Sport – theologisch bewegt

von Birgit Sendler-Koschel

 

Der Leib ist ein Geschenk

„Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen“ (Gen 2,7). Der Mensch, den Gott aus dem-selben irdischen Material wie alles Leben um ihn herum schuf (aus „adamah“), wird von Gott als Leib geformt. Mit der Einhauchung der „naefaesch“ wird der Leib lebendig. Gott gibt ihm „die Vitalität, die sprudelnde Lebensenergie, die Leidenschaftlichkeit“ 1, so dass der Körper und das Denken, das Sehnen und die Bedürftigkeit eine Einheit werden. Der Mensch ist im Alten Testament sehr leiblich gedacht. Die Trennung in Leib und Seele geschah in der christlichen Rezeptionsgeschichte. Für den Sport ist diese Ganzheit von Leib und Geist, von Gefühlen und Können, von Seele und Bedürftigkeit immer mit zu denken. Sportliche Bewegung ist mehr als Trainieren von Muskeln und Herz-Kreislauf-System. Sport ist Zugang zum Menschen in seiner Ganzheit. Leiblichkeit lässt sich nicht separieren. In der Sportwissenschaft ist daher die Sportpsychologie bedeutsam. Die religiöse Dimension des Geschöpfes Mensch bleibt in der Sportwissenschaft meist außen vor. So wie in der Theologie und in der Religionspädagogik zu wenig reflektiert wird, dass lernende und glaubende Menschen immer mit und durch ihren Leib lernen und glauben.2 

Sport ist ‚sinn‘-lich 

Über unsere leiblichen Sinne kommunizieren wir mit der Umgebung, erleben und erlernen wir die ‚Um-Welt‘ und uns selbst. Neben dem Sehen, Hören, Fühlen und dem Gleichgewichtssinn verfügt der Mensch als Geschöpf über einen Sinn, der in der Theologie übersehen, in der Sportwissenschaft dagegen als hoch relevant erforscht wird: die Kinästhetik, jener feine Sinn der Tiefensensibilität. Propriozeptoren in allen Teilen unseres Bewegungsapparats senden dem zentralen Nervensystem in hoher Geschwindigkeit Informationen über den Spannungszustand von Muskeln, Sehnen und Gelenkwinkeln. Der Sinn der „Kinästhetik“ ist ständig aktiv. Unser Empfinden der Bewegung der verschiedenen Körperteile in räumlicher und zeitlicher Dimension steuert wie alle unsere Sinne als Analysator unsere Selbst- und Umgebungswahrnehmung. Sport schärft alle Sinne und trägt damit dazu bei, dass wir uns von der Position unseres Leibes bis hin zu den großen Fragen des Lebens in der Welt verorten können. Sport ist wie Religion sinnlich. Von vielen Menschen wird er wie Religion als ‚sinn‘-stiftend, weil Gesundheit fördernd oder Selbstverortung ermöglichend wahrgenommen. Sinnlich und sinn-stiftend in Bewegung zu sein, sich lebendig zu erleben, ist leichter, wenn alle Sinne aktiviert und genutzt werden dürfen.3

Leben ist Bewegung 

Bewegt gehen, schreiten, rennen, schleichen, toben wir durch das Leben. Wenn wir uns zu wenig bewegen, steigt das Risiko von Erkrankungen. Sich bewegen zu können, ist für den Menschen als leibliches Wesen überlebensnotwendig und zugleich Geschenk. Sport steigert für viele Menschen die Lebensfreude, weil das Entdecken und Nutzen der Bewegungsmöglichkeiten des eigenen Leibes und diese zu erweitern (trainieren) immer auch Entdeckungsfreude erzeugt. Bewegte Menschen erleben sich als aktiv. Sie entkommen über Bewegung negativem Stress, werden kreativer und leistungsfreudiger. Bewegungsprogramme sollen helfen, der Leibvergessenheit des sitzenden Menschen in der Kultur der Digitalität eine zentrale Dimension des leiblichen Seins neu zu erschließen. Dabei ist Bewegung mehr als Leib. Sie kann auch vom Geist ausgehen, vom Sinn und Geschmack für die Unendlichkeit. Die Reformation war eine Bewegung. Sie bewegte geistlich und geistig, sie schuf neue leibliche und geistliche Sangeslust, bewegte zu Begegnungen und Entdeckungsreisen. Sport ist mehr als körperliche Bewegung. Spannende Fußballspiele bewegen Millionen von Menschen psychisch und mental. So wie Religionen. Sport und Religion sind Bewegungen, die Menschen bewegen und die Erfahrungsräume der Selbsttranszendenz eröffnen. Denn Leben ist Bewegung.

Der Leib ist Tempel Gottes und beansprucht Respekt und Offenheit für Wunder

In 1. Kor 3,16 entwickelt Paulus das Bild des Leibes als eines Tempels des Heiligen Geistes: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?“.

