Seelsorge bei den olympischen und paralympischen Spielen

Inga Rohoff im Gespräch mit Thomas Weber und Christian Bode (1)

 

Beim 50. Jubiläum der Olympiaseelsorge in München sagte der Sportbischof der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Stefan Oster: „Bei der Olympiaseelsorge geht es nicht nur um den Sport, es geht um den ganzen Menschen mit all den Erfahrungen von Freude, Leid, Gelingen, Grenzen, Sieg und Niederlage. Die Olympiaseelsorger halten gewissermaßen die Tür zur Seele der Menschen offen und hoffentlich auch zum Himmel – vor allem dort, wo manchmal die Sorge um die Physis allzu dominant wird. Oder auch dort, wo der psychische Druck auf die Athleten immer größer wird.“

Thomas Weber aus Gevelsberg und Christian Bode aus Osnabrück sind evangelische Pfarrer und begleiten im Auftrag der EKD bei den Olympischen Spielen, Paralympics und den Weltspielen der Studierenden / Universiaden Sportler*innen und Teammitglieder der deutschen Mannschaften. In diesem Interview berichten sie davon, wie sie dazu gekommen sind, wie sie dort arbeiten und welche Erlebnisse und Eindrücke für sie besonders prägend waren.


Inga Rohoff: Wie wird man eigentlich „Olympiapfarrer“?

Thomas Weber: Alles begann mit meiner Tätigkeit im westfälischen Arbeitskreis Kirche und Sport. Auf dem Kirchentag in München 1993 lernte ich bei meinem Rundgang über den Markt der Möglichkeiten am Stand von Kirche und Sport den damaligen Sportbeauftragten der EKvW, Dr. Karl-Christoph Flick, kennen. Er baute zu der Zeit in Westfalen ein Netzwerk von Synodalbeauftragten auf, dem ich seitdem sehr gerne angehöre. Mittlerweile habe ich nun selbst die Aufgabe des Sportbeauftragten in meiner Landeskirche übernommen. 
Daneben zähle ich seit vielen Jahren zum Vorstandsteam des EKD-Arbeitskreises Kirche und Sport (Anm.: dem auch Christian Bode angehört). In dieser Funktion als Vorstandsmitglied begleite ich seit 2003 die Studierenden-Nationalmannschaft zur Sommer-Universiade. Diese Weltspiele der Studierenden finden alle zwei Jahre statt und sind nach Olympia die zweitgrößte Multisportveranstaltung der Welt. Meinen ersten Einsatz als Olympia-Pfarrer hatte ich bei den Winterspielen in Turin 2006.

Christian Bode: Mit 17 Jahren habe ich an einer Tischtennis-C-Trainer-Ausbildung teilgenommen. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an dem zweiwöchigen Kurs waren sieben, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Tatsächlich habe ich am ersten Abend vier der sieben Spiele gegen die „Rollis“ verloren. Das war ein sportlicher Bekehrungsmoment. Mich hat das sehr beeindruckt und der Sport von Grenzen hat mich seit diesem Moment nicht wieder losgelassen. Der Höhepunkt meiner Trainerlaufbahn war nach bewegenden Jahren die Teilnahme an den Paralympics Peking 2008. Das deutsche Team D Paralympics betreue ich als Seelsorger seit London 2012. Das ist eine besondere Aufgabe und Tätigkeit, die mich bis heute sehr erfüllt.

Rohoff: Warum ist Kirche bei solchen sportlichen Großveranstaltungen dabei?

Bode: Kirche und Sport haben viele Berührungspunkte. Bei sportlichen Großveranstaltungen begleiten wir Menschen in einer besonderen Lebenssituation, machen uns mit Ihnen auf den Weg, betreuen eine Gemeinde auf Zeit, teilen Erfahrungen und haben ein offenes Ohr für alle Anliegen. Wir sind Menschen ganz nahe. Neben Wettkampfstress und Medienrummel sind wir bei Olympia und Paralympics eine „Tankstelle für die Seele“.

Weber: Der Sport nimmt in unserer Welt einen sehr großen Bereich ein. Als gesellschaftlicher Akteur spielt die Kirche hierbei natürlich auch eine wichtige Rolle. Die christliche Sportarbeit ist enorm. Eine große Zahl von Gemeindegliedern ist ebenso Mitglied in einem Sportverein. Viele Männer und Frauen, die sich im Sport als Jugendleiter oder Trainer engagieren, sind in Kirchengemeinden groß geworden. Kirche ist da, wo die Menschen sind! Deswegen halte ich es für unverzichtbar, auch Seelsorger zu den Olympischen Spielen zu entsenden, um deutlich zu machen: Die Welt des Sports liegt uns am Herzen. „Es gibt so viele Spezialisten (Trainer, Physiotherapeuten…) für uns Aktive, da ist eigentlich jemand, der sich um unsere Seelen sorgt, ebenso wichtig“, hat mal ein Teilnehmer zu mir gesagt.

Rohoff: Was sind die Inhalte, die ihr als ökumenisches Seelsorgeteam den Menschen vor Ort vermitteln möchtet?

