„Shalom“ statt „Om“ - Bibeltexte mit Körper und Geist erschließen

von Kreske van Wezel

 

Christliches Yoga – eine Annäherung

Yoga tut gut! Und zwar Körper und Geist, daran besteht kein Zweifel. Auch nicht an dieser weiteren Pauschalaussage: Die evangelische Kirche ist zu verkopft. Wer beiden Aussagen zustimmen kann, sollte weiterlesen! Denn es gibt zunehmend Angebote, die den christlichen Glauben mit Yoga-Praktiken zu etwas Neuem verbinden: Christliches Yoga. Darin liegen auch spannende Chancen für die Religionspädagogik. Doch zunächst ein Blick auf die Ausgangslage.

Yoga

Der Begriff „Yoga“ stammt aus dem Sanskrit und leitet sich vom Verb yui ab, was „verbinden“ oder „anschirren“ bedeutet. Yoga ist eine Jahrtausende alte Praxis, die vermutlich bereits vor der Entstehung des Hinduismus in Indien ausgeübt wurde. 

Im Rahmen der Hindu-Religionen ist Yoga ein möglicher Ansatz, Erlösung zu erlangen.1 Die verschiedenen Yoga-Praktiken und -Lehren sind von jeher vielseitig und sehr unterschiedlich. Dennoch gibt es bestimmte Elemente, die bei fast allen Yoga-Schulen vorkommen: Mit dem Ziel, Körper und Geist in Harmonie mit sich und der Welt zu verbinden, werden Körperhaltungen, sogenannte Asanas, mit Atemübungen und meditativen Entspannungen verbunden. 

Christ*innen und Yoga

Wer schon mal verschiedene Yoga-Kurse besucht hat, weiß, wie unterschiedlich ausgeprägt die einzelnen Elemente selbst hier in Deutschland sind. Mal liegt die Betonung besonders auf den sportlichen und gesundheitlichen Aspekten, mal auf den spirituellen, teilweise esoterischen Elementen. In einigen Kursen sind die hinduistischen Ursprünge deutlich spürbar. Ein Grund, weshalb die Ausübung von Yoga durch Christ*innen seitens der Kirchen noch vor einigen Jahren sehr skeptisch gesehen wurde. Die anfängliche Skepsis ist größtenteils einer Zustimmung gewichen. Soweit, dass in zunehmendem Maße evangelische Pastor*innen und auch katholische Geistliche in ihren Gemeinden Yoga anbieten. Mehr noch: Mit christlichem Yoga ist eine neue Ausprägung entstanden.

Christliches Yoga – Initiatorinnen und Konzepte

Bereits 2006 wurde in den USA „Holy Yoga“ von Brooke Boon ins Leben gerufen. 
In Deutschland ist das christliche Yoga in den letzten sechs bis sieben Jahren sukzessive entwickelt und bekannt gemacht worden. Und das hauptsächlich durch Frauen, die unabhängig voneinander ähnliche Erfahrungen und Ansätze teilen. Sie alle sind Christinnen, die Yoga ausprobiert haben. Dabei haben sie jede auf ihre Art gespürt, dass die meditativen Elemente eine innere Ruhe geben, die Raum für Gebet und Gottesnähe eröffnen. Der Einbezug der Körperlichkeit hat diese Erfahrung vertiefen und der Spiritualität eine neue Dimension verleihen können, die Ihnen sonst in der Kirche nicht begegnet ist. Drei dieser Frauen und ihre Ansätze möchte ich hier stellvertretend erwähnen.

