Schwächere schützen – Verantwortung übernehmen

von Jan Kingreen


(Inwiefern) Ist die aktuelle EKD-Friedensdenkschrift eine Orientierungshilfe für den Umgang mit aktuellen Konfliktszenarien wie Wehrpflichtdebatte, Friedensbildung in Gaza und der Ukraine und …? 

Die neue Denkschrift der EKD „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ möchte angesichts der krisenbehafteten Welt jeder und jedem Einzelnen zu einem begründeten Urteil verhelfen. Sie lässt sich nicht dazu hinreißen, die individuellen Abwägungen und verantworteten Entscheidungen mit kirchlicher oder wissenschaftlicher Autorität zu übergehen.

Dazu vollziehen die Autor*innen sehr differenziert und abwägend, an einigen Stellen geradezu unaufgeregt und stets mit Blick für den konkreten Kontext, das Ringen um die eigene Positionierung zu ethisch hochkomplexen Themen nach. Die Denkschrift schreibt sich damit in den Diskurs ein, der seit etwa vier Jahren (wieder) in der evangelischen Kirche quer durch alle Handlungsfelder läuft. Ein Diskurs, der sich zwischen zwei Begründungsmustern bewegt: Urteilen die einen unter Rückgriff auf biblische Normen wie totalem Gewaltverzicht oder unbedingter Feindesliebe gesinnungsethisch, nutzen die anderen vor allem verantwortungsethische Argumentationen und denken kontextbezogen von den jeweils möglichen Folgen her.

Die Denkschrift reiht sich – mit dem Verweis darauf, dass es keine überzeitlich gültigen Antworten auf vielfältige und immer wieder neue Konfliktlagen geben kann – in die letztere, verantwortungsethische Gruppe und löst damit im anderen „Lager“ (für evangelische Verhältnisse) lautstarken Widerspruch aus. Dabei hilft es auch nicht, dass die Autor*innen mehrfach ausdrücklich auf den Primat des Gewaltverzichts setzen; das stets mitgedachte „aber …“ klingt dann zwischen den Zeilen doch zu laut.

Dieses „aber“ besteht in der konkreten Verantwortungsübernahme in einer durch Gewalt geprägten Welt, in der zunehmend interessensgeleitetet Stärke vor (internationalem) Recht gilt. In dieser Welt kann es – wenn alle anderen Wege ausgeschöpft sind – im Rahmen der Selbstverteidigung oder Nothilfe zum Einsatz von (militärischer) Gewalt kommen. Dieser Einsatz muss verhältnismäßig sein und ist in jedem einzelnen Fall zu prüfen. Dahinter steht die schon in der Friedensdenkschrift 2007 und davor publizierte Denkfigur des gerechten Friedens, die unter anderem zu dem Schluss kommt, dass ein gerechter, nachhaltiger Frieden nur dort herrscht, wo Recht gewahrt wird. Diese Recht erhaltende Form von Gewalt ist zum Selbstschutz oder zum Schutz des Nächsten vor Gewalt im Einzelfall ethisch legitim, wenngleich auch jeder Einsatz von Gewalt vor Gott schuldbehaftet bleibt. Das ist kein Bellizismus oder die – in der deutschen Geschichte nicht selten vorgekommene – Begeisterung für das Militär, sondern schlicht ein nüchterner, trauriger, weil schuldiger Ausdruck christlicher Nächstenliebe, die den Schwächeren schützt und so Verantwortung in einer Welt in Unordnung übernimmt.

In der Betonung von Schuld und der Dilemma-Situation liegt eine der großen Stärken der Denkschrift: Da Nächstenliebe auch den Schutz der existenziellen Lebensbedingungen einschließt, lädt auch eine gewaltlose Position, die jegliche Nothilfe ablehnt, Schuld auf sich. Hier keine eindeutige, moralisch überhöhte und letztlich fundamentalistische Antwort zu geben, die reale Kontexte ausblendet und überzeitliche Antworten propagiert, eröffnet Räume der (Selbst-)Reflexion, die aktuell insbesondere im Kontext der Beratungen zum Wehrdienst bzw. seiner Verweigerung aus Gewissensgründen immer wichtiger werden. 

Die fast reflexhaft einsetzende Kritik an der Denkschrift konzentriert sich im Wesentlichen auf die Themen, die schon in den 1980er-Jahren Dauerbrenner der Friedensbewegung waren: (Atomare) Abschreckung, Abrüstung und Wehrpflicht; Themen, die in der Denkschrift unter der Überschrift „Bekannte friedensethische Fragen benötigen aktuelle Antworten“ verhandelt werden.

Die sich in eher ausgetretenen Pfaden bewegende Kritik offenbart eine Schwäche der Denkschrift: Der Blick für Ost-West- und Generationenunterschiede und die damit einhergehende Einsicht, dass Werte biografisch vermittelt sind und soziokulturelle wie politische Kontexte wesentlich zu ihrer Entstehung beitragen, geht bisweilen etwas verloren.

Bedauerlich ist, dass die in Zukunft spannenden Themen, für welche die Autor*innen Denkanstöße bieten, indes kaum Resonanzen erfahren: Klimakrise, hybride Kriegsführung, digitale Desinformationen, autoregulative Waffensysteme („Drohnen“) und die zunehmende Deliberalisierung westlicher Gesellschaftsformen durch autoritäre, die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnende Parteien und Machthaber*innen. Angesichts dieser Herausforderungen Verantwortung zu übernehmen, ist auch Aufgabe aller kirchlich-religiösen Handlungsfelder im 21. Jahrhundert.

Dazu bietet die Denkschrift eine friedensethische Orientierung und regt zum Weiterdenken an.