Weber: Seitdem es die Tradition gibt, dass Seelsorger der beiden großen Kirchen die Menschen im Hochleistungssport begleiten, geschieht die Arbeit in ganz enger ökumenischer Ausrichtung. Auf der einen Seite stehen die geistlichen Angebote. Elisabeth Keilmann als katholische Olympiaseelsorgerin und ich bieten sozusagen „Auszeiten“ an, kurze und ruhige Momente, in denen man auf andere Gedanken kommt. Dazu zählen ökumenische Gottesdienste oder Andachten. Sie finden sowohl in den Athletendörfern, in denen es übrigens jeweils ein großes religiöses Zentrum gibt, als auch im „Deutschen Haus” statt. Zum anderen besteht unsere Aufgabe darin, Zuhörer, Gesprächspartner und Seelsorger zu sein. Die Teammitglieder wissen um unsere offenen Ohren und unsere Verschwiegenheit. Was sie uns erzählen, wird nicht nach außen getragen. Das ist ein wertvolles Gut!

Bode: Kurz gesagt: Wir sind eine Kirche, die mitfiebert, Siege mitfeiert, die Tränen bei Niederlagen aushält, eine Schulter zum Anlehnen, Halt und Orientierung im Glauben bietet. Wir stehen für die frohe Botschaft, dass für Gott jeder und jede einzelne ein Gewinner, eine Gewinnerin ist, ganz egal, ob mit oder ohne Gold, Silber und Bronze.

Rohoff: Haben die Sportler*innen und Teammitarbeitenden überhaupt noch Zeit und Lust daran, an solchen Angeboten teilzunehmen? 

Bode: Die Teilnahme an den Paralympics sind ein Traum für alle Athletinnen und Athleten. Nach so viel Trainingsfleiß und -schweiß möchte man sich beweisen und natürlich am liebsten mit einer Medaille belohnen. Der Fokus für die Sportlerinnen und Sportler liegt zunächst auf dem persönlichen sportlichen Wettbewerb. Das ist aus meiner Sicht verständlich. Wir sind da, wenn wir gebraucht werden, für ein persönliches Gespräch – und sei es ganz spontan auf dem Flur in der deutschen Unterkunft oder an der Wettkampfstätte -, feiern Gottesdienst und beten für alle, auch wenn nur wenige live dabei sind. Und ich weiß, dass es für viele Sportlerinnen und Sportler schon ausreicht zu wissen, dass wir mit dabei sind.

Weber: Vor den Wettkämpfen ist die Belastung tatsächlich groß. Für alle Beteiligten gilt es, hochkonzentriert zu sein. Gespräche über Gott und die Welt ergeben sich in der Regel eher dann, wenn die Anspannung abgefallen ist: Welche Lebensplanung habe ich eigentlich? Was bedeutet mir der Sport? Auch der Bruch von Beziehungen wird oft angesprochen: Wie gehe ich damit um? Wie geht es nun weiter? Das sind Dinge, die jeden von uns beschäftigen. Die Sportlerinnen und Sportler stehen aber im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Auf sie wird besonders geschaut und sie müssen mit diesem Druck irgendwie umgehen. Was mir dabei auffällt: Das Selbstwertgefühl wird sehr oft an der Platzierung festgemacht. Manch einer zweifelt an seinen Gaben und Fähigkeiten und fühlt sich wertlos, weil es heißt: „Er ist nur Siebter geworden”. Dabei ist allein die Teilnahme an den Olympischen Spielen schon ein riesiger Erfolg. Hier an der Seite der Sportlerinnen und Sportler zu stehen und zu sagen: „Unser Leben ist mehr als das, was wir können und leisten!“, das gehört zu den Aufgaben, die gerade wir als Seelsorger erfüllen können.

Rohoff: Welche Spiele waren für euch am eindrücklichsten?

Bode: Alle Paralympics hatten besondere Momente, ein Vergleich ist schwer. Trotzdem: London 2012 – „The games are coming home!“; meine ersten Spiele als Seelsorger waren besonders eindrücklich. Es waren Paralympics, die neue Maßstäbe gesetzt haben im Mutterland der paralympischen Idee. Es waren unvergessliche Spiele mit einer nachhaltigen Wirkung für den Parasport.

Weber: Die Frage kann ich so eigentlich gar nicht beantworten. Alle Spiele waren eindrücklich und bleiben im Gedächtnis. In besonders trauriger Hinsicht erinnere ich mich freilich an die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro. Trotz aller ärztlichen Bemühungen verstarb der deutsche Kanuslalomtrainer Stefan Henze wenige Tage nach einem tragischen Verkehrsunfall, in den er verwickelt worden war. Daraufhin haben wir auf Bitten der Mannschaftleitung die Trauerfeier am Gedenkstein im Olympischen Dorf mitgestaltet. Das war schon sehr ergreifend, dort vor 200 Menschen eine Ansprache zu halten. Einen Moment schienen die Wettbewerbe wirklich still zu stehen. Da merkt man, wie nebensächlich der Sport plötzlich ist.

Von vielen Seiten wurde im Nachhinein anerkennend hervorgehoben, wie tröstlich und wichtig es doch sei, die Olympiapfarrer eben auch als Notfallseelsorger zu erleben. Das sind Momente, die unvergesslich bleiben werden.

Anmerkung

  1. Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht gekürzte Fassung des Interviews der Erstveröffentlichung in: Praxis Gemeindepädagogik (PGP). Zeitschrift für Evangelische Bildungsarbeit, Heft 2/2023, 52-54.