  • Nina-Maria Mixtacki ist Pastorin und ausgebildete Yoga-Lehrerin sowie Inhaberin der Projektstelle für christliche körperbezogene Spiritualität der Ev.-luth. Landeskirche Sachsens. Sie betont, dass die von Gott geschenkte Körperlichkeit erst in der Verbindung von Körper, Seele, Geist und Gott vollständig erfahrbar wird. Auf www.yogachristlich.de bietet sie Videos zu Yoga-Einheiten mit biblischen Themen. Ihr erstes Buch „Yoga et labora“ erschien dieses Jahr.
  • Pia Wick, Mit-Initiatorin des „Sela – Instituts für Christliches Yoga“ in Nordrhein-Westfalen, entwickelte zusammen mit Vertreter*innen der Kirchen und der Wissenschaft ein Konzept, um christliche Yogalehrer*innen fundiert auszubilden. 2022 eröffnete sie das erste Studio für christliches Yoga in Deutschland. Wicks Ansatz nimmt biblische Texte, die körperliche Aspekte beinhalten, als Grundlage, um die Leiblichkeitsdimensionen der Bibel erfahrbar zu machen. Sie vermeidet synkretistische Tendenzen und verbindet Yoga bewusst mit christlicher Spiritualität.
  • Katharina Lang, Gründerin von „Yoga himmelwärts“, begann bereits als Vikarin, Yoga mit christlichen Inhalten zu verbinden. Ihre Workshops und Online-Videos integrieren meditative Elemente zu Bibelversen. Die Theologin Lang stellt dabei fest: „Yoga ist nichts anderes als eine bewegte Form des Gebets.“2 

Christliches Yoga – Praxis und Ansatz

Yoga bietet zwar spirituelle Techniken, versteht sich jedoch selbst nicht als Religion. Christliches Yoga greift diese Techniken auf, verankert sie aber bewusst in der christlichen Botschaft. Die Praxis bleibt dieselbe, doch die inhaltliche Ausrichtung ist eindeutig christlich geprägt: Christliche Texte, Gebete und Bibelworte bilden den geistlichen Rahmen, während die körperlichen Yoga-Übungen dabei helfen, Glauben ganzheitlich zu erfahren und Bibeltexte in Körpersprache zu übersetzen.3 

In einer christlichen Yogastunde finden sich daher alle klassischen Elemente des Yoga wieder – Entspannungstechniken, Atemtechniken und Körperübungen, eingebettet in einen Bibeltext. Die Stunde beginnt mit einem kurzen Impuls zu dem Bibeltext, in die anschließenden Ruhephasen zwischen den Übungen fließen weitere Gedanken und Textfragmente dazu ein. Bestimmte hinduistische Elemente werden bewusst ausgelassen: „OM“ wird durch „Shalom“ ersetzt, Mantras durch Kirchenlieder oder Bibelverse.4  

Pia Wick hat eine Sehnsucht vieler Christ*innen wahrgenommen nach einer ganzheitlichen Verbindung von Spiritualität, Körper und Glauben. Wick betont daher: „Es ist Zeit, dem Glauben eine verlorene Dimension zurückzugeben. Die Dimension des Körpers.“5 Die Leiblichkeit in Glauben, Beten und Textverständnis (wieder) zuzulassen und einzubinden, ist dabei ein Grundanliegen christlicher Yoga-Ansätze. 

Kontroverse und kulturelle Sensibilität

Auch wenn Yoga kein in sich geschlossenes, religiöses System ist und historisch diverse Ausprägungen parallel Bestand hatten und haben, stellt sich doch die Frage, ob die westlichen Umdeutungen oder Weiterentwicklungen eine Form kultureller Aneignung bedeuten. Der Vorwurf lässt sich nicht komplett abweisen, vor allem nicht aus einer rein christlichen Perspektive. Dennoch lässt sich festhalten, dass der Grundansatz des Yoga, das Bestreben, eine innere Harmonie mit sich und der Welt zu erreichen, religionsübergreifend ist. In dieser Hinsicht könnte Yoga sogar als Sammelbezeichnung für Praktiken verstanden werden, die seit jeher auf verschiedene Heilslehren bezogen wurden. „Der Hinduismus zeigt sich hierbei ausgesprochen ambiguitätstolerant und offen für Pluralismus“.6 Trotzdem sollte dieser Aspekt sensibel beachtet und mitgedacht werden – gerade auch, wenn Elemente christlichen Yogas im Bereich der Religionspädagogik aufgegriffen werden. Im Rahmen religiöser Vielfalt müssen die Traditionen und die Bedeutung des Yoga im Hinduismus wertschätzend benannt und anerkannt bleiben. Dieser Aspekt ist zu betonen, denn das religionspädagogische Potential von Yoga wird zunehmend erschlossen. Ein methodischer Ansatz besteht beispielsweise im Bibelyoga.

