Instrumentalisierung christlicher Werte durch (rechte) Christfluencer*innen

von Marie Briese

 

Werte als „grundlegende Prinzipien, an denen sich das Individuum bewusst oder unbewusst orientiert“1 , werden diskursiv und interaktiv ausgehandelt. Welchen Einfluss soziale Medien auf den Diskurs um christliche Werte haben, ist Gegenstand dieses Artikels.

 

  • Was sind (rechte) Christfluencer*innen?

Die Bezeichnung „(rechte) Christfluencer*innen” bedarf einer Definition. Das Wort Christfluencer*innen setzt sich zusammen aus Christ und Influencer*innen und bezeichnet somit christliche Influencer*innen. Die Merkmale von Influencer*innen im Allgemeinen fasst Pirker wie folgt zusammen: Sie werden von einem großen Zielpublikum auf meist mehreren Social-Media-Plattformen als Expert*innen in ihrem Themenfeld und zugleich als Peers wahrgenommen, indem sie häufig, authentisch und nahbar Inhalte teilen, mit denen sie einen großen Einfluss auf ihre Follower*innen haben.2  In der christlichen Version berichten religiöse Influencer*innen online über ihren Glauben. Dabei sind Christfluencer*innen von Sinnfluencer*innen zu unterscheiden: Müller versteht unter christlichen Sinnfluencer*innen „mehrheitlich Pfarrpersonen oder Vikar*innen, die auf eigene Initiative in den Sozialen Medien aktiv werden“ und „ihre Social-Media-Community an ihrem Pfarr- und Familienalltag, an ihren Zweifeln, dem Misslungenen und Gelungenen teilhaben“ lassen.3  Als Christfluencer*innen werden zunehmend Influencer*innen mit einem evangelikalen und tendenziell fundamentalistischen Glauben bezeichnet. Die thematischen Schwerpunkte der Christfluencer*innen stehen in enger Verbindung zu ihrem Glauben, denn Sünde, Vergebung, Bekehrung und Mission spielen eine wichtige Rolle. Darüber hinaus wird meist die eigene, mit absolutem Wahrheitsanspruch vertretene Bibelauslegung zu Fragen im Bereich Sexualmoral und Gender thematisiert. Besonders darüber bilden sich Brücken zu rechten Akteur*innen.

Rechts bezieht sich in diesem Kontext auf ein breites Spektrum an Phänomenen, die von rechtspopulistischer Rhetorik bis hin zu Rechtsextremismus reichen. Im nächsten Abschnitt werden die inhaltlichen Überscheidungen von rechten Akteur*innen und Christ*innen weiter beschrieben, um zu zeigen, wie eine Instrumentalisierung des Christentums auch außerhalb der Sozialen Medien funktioniert.

 

  • Instrumentalisierung des Christentums durch rechte Akteure
  1. Die Überschneidungen zwischen rechten Akteur*innen und dem Christentum werden seit einiger Zeit in verschiedenen Publikationen untersucht. Dabei zeichnet sich ein zunehmend konstantes Bild von Inhalten und Stilen ab, die rechten und christlichen Akteuren gemein sind. Strube hebt hervor, dass gerade familienbezogene Themen, Islamisierungsängste und Fremdenfeindlichkeit die emotionalisierten Annäherungen von rechts an bürgerliche und christliche Milieus sowie Kirchen inhaltlich prägen.4  Dabei gehe es darum, Diskurshoheit zu erlangen5  und Normalitätsgrenzen zugunsten der rechten Akteur*innen zu verschieben.6  Das strategische Streben nach einem bürgerlichen, christlichen und bloß konservativen Image zeigt sich auch im Antigenderismus, der in den letzten Jahren antisemitische und/oder rassistische Inhalte abzulösen scheint, da er zunächst gesellschaftlich unauffälliger war.7  Mit Verweisen auf die Schöpfungserzählung wird eine essenzialistische Geschlechternorm von rechten wie christlichen Akteur*innen behauptet und damit Queerfeindlichkeit sowie Antifeminismus legitimiert.8  Der Bibel und christlichen Akteur*innen, die rechtspopulistische bis rechtsextremistische Agenden unterstützen, kommen die Aufgabe zu, der rechten „Programmatik ein höheres Maß an Kohärenz und Konsistenz zu verleihen“.9  In den Sozialen Medien profitieren rechte und christliche Influencer*innen davon, die Follower*innen der jeweils anderen ansprechen und so ihre Reichweite erhöhen zu können. Gemeinsam sind diesen Akteur*innen nicht nur Follower*innen und einige Inhalte, sondern auch ein absoluter Wahrheitsanspruch, der von Jung als ein zentraler Anknüpfungspunkt aus christlicher Sicht verstanden wird.10  

