Linda Frey: Welche Rolle spielt Ihrer Erfahrung nach die Biografie für eine Werthaltung? Worauf gründen die Werte, die Sie selbst hochhalten?
Jürgen Manemann: Werte werden gefühlt, bevor sie gewusst werden. Wir werden von Werten ergriffen, wenn wir erfahren, wie andere Menschen Werte leben, und dadurch, dass wir selbst direkt von Werten in Anspruch genommen werden, ohne diese immer auch benennen zu können. Denke ich über mein eigenes Leben nach, so wird mir bewusst, dass mein Leben vor allem Leben von Anderen her1 ist. Am Beginn meines Lebens stehen andere, die mich in die Welt gesetzt haben, und am Ende meines Lebens stehen wiederum andere, die erzählen, wer ich denn gewesen bin. Mein Leben wird immer wieder von anderen bestimmt. Auch Werte werden mir über andere vermittelt. In und von dieser Bestimmung her suche ich meinen eigenen Weg. Und hier spielen Werte eine bedeutende Rolle. Werte, die mir vermittelt wurden, engen mich nicht ein. Normen engen ein, nicht Werte. Kinder erfahren von der Existenz von Werten durch Vorbilder, die diese leben. Sie erleben Werte über die Vorbilder nicht als Soll-Größen, sondern als „Attraktivitätsikonen“.2 Werte sind Ausdruck gelebter Moral. Sie prägen Haltungen aus. Werte tragen einen Überschuss in sich. Deshalb sind sie der Ermöglichungsgrund für „Selbstbildung und Selbsttranszendenz“.3 Werde ich von Werten ergriffen, so werde ich aus meinem Schneckenhaus gezogen, auf einen Weg gebracht, überschreite mein bisheriges Selbst und werde dadurch freigesetzt. Werte entstehen in Erfahrungen, die Menschen widerfahren. In solchen Erfahrungen ergreifen nicht wir die Werte, sondern die Werte ergreifen uns, indem sie uns binden. Werte fallen nicht vom Himmel. Den Wert der Menschenwürde des Anderen erfahre ich, wenn ich von seiner Verletzlichkeit in Anspruch genommen werde. Vom Wert der Solidarität werde ich ergriffen, wenn ich für ein solidarisches Miteinander kämpfe.
Frey: Was denken Sie über das Verhältnis von Werten und Tugenden?
Manemann: Wer von Werten ergriffen wird, wird in seinem*ihrem Innersten mit diesen konfrontiert. Wer Werte inkorporiert, vermag Tugenden auszubilden. Tugenden sind zentral, denn ohne sie fehlt uns Haltung. Ohne Tugenden haben wir kein Rückgrat. Und Rückgrat – Haltung – ist zentral für unser Zusammenleben. Es sind die Orte des zivilgesellschaftlichen Engagements, an denen wir immer wieder neu gemeinsam Tugenden einüben: Toleranz, Gerechtigkeit, Demut, Gelassenheit, Hoffnung, Barmherzigkeit.
Frey: Im Jahr 2015 hat das Projekt „Philosophie des Hip-Hop“ stattgefunden. Beim Projekt trafen Rapper*innen / Hip-Hopper*innen auf Philosoph*innen. Was haben Sie aus dem Projekt mitgenommen?
Manemann: Ich habe gelernt, was Werte wie „Authentizität“ bzw. „Realness“, „Kreativität“ und „Respekt“ bedeuten können. Die Glaubwürdigkeit von Rapper*innen gründet auf der Performance dieser Werte. „Realness“ bedeutet, Wirklichkeit glaubhaft in Szene zu setzen, mithin die herrschende Wirklichkeit zu unterbrechen. An diesem Tun werden Rapper*innen gemessen. Rapper*innen provozieren mit Tabubrüchen, Sprengungen dessen, was als unhinterfragte Normativität Geltung beansprucht. Es geht darum, eigene Lebenswirklichkeiten zum Ausdruck zu bringen und eine eigene Stimme zu finden. Hip-Hop ist der Versuch zu performen, was an der Zeit ist. Rapper*innen stellen immer wieder neu die Frage: „Wie sollen wir zusammen leben?“, und zwar in einem umfassenden Sinn. Sie fragen nicht nur nach dem, was wir zum Überleben benötigen, sondern ebenso nach dem, was wir für ein gutes Leben brauchen. Und dabei geht es auch um Fragen nach Glück, Schönheit und Natur. Rap-Texte handeln also nicht nur von Gewalt und Verzweiflung, sondern auch vom Glauben, von der Hoffnung und von der Liebe. Dabei erfährt die Performance Respekt, wenn sie „real“ ist. „Realness“ steht dafür, den Graben zwischen Rhetorik und Realität zu überbrücken. Gerade die Kirchen werden in ihrer Wertevermittlung von jungen Menschen oft nicht mehr als „real“ (authentisch) erlebt. Hier könnten Kirchen von Rapper*innen lernen.
