaften mit einer Vielzahl an religiösen und weltanschaulichen Lebenseinstellungen treffen unterschiedliche Gewichtungen von Wertvorstellungen aufeinander. In unseren aktuellen, von Krisen geprägten Zeiten wird sichtbar, dass es herausfordernder, aber auch wichtiger ist, Haltung zu zeigen.3 Politische Skandale, gesellschaftliche Konflikte und globale Herausforderungen wie Klimawandel, Migration oder soziale Ungleichheit führen immer wieder zu Diskussionen darüber, welche Werte in welcher Bedeutung und Gewichtung gelten sollen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die globale Weltordnung aus den Fugen gerät, wenn beispielweise das Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts abzulösen droht. Mehr denn je sind internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen (UN) oder auch zivilgesellschaftliche Nichtregierungsorganisationen wie Religions for Peace gefordert, gemeinwohlorientierte Werte im Sinne eines „Caring for our common future“ (Motto der Weltkonferenz von Religions for Peace 2019) zu stärken. Gegründet wurden diese internationalen Kommissionen nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges, um verbindliche Werte wie Frieden und Gerechtigkeit auf der Basis der UN-Charta (1945) als Menschenrechtsverfassung unter den Völkern zu stärken. Aktuell erleben wir eine Infragestellung dieser global ausgerichteten und international agierenden Organisationen zugunsten autoritärer Nationalstaaten in einer „Me-First“-Mentalität, die zur drängenden Frage führt, ob es noch verbindende und verbindliche Werte gibt.

Auch auf nationaler Ebene spiegeln sich vergleichbare Herausforderungen und Fragen: Welche Werte bestimmen das gesellschaftliche Zusammenleben? Eine sich demokratisch verstehende Gesellschaft bedarf gemeinsamer Grundlagen, die sich in einem Wertesystem verorten lassen, das alle Menschen in gleichberechtigter Weise schützt und fördert. In Deutschland wird diese Grundlage insbesondere in der im Grundgesetz verankerten Würde jedes Menschen (Art 1 GG) gesehen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach Werteerziehung oder Wertebildung neue Aktualität. Wertebildung meint dabei nicht die bloße Vermittlung moralischer Regeln, sondern einen lebenslangen Prozess, in dem Menschen Wertorientierungen entwickeln, reflektieren und in ihrem Handeln umsetzen.³ Dabei spielen neben gesellschaftlichen Bedingungen auch persönliche Erfahrungen, soziale Beziehungen und Vorbilder eine zentrale Rolle. Empirische Studien wie die Shell-Jugendstudie 2024 oder die Sinus-Jugendstudie 2024 zeigen aktuell, dass zentrale Wertorientierungen junger Menschen in einer so genannten ‚relativen Stabilität‘ sind: Aspekte wie die hohe Bedeutung von Familie und Freundschaft gelten weiterhin, während jedoch aktuelle, auch Europa betreffende Kriege und Krisen zu einer stärkeren Verunsicherung führen: „Dieses Bedürfnis nach Sicherheit hat damit für die große Mehrheit der jungen Menschen eine ebenso hohe Bedeutung wie etwa das Ideal der eigenen Unabhängigkeit, des Lebensgenusses sowie der Selbstverwirklichung. Es scheint, als hätten junge Menschen in Deutschland wieder ein höheres Empfinden für gesellschaftliche und persönliche Risiken, und schätzen folglich die Bedeutung von Sicherheit höher ein.“4 

Das Potenzial des Religionsunterrichts für die Wertebildung

Religiöse Bildung wird in öffentlichen Debatten angesichts starker Säkularisierungsprozesse häufig mit der gesellschaftlich bedeutsamen Aufgabe der Werteerziehung legitimiert. Tatsächlich lässt sich der Religionsunterricht jedoch nicht darauf reduzieren. Seine Aufgabe besteht nicht primär darin, moralische Regeln zu vermitteln. Vielmehr eröffnet er Räume, in denen Schüler*innen religiöse Deutungen von Leben und Welt kennenlernen und sich mit grundlegenden Sinn- und Orientierungsfragen auseinandersetzen können. Gerade darin liegt jedoch auch sein hohes Potenzial einer subjektorientierten Wertebildung. In einer pluralen Gesellschaft brauchen junge Menschen konstruktive didaktische Impulse, um über Fragen von Gerechtigkeit, Verantwortung oder Menschenwürde nachdenken und diskutieren zu können. Der Religionsunterricht will und kann solche Reflexionsräume eröffnen und unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch bringen.