 

  • Konkretisierungen christlicher Werte von (rechten) Christfluencer*innen 

Schaut man sich die Accounts der bekanntesten Christfluencer*innen an, werden christliche Werte selten explizit formuliert, sondern begegnen vielmehr implizit. Auffallend ist dabei, dass in der Implikation zwar eine Konkretisierung, aber damit gleichzeitig das Potenzial für eine Instrumentalisierung der christlichen Werte vorliegt. Was damit gemeint ist, soll an vier Werten beispielhaft gezeigt werden.

Wahrheit

In allen religiösen und gesellschaftlich relevanten Fragen beanspruchen die meisten Christfluencer*innen die absolute Wahrheit und Exklusivität. Andere Religionen und nicht evangelikale Denominationen werden als unbiblisch bzw. unchristlich abgelehnt. Dieser Exklusivismus kann einerseits als die Konkretisierung des christlichen Werts der Wahrheit angesehen werden. Andererseits dienen solche Ansichten rechten Akteur*innen als Grundlage für antimuslimischen Rassismus und Delegitimierung der als „woke” empfundenen Evangelischen Kirche Deutschland.

Nächstenliebe

Christfluencer*innen nutzen die Sozialen Medien mit einem missionarischen Anliegen. Ihre Reichweite hilft ihnen, möglichst vielen Menschen den christlichen Glauben näherzubringen. Was als Konkretisierung des christlichen Werts der Nächstenliebe angesehen werden kann, ist stets verbunden mit Machtkonstellationen. Rechte und christliche Influencer*innen bedienen die Themen des jeweils anderen, um in deren Zielgruppe Zuwachs für die eigenen Follower*innen zu gewinnen. Aus der Mission für das Christentum wird demnach auch eine politische.

Reinheit

Viele Christfluencer*innen betonen, dass Frauen sich Männern unterordnen sollten, Sexualität nur in einer heterosexuellen Ehe stattfinden dürfe und es ausschließlich zwei Geschlechter gebe. Damit konkretisieren sie zum einen den christlichen Wert der Reinheit und bedienen zum anderen antifeministische und queerfeindliche Argumentationen, wie sie im rechten Spektrum verbreitet sind. 

Menschenwürde

Ein weiteres Thema, das häufig verhandelt wird, sind Schwangerschaftsabbrüche. Die Christfluencer*innen stellen sich dabei auf die Seite des Lebensschutzes, worin eine Konkretisierung des christlichen Wertes der Menschenwürde – zumindest für das Ungeborene – gesehen werden kann. Gleichzeitig wird die Würde der schwangeren Frau geringer geschätzt, was von rechten Akteur*innen mit antifeministischer Agenda genutzt werden kann, um der eigenen Argumentation mehr Reichweite und Legitimation zu verschaffen.

An diesen Beispielen wird die Ambiguität christlicher Werte deutlich. Die abstrakten Werte Wahrheit, Nächstenliebe, Reinheit und Menschenwürde bedürfen wie alle christlichen Werte der Konkretisierungen und Taten. Gleichzeitig werden sie durch diese gedeutet. Im gegenwärtigen (rechten) Christfluencing verschiebt sich die Ausdeutung christlicher Werte nach rechts. Wo manche Christfluencer*innen bloß ihren Glauben und die damit verbundenen Werte teilen möchten, wird der Raum, in dem sie gedeutet werden, zunehmend von rechten Akteur*innen bestimmt. In vielen Fällen ist in den sozialen Medien eine Instrumentalisierung christlicher Werte durch rechte Kräfte zu beobachten.