Biga – Bibel-Yoga

Zwei bayerische Theolog*innen, Andrea König und Günter Kusch, haben mit „Biga – die Bibel ganzheitlich nehmen“7 eine Methode entwickelt, die Yoga zum tieferen Verständnis der Bibel einsetzt. Durch Körperübungen soll ein neuer Zugang zu biblischen Texten entstehen. Acht biblische Figuren – vier Männer und vier Frauen – werden mit passenden Yoga-Haltungen kombiniert, um existenzielle Fragen der Gegenwart körperlich erfahrbar zu machen.

Beispielsweise wird Moses Blick auf das gelobte Land mit der „Berghaltung“ verbunden, die innere Ruhe und Lebensreflexion ermöglicht. Deborah, Maria und andere Figuren werden ebenfalls durch meditative und körperbezogene Elemente erlebbar. Ziel ist, biblische Erfahrungen ganzheitlich zu deuten, Körper und Geist zu verbinden und die spirituelle Mitte zu finden.

Yoga in der Religionspädagogik

Die bewusste Körperwahrnehmung und der ganzheitliche Ansatz machen Yoga besonders geeignet für pädagogische Arbeit. In Kitas und Grundschulen gehören Yoga-Haltungen vielfach bereits zu Entspannungs- und Bewegungsritualen. Im Religionsunterricht kann Yoga über Entspannung und Bewegung hinausgehen: Einzelne Übungen lassen sich gezielt mit biblischen Geschichten und Figuren verknüpfen. Schüler*innen können Situationen, Gefühle und Standpunkte wie beim Biga durch ihre eigene Körperhaltung bewusst und entschleunigt nachempfinden und so ganzheitlich erfassen. Hierbei erfüllt sich der Dreischritt von Denken, Erleben und Gefühl, wie ihn schon Pestalozzi für ganzheitliches Lernen vorausgesetzt hat. Damit bietet Yoga der Religionspädagogik eine Schatzkiste an Möglichkeiten, die gerade erst geöffnet wurde. 

Anmerkungen

  1. Vgl. Benatar, 205.
  2. Lang, https://yogahimmelwaerts.de (08.12.2025)
  3. Vgl. Wick, 61.
  4. Vgl. Wick, 63
  5. Wick, www.sela-yoga.de (08.12.2025).
  6. Benatar, 205
  7. https://kurzlinks.de/2p35 (25.11.2025).

Literatur

  • Benatar, Alexander: „Yoga“ in EZW-Texte, 272/2021
  • Olschewski, Jutta: Bibel lesen in Yoga-Stellung. Die Methode „Biga” will Yoga mit dem Evangelium verbinden, in: evangelisch.de: https://kurzlinks.de/2p35 (25.11.2025)
  • Wick, Pia: „christliches Yoga“ statt „Yoga für Christinnen und Christen“ in EZW-Texte „Yoga und christlicher Glaube“, 270/2020
  • Wick, Pia:  Eröffnung des Sela-Instituts für Christliches Yoga. Pressemitteilung zur Institutseröffnung, https://kurzlinks.de/7lvu (01.12.2025)
  • Website www.sela-yoga.de (25.11.2025)
  • Website www.yogachristlich.de (25.11.2025)
  • Website https://yogahimmelwaerts.de (01.12.2025)