Paulus spricht vom Leib als einem heiligen Raum. Räumlich ist der Leib stets. Er bewegt sich im Raum und verfügt über verschiedene Räume (Brustraum, Bauchraum etc.). Die paulinische Theologie legt die Erkenntnis dazu, dass der Körper auch heiliger Raum ist. Denn die „ruach“, Gottes Geisteskraft, kann in uns Wohnung nehmen. Um dies immer neu zu entdecken und um die eigene Offenheit gegenüber dem unverfügbaren Heiligen Geist in unserem Leib zu trainieren, entwickelte die monastische Bewegung Exerzitien: Geistliches Training im und mit dem Leib in seiner Ganzheit von Körperlichkeit, Geist, Seele sowie Lebens- und Willenskraft. Körperliches Training und geistliche Exerzitien sind im Leib verbunden. So trainieren wir Körper und Geist für die seltenen, kostbaren, von Gott geschenkten und völlig unverfügbaren Momente: für das tiefe Einswerden mit Gott und allem im Heiligen Geist oder auch für das kleine oder große Wunder, das Glaubende ersehnen und viele Sportler*innen erhoffen.

Im Sport feiert der Homo ludens – mit Respekt und in Gemeinschaft 

Der Begriff „Homo ludens“ wurde durch das gleichnamige Buch von Johan Huizinga bekannt.4 Huizinga zeigte die Bedeutung des Spiels für den Menschen als Teil der Anthropologie und Kulturbildung auf. Alle kulturellen Systeme wie Religion, Sport, aber auch Politik etc. entwickelten sich aus dem Spiel und des-sen jeweils wachsender Ritualisierung. Aus dem Modus der spielerischen und kreativen Erprobung, wie wir ihn bei spielenden Kindern oder Tieren beobachten können, wurde im Laufe der Geschichte „heiliger Ernst“ – bis dahin, dass eingespielte Regeln ihrerseits wieder starr werden können und damit dem Spiel an sich und seinem bewusst offenen, reizvollen Umgang mit dem Kontingenten, nicht Berechenbaren im Weg stehen. Im Spiel entstehen starke Emotion, Kreativität, Leistung, Energie und Durchsetzungskraft – in einem spielerischen Setting, das als Erprobungsraum wertvoll ist. 

Liturgie und Gottesdienstformen wurden in spielerischen Varianten der gelebten Gottesverehrung entdeckt. Auch jede Sportart entstand aus dem spielerischen Erproben körperlicher Möglichkeiten. Im Leistungssport bleibt der Faktor der Kontingenz und erhält so die Spannung eines Wettkampfes. Gleichwohl gilt für das Spiel immer, dass jede*r Spielende Recht auf Erproben hat. 

Insbesondere im Profisport ist aus christlicher Sicht festzuhalten, dass jeder Mensch, auch der Gegner oder die Gegnerin, mit Respekt und Würde zu sehen und zu behandeln ist. Es widerspricht dem Charakter des Spielerischen, wenn z. B. der*die für jedes Ballspiel unbedingt nötige Gegner*in schon vor Beginn des Spiels ausgepfiffen wird, statt dankbar zu sein, weil er*sie da ist und ohne ihn*sie der Wettkampf bzw. das Wettkampfspiel nicht möglich wäre. Der Homo ludens kann sich erprobend im Wettkampf streiten – mit Respekt für den*die Gegner*in und immer darum wissend, dass das Spiel ein Spiel bleiben muss, um sich nicht selbst zu verlieren. Daher gibt man einander am Ende die Hand. Denn wir sind im und nach dem Spiel Menschen, die sich nach Freude und Lebensintensität sehnen, die zusammen in Sport oder Kirche das Leben feiern und sich für das Leben und die Würde aller Menschen engagieren können.

Sport und Religionspädagogik haben die wichtige Funktion, spielerische Erprobungsräume zu sein. Sie ermöglichen emotionale Zugänge zum bewegten und bewegenden Leben, zum Wunder der eigenen Leiblichkeit, zum Staunen über die Schöpfungsgemeinschaft und über Gott, zum sinnlichen und sinnvollen Leben.

Anmerkungen

  1. Seebass, Horst: Art. נֶפֶשׁ,S545.
  2. Vgl. hierzu auch: von Oorschot, Leben/naefaesch (08.01.2026).
  3. Siehe zu dieser Thematik insgesamt Linke / Pfitzer, Leben ist Bewegung.
  4. Vgl. Huizinga, Homo Ludens.

Literatur

  • Huizinga, Johan: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel (1938/39). 22. Auflage, Hamburg 2011
  • Linke, Wolfgang / Pfitzer, Gabriele: Leben ist Bewegung, in: Brandes, Ralf / Lang, Florian / Schmidt, Robert F.: Physiologie des Menschen. 32. Auflage, Berlin / Heidelberg 2019, 123-130
  • von Oorschot, Jürgen: Leben/naefaesch AT, in: WiBilex, https://kurzlinks.de/zqho (23.01.2026)
  • Seebass, Horst: Art. נֶפֶשׁ, in: ThWAT, Bd. V, Stuttgart u.a. 1986, 531-555