 

  • Rahmenverschiebungen im Diskurs um christliche Werte am Beispiel der Christfluencerin Jana Highholder

Explizit über christliche Werte spricht die Christfluencerin Jana Highholder in ihrem Reel vom 16. April 2024. Sie nutzt die Berichterstattung eines anderen christlichen Accounts als Rahmen, um ihr Verständnis von christlichen Werten darzulegen. Im Folgenden soll an diesem Beispiel gezeigt werden, welche Verschiebung der Deutungshoheit in Bezug auf christliche Werte bereits stattgefunden hat.

Laut Jana Highholder heißen christliche Werte deshalb christliche Werte, weil sie von Christus kommen und auf Christus weisen.11  Dieses Verständnis kann gefüllt werden mit der Ableitung christlicher Werte aus dem Handeln Jesu Christi und steht damit in keinem Widerspruch zu einer theologisch-reflektierten Auffassung christlicher Werte. Die Deutungen gehen aber auseinander, sobald Highholder aufzählt, was sie nicht als christliche Werte versteht: freie Entfaltung, Selbstbestimmung, Liebe, Toleranz und Akzeptanz für alle, Zentrierung des Menschen und seiner individuellen Voraussetzungen für Glauben und Leben.12  Ausgehend von dem biblischen Zeugnis Jesu Christi dürfte zwischen christlichen Werten und „Liebe, Toleranz und Akzeptanz für alle“ kein Widerspruch in dem Ausmaß bestehen, wie Highholder es behauptet. In der Formulierung klingt vielmehr eine Anspielung auf die von Rechtspopulisten, Konservativen und Evangelikalen geäußerte Kritik an der Evangelischen Kirche an, sich zu progressiv, liberal und links zu positionieren. Damit geht die Verbreitung rechter Delegitimierung von Kirche aufgrund der Bemühungen um Seenotrettung und Gleichberechtigung, die Merle und Watzel untersucht haben,13  einher. Highholders Definition von christlichen Werten weist damit in diesem Fall Überschneidungen mit der Rhetorik rechter Akteur*innen auf. Diese Beispielanalyse zeigt die Verschiebungen von Inhalten, religiöser Autorität und Deutungshoheit im Diskurs um christliche Werte in einem Ausschnitt der Sozialen Medien, die von (rechten) Christfluencer*innen dominiert werden, zugunsten von rechten Ungleichheitsvorstellungen. 

 

  • Herausforderungen für die christliche Wertebildung im Zeitalter von Social Media

Abschließend sollen in diesem Abschnitt die Grenzen der christlichen Wertebildung vor dem Hintergrund des (rechten) Christfluencings aufgezeigt und zur Suche nach Lösungen eingeladen werden. 

Wertebildung passiert immer „im sozialen Kontext von familiären, politischen, religiösen, kulturellen, moralischen u.a. Bewertungen“.14  Dieser Aufzählung ist der mediale Kontext hinzuzufügen, der im Fall der Sozialen Medien den Aufmerksamkeitslogiken der Algorithmen sowie den politischen und wirtschaftlichen Interessen der Plattformbetreiber*innen unterliegt. Diesen Kontext gilt es zu bedenken, wenn über die Aushandlung dessen, was als christliche Werte verstanden werden soll, nachgedacht wird. Der christliche Wertediskurs kann auf den Social-Media-Plattformen in der Interaktion zwischen rechten und christlichen Influencer*innen beobachtet, bewertet, geteilt und kommentiert werden. Dabei entstehen Positionen mit unterschiedlicher Reichweite, so dass Wertebildung als interaktives Geschehen zwischen Individuen mit unterschiedlicher Deutungsmacht begriffen werden muss. Es besteht ein Ungleichgewicht aufgrund der parasozialen Beziehung zwischen Follower*innen und Influencer*innen durch die nur scheinbare Reziprozität, die damit alle für die religionspädagogische Wertebildung zentralen sozialen und emotionalen Faktoren aushebelt. Subjektorientierung und Wertschätzung, die laut Naurath Dialog- und Pluralismusfähigkeit fördern,15  lassen sich im Kontext des unbeaufsichtigten religiösen Lernens in Sozialen Medien nur schwer umsetzen. Hinzu kommt, dass Online-Diskurse von Oberflächlichkeit, Emotionalisierung und Dualismus geprägt sind. Es stellen sich daher der Religionspädagogik im Speziellen und dem Christentum im Allgemeinen die Fragen, wie Wertebildung vor diesem Hintergrund gestaltet und wie mit der Instrumentalisierung christlicher Werte durch (rechte) Christfluencer*innen umgegangen werden kann.