Frey: Sie schreiben in Ihrem Buch „Revolutionäres Christentum“4, dass die Gesellschaft durch drei große Krisen erschüttert wird – Klimakrise, Demokratiekrise und Corona-Krise – und dadurch Risse entstehen, in denen Verdrängtes und Neues aufbrechen. Welche Werte, denken Sie, sind somit heute in der Gesellschaft besonders gefährdet? Und welche erscheinen Ihnen unverzichtbar, gerade vor dem Hintergrund der multireligiösen und zunehmend säkularisierten Lebenswelt vieler junger Menschen?
Manemann: Besonders gefährdet ist die Menschenwürde. Wenn die Existenz von Werten immer auch daran gebunden ist, dass es wertende Menschen gibt, dann müssen wir aufpassen, dass uns in einer sich abschottenden Migrationspolitik nicht der Sinn für den Wert der Menschenwürde abhandenkommt. Wenn wir uns vor Anderen und ihren Ansprüchen durch Grenzziehungen immunisieren, dann verändert diese Immunisierung auch uns. Wenn wir jedoch Grenzen als Grenzflächen verstehen, als Berührungsflächen, dann werden wir uns zu den Ansprüchen Anderer nicht losgelöst von der Erfahrung ihrer Würde verhalten. Dann erfahren die Werte in uns eine neue Intensivierung und Dynamisierung. Des Weiteren verdrängen wir aufgrund der multiplen Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, das Leid nichtmenschlicher Kreaturen. Auch sie besitzen einen eigenen Wert, der unabhängig von der Wertsetzung und Wertreflexion der Menschen ist. Es sind diese Werte, die in uns die „Ehrfurcht vor dem Leben“ wachrufen. Ohne diese Ehrfurcht wird es kein Überleben geben. Das gilt unabhängig von religiösen und weltanschaulichen Einstellungen.
Gerade die Corona-Krise hätte uns für den Wert „sorgender Solidarität“5 sensibilisieren können. Sorgende Solidarität bezieht sich zum einen auf die Unterstützung anderer Menschen bei der Befriedigung von Bedürfnissen, die ihnen Überleben und Teilnahme ermöglichen; zum anderen auf Handlungsfähigkeit: das Vermögen zu entwickeln, das, was ein gutes Leben heißen kann, zu erstreben. Auf der Grundlage von Praktiken sorgender Solidarität kann eine sorgende Demokratie entstehen. Eine sorgende Demokratie schärft den Blick für unterschiedliche Verwundbarkeiten und öffnet immer wieder aufs Neue für Werte.
Nicht zuletzt benötigen wir Toleranz: die Fähigkeit, im Widerspruch Anderen respektvoll zu begegnen.
Frey: Sie sprechen von einer gesellschaftlichen ‚Angst vor dem Neuen‘. Was bedeutet dies für heutige Schüler*innen? Welche Rolle spielen dabei Wertesicherheit bzw. die Sehnsucht und Suche nach Werten; trauen Sie ihnen zu, diese Angst besiegen zu können?
Manemann: Wer hat Angst vor dem Neuen? Zunächst diejenigen, die von herrschenden Verhältnissen profitieren. Diese wünschen sich eine Verlängerung des gegenwärtigen Zustandes in die Zukunft hinein. Für sie ist das Neue bedrohlich. Für diejenigen, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen leiden, geht der Gedanke der Auflösung derselben mit Hoffnung einher. Wenn Jugend für Zukunft steht, dann wäre die Sehnsucht nach dem Neuen Ausdruck von Jugendlichkeit. Würden Jugendliche nur noch die von der Gesellschaft prämierten Vor- und Einstellungen widerspiegeln – Leistungsbereitschaft, Ehrgeiz, Erfolg, Status, Besitz und Optimismus –, dann liefe etwas falsch. Jugend steht für Zukunft, und Zukunft muss immer auch etwas anderes sein als das, was die Gegenwart ist. Eine Jugend ohne Wünsche, ohne den Gedanken, es möge doch anders werden, wäre eine Jugend, der der Gedanke der Zukunft abhandengekommen ist. Eine solche Jugend hätte ihre Jugendlichkeit verloren.