Dabei ist es wichtig, die Lebenswelt der Schüler*innen einzubeziehen. Wertebildung im Unterricht greift besonders dann, wenn von den Erfahrungen und Fragen der Lernenden ausgegangen wird. Religionsdidaktisch bedeutet dies auch, dass Wertebildung nicht allein auf argumentatives Nachdenken und theoretische Urteilsfindung beschränkt bleiben darf. Neben kognitiven Lernformen spielen auch emotionale und praktische Erfahrungen eine wichtige Rolle. Methoden wie Rollenspiele, kreative Methoden der Bibeldidaktik oder Gruppendiskussionen können helfen, Werte nicht nur theologisch oder philosophisch zu verorten, sondern auch persönlich zu reflektieren und in einem guten Sinn gemeinsam darüber zu streiten. Ein bibeldidaktisches Beispiel für einen solchen Zugang ist die Methode des Bibliologs: Dabei versetzen sich Schüler*innen in biblische Figuren und entwickeln eigene Gedanken und Gefühle zu deren Situation. Nicht selten geht es hierbei explizit um Fragen der Werteorientierung, aber auch implizit um die Einübung von Perspektivwechsel, empathischem Zuhören und damit einer Förderung der Dialogfähigkeit. Indem die Lernenden spielerisch einüben, unterschiedliche Sichtweisen wahrzunehmen und zu respektieren, wird ein basaler Wert gefördert: Mitgefühl.

Mitgefühl als Schlüssel zur Wertebildung heute

Mitgefühl kann als Schlüsselkompetenz innerhalb der Wertebildung verstanden werden, da es ausgehend von emotionalen Kompetenzen prosoziales Verhalten fördert, aggressive Impulse hemmt und stabile zwischenmenschliche Beziehungen unterstützt: „Mitgefühl ist eine wichtige Komponente der sozio-emotionalen Entwicklung, die zu prosozialen Handlungen motiviert, aggressive Impulse hemmt und zur Entstehung und Aufrechterhaltung positiver Beziehungen mit anderen beiträgt (…)“.5 In vielen Religionen taucht daher der Begriff des Mitgefühls als grundlegender Wert mit spirituellem Charakter auf. Mitfühlend sein entspricht einer Lebenseinstellung, die sich als zuhörend, achtsam, tröstend und helfend versteht. Wie sich Mitgefühl ausdrückt, kann nach biblischem Verständnis kaum besser beschrieben werden als mit Röm 12,15: „Freut euch mit den Glücklichen und weint mit den Traurigen“. Es geht um ein Gefühl der „Identität in bleibender Differenz“6, das sowohl in freudigen als auch in traurigen Situationen eine ein- und mitfühlende Beziehungsdimension beweist und zugleich die Eigenständigkeit der Subjekte bewahrt und damit grundlegenden werteorientierenden Charakter hat. Theologisch wird Mitgefühl als zentraler Begriff religiöser Ethik begründet, der aus christlicher Perspektive mit dem Barmherzigkeitsverständnis korrespondiert. Diese bildet den Ausgangspunkt ethischen Handelns und verweist auf eine Beziehung zwischen Gott und Mensch, die von Gnade und Mitgefühl geprägt ist. Dass Mitgefühl auch im interreligiösen Dialog aufgrund zahlreicher Verbindungslinien eine grundlegende Rolle spielt, belegt den Charakter einer universal evidenten Wertehaltung. 

Die besondere Chance für Werte-Bildung an unseren Schulen liegt – wie bereits entfaltet – in einer didaktischen Herangehensweise, die nicht nur auf einer Wissensebene informieren will, sondern die Schüler*innen als Subjekte in ihrer kognitiven wie auch emotionalen Kompetenzentwicklung einbezieht. Dem Religionsunterricht kommt hier ein besonderes Potenzial zu, wenn er dem Anspruch eines Menschenbildes gerecht wird, das die Einheit von Denken, Fühlen und Handeln konkretisiert. Geht es nicht nur um ethische Urteilsfindung, sondern um Wertebildung, dann ist der Rahmen weiter zu spannen. Auch bildungstheoretisch kann hinzugefügt werden, dass die emotionale Dimension des Lernens trotz ihrer zentralen Bedeutung für Motivation, Wahrnehmungskompetenzen und Erkenntnisprozesse lange marginalisiert wurde. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse unterstreichen hingegen, dass Emotionen maßgeblich an der Auswahl, Bewertung und Verarbeitung von Informationen beteiligt sind und somit eine unverzichtbare Grundlage erfolgreichen Lernens darstellen. Daraus folgt die Forderung nach einer integrativen Didaktik, die kognitive, emotionale und pragmatische Dimensionen miteinander verbindet und so die oft beklagte Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln überwindet.7  

Was bedeutet das konkret?