Literatur

  • Hidalgo, Oliver: Autorität und (Un-)Gleichheit. Die „natürliche“ Geschlechterdifferenz als pseudodemokratisches Stereotyp im aktuellen Rechtspopulismus, in: Strube, Sonja Angelika / Perintfalvi, Rita / Hemet, Raphaela / Metze, Miriam / Cicek, Sahbaz (Hg.): Anti-Genderismus in Europa. Allianzen von Rechtspopulismus und religiösem Fundamentalismus. Mobilisierung – Vernetzung – Transformation, Bielefeld 2021, 21-33
  • Highholder, Jana (@hiighholder auf Instagram): Christliche Werte, Reel, 16.04.2024, https://kurzlinks.de/ulav (15.04.2026)
  • Jung, Volker: Über Erfahrungen und Orientierungen für das kirchenleitende Handeln im Umgang mit dem politischen Phänomen des Populismus – evangelische Perspektiven, in: Nord, Ilona / Schlag, Thomas (Hg.): Die Kirchen und der Populismus. Interdisziplinäre Recherchen in Gesellschaft, Religion, Medien und Politik, Leipzig 2021, 145-149
  • Merle, Kristin / Watzel, Anita: „Schlimmer als Frauenfußball oder ‚Hallenhalma‘!“ Antigenderistische Ressentiments, rechte hegemoniale Identitätspolitiken und religionsbezogene Kommunikation, in: Einsprüche. Studien zur Vereinnahmung von Theologie durch die extreme Rechte, Eine Reihe der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus, 3 (2022), 26-43
  • Merle, Kristin / Watzel, Anita: Religion und Rechtspopulismus / -extremismus: Analysen von Narrationen vorurteilsbezogener Kommunikation und Hassrede online (Teilprojekt 2, TP 2), in: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) (Hg.): Zwischen Nächstenliebe und Abgrenzung. Eine interdisziplinäre Studie zu Kirche und politischer Kultur, Leipzig 2022, 99-168
  • Müller, Sabrina: Öffentliche Kommunikation christlicher Sinnfluencer*innen. Medienethische und kirchentheoretische Beobachtungen und Reflexionen, in: Pastoraltheologie. Monatsschrift für Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft 111 (2022) 6, 203-218
  • Naurath, Elisabeth: Bildung, Werte, in: Wissenschaftlich Religionspädagogisches Lexikon im Internet, 2016, https://kurzlinks.de/l0b0
  • Pirker, Viera: ‚Influencing‘ – ein Modell religionspädagogisch reflektierten Handelns? In: International Journal of Practical Theology 25 (2021) 1, 40-57 
  • Strube, Sonja Angelika: Christliche Unterstützer der AfD, in: Orth, Stefan/Resing, Volker (Hg.): AfD, Pegida & Co. Angriff auf die Religion? Freiburg i.Brsg. 2017, 58-71
  • Thiessen, Barbara: Ein Schritt vor und drei zurück? Auswirkungen von Rechtspopulismus auf Diversität und Gleichstellung in kirchlichen und sozialen Diensten, in: Nord, Ilona / Schlag, Thomas (Hg.): Die Kirchen und der Populismus. Interdisziplinäre Recherchen in Gesellschaft, Religion, Medien und Politik, Leipzig 2021, 131-141

Anmerkungen

  1. Naurath, Bildung, Werte, 2.
  2. Pirker, Influencing, 51.
  3. Müller, Sinnfluencer*innen, 204.
  4. Strube: Christliche Unterstützer, 64.
  5. Ebd.
  6. A.a.O., 68.
  7. Thiessen: Diversität und Gleichstellung, 139.
  8. Merle/Watzel: Antigenderistische Ressentiments, 30.
  9. Hidalgo: Autorität und Ungleichheit, 29.
  10. Jung: Erfahrungen und Orientierungen, 147.
  11. Vgl. Highholder, Christliche Werte.
  12. Vgl. a.a.O.
  13. Merle / Watzel, Religion und Rechtspopulismus/Rechtsextremismus.
  14. Naurath, Bildung, Werte, 2.
  15. Ebd.