Um keine Furcht vor den Turbulenzen zu haben, die mit der Realisierung des Neuen einhergehen, braucht es Halt. Halt gründet auf Haltung, und Haltung wird dadurch ausgebildet, dass wir Werte leben. Um Neues Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es Haltung.
Frey: In „Revolutionäres Christentum“ argumentieren Sie, dass das traditionelle Christentum oft in eine ‚bürgerliche Religion‘ übergeht, die ihre revolutionäre Botschaft verliert. Inwieweit sind die Werte des Christentums heute Ihrer Meinung nach (überhaupt noch?) gesellschaftlich anschlussfähig, besonders in der jungen Generation? Wo müssen sie neu gedacht werden, um in einer multireligiösen, pluralen Gesellschaft, die die Lebensrealität der Schüler*innen darstellt, Relevanz zu behalten? Kann der Wettbewerb dazu einen Beitrag leisten?
Manemann: Die Werte des Christentums – Glaube, Hoffnung, Liebe – erinnern an eine Macht, die aus einem Tun hervorgeht, das darin besteht, in einer aufs Äußerste berechnenden und berechneten Welt schlicht und einfach umsonst zu handeln. Diese Moralität ist bereits grundgelegt in jüdischen Traditionen. Erst das Umsonst, das uns aus unserer Selbstzufriedenheit befreit, schafft Raum für eine befreiende Leere – eine Leere, die Anderen nicht nur Raum eröffnet, sich selbst zu entfalten, sondern ihnen auch Handlungsraum überlässt. Und es ist diese Leere, die auch Gott Handlungsspielraum eröffnet. Wenn überhaupt, dann kann sich nur durch ein solches Umsonst der Wert „Hoffnung“ einstellen. Ein solches Christentum wäre nicht esoterisch, nach innen ausgerichtet, sondern exoterisch, nach außen gerichtet. Es würde sich aufs Spiel setzen, um der Anderen willen.
Frey: Der Imperativ „Werte!“ soll junge Menschen zu Positionsfindungen ermutigen. Zu welchen Arten von ‚Werte-Beiträgen‘ würden Sie konkret Schüler*innen für den Landeswettbewerb anregen – eher traditionelle ethische Fragestellungen, z. B. Gerechtigkeit, Solidarität, oder eher neue, kreative und ungewöhnliche Werteansätze, die sich aus aktuellen, vielleicht individuellen Krisen und Lebenswelten heraus entwickeln?“
Manemann: Ich möchte Schüler*innen anregen herauszufinden, welche Antworten sie bereits auf Fragen leben, die sie sich bislang gar nicht bewusst oder eher zögerlich gestellt haben. Solche Antworten sind immer von Werten imprägniert. Ich brauche Schüler*innen keine Werte zu predigen. Sie leben – bewusst oder unbewusst – Werte. Aber welche? Darauf bin ich gespannt.
Anmerkungen
- Vgl. dazu: Liebsch: Vom Anderen her.
- Werbick: Bilder sind Herausforderungen, 166.
- Vgl. dazu Joas: Die Entstehung der Werte, 257.
- Manemann, Jürgen: Revolutionäres Christentum. Ein Plädoyer, Bielefeld 2021.
- Neumann/Winker: Sorge und Solidarität.
Literatur
- Joas, Hans: Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz, Freiburg 2004
- Liebsch, Burkhard: Einander ausgesetzt – Der Andere und das Soziale, Band II: Elemente einer Topographie des Zusammenlebens, Freiburg / München 2018
- Neumann, Matthias / Winker, Gabriele: Sorge und Solidarität. Von verbindender Care-Politik zur solidarischen Gesellschaft, 16.09.2019, https://kurzlinks.de/tzgy (20.04.2026), siehe auch in: Daellenbach, Ruth / Ringger, Beat; Zwicky, Pascal (Hg.): Reclaim Democracy, Zürich 2019, 156-161
- Werbick, Jürgen: Bilder sind Herausforderungen, Gottebenbildlichkeit – Imitatio Christi – Nachfolgebilder …, in: Schmidiger, Heinrich (Hg.): Vor-Bilder. Realität und Illusion, Graz / Wien / Köln 1996, 165-198
- Winker, Gabriele: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, Bielefeld 2015