Im Kontext einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft geht es im Religionsunterricht nicht darum, einheitliche Werte vorzuschreiben. Vielmehr lernen Schüler*innen, mit unterschiedlichen Wertvorstellungen umzugehen und in einem Zusammenspiel von Selbstreflexion wie gruppendynamischem Diskurs eigene Positionen zu entwickeln. Damit leistet der Religionsunterricht nicht zuletzt auch einen wichtigen Beitrag zur Demokratiebildung, indem ein Weg geebnet wird, sich in andere Kontexte, Lebensbedingungen und Sichtweisen einzufühlen bzw. diese nachzuvollziehen und damit einen Dialog im Respekt zu führen. Dies bedeutet nicht, dass diese anderen Perspektiven gutgeheißen oder akzeptiert werden sollten – vielmehr formt sich im Dialog auch eine eigene Position, die möglicherweise auch abgrenzend, nichtsdestotrotz aber wertschätzend gegenüber der anderen Person ist. Mitfühlende Kompetenzen beziehen sich auf die Bejahung und das Verständnis der Person an und für sich, nicht jedoch notwendigerweise auf ein Gutheißen ihrer Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Insofern sind Person und Verhalten zu differenzieren, wenn auch nicht zu trennen. Dies ist ein elementarer Unterschied. 

Nicht zuletzt erweist sich die Förderung mitfühlender Kompetenzen auch als wirksamer Ansatz der Gewaltprävention, die im heutigen gesellschaftlichen Kontext von Polarisierungen und wachsenden Vorurteilen enorm wichtig wird. Gerade eine Religionsdidaktik, die sich als rassismuskritisch versteht, die sich die Prävention von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit zum Ziel setzt, bedarf einer didaktischen Grundlegung, die in der Förderung mitfühlender Kompetenzen auch einen konstruktiv-kritischen Umgang mit feindlichen und aggressiven Gefühlen schult. Wer in der Lage ist, die Perspektive anderer einzunehmen und deren Gefühle wahrzunehmen, wird weniger anfällig für aggressive Handlungsweisen. Gleichzeitig stärkt Mitgefühl die Resilienz des Einzelnen, indem es auch Formen des Selbstmitgefühls einschließt. In diesem Sinne kann Mitgefühl als grundlegende Ressource verstanden werden, die sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Transformationsprozesse unterstützt. 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass eine zeitgemäße Religionspädagogik die emotionale Dimension von Bildungsprozessen stärker berücksichtigen und Mitgefühl als zentrale Kategorie der Wertebildung profilieren sollte. Nur durch ein integratives Verständnis von Lernen, das kognitive, emotionale und ethisch-pragmatische Aspekte miteinander verbindet, kann es gelingen, Schüler*innen zu einem verantwortlichen und reflektierten Handeln in einer komplexen und pluralen Welt zu befähigen. Eine Wertebildung mit Gefühl zur Förderung von Mitgefühl zielt damit auf eine zeitliche Verstetigung von „7 Wochen ohne Härte“. 

Literatur

  • Albert, Mathias u.a.: Jugend 2024. 19. Shell Jugendstudie. Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt, Weinheim 2024; https://kurzlinks.de/9ldx
  • Kienbaum, Jutta (Hg.): Die Entwicklung von Mitgefühl. Von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter, Stuttgart 2023
  • Lindner, Konstantin: Wertebildung im Religionsunterricht. Grundlagen, Herausforderungen und Perspektiven, Paderborn 2017
  • Naurath, Elisabeth: Mit Gefühl gegen Gewalt. Mitgefühl als Schlüssel ethischer Bildung in der Religionspädagogik. 3. Aufl., Neukirchen 2010
  • Naurath, Elisabeth u.a. (Hg.): Wie sich Werte bilden, Göttingen 2013
  • Naurath, Elisabeth: Emotionsorientierte Religionsdidaktik, in: Grümme, Bernhard u.a. (Hg).: Religionsunterricht weiterdenken. Innovative Ansätze für eine zukunftsfähige Religionsdidaktik, Stuttgart 2023, 225-239
  • Naurath, Elisabeth: Halt und Haltung. Religionspädagogische Perspektiven zu aktuellen gesellschaftspolitischen Herausforderungen, in: Llanque, Marcus / Waldow, Stephanie (Hg.): Ethik und Ethos der Haltung. Eine interdisziplinäre Annäherung, Paderborn 2025, 21-33
  • Wendel, Saskia: Affektiv und inkarniert. Ansätze Deutscher Mystik als subjekttheoretische Herausforderung, Regensburg 2002

Anmerkungen

  1. https://7wochenohne.evangelisch.de (18.04.2026).
  2. Vgl. Naurath, Wie sich Werte bilden. 
  3. Naurath, Halt und Haltung. 
  4. Albert, Jugend 2024, vgl. https://kurzlinks.de/9ldx, 20 (20.04.2026). Vgl. auch Loccumer Pelikan, Heft 1/2026, 81.
  5. Kienbaum, Die Entwicklung von Mitgefühl, 11.
  6. Wendel, Affektiv und inkarniert, 310.
  7. Naurath, Emotionsorientierte