Kooperation von Sport und Religion. Ein Projekt aus Württemberg

von Sabine Schroeder-Zobel

 

Fächerübergreifender Unterricht bietet sich zu vielen Themenbereichen an, aber ausgerechnet Sport und Religion miteinander verknüpfen? Warum das eine gute Idee sein könnte, erklärt eine Broschüre mit Unterrichtsmaterialien für die Grundschule, die schon 2023 das Projekt „Handicap macht Schule“ des Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes e.V. (wbrs)1 ergänzt.  Die Mitarbeitenden dieses Sportverbandes und des Pädagogisch-Theologischen Zentrums der Evangelischen Landeskirche in Württemberg (ptz) hatten sich zum Ziel gesetzt, junge Menschen in Bewegung zu bringen, nicht nur ihren Körper, sondern auch den Geist und das Herz. So steht es in der Formulierung der Intention dieser Broschüre:

„Die Vorstellung von Akzeptanz und Toleranz ist in beiden Fächern tief verwurzelt, jedoch unterschiedlich begründet. Sport ist ohne Fairness und Fairplay undenkbar. Und die Religion lehrt die vorbehaltlose Anerkennung des anderen, auch wenn die Umsetzung in beiden Bereichen immer wieder gefährdet ist. Die Stärke des Sportunterrichts ist es, dies spielerisch, sozusagen learning by doing an klaren Regeln einzuüben, während der Religionsunterricht diese Grundhaltungen an Geschichten sowie an Wert- und Glaubensvorstellungen reflektiert.“ (4)

Die Vorschläge für den Unterricht einer 4. Klasse orientieren sich an einer inklusiven Gruppe, in der Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam beschult werden. Dies wird als selbstverständlich vorausgesetzt. 

Zu Beginn der jeweiligen Einheit steht eine Religionsstunde. Sie bereitet die Schüler*innen auf die Begegnung mit Sportler*innen mit Behinderungen vor. Die Stunde stimmt sie darauf ein, offen und respektvoll mit unterschiedlichen körperlichen, motorischen und geistigen Fähigkeiten umzugehen. Die Lernenden reflektieren ihre eigene Perspektive, üben Perspektivenwechsel und beschäftigen sich mit Bedingungen für gelingende Gemeinschaft. Durch kreative Übungen trainieren sie, auf andere zuzugehen, voneinander zu lernen und neugierig nachzufragen. Ein Eingangslied dient dabei als Leitmotiv für ein offenes, achtsames Miteinander. Zudem bilden Bildimpulse Anreize für Erfahrungsaustausch und Diskussion. 

Es folgen die Sportstunden, die die Kinder über Bewegungs- und Sportangebote aus dem Behindertensport an neue Perspektiven heranführen. Sie entdecken ihre eigenen körperlichen Stärken, erfahren Perspektivwechsel und stärken Vertrauen in sich und andere. Die Kinder lernen Elemente aus Blindenfußball, Goalball, Rollstuhlbasketball und Sitzvolleyball kennen. Ziel ist es, eine offene, positive Haltung gegenüber Menschen mit Behinderungen und menschlicher Vielfalt zu fördern. Zu Seh- und Körperbehinderung liegen jeweils zwei Stundenentwürfe vor, die unterschiedliche Behindertensportarten behandeln. „Bei den Stundenentwürfen geht es weniger um das intensive Sporttreiben, sondern vielmehr um eine neue sportliche (Körper-) Erfahrung und ein niederschwelliges Heranführen an die Sportarten“. Dazu wird auch folgender Tipp hier formuliert: 

„Legen Sie den Fokus auf die Sportarten und nicht auf die Behinderung. Die vier behandelten Sportarten werden in Vereinen sowohl von Menschen mit Behinderung als auch Menschen ohne Behinderung betrieben.“ (15)

Zu den Sportarten Blindenfußball, Goalball, Rollstuhlbasketball und Sitzvolleyball gibt es ausführliche Informationen und eine Tabelle, in der Lehrkräfte sehen können, ob die jeweilige Sportart für ihre besondere Klasse geeignet ist. Inhalts- und prozessbezogene Kompetenzen werden ausführlich erläutert und helfen, sich die Stunden und ihre Intention gut vorzustellen.

Nach einem Begrüßungsritual wird die jeweilige Sportart mit Bildern und notwendigen Materialien vorgestellt. Bei der Einheit zu Bartimäus lernen die Schüler*innen zunächst in Partnerübungen, wie sich das „Blind-Sein“ anfühlt. Es wird für Vertrauen und Sicherheit gesorgt. Erst danach spielen die Schüler*innen tatsächlich Blindenfußball oder Goalball. Zeit zum Austausch und Besprechen der Erfahrungen und erlebten Gefühle wird immer wieder mit eingeplant. Ebenso reflektieren die Schüler*innen, welche Sportarten für Menschen mit Sehbehinderungen (noch) geeignet sein könnten und welche Hilfen evtl. nötig wären. Auch die Einheiten zum Rollstuhlbasketball und Sitzvolleyball beginnen mit einführenden Übungen, bevor es zum Wettkampf-Spiel kommt. 

Anschließend folgt dann wieder eine Religionseinheit. Anhand der Geschichten vom blinden Bartimäus (Markus 10,46-52) und der gekrümmten Frau (Lukas 13,10-17) werden die Erfahrungen der Sportstunden reflektiert und ausgewertet. Die Broschüre stellt ausführlich je eine Unterrichtsstunde zu den jeweiligen Geschichten vor und bietet Bildimpulse und Arbeitsblätter für den Unterricht an. 

„Inklusive Unterrichtsmaterialien zur Kooperation Sport und Religion“ regt zu eigenen Ideen für fächerübergreifende Unterrichtseinheiten an. Sport liefert konkrete Erfahrungssituationen, Religion bietet Raum für Deutung, Werteorientierung und Perspektivenbildung. In den genannten Heilungsgeschichten geht es im Wesentlichen um Jesu Hinwendung zu den Menschen – um Zuwendung, Würde und die ernsthafte Wahrnehmung ihrer Bedürfnisse. Die Vorschläge im beschriebenen Projekt bleiben daher nicht dabei stehen, Schüler*innen nur kurzfristig in die Rolle eines Menschen mit Behinderungen zu versetzen und sie anschließend auf Grundlage biblischer Heilungserzählungen Freude über eine „Wiederherstellung“ erleben zu lassen. Stattdessen eröffnen sie einen Zugang zu Behindertensportarten, in denen die Lernenden selbst Erfahrungen mit Achtsamkeit, Fairness und Empathie machen können. So werden körperliche Erfahrungen aus dem Sport mit ethischen, sozialen und religiösen Fragen verbunden und ein Lernen mit Kopf, Herz und Körper unterstützt.

Anmerkung

  1. Inklusive Unterrichtsmaterialien zur Kooperation Sport und Religion, hg. v. Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Ev. Landeskirche in Württemberg, Stuttgart 2023, https://kurzlinks.de/1kbf (27.01.2025).

Inklusive Unterrichtsmaterialien zur Kooperation Sport und Religion

hg. v. Pädagogisch-Theologischen Zentrum der Evang. Landeskirche in Württemberg in Kooperation mit dem Württembergischen Behinderten- und Rehabilitationssportverband und dem Landesarbeitskreis Kirche und Sport Württemberg, Stuttgart 2023.
80 Seiten, 5,00 €; pdf-Download kostenlos.

 

Barbara List, Wolfhard Schweiker, Elke Theurer-Vogt

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